Starke Frauen - Landesverbandstagung in Schmerlenbach

Ausstellung Frauen verändern die Welt
Ausstellung Frauen verändern die WeltFoto-Quelle: DEF
Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern

Selten genug findet die Nordwestecke Bayerns zwischen Franken und Hessen - Aschaffenburg und sein hügeliges Umland - Beachtung. Dabei ist es dort wunderschön und es lässt sich gut tagen.
Die Landesverbandstagung des DEF Bayern führte in das Kloster Schmerlenbach, ein Tagungszentrum des Bistums Würzburg. Zum tipp topp vorbereiteten Seminar "Starke Frauen - " waren ebensolche angereist.

Vorbildfrauen


Landesvorsitzende Dietlinde Kunad spannte in ihrer Begrüßung den Bogen der starken Frauen gleich sehr weit: Von der Mystikerin Birgitta von Schweden bis zur Münchner Studentin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus Sophie Scholl. Dekan Rudi Rupp nahm in seinem Grußwort den Ball auf und führte in die Gegenwart: Starke Frauen sind auf der Höhe ihrer Zeit, sie gehen aktiv gegen bestimmte Bilder von Weiblichkeit im Kopf vor und sie verändern die Gesellschaft. Heute zum Beispiel geht in der gesamten Entwicklungspolitik in den ärmeren Ländern der Erde gar nichts mehr ohne die starken Frauen. Aber auch bei uns und in unserer Kirche sei das Potenzial der Frauen bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Die Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Bayern (EFB) Elke Beck-Flachsenberg griff in ihrem Grußwort den Titel eines Buches der feministischen Theologie auf, Catharina Halkes "Gott hat nicht nur starke Söhne!", und nannte gleich einige starke Frauen aus der Bibel und Kirchengeschichte. Da ist im Alten Testament Abigail, die mit ihrem entschlossenen Einschreiten ein heraufziehendes Verhängnis abwendet, oder im Neuen Testament Martha, Marias Schwester, die ein ganz besonderes Zeugnis des Glaubens ablegt. Zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläum erinnerte sie auch an die starke Frau Katharina von Bora, tüchtige Verwalterin und Vorsteherin eines großen Hauses und Familienunternehmens. Den Frauen sei es nie nur um die Selbstverwirklichung gegangen, sondern um den Glauben, darum, eine Prophetin zu sein, sich auch ganz praktisch für Bildung, Gleichheit, Gerechtigkeit und vor allem den Frieden einzusetzen. Die Frauen hätten Fürsorge für die Gemeinschaft übernommen und auch die Bewahrung der Schöpfung zum Ziel gehabt. Wie schon die DEF-Bundesvorsitzende Inge Gehlert in ihrer Andacht kam auch Elke Beck-Flachsenberg auf die momentane Debatte um die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika zu sprechen. Sie hätten sich vor Krieg und Gewalt auf den Weg gemacht, und es sei nun mit der Ungleichheit umzugehen. Sie erinnerte dabei an den Leitspruch des DEF "Verantwortung übernehmen für sich und andere". Die Gesellschaft und auch die Kirche brauchten starke Frauen, die die Gemeinschaft in Bewegung brächten. Als einen Baustein dazu nannte sie die vielfältige Gremienarbeit, die die evangelischen Frauen, auch aus unserem Verband, leisten.

Etwas verändern wollen durch Gleichstellungsarbeit


Dr. Hiltrud Höreth, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aschaffenburg, variierte in einer faszinierenden Tour d'horizon das Tagungsthema "Starke Frauen bewegen" in eine kleine Geschichte der großen Frauenbewegung und der Frauenpolitik der letzten Jahrzehnte. Frauen wollten was verändern, und dazu sei der erste Schritt: Empörung!
Wie gestalten sich nun solche Veränderungen zum gemeinsamen Besseren hin in einer Stadt wie Aschaffenburg mit 70000 Einwohnern? Das geschieht vor allem in einer großen Zahl von Beratungsgesprächen, sowohl mit städtischen Bediensteten als auch Bürgerinnen und Bürgern. Die Beratungen erfolgen meist im persönlichen Gespräch im Büro der Gleichstellungsbeauftragten und umfassen sowohl rechtliche Auskünfte und Probleme im Beschäftigungsverhältnis von Mobbing bis Beförderung, Elterngeld, Pflegezeiten, als auch ein gutes Stück praktische Lebensberatung bei Partnerschaft und Trennung, Gewalt, Betreuung von Kindern und pflegebedürftiger Angehöriger.
Intensiv ist die Zusammenarbeit mit Projekten, insbesondere, wenn die Gleichstellungsstelle vielleicht einen Zuschuss gewähren kann und mit den benachbarten Landkreisen Main-Spessart und Miltenberg.
Auch durch die Abfassung und Herausgabe von Leitfäden und Broschüren wird Frauen und Männern und ihren Familien praktische Hilfe gegeben.
Um die Geschichte der Frauenbewegung und der Frauen in Aschaffenburg hat sich die Gleichstellungssstelle verdient gemacht. Hiltrud Höreth hat bereits vier Bände zum Leben und Wirken von Frauen in der Stadt herausgegeben und auch verfasst und macht auf Stadtrundgängen mit diesen Frauen bekannt.

Das Kloster - Wirtschaftsbetrieb und Zentrum des Glaubens


Die anschließenden Klosterführung machte die Teilnehmerinnen mit der Führung eines Klosters als Betrieb bekannt. Im Kreuzgang bei den dort aufgestellten Grabplatten der Äbtissinnen des Benediktinerinnenklosters wurde viel über die wirtschaftlichen Grundlagen gesprochen und die nur durch Tatkraft der Amtsinhaberinnen und ihrer weltlichen männlichen Vertreter zu überwindende schwierige Stellung der Frauen. Schmerlenbach war ein Kloster adeliger Damen, die von ihren Familien Spenden und Hilfe erwarten konnten, und das Kloster übte auch Herrschaftsrechte auf seinem Grundbesitz aus. Dabei musste die Balance zwischen rentabler Nutzung und Forderungen an die Bauern und Winzer gefunden werden. Handel und Politik konnte nur durch männliche Vermittlung getrieben werden. Konflikte mit dem Bistum blieben nicht aus. In Blütezeiten kam das Kloster auch auf bedeutende Kirchenschätze, so eine wunderbare hochgotische Monstranz oder die ausdrucksstarke Madonna im Strahlenkranz an der Nordwand, eine hohe Keramik des Weichen Stils. Das bedeutendste Kunstwerk ist eine Pietà des 14. Jahrhunderts, eine Schnitzerei aus Lindenholz, gotisch bunt bemalt. Eine sichtlich stark trauernde Maria hält und beweint ihren toten Sohn. Zu diesem kleinen, nur 30 cm hohen, aber doch großen Kunstwerk konnte man von weither kommen und seinen Kummer vortragen. Deshalb ist Schmerlenbach trotz des Patroziniumswechsels von Unserer Lieben Frau zu St. Agatha ein Marienwallfahrtsort bis auf den heutigen Tag. Die Kraft ist spürbar.

Starke Frauen in der Literatur und im eigenen Leben


Die DEF-Vorsitzende von Ansbach Dr. Gabriela Kucher begab sich in einem Workshop mit Teilnehmerinnen auf die Suche nach den Spuren starker Frauen in der Bibel. Die Herausforderung dabei war, sich einzulassen auf eine neue Lesart und neue auch psychologische Begegnung mit den Frauen im heiligen und eben auch literarischen Text. Die Bibel neu zu lesen und zu verstehen kann ein gerade für Frauen heute gewinnbringender Weg sein. Es haben ihn auch schon manche beschritten. Besonders mit der kunstvollen Lyrik von Dorothee Sölle haben wir einen Schatz und tut sich eine neue Sichtweise für Frauen auf. Gabriela Kucher fand den Versuch selbst gewagt, aber der Mut der Frauen wurde belohnt mit Möglichkeiten zu neuer Erkenntnis. Sie und die Teilnehmerinnen fanden ihre Arbeit bewegend und teilten sich darüber in beinahe mystischer Weise nur verhalten mit.

Auch der zweite Workshop bei der Landesvorsitzenden Dietlinde Kunad bewegte die Teilnehmerinnen. Eine anfängliche Vorstellungsrunde geriet und wurde gemeinschaftlch zugelassen als eine -Sammlung von besonderen Lebensläufen, in denen die Frauen, die mehrheitlich der Generation der Kriegskinder entstammten, in schwierigen Situationen zu einer ihnen vorher nicht bewussten Stärke gefunden hatten und sie so bestanden hatten. Alle haben um sich herum starke Beziehungen aufgebaut, in der Familie, mit Freundinnen und in ihrem Lebenskreis. Dabei haben sie sich teilweise schon von Müttern, Großmüttern, Tanten oder anderen Frauen, manchmal auch ihren Vätern gestützt gefühlt und sind selbst Stütze für andere geworden. Dabei ist ihnen auch die Gemeinschaft im Evangelischen Frauenbund ein Rückhalt, dort und noch an vielen anderen Stellen sind sie engagiert. Nachfolgende strukturierende Fragen unterstrichen, dass die Frauen geprägt sind von starken Frauen in ihrer Familie und ihrem Leben und weniger Frauen aus den Medien, Politikerinnen oder Künstlerinnen, eine Rolle spielen. Die Rolle der Politik wurde sogar als Problem begriffen, denn wenn auch das Vertrauen in die Politik insgesamt nicht so groß war, so ist es doch der Wunsch, in die Gesellschaft und für die Gemeinschaft zu wirken. Das machen alle Verbandsfrauen, sie übernehmen Verantwortung für sich und andere. Das Gehörte bewegte die Frauen, machte ihnen die eigene Stärke bewusst und machte auch ein bisschen stolz auf das Erreichte und das Viele, das alle weitergeben können.

Stärkung der Frauen weltweit

Den Aspekt der internationalen Solidarität in der Bekämpfung der Armut insbesondere durch die Förderung von Frauenprojekten brachte den Teilnehmerinnen Inge Gehlert bei einer Führung durch die Ausstellung "Frauen verändern ihre Welt" der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V. nahe. Frauen gewinnen aus der Verwertung natürlicher Rohstoffe in kleinen Kooperativen die Möglichkeit zu einem eigenen Einkommen und zu Bildungschancen für sich und ihre Kinder. Frauen zu stärken erweist sich dabei über alle Kontinente hinweg als Ausweg aus der bedrückenden Armut und als eine Förderung der Zukunft für Mädchen und Frauen und ihre Famllien.

Eva Schmidt macht Pionierfrauen lebendig


Abschließend machte unserere frühere Landesvorsitzende und Vorstandsfrau Eva Schmidt, die Herausgeberin unserer Verbandszeitschrift „def aktuell“, noch mit vier Frauen aus der Geschichte des DEF-Landesverbandes Bayern bekannt, allesamt „fromm, politisch, unbequem“, wie auch der Titel einer Ausstellung und einer Publikation von 25 Lebensläufen, die den Ausgangspunkt der Betrachtung bildeten, gelautet hatte. Als erste Pionierin in dieser Ahnenreihe starker Frauen stand Käthe Rohleder (1910-95), die 1976 als erste Frau in Bayern zur Pfarrerin ordiniert wurde. Da war sie schon 65 Jahre alt und blickte auf ein langes aktives Leben nicht ohne Zweifel und Verzweiflung zurück.. Die Genugtuung nach langen Jahres des Kampfes im Glauben und in der Kirche muss ungeheuer gewesen sein.

Die nächste Porträtierte Maria Christine Zeiske (1917-93) verbrachte ihr wie sie es nannte „erstes Leben“ gleichfalls als Pfarrfrau in Selow/Pommern, wo sie 1945 die Eroberung durch die russischen Truppen miterlebte und den Menschen auch als Seelsorgerin beistand, bis sie unter Spionageverdacht geriet und flüchten musste. In der harten Zeit hatte sie nicht nur ihren Mann, sondern auch ihren kleinen Sohn und ihre neugeborene Tochter verloren. Ihr 2. Leben fand im kriegszerstörten Berlin statt, wo sie sich vor allem um die Jugendsozialarbeit bemühte. Ihren zweiten Ehemann begleitete sie Ende der Fünfziger Jahre nach Puchheim bei München, wo sie den Aufbau einer evangelischen Gemeinde prägte. Ihr Wirken für die Sozialarbeit führte sie auch zum DEF nach München in das Haus am Kufsteiner Platz, wo sie die Ehe- und Familienberatung ins Leben rief und die Telefonseelsorge begründete. Sie war Vorsitzende des DEF in München und des Landesverbandes und theologisch die erste Prädikantin Bayerns.

Ingeborg Geißendörfer ist das Beispiel par excellence für eine bestens in die Politik hinein vernetzte evangelische Frau. Aus einem Pfarrhaus stammend, wurde sie Lehrerin und nach dem Krieg war auch sie als Pfarrfrau mit dem noch bis 1979 gültigen Berufsverbot belegt. Ihr Mann Robert Geißendörfer war der Vater der bayerischen evangelischen Publizistik. 1953 wurde sie von der CSU als evangelische Frau zur Bundestagswahl aufgestellt und wurde für 20 Jahre Abgeordnete. Sie befürwortete die Aussöhnung mit den mittel- und osteuropäischen Ländern durch die Ostverträge und arbeitete auch an der Ostdenkschrift der Synode der EKD mit, der sie angehörte. Außerdem war sie Präsidentin der Deutschen Unescokommission.

Die letzte in der Reihe war Klementine Nina Lipffert (1889-1966), Pfarrfrau in Partenkirchen, die dort hervorragende Arbeit leistete. Da sie und ihr Mann nicht regimetreu waren, mussten sie auf die kleine fränkische Pfarre Himmelskron ausweichen. Lipffert war sogar aus rassischen Gründen verfolgt, da ihr Vater ihr seine Konversion vom Judentum verschwiegen hatte. Sie bildete auch in Himmelskron einen lebendigen Kreis, in dem ihr Andenken bis heute hochgehalten wird. Außerdem wurde sie als Autorin tätig und zog deshalb später nach Kassel, um dort besser ihre Schriften herausgeben zu können.

Eva Schmidt porträtierte alle Frauen in lebendiger Art des Vortrags, und ließ sie durch einen kleinen Kunstgriff sogar selbst zu Wort kommen: Die Zitate wurden nämlich überraschend von Frauen aus der Mitte des Publikums gelesen. Ihre Ausarbeitungen bot Eva Schmidt interessierten Ortsvereinen an, damit auch bei ihnen vielleicht einmal die starken Frauen des Verbands einmal vorgestellt werden können.

In Schmerlenbach wurde konzentriert zugehört und gearbeitet, aber vielleicht waren die Gespräche in den Pausen und am Abend und die Atmosphäre auf dem ehemaligen Klostergelände auch geeignet, sich bei der eigenen Verbandsarbeit zu stärken und sich überhaupt einmal der eigenen Stärke besser bewusst zu werden.

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