...unter der alten Eiche

Themenweltbeitrag
ThemenweltbeitragFoto-Quelle: Danke Biggi K ( Miss Sixty K )

Ein heißer Sommertag
Manchmal gehe ich an solchen Tagen in den nahen Garten unseres Bürgerhauses. Tische, Bänke unter dicken alten Bäumen, leider ungenutzt Selten begegne ich hier noch anderen Menschen. Wer in der Platte wohnt hat oft ein Gartengrundstück für den Sommer oder arbeitet irgendwo schwitzend in einem Büro.

Ein wenig verloren

sitzt eine ältere Dame in der äußersten Ecke des umzäunten Gartens auf der Bank unter einem dicken Baum, eine alte Eiche. Sie lächelt als ich auf sie zukomme.
Eine zierliche, kleine Frau, in Retro, wie einst die Trümmerfrauen, wenn sie sich „fein“ machten.
Ihre Kleidung zeugt von einer besseren Zeit auch Gestik und Mimik lassen unschwer erkennen, dass sie selbstbewusst durchs Leben ging.

Nun ist es schon wieder Sommer
,
die Tage werden unmerklich kürzer, hörte ich die alter Dame leise zu mir sagen. Der Frühling ging in diesem Jahr so schnell vorbei. Trauer und Hoffnung schwingen in diesen Worten. Trauer darüber, dass die Zeit mit zunehmendem Alter dem langsam gewordenen Schritt vorauszueilen scheint. So vieles wäre noch zu erledigen.
Dieses Nachdenken tritt immer dort ein, wenn Veränderungen oder Festtage den Weg durch das Leben markieren.
Im aufbrechenden Frühling ist Bewegung. Die Natur beginnt sich unter der vom Winter ausgelegten Frostdecke zu regen. Schneeglöckchen bringen das für mich immer wieder erstaunliche fertig: Sie überwinden die verkrustet Februar Erde, um dann zart und zerbrechlich als Boten des nahenden Frühlings auf Wiesen, in Gärten den Winterstürmen zu widerstehen. Ihnen folgen Krokusse, Scilla, Frühlingsblüher, in deren Farben die Augen, vom Grau des Winters, ausruhen können.
Immer länger verweilt die Sonne in unseren Stuben, um selbst den Müdesten heraus zu locken. Frisch gestrichen stehen die ersten Bänke um dicke, knorrige Bäume, den Freunden des Alters. In ihrem Schatten lässt es sich gut nachdenken. Besonders dann, wenn die Vergangenheit wieder einen Abschied brachte. Abschied von einem langjährigen Freund oder Partner, mit dem man diesen Frühling nicht mehr gemeinsam entgegensehen kann. Vielleicht auch ein Umzug zu den Kindern, in ein Pflegeheim, oder ein Abschied für immer.
Da macht sich angesichts der erwachenden Natur auch Wehmut bemerkbar. Man wird allein herumsitzen oder neue Kontakte knüpfen müssen. Der Kreis der Vertrauten wird immer kleiner. Es ist schwer im Alter neue Freunde zu finden.

Die alte Dame wohnte
nun schon das 3. Jahr in einem Pflegeheim. Ein Sturz, keine Angehörigen und schon wurde sie nach dem Krankenhausaufenthalt in ein Pflegeheim verlegt.
Zwei unterschiedliche Charaktere in einem kleinen Zimmer, alles andere war besetzt. Sie rappelte sich dennoch hoch, übte ständig laufen.
So konnte sie eines Tages wieder der Enge des Zimmers entfliehen. Ein zurück in ihre Wohnung, vorbei, man hatte sie aufgelöst. Sie fühlte sich allein zu schwach um zu kämpfen.

„Wenn ich dann in den Gärten der Häuslebauer das Erwachen der Natur erleben darf, fällt alles von mir ab. Gestärkt gehe ich wieder zu meinem Schlafplatz, wissend es wird nicht für ewig sein.

„Früher“, so erzählte sie fast heiter,
„ich saß in einem Büro, mitten in Berlin. Wenn ich das Büro verließ, müde zu Hause ankam dachte ich, das kann nicht das Leben sein. Ich machte mich frisch, zog meine höchsten Schuhe an, bin nun mal klein geraten, lachte sie, schminkte mich und ging in mein Lieblingskaffee. Dort bestellte ich mir einen Mokka und ein dickes Stück Torte. Ach wie gut ging’s mir danach“, seufzte sie. Versonnen schaute sie in die Ferne. Dort lernte ich auch meinen späteren Mann kennen.
Hier gibt es kein Café. Dafür diesen alten Baum. Manchmal denke ich, uns geht’s wie den Bäumen. Irgendwann werden wir krumm und nur wer feste Wurzeln hat kann sich dennoch lange Zeit halten.
„Sie sind eine starke, kluge Frau“, wendete ich mich ihr zu. Mir fiel nichts Besseres ein. Dabei hätte ich sie gerne in den Arm genommen, dass sie sich wieder einmal spüren sollte. Umarmen ist Kraft weitergeben…

Losgehen wenn man traurig ist
,
sich schön machen, einen Kaffee trinken oder einen alten Baum suchen, das habe ich von ihr gelernt. Einen dicken alten Baum, den Freund der Traurigen und Alten.
Aber da war ihre Sehnsucht nach dem vergangenen Frühling. Sommer ist oft Stillstand, Freude für die Jungen und Beweglichen.

Doch der Frühling:
Verführerische Luft stimmt den einzelnen milder - beschwingt ihn. Fenster stehen den ganzen Tag offen, und die Menschen geben ihren Lagenlook auf. Man kann ihnen ins Gesicht sehen, an ihren Augen erkennen wie es ihnen geht.
Erhobenen Hauptes erlebt man, voller Staunen, die immer wiederkehrende Wandlung der Natur. Das ist die Hoffnung und diese überwiegt, selbst wenn das Rheuma fast in die Knie zwingt.
Ich denke, diese stille Hoffnung begleitet die Menschen, wenn
sie das Erwachen der Natur in sich spüren, Jahr für Jahr immer wieder neu. Die Hoffnung, gemeinsam unter einem dicken Baum zu sitzen, diesem bejahrten. dem Freund des Alters.
Doch es ist schon wieder Sommer, die Tage werden kürzer. Ich kann dies liebenswerte alte Dame verstehen wenn sie dabei an den aufbrechenden Frühling denkt, ihre Kraft in dem Vergangenen sucht.
@ Margarethe N
Kritik erwünscht

9 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Mich stimmt Deine Geschichte etwas traurig und nachdenklich.
Wie schnell kann uns das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machen. Man verdrängt oft die Tatsachen, das Alter,die Beschwerden und Hinternisse die einem plötzlich bewußt machen, daß man nicht mehr so kann wie man will........ Gelassenheit und so etwas wie Galkenhumor, muß man wohl mitbringen, wenn man trotz aller Erkenntnisse, die Freude am Dasein, nicht verlieren will.
Danke Mechthild,
ja wenn man an Grenzen erinnert wird kann man schon traurig werden. Doch bis dahin sollte man im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Leben ausschöpfen.
Das ist eine große Aufgabe und sie kann auch fröhlich stimmen, wenn man plötzlich an sich Seiten entdeckt, die man noch gar nicht kannte - wie du schreibst Gelassenheit.
Solange man mit anderen im Gespräch ist, solange muss man nicht traurig sein - wir haben alle das gleiche Ziel
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Liebe Margarethe,
eine sehr berührende Geschichte aus dem Leben.
Gefällt mir gut!
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Liebe Margarethe, ich habe heute morgen auch deine wunderschöne Geschichte gefunden. Sie berührt das Herz und bringt uns zum Nachdenken. Irgendjemand hat mal das Leben mit einem Zollstock verglichen - die letzten Zentimeter sind die schwersten! Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Liebe Margarethe, Deine Geschichte berührt. Vor allem gibt es so viele Ältere, die so einen Lebensabend erleben müssen. Das macht traurig. Liebe Grüße Eva
Ja Eva, die gibt es. Darum schreibe ich meine Geschichten.
Vielleicht denkt der eine oder andere darüber nach. Wir sitzen doch alle im selben Boot.
Freue mich über deinen Kommentar
Habe meine Baumgeschichte auch so gehalten, damit der Leser etwas nachdenklich wird. LiebeGrusse Eva
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Margarethe, ich kann deine und die Gedanken der alten Dame gut nachvollziehen. Mit etwas Wehmut habe ich deine einfühlsam geschriebene Geschichte, die zum Nachdenken anregt, gelesen.
Sie gefällt mir sehr gut.
Danke liebe Ursula. Darüber freue ich mich. Ich sehe diese kleine Frau noch immer vor mir. Gerne hätte ich ihr die Geschichte gezeigt, welche Spuren sie in mir hinterlassen hat.
Vielleicht gibs ja im Himmel Ferngläser und Internet
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren