Segelrebellen - Junge Krebskranke trotzen stürmischen Zeiten

Segelrebellen - Junge Krebskranke trotzen stürmischen Zeiten
Segelrebellen - Junge Krebskranke trotzen stürmischen ZeitenFoto-Quelle: Ruth Rudolph / www.pixelio.de
Sozialverband VdK Bayern e.V.
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Die „Segelrebellen“ bieten der Krankheit die Stirn – Marc Naumann träumt von einem eigenen Schiff für sein Selbsthilfe-Projekt

Marc Naumann ist 33 Jahre alt, Jurist, Journalist, Skipper. Ein junger Mann, der das Leben und das Abenteuer liebt. Erst recht seit der Schockdiagnose Hirntumor vor fünf Jahren. Sein Anker während der Krankheit: das Segeln. Heute ist er gesund. Das Gefühl von Freiheit trotz Krebs teilt der Münchner inzwischen mit anderen jungen Erwachsenen aus ganz Deutschland. Die „Segelrebellen“ treffen sich nicht im Stuhlkreis, sondern auf hoher See.

Es ist heiß. Endlich Sommer. Marc Naumann verzieht das Gesicht. Hitze ist nichts für ihn. Laue Lüftchen schon gar nicht. Er liebt es stürmisch. Wenn der Wind die Segel aufbläht, die Wellen hochschlagen, das Boot schwankt, wenn er Schildkappe gegen Mütze und T-Shirt gegen Friesennerz tauscht. Der 33-Jährige ist ein Kämpfer, keiner, der sich seinem Schicksal fügt. Eine Eigenschaft, die vor fünf Jahren gewaltig auf die Probe gestellt wurde. Als die Ärzte einen Hirntumor entdecken. Krebs. Mit 28 Jahren. Plötzlich gerät alles durcheinander: das Jura-Studium, die berufliche und die private Zukunft.

Trotzdem lässt sich Marc Naumann nicht unterkriegen. Noch vom Krankenhaus aus meldet er sich für den Segelschein an. Das Segeln tut ihm gut, hilft ihm, die Therapie zu überstehen. Zwei Jahre später kommt der Krebs zurück. Mit ihm die Angst, die Ungewissheit. Und wieder ist es die Zeit auf See, die ihn stärkt. Kurz nach der anstrengenden Chemotherapie hilft er, ein Schiff aus Cuxhaven nach Calais zu überführen – trotz körperlicher Schwäche. „Beim Segeln zählt die mentale Stärke“, erklärt er. Und: „Auf See gerät alles in Vergessenheit: Welcher Tag ist und was zu Hause wartet.“ Den Ärzten erzählt er nichts von seinem Törn. Davon abhalten hätte ihn sowieso keiner können. Als sein Onkologe aber im Nachhinein davon erfährt, ist er begeistert. Begeistert von der psychischen Stabilität seines Patienten. „Das Eine ist, medizinisch gesund zu sein, das Andere, wie es in einem drin aussieht“, sagt Marc Naumann.

Leinen los

Das Gefühl, gleichwertiges Crew-Mitglied zu sein, nicht geschont, nicht bemitleidet zu werden, macht ihm Mut. Trotz Krankheit frei sein – dieses Gefühl will der Münchner mit anderen Betroffenen teilen und gründet im Sommer vor einem Jahr die „Segelrebellen“. Schnell finden sich junge Erwachsene aus ganz Deutschland, die ebenso wenig von Selbsthilfegruppen im Stuhlkreis halten. Die sich lieber eine frische Brise um die Nase wehen lassen, als stickige Luft einzuatmen. Obwohl die meisten Teilnehmer noch nie übers Segeln nachgedacht haben. Doch genau das ist der Reiz: etwas Neues zu wagen. Leinen los, alles auf Anfang.

Ist das nicht gewagt? Eine Crew ohne Segelerfahrung, teilweise geschwächt von einer schweren Krankheit? Marc Naumann lacht, das hört er oft. Er schüttelt den Kopf. „Es sind ja zwei Profis an Bord. Die anderen vier bis sechs Teilnehmer wachsen mit ihren Aufgaben.“ Anpacken statt ausruhen. „Unser Anspruch ist nicht, möglichst viel Komfort zu haben. Wir wollen was erleben!“ Jeder Teilnehmer muss vorher selbst entscheiden, ob er fit genug ist und das eventuell mit seinen Ärzten besprechen. Denn die gibt es an Bord nicht. Die Erfahrung der ersten beiden Fahrten übers Mittelmeer: Alle „Segelrebellen“ haben die zehn Tage gut überstanden. Mehr noch. Sie fühlen sich so gut wie schon lange nicht mehr, haben wieder Vertrauen zu sich selbst. „Das ist besser als ein Monat Therapie“, sagt der 33-Jährige.

Das Ziel: ein eigenes Schiff

250 Euro kostet ein zehntägiger Törn pro Teilnehmer. „Es kostet bewusst etwas. Die Reise hat einen Wert.“ Wer das Geld nicht aufbringen kann, kann sich für ein Segelstipendium bewerben oder die Summe abzahlen. Auf der Internetseite der gemeinnützigen Organisation können sich Interessierte über die nächste Reise informieren und anmelden. Marc Naumann setzt sich dann mit den jungen Erwachsenen in Verbindung. Eine festgezurrte Altersgrenze gibt es nicht. „Das ist eine Typsache“, sagt der Skipper. Ihm ist es wichtig, vorher mit den Teilnehmern zu reden. Ihnen zu erklären, was sie erwartet. Bisher haben sich die „Segelrebellen“ die Schiffe geliehen. Sponsoren haben das möglich gemacht. Jetzt ist Marc Naumann auf der Suche nach Förderern, die einen Traum Wirklichkeit werden lassen: ein eigenes Segelschiff für die „Segelrebellen“. Mit dem man nicht an eine Tour, an einen Termin gebunden ist. Mit dem man Mittelmeer gegen Nordsee und T-Shirt gegen Friesennerz tauschen kann.

Info

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite www.segel-rebellen.com. Hier finden sich unter anderem Berichte der ersten Törns, Fotos und ein Fan-Shop.

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