Kinder, Kinder, nichts als Kinder

Traumjob

Hätte ich vorher gewusst, was mir alles passieren sollte, ich hätte mich bei aller Kinderliebe niemals darauf eingelassen! Heute bin ich schlauer. Heute weiß ich, dass jedes Kind - ausnahmslos jedes! - auch das Teuflische in sich trägt. Aber ich fange vorne an!

Wie jedes Jahr war auch in diesem am 06. Dezember Nikolaustag. Und genauso wie jedes Jahr suchte auch das KaDeWe, das größte Kaufhaus in Berlin für dieses werbewirksame Ereignis, Menschen – vorzugsweise männlich – die den angenehmen Wohltäter-Job des Nikolauses übernehmen wollten.

Die Stellenausschreibung las sich wie folgt.

Wir suchen echte Männer, die möglichst Kriegserfahrung haben, vorzugsweise im Nahkampf ausgebildet sind und auch trotz massiver, körperlicher Verletzungen ihren Mann stehen. Die Tätigkeit wird im Überlebensfall gut bezahlt, für eventuell Hinterbliebene ist durch eine Versicherung bestens gesorgt. Vereinbaren sie noch heute einen Vorstellungstermin.

Die Anzeige, die ich als Satire betrachtete, hatte mich sofort neugierig gemacht und so bewarb ich mich und wurde zum 01. Dezember zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Dank meines Bartes konnte ich schon einigen Eindruck in der Personalabteilung schinden. Meine Art, so dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch, sorgte für meine Einstellung zum 05. Dezember. Das ganze sollte bereits am Fünften stattfinden, da der Sechste bekanntlich auf einen Sonntag fiel. Mit meiner Instruktionsliste zog ich denn zunächst in den nächsten Kostümverleih, denn Bart alleine reichte nicht für diesen Job. Nein, dazu gehörte auch der entsprechende rote Nikolausmantel in Größe 60, die Mütze und der Bischofsstab. Eigentlich hätte mir ja Größe 48 gereicht, das erschien der Kaufhausdirektion allerdings als zu mager. Die fehlenden 12 Größen wurden dann kurzerhand mit zehn Anstalts-Packungen Watte à 10 kg überbrückt.

Am Morgen des 05. Dezembers war ich dann bereits um sechs Uhr in der Umkleidekabine des Kaufhauses, das um neun Uhr öffnete. Tests hatten ergeben, dass ich wenigstens zweieinhalb Stunden brauchte, bis ich in meinem Kostüm verschwunden war. Als um halb acht die ersten Verkäufer ankamen, waren sie mir zum Glück beim Stopfen mit Watte behilflich. Alleine war dies hier aufgrund der Enge wesentlich komplizierter als zu Hause und ich hätte sicher alleine zwei Stunden länger benötigt.

Vor der Tür der Umkleidekabine drückte man mir dann einen großen Sack in die Hand, geschätztes Gewicht 150 kg, mit dem ich dann über die Rolltreppe in den 5 Stock musste. Dummerweise waren die Rolltreppen aus Kostengründen noch nicht in Betrieb; sie werden erst beim öffnen der Pforten in Betrieb genommen, erklärte man mir im vorbei eilen. Also ging es zu Fuß die Rolltreppen hoch mit meinen 100 kg Watte und 150 kg Sack Übergewicht nach oben. Als ich in der ersten Etage ankam, machte sich bereits eine gewisse Feuchtigkeit unter den Armen bemerkbar. In der zweiten Etage hatte ich das Gefühl, mit beiden Füßen im Sumpf zu stehen; ich begann diesen Sauna-Anzug zu hassen. Ab hier war eine leichte Nebelwolke mein Begleiter. Mein Trost, glaubte ich, lag im dritten Stock, in dem sich die Parfüm-Abteilung befand, denn die Nebelwolke war nicht geruchs- befreit.

Sichtlich erschöpft erreichte ich die Parfüm-Abteilung, wo ich mich zunächst sanft auf einen der Ruhestühle mit einem lauten „Plumps“ gleiten lies. Ich bat eine der Verkäuferinnen, mir mit einem wohlriechenden Deo auszuhelfen. Für das Personal gab es nur 4711, von dem sie mir auch großzügig eine ganze Flasche über den Mantel goss. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, wie hoch ich meine Nase tragen kann. Helfen tat es jedoch auch nichts.

So schleppte ich mich Willensstark in die 5. Abteilung, dabei ständig am Rande einer 4711-Ohnmacht. Und weit und breit weder ein Engel noch ein Elfe, der mir hilfreich unter die feuchten Arme gegriffen hätte! Ob das auch am 4711 lag?

Fünf Minuten vor Neun hatte ich meinen Arbeitsplatz endlich und total entkräftet erreicht. Ich lies mich in den großen, roten mit Plüsch bezogenen Sessel fallen und posierte den schweren Sack so, dass ich ihn möglichst ohne jede Bewegung erreichen konnte. Mein heutiger Bewegungsbedarf war mehr als gedeckt! Ich freute mich auf die lieben kleinen Kinder, die mich sicher für all die Strapazen entschädigen würden. Zwischenzeitlich hatte meine Betriebstemperatur – geschätzte 250° - 4711 verdunsten und vergessen lassen. Den Duft der großen weiten Welt, diese Mischung aus 4711 und Schweiß, die jede Armee sofort als Giftgas hätte haben wollen, blieb mir aber für den Rest des Tages in der Nase.

Nun ertönte der Gong. Es war neun Uhr und die Pforten öffneten. Bereits 30 Sekunden später stürmte eine Hundertschaft von Kindern auf mich zu. Dem Druck der vielen Körper musste ich nachgeben und den Sack öffnen. Nach einer halben Stunde und den ersten Blessuren war der erste Ansturm abgewehrt. Ich bekam wieder Atemluft. Viel Sauerstoff war da zwar nicht drin, aber es reichte um nicht sofort zu ersticken auch wenn dies vermutlich das kleinere Übel gewesen wäre. Man gab mir zu verstehen, dass jetzt eine günstige Gelegenheit sei, eine kleine Pause einzulegen. 100 kg Watte, deren Gewicht mittlerweile auf das dreifache angewachsen war, wussten es aber zu verhindern, dass ich mich in die Cafeteria schleppte. Ein wohlwollendes Fräulein – eine sehr hübsche übrigens, die meine Gedanken allerdings in keiner Weise abdriften lassen konnte – erbarmte sich meiner und brachte mir einen schönen heißen Kaffee. Dieser durchfloss jedoch völlig unbemerkt meinen Körper, um direkt die Watte noch weiter zu tränken.

Eine Omi kam mit ihrem etwa dreijährigen Enkel nun auf mich zu. Sie erklärte mir, dass der junge doch zu gerne einmal auf dem Schoß vom Nikolaus sitzen würde. Mit dem freundlichsten Lächeln, das ich mit viel Mühe gerade noch in mein Gesicht pressen konnte, half ich dem jungen Mann in meiner Ahnungslosigkeit auf meinen Schoss. Er nutze meinen Bart als Bergsteigerseil. Das rührte mich so sehr an, dass ich mir eine Träne nicht verkneifen konnte. Sicher wären es viel mehr Tränen gewesen, aber es handelte sich vermutlich um den letzten Rest Körperflüssigkeit, den ich noch in mir hatte. Ich weiß nicht genau, was den jungen Mann dazu veranlasste, ob es Angst vor dem großen, mächtigen Nikolaus war oder die wohlige, warme und feuchte Watte, er markierte nun erst einmal sein neu erobertes Revier. Es störte mich schon fast gar nicht mehr, denn viel mehr Wasser konnte die Watte sowieso schon nicht mehr aufnehmen.

Nachdem er mir ein kleines Gedicht vorgetragen hatte, dessen Inhalt mir heute noch unverständlich ist, durfte er sich etwas aus dem großen Sack nehmen und zog Freude strahlend mit Omi von dannen.

Ich möchte hier nicht zu sehr ins Detail gehen und Liste die weiteren Ereignissen nur Skizzenhaft auf. Ein kleines Mädchen rieb mir seinen Schaumkuss versehentlich in den Bart und bezeichnete mich als Schaumkuss-Dieb. Kurz danach fand ein Junge meinen Bart als süß und zuckelte den Schaumkuss so gut er konnte aus dem Bart heraus. Wo der Lutscher herkam, der später kurz unter meinem linken Ohr im Bart klebte, kann ich nicht genau sagen. Der muss da gelandet sein, während ich mich mit dem Vater eines anderen Mädchens prügelte, weil er mich für einen Pädophilen hielt. Ander Kinmder waren schwer bewaffnet, was meinem Mantel schädlich zugute kam, als sich ein Taschenmesser öffnete und beim an mir heruntergleiten einen großen Winkelriss hinterließ.

In dieser Art und Weise verging der Tag sehr langsam und leidvoll. Aber gegen Abend geschah ein kleines Wunder. Dieses Wunder zog die Massen magnetisch an. Was war geschehen? Ein Herr stellte seinen Einkaufssack direkt neben meinem Nikolaus-Sack kurz ab. Als er weiter seines Weges ging, verwechselte er dummerweise die beiden Säcke. Die Menschenmenge, die sich nun um mich sammelte war begeistert darüber, dass man nun hier ein „Begrüßungsgeld“ bekäme und dass es dies diesmal auch für alle gäbe. Leider erfuhr ich erst nachdem der Sack leer war, dass der Herr die Hauptkasse ausgeraubt hatte und ich auf keinen Fall aus diesem Sack Geschenke verteilen solle.

Als um 22 Uhr die Kunden mit frommen Wünschen aufgefordert wurden das Schlachtfeld zu räumen, war ich froh wie noch nie in meinem Leben. Im Lohnbüro bekam ich mein Geld, die Watte konnte ich noch vor Ort entsorgen, so zog ich denn mit einem riesigem roten Ballen Stoff unterm Arm frohen Mutes nach hause. Ich konnte ja nicht ahnen, dass mein Verdienst nicht ausreichte, um den zerstörten Nikolaus-Mantel zu bezahlen. Umgearbeitet zu Vorhängen macht er sich aber ganz gut an meinem Küchenfenster. Allerdings war eine chemische Reinigung von Mantel und Bart erforderlich, die mich liebend gerne auf den nächsten Urlaub verzichten lassen.

Die neu gemachte Erfahrung sagt mir eindeutig: Minijobs lohnen nicht; und bei 12° über Null sollte man sich nicht einkleiden als ginge man auf Nordpolexpedition.

32 Kommentare

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Hallo lieber Harry ,
deine Geschichte vom Nikolaus im Kaufhaus hat mich mehr als Schmunzeln lassen . Konnte deine Geschichte lebhaft vor Augen sehen und manch anderer " Nikolaus " wird dir aus vollem Herzen zustimmen .
In der heutigen Zeit Nikolaus zu sein ist eben ein harter , schweißtreibender Job .
Danke für die wunderbar unterhaltsame Geschichte .
Wünsche dir noch eine friedliche , erholsame Vorweihnachtszeit .
Liebe Grüße
Danke für den netten, ausführlichen Kommentar. Es freut mich, dass sie dir gefallen hat
Ich wünsche Dir auch eine schöne Adventszeit
Danke , gute Nacht
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Hallo Harry, ich wusste garnicht, dass man über einen Nikolaus so lachen kann. Nach all den traumatischen Nikolausgeschichten aus meiner Kinderzeit kann ich mir nun den Weg zum Therapeuten sparen.
Einfach herrlich die Geschichte Danke
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Köstlich
Immer diese Naschereien aber auch
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Habe selten um diese Tageszeit schon Bauchmuskelkater vor Lachen gehabt!
Großartige Geschichte, und mit soviel Humor erzählt
Danke, aber für den Muskelkater lehne ich jede Art von Schmerzensgeld und Schadenersatz ab
... ooooch, dachte schon jetzt springt was für mich raus
... muss ich nun auch immer noch einen Disclaimer zur Schadensbegrenzung zu meinen Geschichten schreiben.
Aber, wenn Du in Übung bleiben möchtest ...
https://www.seniorbook.de/themen/kat...-handtasche
... wisch mir gerade die (Lach)-Tränen ab ... obwohl, ohne irgendjemand zu nahe treten zu woollen, für mich ein Rehpinscher eher kläfft
Der Rehpinscher und alles Drumherum war aber echt im Gegensatz zum Nikolaus
Ob man das nun bellen oder kläffen nennt ... es macht Krach und man erwartet es nicht unbedingt aus einer Handtasche heraus
.. bellen ist ja auch vorsichtiger ausgedrückt, ich habe manchmal so ein Talent dazu mich richtig in die Nesseln zu setzen ... Bauchmuskelkater ist schöner
In den Nesseln sitzen hat doch auch was; macht so ein warmes Feeling
hab keine so guten Erinnerungen ...
Ist ja bald wieder Frühling, dann kannste Erinnerungen auffrischen
... da gibt's schönere für die Maienzeit
DIE machen denn aber nicht warm
... hast du 'ne Ahnung ...!
Nu MAInst du aber eher die innere Wärme, ich wollte ja nicht gleich mit der Tür in die Stube fallen
... also warm halt es schon und habe auch nie Ausschlag bekommen
... aber es geht hier doch um den Nikolaus, und die Geschichte ist top
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Eine herrliche Geschichte , wunderbar erzählt und mit viel Lachen gelesen.
So war es gedacht
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Eine lustige, nette Supergeschichte Harry. Mußte heute Morsche schon lachen. Die armen Weihnachtsmänner, die haben es auch net leicht.
Dafür brauchen die ja auch nur einen Tag im Jahr zu arbeiten
Aber sie müssen sich doch für den einen Tag völlig ausliefern
Deshalb werden sie für diesen Tag ja auch in Watte gepackt
Hi,hi, so kann man es auch sehen. Aber weißt Du wie kratzig Watte eigentlich ist? Wird heute in der Medizin aus diesem Grunde kaum noch verwendet
Man hat doch nicht nur das Mäntelchen an
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