Biedermann oder Brandstifter? Konrad Henlein

Biedermann oder Brandstifter? Konrad Henlein
Biedermann oder Brandstifter? Konrad HenleinFoto-Quelle: www.bildbiographien.de
Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert

Vor 80 Jahren, im September 1938, steht die Welt am Rande eines neuen Krieges. Weltweit atmen die Menschen erleichtert auf, als sich Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland in München auf Frieden einigen - auf Kosten der Tschechoslowakei, die nicht eingeladen war und in der Folge ihre sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich abtreten muss.Waren die Sudetendeutschen glühende Hitler-Verehrer und ihr Anführer Konrad Henlein ein übler nationalsozialistischer Brandstifter? Ein Hintergrundbericht aus der Krisenregion der damaligen Zeit.

Am Ende war es schnell vorbei mit der einstigen Pracht und Herrlichkeit: Rund 640 Jahre wurde der Balkan durch das Riesenreich der Habsburger beherrscht, dann löste sich die k.u.k Doppelmonarchie im Herbst 1918 über Nacht in Nichts auf.

Aus der Konkursmasse Österreich-Ungarns, dem Vielvölkerstaat, der von vielen auch als ‚Völkerkerker’ bezeichnet wurde, entstanden neue Nationalstaaten; viele von ihnen hatte die Welt bisher noch nicht gekannt.

Eine Verbindung von Fetzen und Flicken


Zu den Nationen, die nach dem Endes des Ersten Weltkrieges neu “erfunden” wurden, gehörte auch die Republik Tschechoslowakei.

Die treibende Kraft hinter der bis 1918 völlig unbekannten Nation waren der tschechische Philosophie-Professor, Politiker und spätere Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk und sein engster Mitarbeiter Edvard Beneš.

Es ist eine Geburt mit großen Schönheitsfehlern. Denn das, was als neue junge Nation entsteht, ist wieder ein Vielvölkerstaat mit großen Minderheiten und kleinen Mehrheiten, die sich gegenseitig nicht besonders mögen. Der britische Premierminister Neville Chamberlain wird die Tschechoslowakei später einmal als "Verbindung von Fetzen und Flicken" bezeichnen.

Deswegen hatten sich auch die Slowaken, die nach dem Willen Masaryks und Beneš unbedingt ein Teil der neuzugründenden Republik sein sollten, so lange geziert.

Slowaken sprechen eine andere Sprache, haben andere Wurzeln und Traditionen und fühlten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegenüber den modernen und aufgeschlossenen Tschechen als Hinterwäldler — als kleine, hässliche Brüder.

Ein Gefühl, das Jahrzehnte überdauern wird, und maßgeblich am Ende der Republik beteiligt sein wird.

Aber man brauchte zur Staatsgründung die störrischen Slowaken, denn es gibt auf dem Territorium, auf dem die Tschechoslowakei entstehen soll, zu viele Deutschstämmige und zu wenige Tschechen.

Für die junge Republik muss eine genügend große Bevölkerungszahl geschaffen werden, um drei Millionen deutschsprachige Bürger als Minderheit deklarieren zu können.

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker


Die Würfel sind längst gefallen, als im Oktober 1918 die deutschsprachige Bevölkerung in Böhmen und Mähren aufwacht und sich als Bürger und gleichzeitig Minderheit der neu gegründeten Republik Tschechoslowakei wiederfindet.

Auch die Deutschstämmigen pochen auf das Maß aller Dinge jener Zeit — Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker — und möchten sich der gerade entstehenden Republik Deutschösterreich anschließen.
Aber es ist zu spät.

Bei den Friedensverhandlungen in Versailles sitzen die Tschechoslowaken mit den Siegern am Tisch, österreichische und deutsche Gesandte finden kein Gehör und müssen als Verlierer draußen bleiben.

Als Teile der Bevölkerung pro-österreichischen Demonstrationen organisiert, schießt das tschechische Militär in die wütende Menge. Es gibt mehrere Tote — die ersten Märtyrer.

Ein weiterer Geburtsfehler der jungen Nation.

Plötzlich Minderheit


Zwar garantieren die neuen Herrscher in Prag ihren zwangsrekrutierten deutschsprachigen Neubürgern umfassende Minderheitenrechte, in der Realität handhaben sie aber vieles genauso wie ihre Vorgänger, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Hatte das alte Regime in Wien seine Untertanen unterschiedlichster Nationalitäten bis 1918 mit Deutsch als alleingültiger Amtssprache drangsaliert, so verlangen die Tschechen nun von ihren deutschsprachigen Staatsbediensteten perfektes Tschechisch.
Das gilt für einfache Briefträger genauso wie für Hochschulprofessoren.

Die Sprachprüfung ist schwer und wird bei vielen Deutschen gefürchtet: Lateinlehrer müssen beispielsweise Goethes ‚Faust’ auf Tschechisch rezitieren können, um zu bestehen.
Ein großer Teil der wackeren deutschsprachigen Beamten und Behördenvertretern scheitern und verlieren nicht nur ihre alte Heimat, sondern auch ihre Posten.

Das schürt weiteren Unmut. Viele fühlen sich als Fremde im eigenen Land und zusätzlich wirtschaftlich abgehängt.

Die zweite Schweiz Europas


Deutschböhmen und Deutschmähren sind die Filetstückchen aus der Konkursmasse der k.u.k. Doppelmonarchie und für die junge Republik Tschechoslowakei ein unermesslich wertvoller Gewinn.

Seit der Zeit der Habsburger Monarchie liefern die hochindustrialisierten Provinzen mit ihren gut ausgebildeten Arbeitskräften rund zwei Drittel aller Industrieprodukte.

Nach 1918 ermöglichen sie der tschechoslowakischen Wirtschaft, der es nach dem Krieg ähnlich schlecht wie der im besiegten Deutschland oder Österreich geht, herausragend gute Startbedingungen: Ohne Reparationsforderungen, mit einer leistungsfähigen Industrie — vor allem in den dazugewonnenen deutschsprachigen Gebieten — , einer sehr geschickten Wirtschaftspolitik und gut ausgebildeten Facharbeitern gelingt es dem jungen Staat, innerhalb kurzer Zeit sein Wirtschaftsleben anzukurbeln.

Die Tschechoslowakei entwickelt sich schnell zu einer der stärksten Volkswirtschaften Europas, sie gilt bald als „zweite Schweiz Europas“.

Der wachsende Wohlstand und eine für diese Zeit bemerkenswerte Sozialgesetzgebung mit Einführung des Acht-Stunden-Tages, umfassenden Sozialversicherungen und einem Programm für sozialen Wohnungsbau bilden den Kitt für das neue Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Slowaken.

Die gute ökonomische Entwicklung beruhigt die Gemüter – auch wenn der Groll der Minderheiten bleibt.

Die Weltwirtschaftskrise


Wie in vielen anderen Staaten auch ändert die Weltwirtschaftskrise ab 1929 alles und sorgt dafür, dass lange verborgener Missmut schließlich explodiert.

Verspätet, aber mit voller Wucht trifft die weltweite Wirtschaftskrise auch die Tschechoslowakei. Die Export-Produkte, die die Wirtschaft bislang stark gemacht haben – veredelter Stahl, Autos, Flugzeuge und hochentwickelte Waffen — kann niemand mehr bezahlen, Absatz und Produktion sinken rapide.

Im März 1933 erreicht die Krise ihren Höhepunkt.
Wie überall auf der Welt stehen immer mehr Menschen am Rande des existenziellen Abgrundes. Noch schlimmer als die wirtschaftliche Not, sind die Spannungen zwischen den Nationalitäten, die jetzt wieder aufbrechen.
Der soziale Kitt zerbröselt.

Vor allem die Deutschen, immerhin mit 3 Millionen Menschen im Vergleich zu 7 Millionen Tschechen und 2 Millionen Slowaken eine sehr große Minderheit, sehen sich benachteiligt.
Die Krise trifft die sudetendeutschen Gebiete wesentlich härter als den Rest der Republik.
Insbesondere die Leicht- und Konsumgüterindustrie im Sudetenland leidet stärker unter mangelndem Absatz als die Schwer- und Nahrungsmittelindustrie im tschechischen Landesinneren. Das Egerland lebt beispielsweise vor allem von seiner Porzellanindustrie, aber wer kauft schon Porzellan, wenn das Geld kaum fürs tägliche Brot reicht?

Konrad Henlein


Mehrere Koalitionsregierungen in Prag bemühen sich, die Folgen des Wirtschaftseinbruchs durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Staatsaufträgen und Agrarzölle zu mildern. Die Zahl der Arbeitslosen steigt trotzdem rasant an, besonders bei den Sudetendeutschen.

Im März 1933 ist jeder fünfte von ihnen arbeitslos.
Die Arbeitslosenquote der Deutschen in der Tschechoslowakei liegt weit über dem Landesdurchschnitt, die Not ist so groß, dass Kinder und Alte verhungern.
Die deutschsprachige Minderheit beginnt, aufzubegehren: gegen Hunger, gegen die hohe Arbeitslosigkeit, gegen Tschechisch als einzige offizielle Amtssprache.
Sie fühlen sich ungerecht behandelt, und zum Teil ist das wohl auch so.

Konrad Henlein betritt die Bühne.

Henlein ist ein ehemaliger Bankangestellter, der 1925 das Turnen zu seinem Beruf macht.
Er übernimmt eine Lehrerstelle beim Turnverein in Asch und wollte — nach eigenem Bekunden — nie etwas anderes als Turnlehrer sein.

Er gilt als redliche und gewinnende Persönlichkeit, die leicht zu beeinflussen ist, und wird trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – im Jahr 1931 zum Führer des Sudetendeutschen Turnverbandes in der ČSR gewählt.
Wie so oft in jener Zeit gehen auch beim sudetendeutschen Turnverband Sport und Politik Hand in Hand, und Henlein beginnt, tief enttäuscht von den geringen bisherigen Erfolgen (eigentlich: Misserfolgen) sudetendeutscher Parteien in Prag, seine Turnerbewegung zur politischen Kraft auszubauen.

In Prag beobachtet man sowohl Hitlers ‚Machtergreifung’ im Nachbarland Deutschland als auch das Treiben der heimischen Sudetendeutschen zunehmend misstrauisch und verbietet schließlich zwei rechtsradikale sudetendeutsche Parteien.

Daraufhin sieht Henlein seine Chance gekommen und gründet die „Sudetendeutsche Heimatfront” als neues rechtes Sammelbecken für alle Wütenden und Frustrierten. Nur eine Einheitsfront aller nicht-sozialistischer Parteien könne eine gerechtere Minderheitenpolitik in der Tschechoslowakei vorantreiben, lautet sein Credo.

Zunächst will Henlein vor allem eines: reden.

Die „Heimatfront“, später in SdP – Sudetendeutsche Partei – umbenannt, feiert einen Wahlsieg nach dem anderen und stellt schließlich die stärkste Fraktion im Prager Parlament.
Henlein und viele seiner Anhänger hoffen, dass sich die Wahlerfolge in der Minderheitenpolitik der tschechoslowakischen Regierung bemerkbar machen.

Aber es passiert — nichts.

Mit Zuckerbrot und Peitsche


In Berlin ist man mittlerweile ebenfalls auf den ambitionierten Sportlehrer Henlein aufmerksam geworden.

Die hochentwickelte Tschechoslowakei mit ihrer modernen Automobil- und Waffenindustrie steht schon lange auf Hitlers Agenda und spielt in seinen Allmachtsphantasien eine wichtige Rolle.

Außerdem ist klar, dass die hochgerüstete und moderne Tschechoslowakei Hitlers Kriegsplänen im Osten im Weg ist und deswegen weg muss.
Ein Überfall auf die mit Frankreich verbündete Republik erscheint riskant. Man weiß nicht, wie die Franzosen reagieren — und die Führung der Reichswehr (ab 1935: Wehrmacht), die bei weitem (noch) nicht bereit ist, für den “Führer” in einen neuen Krieg zu ziehen.

Henlein und die von ihm organisierten wütenden Sudetendeutschen kommen daher gerade recht, um Hitlers tschechoslowakisches Dilemma zu lösen.

Henlein wird nach Berlin zitiert und dort mit „Zuckerbrot und Peitsche” gedrängt, seine ‚Henlein-Partei’ zur „Fünften Kolonne” des Reichs umzufunktionieren, straff organisiert und zum Zündeln bestens geeignet.

Heim ins Reich

Ab 1937 brodelt es heftig in den deutschsprachigen Gebieten der Tschechoslowakei.

Nach wie vor sind besonders viele Sudetendeutsche ohne Arbeit und fühlen sich von der Regierung in Prag alleingelassen, zurückgesetzt, benachteiligt, bestenfalls gleichgültig behandelt.

Viele Sudetendeutsche blicken mittlerweile sehnsüchtig auf den Wohlstand und die wirtschaftlichen Erfolge im benachbarten Deutschen Reich, das als einziges Land Europas die Folgen der Weltwirtschaftskrise überwunden zu haben scheint.

Immer mehr sympathisieren mit der nach außen so glanzvoll und glücklich wirkenden benachbarten „Volksgemeinschaft“ und ihrem „Führer“ Adolf Hitler. Im Dritten Reich scheint es Arbeit und Brot für alle reichlich zu geben — das lässt die eigene Misere noch bewusster werden.

Die Ersten wollen „Heim ins Reich“.
Und im Gegensatz zur eigenen Regierung in Prag vermittelt „das Reich“ ganz offenkundig das Gefühl, sie auch haben zu wollen.

Das Karlsbader Programm


In bewährter Manier wird Stimmung gemacht.

SdP -Drückerkolonnen ziehen in sudetendeutschen Städten und Dörfern von Tür zu Tür und “werben” neue Mitglieder — offensiv und mit fragwürdigen Methoden: Deutschsprachige Gastwirte und Ladenbesitzer, die eine Mitgliedschaft verweigern, werden beispielsweise öffentlich angeprangert und sollen boykottiert werden. Viele Sudetendeutsche halten sich an solche Boykottaufforderungen — entweder, Du bist für uns, oder Du bist ruiniert.

Die Lage wird durch organisierte Kundgebungen und Aufmärsche weiter angeheizt, SdP-Schlägertrupps liefern sich erste Straßenschlachten mit tschechischen Polizisten.

Die Lage eskaliert endgültig nach dem Anschluss Österreichs im März 1938, der von vielen Sudetendeutschen als Vorzeichen ihrer eigenen „Heim ins Reich“-Bewegung gesehen wird.

Im April 1938 eröffnet Konrad Henlein schließlich mit dem Karlsbader Programm den frontalen Angriff auf die tschechoslowakische Regierung, streng nach Hitlers Motto, immer so viel zu fordern, dass man nicht zufrieden gestellt werden kann.

Das Münchner Abkommen


Hitlers Strategie, die Tschechoslowakei mit Hilfe der Sudetendeutschen zu zerschlagen, ist für alle, die genau hinsehen, durchschaubar. Auch Staatspräsident Beneš ist sich der Bedrohung bewusst und versucht zu retten, was noch zu retten ist, allerdings mit harten Bandagen: Er verhängt in den sudetendeutschen Gebieten das Standrecht, mobilisiert seine Armee und hofft auf seinen Bündnispartner Frankreich.
Aber es nützt nichts.

Frankreich ist nicht bereit, für die Tschechen in den Krieg zu ziehen, Großbritannien auch nicht. Stattdessen wird im September 1938 im Münchner Abkommen ohne Beteiligung der Tschechoslowaken die Abtretung des Sudetenlands an das Deutsche Reich beschlossen, um den Weltfrieden zu retten.

Am 1. Oktober 1938 ziehen sich tschechoslowakische Grenzposten aus den sudetendeutschen Gebieten zurück.

Die ersten Verbände der deutschen Wehrmacht tauchen hinter der ehemaligen deutsch-tschechoslowakischen Grenze auf. Die sudetendeutsche Bevölkerung jubelt.
(Zumindest der größte Teil — wer sich zu den sudetendeutschen Sozialdemokraten, Kommunisten oder Juden zählt, tat gut daran, jetzt schleunigst zu verschwinden.)

Dies sei nun die letzte Forderung, die er an die Welt zu stellen habe, verkündet Hitler kurz nach der Besetzung.

Es ist wie so oft eine Lüge.

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Den vollständigen Artikel mit allen Darstellungen und weiterführenden Leseempfehlungen ist in meinem Blog Generationengespräch zum Nachlesen: Biedermann oder Brandstifter: Konrad Henlein

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