"Happy Birthay, Mister Jagger" oder: Mick, der Rock'n Roll und ich

"Happy Birthay, Mister Jagger" oder: Mick, der Rock'n Roll und ich

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Und wieder die Stones! Irgendetwas verbindet uns. Dabei ist unser Verhältnis eher locker.

Ich habe ihre ersten Schritte auf den noch jungen Bühnen dieser so neuen Musik als Anfang- Zwanzigjähriger natürlich verfolgt. Damals. In den Sechzigern. Allerdings entwickelte ich nie jenen totalen Enthusiasmus, mit dem sich manche Zeitgenossen für die Stones entschieden – für immer. Und das ist im Falle der Stones ziemlich lange.

Mick Jagger und die anderen sind so etwas wie Begleiter über Jahrzehnte geworden. Hin und wieder tauchen sie eben auf. Das erste Mal 1965, also drei Jahre ihrer Gründung heute vor 50 Jahren. Um genau zu sein: Es war September 1965. In Münster!

Jawohl in Münster! Was sich damals aus einer Terminpanne ergab, erscheint aus heutiger Sicht wie eine Posse. Die Jungs von der Insel planten auf dem ersten Erfolgsgipfel ihres Rock-Imperiums die Premiere auf dem Kontinent. Und dann platzte schlichtweg der erste in der Schweiz geplante Termin. Münster sprang ein.

Trockenhauben, Hengstparaden – und die Stones

Austragungsort des allerersten Stones-Auftritts diesseits des Kanals war eben nicht Rom, Paris, Madrid, Frankfurt oder Berlin. Nein die Herren Jagger, Richards, Watts und Wyman hatten zum Festland-Auftakt ins Westfälische geladen. In die Halle Münsterland. Einem eher biederen Event-Tempel. Hier trafen sich die Rotbunten Nordwestdeutschlands zur Zuchtschau, Hengste zur Körung. Hier ermittelten Friseure ihre Landesmeister. Hier fand sich schon mal die Damenwelt zur Modenschau ein. Und ab und zu gastierte eine reisende Truppe mit „Der Vetter aus Dingsda" oder „Die Blume von Hawaii". Eine getreu dem Wort nach vielseitige Halle. Und nun die Stones.

Die münsterschen Medien hatten sich in ihrer Vorberichterstattung zurückgehalten. Aber – Termin ist Termin. Der damalige Lokalchef der Münsterschen Zeitung (MZ), Gerd Schroeder, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, verdonnerte  seinen jüngsten Volontär: „Stones? Steine? Kenne ich nicht. Aber gehen sie mal hin, Timmi." Aber gerne.

An jenem Nachmittag im September 1965 fand ich mich also mit einigen Tausend in der restlos ausverkauften Halle Münsterland ein, um – wie sich später herausstellen sollte – teilhaftig zu werden am ersten authentischen Auftritt dieser Jahrhunderttruppe hier bei uns.

MZ-Fotograf Willi Hänscheid hat damals eine ganze Batterie  Filme verschossen. Sieht man sich heute die Schwarz-Weiß-Fotos an, fallen die adretten Mädchen und die wohl gescheitelten und beschlipsten Jungs auf, die da brav auf dem Hallengestühl verharrend gebannt auf jene warteten, deren Musik ihre Gefühlswelt verändern sollte. In ihren Augen war die harte Entschlossenheit zu erahnen, dass nun alles anders werden sollte . . .

Aber gemach: Es blieb alles im Rahmen. In meinen – wohlwollenden – Bericht am nächsten Tag war auf der fünften Lokalseite der MZ von „Hexenkessel, entfesselten, kreischenden Fans, die von der Polizei nur mit Mühe in Schach gehalten werden konnten'" zu lesen. Wie versprochen gingen auch einige Stühle zu Bruch. Das war's dann aber auch. Gerade mal acht Titel gestanden die Stones ihrem Festland-Premieren-Publikum zu. Über Mikrophon ließen sie die Polizei (!) mitteilen: „Keine Zugabe." Die Fans trollten sich. Bei so manchem Fußball-Derby in der Kreisklasse C spielen sich da heutzutage ganz andere Szenen ab.

Ein Vierteljahrhundert später.....

25 Jahre später beehrten die inzwischen Legende gewordenen Rock-Musiker Deutschland erneut. Im hannoverschen Niedersachsenstadion.  1990 dabei eine Gruppe MZ-Redakteure, die ihren alten Kollegen Timm überredet hatte mitzukommen: „Erzählt doch mal von damals . . ."

So kam es zu einem fast schon nostalgischen Wiedersehen und Wiederhören. Später noch mal in Gelsenkirchen und Köln. Und immer deutlicher bahnten sich die Bässe ihren Weg in meine Gehörgänge. Auf deutsch: Mir wurd's einfach zu laut. Heute legen ich lieber die Platte von der Urban Jungle World Tour auf. Da kann ich die Lautstärke selber bestimmen.

Und heute? Die Meldung vom 50-jährigen.  Ein wahrhaftig denkwürdiges Jubiläum für eine Truppe, von der man getrost und unwidersprochen berichten kann, sie habe nicht immer streng gesund gelebt. Chapeau die Herren Stones!

Anlässlich der Deutschland-Tour 1990 habe ich übrigens Mick Jagger einen in der MZ veröffentlichten Brief geschrieben: „Mick, do you remember Münster 1965?" Er hat nie geantwortet. Aber ich bin sicher, Mick hat den Brief erhalten und gelesen. Er konnte ihn nur noch nicht beantworten, weil er so viel um die Ohren hat. Und nun auch noch die ganzen Vorbereitungen auf das Jubiläum! In dem Sinn: Glück auf.

(Bild: Larry Rogers unter CC-BY-SA-2.0)

9 Kommentare

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Als "ewiger " Fan der Stones, habe ich Mick am 26. Juli 2013 folgendes geschrieben:
" Sir Mick Jagger you are and will be unreached! Continue as long the dear Lord let you. We love you. We wish many, many great hits and successful years to follow. "Happy Birthday" from your german fans!"
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"Steine? Kenne ich nicht!"

Großartig!
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Thomas Bily
Wie gesund sie gelebt haben, kann man in der Biographie von Keith Richards nachlesen. Kann ich nur empfehlen. Was die durchgelebt haben... Ist echt ein Wunder, dass die noch fast alle leben.
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@Cati: Die Waldbühne wurde von Jugendlichen mit "krankhafter Genugtuung" zerlegt: http://www.youtube.com/watch?v=-XM-tUB-Y58
großartig!
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...fortsetzung: also: Alexis Korner, Third Ear, Family mit Roger Chapman und eben die Stones. Alles kostenlos. Wir mittendrin. Es war super heiß. Die Freaks um uns rum rauchten einen Joint nach dem anderen. Wir haben dankend abgelehnt. Bier wäre eher unsere Droge gewesen. Später sollten die Stones mal in Hamburg auftreten. Das Konzert wurde aber nach Kiel in die Ostseehalle verlegt. Ich fuhr mit dem Pressebus der Schallplattenfirma nach Kiel. Mit zweistündiger Verspätung kam Dan Jagger auf die Bühne und begrüßte die Fans mit den Worten: high, its nice to be in Hamburg. Musikalisch und bewegungstechnisch waren die Stones aber immer gut. Hannover fand ich dann etwas zu kommerziell. Das letzte mal, dass ich sie live hörte war in Stuttgart. Die Stones gastierten im Neckarstadion. Ich lag nicht weit weg in meiner Dachgeschosswohnung bei offenem Fenster und die Stones haben mich mit Honky Tonk Women in den Schlaf gesungen. Keep on rock'n
Juergen, nicht nur die Stones... Anfang der 90iger war ich in Karlsruhe auf einem "Bob Seeger" concert. Ein Junge vor mir bat mich um "a cigarette". Blauaeugig holte ich meine Zigarettenpackung raus, der bekam einen Lachkrampf und zeigte mir den Vogel. Meine amerikanische Freundin klaerte mich auf, was der wirklich wollte: " einen joint!". Oh Gott war ich bloed......
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Hans-Hinrich. Deinen Beitrag kann ich nachvollziehen. In der Anfangszeit waren mir die Beatle, die ich live in der Hamburger Erns-Merck-Halle gesehen habe näher und wichtiger. Später habe ich die Stones aber doch lieben gelernt. Unvergessen ist mir das Konzert im Londoner Hyde Park, zwei Tage nach dem Tod von Brian Jones. Ein Open Air Konzert mit Alexis Korner
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Ein Stones-Konzert mit nur acht Liedern - da waren die Münsteraner anscheinend verständnissvoller als die Besucher der Waldbühne 1965.
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