Mein langer Weg zur Philosophie

An den deutschen Gymnasien gab es in den Fünfziger Jahren kein Fach Philosophie, nicht einmal als Wahlfach. Man hatte wöchentlich eine Stunde Religion, in der man am Hölderlin-Gymnasium in Heidelberg meist strickte oder die Zeitung las.
Eigentlich sollte es in den Abitur-Klassen wenigstens eine Einführung in die Philosophie geben, obwohl ich nicht überzeugt bin, dass sich dadurch die menschliche Reife der Abiturienten exorbitant erhöhen würde

Als ich mich nach einem zweiwöchigen Mathematik-Studium doch für ein Philologiestudium entschied, erfuhr ich, dass nach dem 4. Semester – zusätzlich zu den 3 Studienfächern - auch eine Prüfung in Philosophie abgelegt werden müsste.
Meine Vorfreude hätte durchaus größer sein dürfen.

Die beste Methode, mit unangenehmen Dingen umzugehen, ist der Aufschub. Zwei Jahre sind, wenn man jung ist, eine irrsinnig lange Zeit, und so bewarb ich mich erst einmal um ein Halbjahres-Studium in London. Dort interessierten mich andere Dinge viel mehr, die Stadt hatte so viele Angebote für einen kulturell verhungerten Flüchtling:
Ich hörte das Beethoven'sche Violinkonzert in der Royal Albert Hall, gespielt von dem berühmten Yehudi Menuhin, ein Versöhnungsangebot an die Deutschen.
Ich lernte den wunderbaren Maler William Blake in der Tate Gallery kennen und betastete die Eva von Auguste Rodin in der Eingangshalle. Das Leben war voller Sensationen!

Zum 3. Semester kam ich zurück, und es ließ sich nun nicht mehr aufschieben, ich musste mich irgendwie mit der Philosophie anfreunden. Zu der Zeit hielt gerade ein ganz berühmter Philosoph, Heidegger, eine Vorlesung, und der Hörsaal 6, riesengroß, konnte die Zahl der philosophiehungrigen Studenten gar nicht fassen. Man saß auf den Fensterbänken, auf dem Boden zu Füßen des Meisters.
Seltsam ist, dass ich mir das Gesicht und die Stimme dieses Menschen nicht mehr vorstellen kann. Wahrscheinlich war der Schock, der folgte, so groß, dass das Gedächtnis sich einfach weigerte, unwesentliche Details abzuspeichern.

Es blieben aber Wort-Ungetüme hängen, z.B. der Begriff Un-Zuhause. Das verstand ich gut, während die einheimischen Studenten daran Anstoß nahmen. Ich war eben auch eine Heimatlose, eine Unbehauste, Ausgestoßene, Vertriebene, Randexistentielle, Arm-Seiende, dem Nicht-Sein Entkommene, im Sein Noch-Nicht-Angekommene ... …

Nach der Stunde sanken meine Studienfreundin und ich in das weiche Gras des Unihofs und betrachteten den Himmel. Er war so weit weg, so erhaben und so geheimnisvoll wie die Vorlesung.
Ein älterer Student tröstete und meinte, wir seien viel zu jung, um Heidegger zu verstehen; wir sollten doch einfach mal Schopenhauer lesen oder Nietzsche oder eine Einführung in die Materie.

Es war ein guter Rat. Ich las beide sehr gern, versuchte, ihr Hauptanliegen zu verstehen, genoss ihre stilistische Perfektion.
Noch wertvoller erwies sich die „Geschichte der Philosophie von Ernst von Aster, der in der Einleitung eine Klärung des Begriffs versucht:
„Wie das Wort andeutet, handelt es sich in dem, was wir Philosophie nennen … um ein Suchen nach Weisheit, also nach Wissen, nach Erkenntnis... Mit welchem Gegenstand beschäftigt sich die Philosophie? Die Frage erweist sich schnell als unbeantwortbar, denn es gibt offenbar keinen Gegenstand, der nicht zum Gegenstand philosophischer Reflexion werden könnte.“ (S. VII)

„Es gibt keinen spezifischen Gegenstand der Philosophie, aber es gibt 'Probleme':
die Frage nach dem Wesen der Wahrheit,
dem Wesen des Seins,
der Beziehung der Reiche des Seins
zueinander
Ursprung und Ziel des Weltgeschehens
nach dem Guten
nach dem Sollen
nach der Stellung des Menschen in der
Welt.“ (S. XV)
Nachdem ich nun wusste, dass die Philosophie die unendliche Suche nach dem Wesen des Seins war, spürte ich eine Art Neugierde, MEHR zu erfahren, mehr zu verstehen.

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Ich ging danach gern zu Prof. Habermas, der damals, noch gar nicht habiliiert, in Heidelberg lehrte und mich prüfen sollte. Als er hörte, dass ich Anglistik studierte, meinte er, da käme nur ein englischer Philosoph für die Prüfung in Frage. Ich solle mich doch mit David Hume (1711-1776) befassen, ein Vorläufer von Kant (1724-1804), und natürlich müsse ich auch „Die Kritik der reinen Vernunft“ lesen. Oder war es die der 'praktischen Vernunft'?
Als er merkte, wie entsetzt ich auf diesen Hinweis reagierte, sagte er lächelnd; „Natürlich mit Kommentar …!“

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David Hume verstand ich sofort, wie ich überhaupt die englische Art zu denken und zu reden sehr schätze. Sie ist durch und durch pragmatisch. Hume war ein großer Skeptiker, die Seele ist bei ihm „ein Bündel von Wahrnehmungen“. Die metaphysischen Bücher wollte Hume damals alle verbrannt sehen.
Damals störte mich das gar nicht.

Mit Kant hatte ich von allem Anfang an Probleme. Seine Art zu schreiben empfand ich als nackte Abstraktion. Mehr als 10 Sätze aufmerksam zu lesen, führte zu ersten Ermüdungszeichen. Der Kommentar half.
Später lernte ich eine andere Gabe von Kant schätzen, seine Fähigkeit, die geologische Struktur der Alpen aus der Ferne exakt zu beschreiben. Er, der Königsberg niemals verlassen hatte, s a h offenbar fern.
Noch später gefiel mir sein kategorischer Imperativ, und auch sein Blick zum Sternenhimmel und in das eigene Herz überzeugte mich von der Genialität dieses Philosophen.

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Die Prüfung war einfach, weil ich den Prüfer die ganze Zeit gar nicht zu Wort kommen ließ. Habermas saß einfach da und rauchte Am Ende bekam ich die Note GUT : Sie steht auch im Zeugnis des Staatsexamens neben den 3 anderen Fächern.
(Sie ist neuerdings mein Ausweis für die Zulassung zur Rubrik PHILOSOPHIE bei wize.life

Danach hatte ich das Gefühl, ich hätte das Soll erfüllt. Für mich Wesentliches hatte ich nicht durch die Beschäftigung mit der Philosophie gefunden, es waren einfach nur Spaziergänge im D e n k e n anderer Menschen gewesen, interessant, aber unergiebig.
Vom Leben verstand ich mit 26 Jahren wenig, und die Philosophie war kein Ratgeber gewesen.

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Erst nach Beendigung meiner beruflichen Tätigkeit und dem Verlust meiner Familie stellte sich wieder ein Interesse an Philosophie ein. Ich durfte als Gasthörerin an allen Veranstaltungen in der Universität teilnehmen, und dabei lernte ich auch Prof. Halbwassen kennen, einen Plotinkenner von Format.
Erst jetzt – nach einer intensiven langjährigen Beschäftigung mit der Alt-indischen Philosophie (Veda) konnte ich abwägen, welche Aussagen sich mit den Aussagen einiger westlicher Philosophen deckten.
Wenn Meister Eckhart (1260-1327) vom „Einswerden mit Gott“ spricht, sagt er nichts anderes als der Inder Ramana Maharshi (1879-1950), der schon als ganz junger Mann die Erfahrung der Einheit/Erleuchtung (moksha) gemacht hat.

Heute bin ich dankbar, dass mich mein zunächst unbeholfener Umgang mit der Philosophie zu dieser tiefen Erkenntnis hat führen können.

ez

Zit. nach Ernst von Aster, „Geschichte der Philosophie“, 1958.
Johannes Hirschberger, „Kleine Philosophiegeschichte.“ 5.Aufl. 1965.

1 Kommentar

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Wer nicht versteht, was Esoterik i s t , braucht sich nicht um ihre "Einordnung" zu kümmern.
Sie schon gar nicht, Herr A.

Was verstehen Sie denn von Philosophie. Sie fallen hier doch nur durch Kopien von wikipedia -Artikeln auf.

Aber wenn es Sie glücklich macht, dauernd denselben Unsinn zu schreiben, spielen Sie ruhig die Nummer weiter. Sie erhöhen dadurch die Zahl der Kommentare - das ist in der Tat wichtig für Ihr Selbstgefühl.
Freut mich, dass ich Ihre Zielscheibe sein darf. Die Pfeile gehn aber automatisch an Sie zurück.
Das können Sie natürlich nicht wissen.
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