Richard Lindner, The Meeting, 1953

Kunst verstehen: Richard Lindner und sein "Babylon New York"

Mit der "interessanten" Biografie Richard Lindners möchte ich meinen Kunstbeitrag beginnen, denn diese gehört entschieden zu seinem Werk. Aber in Deutschland war und ist er bis heute als "moderner" Maler nicht so bekannt, was für mich nun ein wesentlicher Grund ist, ihn einmal vorzustellen.

...und nun zur Biografie

Richard Lindner wurde am 11. November 1901 in Hamburg geboren. Sein Vater Julius Lindner war Handlungsreisender und Mitglied der Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde - seine Mutter Mina Bornstein ist Tochter von deutsch-amerikanischen Juden - folglich war auch Richard Jude. Die Familie zog dann 1905 nach Nürnberg, wo sie aber diverse Mal umzog. Im Jahre 1913 eröffnete Richard Lindners Mutter ein Geschäft für maßgefertigte Korsetts, vermutlich wegen des zu geringen Einkommen des Vaters.

Richard Lindner begann 1922 ein Studium an der Kunstgewerbeschule in Nürnberg und belegte Kurse "in Zeichnen nach dem lebenden Modell" und in der Ölmalerei - nebenbei arbeitete er als Verkäufer, hatte diverse Auftritte als Pianist, die ihn zum Entschluß brachten sich den Bildenden Künsten zu widmen - der allgemeine bohemenhafte Lebensstil der Künstler war sein Begehren. 1925 lebte er dann kurz in Frankfurt, kehrte aber nach Nürnberg zurück, um sein Studium fortzusetzen(!). Er wurde hier ein Jahr später Meisterschüler von Professor Max Körner und beteiligte sich an mehreren Wettbewerben für Spielzeuggestaltung und Tabakwer­bung.

Dann erfolgte sein Umzug nach Berlin (1927) - und hier Entwurf und Umschlagillustration zu „Drei Bücher des Lachens“ (Ullstein-Ver­lag Berlin). Zwei Jahre später meldete sich Richard Lindner wieder in Nürnberg an, aber schon eine Woche später siedelte er nach München. Hier heiratete er (1930) Elsbeth Schülein, eine Mitschülerin aus Nürnberger Zeiten. Für den Münchener Verlag Knorr und Hirth fertigte er Illustrationen für Zeitungen und Zeitschriften (über diese Illustrationen berichtete die Grafikzeitschrift „Das Zelt“ - damit erste Publika­tion über Richard Lindner). Für den Ull­stein-Verlag, Berlin entwarf er 13 Zeichnungen und den Umschlag für das Buch „Grock, Grock, Ich lebe gern!“ (eine Autobiografie des weltberühmten Clowns Grock). Frau Elsbeth Lindner besuchte inzwischen die Meisterschule für Mode in München.

Jetzt entscheidende Lebens-Stationen

Im Jahre der "Machtergreifung Adolf Hitlers" (30. Januar 1933) emigrierte Richard Lindner in die Künstlermetropole Paris. Nach der Kriegserklärung gegenüber Frankreich aber, internierte die französischen Polizei mit anderen Flüchtlingen Richard Lindner und seine Frau (September 1939). Er kam in ein (Konzentrations?)Lager in Villemalard bei Blois (ca. 160 km von Paris) - Elsbeth Lindner wurde zuerst freigelassen und emigrierte über Casablanca in die Vereinigten Staa­ten, wo sie Verwandte hatte. Richard Lindner überlebte das Lager und emigrierte 1941 auch in die USA (Ankunft am 17. März in New York), deren Staatsbürgerschaft er dann 1948 erwarb. Zunächst arbeitete er hier erfolgreich als Zeitschriften- (Harper's Bazaar, Fortune, Vogue) und Buchillustrator. Am 16. Februar 1943 verstarb sein Vater Julius Lindner im Konzentrationslager Theresienstadt. Ein Jahr später ließen sich Richard und Elsbeth Lindner scheiden - sie nannte sich ab jetzt Jacqueline.

Mit dem weltberühmten Karikaturisten Saul Steinberg war Richard Lindner ab 1945 befreundete. Nun zog er sich wohl nicht ganz von seinen Werbegrafik-Tätigkeiten zurück, aber konzentrierte sich ab 1950 voll auf seine Malerei. Ab 1952 (bis 1966) wurde er am Pratt Institute in Brooklyn, New York Lehrbeauftragter für Design. Im Jahre 1953 begannen Studien für Lindners erstes großes Gemälde "The Meeting". Richard Lindners erste Einzelausstellung fand 1954 in der Betty Pasons Gallery in New York statt - jedoch verkaufte sich leider keines seiner Bilder. Als Gastkünstler betätigte er sich 1957 an der Yale University School of Art and Architecture in New Haven (Connecticut). Und 1959 lernte er Andy Warhol kennen.

... und in Europa

Im Jahre 1965 erhielt er eine Gastdozentur an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. Ein Jahr später besuchte er den Maler Rene Magritte (kurz vor dessen Tod) in Brüssel. Jetzt stellte er in Europa, besonders in Deutschland aus, und beteiligte sich an Gruppenausstellungen wie Documenta 4 (1968) und Documenta 6 (1977) in Kassel.

Die erste amerikanische Museumsretrospektive fand 1969 in Berkeley und in Minneapolis statt und er heiratete die Malerin Denise Kopelmann - nun folgten Reisen nach Kalifornien, Florida, Italien, London und Paris - hier erwarben sie eine Wohnung.

Den Lichtwark-Preises der Stadt Hamburg bekam er 1970 verliehen. Zwei Jahre später wurde er Mitgliedschaft in der Academy of Arts and Letters in New York. Die Fisher Fine Art Ltd. in London und die Galerie Knoedler and Co. in New York wurden Richard Lindners Kunsthändler und blieben es bis 1975.

... eine Ausstellung sogar in Nürnberg

Zunächst fand die(!) Retrospektive "Richard Lindner" im Musee National d’Art Moderne in Paris 1974 statt und dann in Rotterdam, Düsseldorf, Zürich, Nürnberg (habe ich sogar besucht) und Wien. Und 1976, seit seiner Emigration, der erster Besuch in Nürnberg. Sein Leben und seine Kunst erörterte er in dem Film "Richard Lindner '77“.

Am 16. April 1978 starb Richard Lindner in seiner New Yorker Wohnung an einem Herzanfall. Die Beisetzung fand auf dem Westchester Hills Cemetery in Hastings-on-Hudson (New York) statt.

Zum Tode Richard Lindners schrieb die New York Times: „Von Bild zu Bild, gab er dem Begriff ‚femme fatale‘, neue Bedeutung. Seine animalischen Frauen sind die personifizierten Männerfresser, die ihren krönenden Abschluss in der Darstellung der Lulu in Frank Wedekinds Stücken finden. Sie haben etwas vom Berlin der Weimarer Republik und New York gemeinsam. Fundamental gesehen entstammen sie einer Kreuzung eigenen Ersinnen und sind nirgends anders anzutreffen, als in seinen Bildern selbst.“

Kuriosität: Auf dem Cover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper Lonely Hearts Club Band" ist in der zweiten Reihe zwischen Stan Laurel und Oliver Hardy ein Porträtfoto von "Richard Lindner" einmontiert!

Sein Werk mit grellen Farben und Erotik

Der US-amerikanischer Maler und Grafiker Richard Lindner mit deutscher Herkunft gehörte zu den bedeutendsten Künstlern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er entwickelte eine unverwechselbare Bildsprache (Pop-Art-Künstler wie Roy Lichtenstein oder Andy Warhol fühlten sich von ihm stark beeinflusst). Doch ein "Pop-Art-Künstler" wollte Richard Lindner nie sein - für diese Kunstgattung waren seine Bilder zu tiefgründig und für eine "Neue Sachlichkeit" zu fetzig!

Richard Lindners szenische Darstellungen waren konstruierte Wesen zwischen Mensch und Maschine in grellen Farben und einer "Atmosphäre aus Erotik und gezieltem Fetischismus". Seine Künstlerkarriere startete er erst mit 50 Jahren. In seiner Wahlheimat New York gefiel er sich als "Flaneur" - für ihn wurde die Straße zu einer Theaterbühne. Szenen zeigen, wie souverän der gelernte Werbegrafiker seine Mittel beherrschte. Sein Hauptinteresse waren weibliche Gestalten, die sexuell stark aufgeladen, mit grafischer Betonung von Brüsten und Unterleib, ausgestattet waren. (Dazu mein Hinweis: Ein entscheidender Impulsgeber war sicherlich das damalige Korsagen- und Miederwaren-Geschäft (1913) von Richard Lindners Mutter in Nürnberg).

Enormer Erkennungswert

Stilistisch hat Richard Lindner zwar einen hohen Wiedererkennungswert, doch einseitig ist sein Werk keineswegs - ab und an erinnerte es an George Grosz oder an Pablo Picasso, Fernando Botero oder Giorgio de Chirico.

Der großzügige Einsatz von knalligen Farben betonte eine starke "Künstlichkeit". Dem "schönen Schein" mochte Richard Lindner nicht trauen, denn er erklärte: "Eigentlich interessiert mich nur das Wartezimmer. Wir sind alle im Wartezimmer des Lebens und warten auf den Tod.“

Die Bildergalerie

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild: Dieses Gemälde ist eines seiner bekanntesten Bilder, versehen mit dem englischen Titel "The Meeting". Es ist eine surreal wirkende Versammlung von neun Figuren - ein "psychologisches Familienporträt" (autobiografisch als auch symbolisch). Das Gemälde befreite Richard Lindner von seiner Vergangenheit und er sagte 1962 dazu "es war irgendwie bedeutend für mich, eine Art Durchbruch durch meine europäische Vergangenheit.“
Dem Juden Richard Lindner wurde Nürnberg 1933 unerträglich, aber die Vergangenheit ließ ihn doch nicht gänzlich los, denn das Bild "The Meeting (1953)" führte New Yorker und Nürnberger eng zusammen.

Bildergalerie Bild 2: Richard Lindner, "How it all Begann" von 1969, stammt aus der Collection Sam Shore, New York und ist es "sein(!) christlichstes" Motiv?

Bildergalerie Bild 3: Ein sehr gefühlvolles und zärtliches Richard-Lindner-Gemälde mit dem Titel "Hommage to a Cat (1962)" - Copywright by Tate Gallery.

Bildergalerie Bild 4: Richard Lindner, "Telephone" (1966). Dieses ganz typische Lindner-Motiv (inzwischen eines seiner wichtigsten Werke) kaufte die Stadt Nürnberg 1975 zum Preis von 209 000 Mark (nie zuvor hatte man bei einem Kunsteinkauf derart tief in den Stadtsäckel gegriffen) - heute gehört das Bild der Kunsthalle Nürnberg.

Bildergalerie Bild 5: Richard Lindner, "Out of Towners (1968)" - ein durch und durch amerikanisches Gemälde, das aber zur Sammlung Thyssen-Bornemisza in Lugano gehört.

Bildergalerie Bild 6: Sehr amerikanisch! Das Richard-Lindner-Motiv "Miss Indian (1970)" aus der Collection Sam Shore, New York.

Bildergalerie Bild 7: Richard Lindner, "The Ace of Clubs (1973)" - Ein Bild mit einem Flair aus dem "Spieler-Paradies Las Vegas" - © Simons and Jerome Chazen.

Bildergalerie Bild 8: Ein S/W Foto aus dem Jahre 1974 "Der Maler Richard Lindner in seinem Atelier".

Bildergalerie Bild 9: Cover (Detail) des Beatles Albums "Sgt. Pepper Lonely Hearts Club Band" von 1967 - ein "Denkmal" dieser legendäre Schallplattentitel. Unter 70 Persönlichkeiten - zwischen Stan Laurel und Oliver Hardy - hat eben auch der Maler Richard Lindner seinen(!) Platz.


Links:


(Richard Lindner - Biografie)
https://www.galeriehafenrichter.com/...rd-lindner/

(Neue Sachlichkeit - Kunst)
https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_S...keit_(Kunst)

(Pratt Institute, Brooklyn)
https://de.wikipedia.org/wiki/Pratt_Institute

(Anfänge der Pop Art - USA)
https://de.wikipedia.org/wiki/Pop_Art

(MoMA)
https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_of_Modern_Art





Map-Data: 
Kunsthalle Nürnberg - Richard Lindners Bild "Telephone" - Lorenzer Strasse 32, 90402 Nürnberg

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