Christlich-jüdisch: was soll das sein?

Judasverbrennen
JudasverbrennenFoto-Quelle: wikipedia.org

Geschichtsvergessene Heuchler faseln oft und gern von der gemeinsamen christlich-jüdischen Tradition und wollen damit eine gemeinsame Kultur beschwören, die es nicht gegeben hat.

Erbschuld und Diskriminierung

Christen haben in Juden die Mörder ihres Herrn Jesus gesehen und sie daher schon immer diskriminiert. Juden war von Alters her der Besitz von Grund und Boden sowie der Zugang zu den Zünften untersagt. Sie hatten also zum Stand der Bauern oder Handwerker keinen Zugang. Ab dem Spätmittelalter wurden ihnen bestimmte Wohnbezirke, Ghettos oder Judengassen, zugewiesen, in denen sie nachts eingeschlossen waren.

Um sich zu ernähren blieb den Juden nur der Handel und der Geldverleih gegen Zinsen.

Grundübel: Zinsen

Interessant ist, dass das Verbot, Zinsen zu nehmen, auch in der Bibel an mehreren Stellen verankert ist und somit auch für Juden und Christen gelten müsste. Ein Beispiel aus dem 5. Buch Mose, Deuteronomium, 23:20-21:

„Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann. (20) Von dem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, aber nicht von deinem Bruder, auf dass dich der Herr, dein Gott, segne in allem, was du unternimmst in dem Lande, dahin du kommst, es einzunehmen. (21)“

Für Juden und Christen gilt daher das biblische Zinsverbot, wurde aber schon früh immer wieder umgangen, und Geldgeschäfte wurden verschleiert. Im Jahr 1179 erlaubte der Papst den Christen, sich von Juden Geld gegen Zinsen zu leihen. Den Christen untereinander war dies jedoch nicht erlaubt. Der Verstoß gegen das Verbot, Zinsen zu nehmen, wurde 1215 vom Papst sogar mit einem Kapitalverbrechen gleichgesetzt.

Die Juden interpretierten das Wort ‚Ausländer‘ aus dem 5. Buch Mose so, dass es für alle Menschen galt, die nicht zum ‚auserwählten Volk‘ gehörten, also nicht-jüdischen Glaubens waren. Damit konnten sie Geld an Christen verleihen und von diesen Zinsen verlangen.

Moral und Neid

Da die Christen auch im Mittelalter Geld für die Wirtschaft benötigten, liehen sie es sich von den Juden, gegen Zinsen natürlich. Die Christen umgingen so das kirchliche Zinsverbot und beschuldigten gleichzeitig die Juden der Sündhaftigkeit. Sie fühlten sich moralisch überlegen und gleichzeitig wuchs der Neid unter den Christen auf die Juden, die mit ihrem Geld gute Geschäfte machten. Dieses Gefühl der moralischen Überlegenheit, gepaart mit Neid, führte unter Anderem schließlich zu den Judenverfolgungen im ‚christlichen‘ Europa.

Judenverfolgungen: Beispiele

Juden galten als Feinde des Christentums, und als Papst Urban II. zum Kreuzzug aufrief, waren die wohlhabenden Juden im Rheinland 1096 die Opfer der ersten ‚christlichen‘ Pogrome.

Mitte des 14. Jahrhunderts hat man den Juden vorgeworfen, am Ausbruch der Pest schuld zu sein. Die Pest wurde als Strafe Gottes für jene Städte interpretiert, die Juden in ihrer Mitte akzeptierten. Die Pogrome nahmen in den Mittelmeerhäfen ihren Ausgang und weiteten sich bis ins Rheinland aus.

Nach der Reconquista Spaniens wurden 1492 nicht nur die Mauren, sondern auch die Juden von der Iberischen Halbinsel vertrieben.

1646 wurden im Lauf eines Kosakenaufstands 100.000 polnische Juden ermordet.

Im 19. Jahrhundert fanden in Russland zahlreiche Pogrome statt.

Die sechs Millionen Opfer des Holocaust 1941 bis 1945 beweisen, dass es mit einer gemeinsamen christlich-jüdischen Tradition auch in jüngster Vergangenheit nicht weit her ist.

Eine demonstrative – keineswegs taxative – Aufstellung der Judenverfolgungen im Lauf der Geschichte kann man hier nachlesen:
http://www.christen-und-juden.de/html/seldner7.htm

Osterfeuer: Judasverbrennen

Der ausgelebte Antisemitismus zeigt sich auch in einer abgewandelten Form des Osterfeuers: dem „Judasverbrennen“.
Eine Strohpuppe symbolisiert die Figur des Judas Ischariot, der Jesus an die Römer verraten hatte. Dieser Brauch ist in katholischen Ländern – gegen den Willen der katholischen Kirche! - verbreitet, also in Südamerika, Spanien und Polen, früher auch in Süddeutschland. Manchmal erhielt die Strohpuppe das Konterfei ortsansässiger Juden.
https://de.wikipedia.org/wiki/Judasverbrennen

In der polnischen Stadt Pruchnik lebt dieser Brauch bis heute fort. Die im Jahr 2019 verfertigte Judasfigur hatte mit schwarzem Hut und Schläfenlocken deutliche Kennzeichen eines orthodoxen Juden. Der World Jewish Congress bezeichnete das als „geisterhafte Wiederbelebung des mittelalterlichen Antisemitismus“. Dies wiegt umso schwerer, als an diesem ‚Brauch‘ zahlreiche Kinder beteiligt waren …

(Exkurs: In anderen Weltgegenden wird der „Judas“ durch unliebsame Personen ersetzt. Im spanischen Ort Coripe war es der abgesetzte katalanische Regionalpräsident Puigdemont, und in Venezuela die Präsidenten Trump und Maduro.)

Antisemitismus aktuell

Neueren Studien zufolge haben 10% der Österreicher eine manifeste und weitere 30% eine latente antisemitische Einstellung. Wahrscheinlich ist die Situation in Deutschland ähnlich.

Die Beschwörung einer christlich-jüdischen Tradition ist nichts weiter als eine gewaltige Lüge.

28 Kommentare

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Nachtrag, ohne weiteren Kommentar:
"Es gab eine christliche Kultur, die uns Juden Tausende von Jahren verfolgt, verbrannt, ermordet, vergast hat. Sonst nichts. "Judäo-christlich", das bedeutet nicht, dass Juden nun dazugehören, es heißt vielmehr: Der Islam gehört nicht zu Deutschland." (Richard Schneider)
https://www.zeit.de/2019/43/antisemi...and/seite-2
Hagen Rether formulierte es so ähnlich:
Die geschichtsvergessenen Heuchler nehmen den Juden zum Komplizen gegen den Muslim ...
Ich beneide alle, die so knapp und prägnant formulieren können
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Grundsätzlich von Heuchelei zu sprechen halte ich für zu hart. Der Wunsch, die von der christlichen Seite ausgehende Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung bis hin zur systematischen Vernichtung zu überwinden und sich auf die gemeinsamen Wurzeln beider Relgionen zu beziehen, hat für mich etwas Positives. Ich meine auch nicht, dass beide Religionen bei aller Verscheidenheit in ihren Grunsätzen so viel Gegensätzliches aufweisen, dass nicht auch von Gemeinsamkeiten gesprochen werden kann. Würde man die Unterschiede so stark betonen, dass man von einer Gegensätzlichkeit sprechen müsste, könnte man genau so wenig von einer christlichen Gemeinschaft von Orthodoxen, Katholiken, Protestanten und freien Glaubensgemeinschaft sprechen - ich denke dabei z.B. an den erbitterten Streit um die Dreifaltigkeit und die Frage der der Quellen des Glaubens, der Auslegung der Quellen, der Gottgleichheit oder Gottähnlichkeit Jesu im frühen Christentum oder zwischen West- und Ostkirche, die Frage des Priesteramtes, der Stellung der Frau oder die Frage des Verhältnisses zwischen religiösen und weltlichen Gesetzen. Ich weiss, dass ich durch mein Selbstverständnis als Atheist natürlich voreingenommen bin, wenn ich sage, dass diese Unterschiede in den theologischen Grundlagen zwischen den einzelnen christlichen Religionen nicht von größerem Gewicht sind als die zwischen Juden und Christen und würde als Angehöriger einer der Glaubensgemeinschaften anders urteilen. Ich denke aber genau so, dass es jede Religion gleichermaßen von sich verlangen lassen kann, die Bedingtheit der Differenzen durch den jeweils eigenen Standpunkt als solche zu erkennen.
Zur Heuchelei wird die Betonung einer "christlich-jüdischen Tradition" allerdings dann, wenn keine hundert Jahre nach der Shoah und bei fortdauerndem Antisemitismus die brutale Unterdrückung der Juden durch christliche Gesellschaften als historisierte, also längst überwundene Entwicklung gesehen und eine vorgeblich harmonische Gemeinsamkeit instrumentalisiert wird, um andere Religionen - speziell dem Islam - auszugrenzen und im gleichen Zuge dazu dienen muss, Kritik an grundlegend als "christliche -jüdisch geprägten" gesellschaftlichen Verhältnissen a priori zu delegitimieren.
Es ist ja auch nicht schwer für eine mehrheitlich christliche Bevölkerung, die wenigen Juden, die in Europa leben, als Brüder und Schwestern zu bezeichnen, nachdem man die große Mehrheit von ihnen umgeracht hat. Es ist auch mindestens so bequem, die Forderung nach weltanschaulichem - also auch religiösem - Pluralismus unter dem Schibboleth der "christlich-jüdischen Tradition"als Antisemitismus zu denunzieren. Es bleibt die unbequeme Aufgabe christlicher Gemeinschaften, die Gebote weltanschaulicher Pluralität, die als Forderung nach dem grauenhaften Höhepunkt jahrhundertelanger Verfolgung der Juden auf die Tagesordnung gesetzt wurde, nicht nur gegenüber dem Judentum, sondern allen Religionsgemeinschaften zu praktizieren.
Dass Unterschiede im Glauben/Gemeinsamkeiten, uns wieder mehr denn je beschäftigen, zeigt auch welches Klima herrscht im 21. Jahrhundert.
Hat Voltaire noch das Gefängnis befürchten müssen als er versuchte seinem Zeitalter mehr Aufklärung zu verschaffen, hat er doch den Alten Fritz zu dem Spruch verhelfen können: "Jeder soll nach seiner Façon selig werden."
Nun ist wieder eine Hysterie umgriffig und das Ziel bleiben die Religionen... Geistiger Absturz des Menschen ins Mittelalter!
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Nach dieser Stelle im 5. Buch Mose habe ich lange gesucht.
danke.
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