Pflege daheim: "Um jede Windel kämpfen"

Hochachtung für Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen
Hochachtung für Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegenFoto-Quelle: Robert Kneschke - Fotolia
Sandra Tjong
Aktualisiert:

Rund 2,5 Millionen Menschen pflegen in Deutschland einen Angehörigen zu Hause. Viele gehen dabei jeden Tag an die Grenze des Belastbaren – oder darüber hinaus. Doch nicht nur das: Der Kampf ums Geld macht ebenfalls zu schaffen: Was Pflegenden zusteht und wo sie Hilfe bekommen können.

Ralph M. ist Handwerker. Eigentlich. Denn vor rund zwei Jahren, als seine Eltern pflegebedürftig wurden, kümmerte er sich nicht mehr um Aufträge, sondern um sie: der Vater 93 Jahre und die Mutter 89 Jahre. Fatal: Er hat sich nicht um die Formalitäten gekümmert, wie Pflegegeld beantragen und Einschätzung des Pflegegrades nicht gekümmert – und jetzt gibt es Probleme mit der Pflegeversicherung wie auch der Anerkennung durch die Rente.

Keine rückwirkenden Leistungen

Seine Frau, die, wie er berichtet, ihn sicher tatkräftig unterstützt hätte, ist leider schon vor längerer Zeit gestorben. Nun hat der 63 Jahre alte wize.life-Nutzer den Sozialverband VdK eingeschaltet. Die Chancen dürften allerdings gering sein.

"Das Geld wird frühestens ab Beginn des Monats gezahlt, in dem der Antrag gestellt wurde", sagt Gisela Rohmann, Pflege-Expertin bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. "Rückwirkend gibt es keine Leistungen."

Kein Feierabend, kein freies Wochenende

Welche Belastungen auf Pflegende zukommen, kann wohl nur bemessen, wer dies selbst erlebt hat. Klar ist aber: Sie sind erheblich. Vor allem, wenn der Angehörige rund um die Uhr betreut werden muss. Davon zeugen Schilderungen anderer Wize.life-Nutzer.

Andrea M.: "Je weiter die Krankheit voranschritt, war das kein Spaß […] und das Lächeln der Liebe war mir nur im Gesicht eingefroren. […] Gegen Ende zu war mein Mann dann auch noch verwirrt und durch einen Keim in der Lunge ein Fall für Quarantäne - und trotzdem bekam ich ihn immer wieder in die Wohnung gebracht. Das Ganze ging so zwei Jahre und NEIN, ich würde solch einen extremen Pflegefall nicht noch einmal zuhause pflegen wollen. Es wird von Außenstehenden immer übersehen, dass häusliche Pflege für den Angehörigen 24 Stunden Hausarrest über Monate und Jahre hinweg bedeuten man keinen Feierabend hat und auch kein freies Wochenende."


Elfie N.: "Bei aller Liebe, es ist eine ungeheuerliche Aufgabe. Ich möchte nur eins sagen! Nach 15 Jahren Betreuung meiner Mutter und Schwiegermutter war ich vollständig am Ende. […] Bin nie mehr zu meiner alten Kraft gekommen. Darunter haben dann meine Kinder gelitten. Das kann man niemanden zumuten."

Beträchtliche finanzielle Einbußen

Abgesehen davon, dass der Alltag auf den Kopf gestellt, der oder die geliebte Angehörige immer mehr abbaut (was psychisch belastet), kommen teils beträchtliche finanzielle Einbußen hinzu – auch wenn man umgehend Pflegegeld beantragt.

Seit 2017 wird das Pflegegeld nach neuem System berechnet. Statt drei Pflegestufen gibt es fünf Pflegegrade, Demenz wird stärker berücksichtigt. Dazu erhält jeder ehrenamtlich Pflegende einen Rentenanspruch, arbeitet er oder sie nebenbei weiter, werden die Ansprüche addiert. Zuvor waren die Hürden höher. Dennoch gilt: Die Leistungen ersetzen den ursprünglichen Verdienst nicht – je nach Pflegegrad und Profession ist der unter Unterschied immens, was sich wiederum auf den Rentenanspruch auswirkt.

Maximal 901 Euro Pflegegeld

Adi D.: "Ich habe meine Frau ca. 5 Jahre gepflegt. Nachdem sie sich nicht mehr selber versorgen konnte, habe ich meinen Job aufgegeben und bin früher in Rente gegangen. Die finanziellen Einbußen sind durch nichts zu ersetzen, denn das Pflegegeld (hier 901 €) reicht niemals aus."

Damit bekommt Adi D. – oder vielmehr seine Frau – den Höchstsatz. Er greift, wenn die zu pflegende Person nahezu komplett unselbstständig ist und einen außergewöhnlich hohen Unterstützungsbedarf hat. Für Adi. D. wiederum bedeutete der Schritt nicht nur einen Verdienstausfall, entsprechend hat sich auch seine Rente minimiert.

Wie das Pflegegeld ermittelt wird

Grundsätzlich müssen Pflegebedürftige bei ihrer Pflegekasse einen Antrag gestellt und vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder im Falle privat Versicherter von Medicproof einen Pflegegrad zugebilligt bekommen haben. In der Regel muss der Versicherte zuvor bereits ein halbes Jahr auf fremde Hilfe angewiesen sein.

Hier geht's zu den Pflege-Erfahrungen der Wize.life-Nutzer

Wie mobil ist eine Person? Wie selbstständig kann sie sich noch pflegen und ernähren? Wie gut sind ihre kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten, pflegt sie soziale Kontakte? Tritt sie aggressiv auf? All dies spielt bei der Begutachtung eine Rolle. Der Prüfer vergibt Punkte in sechs verschiedenen Bereichen, Module genannt, die unterschiedlich stark gewertet werden.

Am Ende werden die Punkte entsprechend ihrer Gewichtung aufaddiert – aus der Punktzahl ergibt sich ein Pflegegrad. Und je nach Pflegegrad steht dem Versicherten Pflegegeld oder alternativ Geld für einen ambulanten Pflegedienst zu (mit Ausnahme Pflegegrad 1). Beides lässt sich auch kombinieren, wobei prozentual das Pflegegeld gekürzt wird.

Pflegeaufwand und Pflegegrad korrelieren nicht immer

Wim W.: "Wenn dann der medizinische Dienst rauskommt und einem erzählt, dass man einem viel Kraft wünscht […] und einen Palliativ-Pflegedienst empfiehlt – aber dann schriftlich mitteilt, dass die nächst höhere Pflegestufe nicht erreicht ist, dann fühlt man sich – sorry – verarscht. Geld ist nur ein Teil der Geschichte, aber wenn um jede Windel und Pflegehilfsmittel kämpfen muss, dann ist das eigentlich ein Unding."

Nicht immer ist es für Angehörige nachvollziehbar, warum die pflegebedürftige Person den entsprechenden Pflegegrad erhalten hat. Denn der Pflegeaufwand selbst spielt bei der Begutachtung keine Rolle mehr.

Und wenngleich sowohl körperliche als auch geistige Beeinträchtigungen berücksichtigt werden, könne die erforderliche Pflege sehr unterschiedlich ausfallen, sagt Verbraucherschützerin Gisela Rohmann zu wize.life. "Ist jemand körperlich eingeschränkt, aber geistig voll da, kann man ihn vielleicht auch mal alleine lassen." Wenn jemand dagegen dement ist, aber körperlich noch fit, könne man ihn oder sie womöglich kaum aus den Augen lassen. "Es kommt immer auf den Einzelfall an."

Widerspruch binnen einem Monat einlegen

Wer mit der Entscheidung der Pflegekasse nicht einverstanden ist, hat ab dem Zugang des Bescheides einen Monat Zeit, um Widerspruch bei der Pflegekasse einzulegen. Fehlt im Bescheid ein Hinweis auf die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen, beträgt die Frist ein Jahr, wie die Verbraucherzentralen erläutern. Zur Sicherheit sollten sollte der Widerspruch per Einschreiben mit Rückschein verschickt werden.

Wird der Widerspruch abgelehnt, bleibt noch der Gang vors Sozialgericht. In den meisten Fällen fallen für den Kläger keine Gerichtskosten an.

Kosten für Pflegehilfsmittel

Die Pflegekasse übernimmt bei ambulanter Pflege die Kosten für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch wie Einmalhandschuhe oder Desinfektionsmittel im Wert von 40 Euro pro Monat. Werden Hilfsmittel wie ein Rollator, Rollstuhl oder ähnliches benötigt, kann die Versorgung mit Hilfsmitteln bei der Kasse beantragt werden. Pflegekasse und Krankenkasse werden dann je nach Zuständigkeit prüfen, ob ein Anspruch auf die Ausstattung mit dem Hilfsmittel besteht.

Hier kommen Sie zu einer Gesamtauflistung möglicher Finanzhilfen

Übrigens: Windeln zählen zu den Inkontinenzprodukten, für die die Krankenkassen zuständig sind. Bitten Sie am besten Ihren Arzt um eine entsprechende Verordnung.

Helga I.: "Ich habe meine Mutter für eine kurze Zeit gepflegt. Ein Angestellter der Krankenkasse hat sich großzügig verhalten und mir erklärt, was ich alles beantragen könne, vom Krankenbett, die dazugehörenden Einlagen, auch sonst Windeln oder Hosen für Erwachsene bis zum Rollstuhl und vieles mehr […] Ich hatte da großes Glück ..."

Unbedingt eingehend beraten lassen

Nicht alle haben solch vorbildliche Berater. Sich ohne sie im Leistungsdschungel von Pflegegeld und Co. zurecht zu finden, ist hierzulande durchaus herausfordernd.

Verbraucherschützerin Gisela Rohmann weiß das aus Erfahrung – sie berät Menschen mit Problemen bei der Beantragung und Einstufung des Pflegegrads. Sie rät, dass sich jeder zu allererst ausführlich beraten lassen sollte. „Die Pflegekassen sind verpflichtet, Beratung anzubieten“, erläutert sie. Zusätzlich bieten viele Regionen Pflegestützpunkte mit kostenloser Beratung an. Eine Auflistung finden Sie hier.

"Keinen Tag bereut"

Man komme dem Gedanken nahe, dass man auch noch dafür bestraft wird, wenn man die Pflege übernimmt, resümiert wize.life-Nutzer Adi D. seine Erfahrung mit dem System. "Dennoch habe ich keinen Tag bereut, dass ich mich die Jahre über um meine Frau gekümmert habe und das 24 Std. am Tag. Wir waren 38 Jahre verheiratet gewesen und haben gelebt nach dem Motto - in guten wie in schlechten Zeiten." Doch das System sei auf "jeden Fall verbesserungswürdig".

Weitere hilfreiche Links:
Pflegegrad: Die Kriterien der Prüfer aufgeschlüsselt
Der Ratgeber zum Pflegegeld und weiteren Leistungen
Pflege zu Hause: Der Überblick der Verbraucherzentralen

sandra.tjong.autoren wize.life

2 Kommentare

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Wo bleibt da der VdK? In unserer Gegend ist der VdK sehr stark vertreten und trotzdem kann in Gesprächen festgestellt werden, daß nicht jede Verwaltung eines Verbandes gleich gut oder mehr schlecht wie recht funktioniert.
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Ja da ist was wares dran kenne es zu gut
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