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Oma erzähl doch mal II - Alltag in der DDR

Oma erzähl doch mal II - Alltag in der DDR

Von Quintessenz Manufaktur für Chroniken -

Nächste Woche feiern wir das 23. mal den Tag der Deutschen Einheit

Bis zum 3. Oktober – dem Tag der Deutschen Einheit – werden wir die Geschichten von Quintessenz, aus der Rubrik „Oma, erzähl doch mal…“ mit den Erinnerungen einer Kundin an den Alltag der DDR gefüllt. Diese sind sicher nur eine Drehung in einem ganzen Kaleidoskop voller Geschichten, Lebenlinien, Brüchen und Erinnerungen. Was haben Sie erlebt?

West- und Ostfernsehn

...... Auch einen Fernseher hatten wir schon sehr früh.
In den Anfangsjahren der DDR war es verboten, westdeutsche Fernsehsender zu empfangen. Die Antennen mussten alle nach dem Inselsberg ausgerichtet sein. Wehe, wenn die Antenne anders ausgerichtet war. Dann kamen Bezirksbevollmächtigte und klärten den Bürger über seine Pflichten auf und es gab auch Strafen. Natürlich wollten wir - wie die meisten (wenigen) Besitzer eines Fernsehers lieber das Westfernsehen schauen.

Dummerweise lag unsere Wohnung genau gegenüber einer Volksarmeekaserne. Von unserem Balkon in der ersten Etage konnten wir über den Bretterzaun direkt auf den Exerzierplatz schauen. Besuch konnte man deshalb auf dem Balkon nicht empfangen und so haben wir selten auf dem Balkon gesessen.Wir hatten Angst, dass man uns vorwerfen könnte, wir würden spionieren und wir die ansonsten sehr schöne Wohnung verlieren könnten. Unsere Kinder waren häufiger zum Spielen auf dem Balkon, das machte nichts, Kinder galten als ungefährlich.

Wie so oft, wird mein Mann erfinderisch und er hat dann eine Konstruktion zum Drehen der Antenne gebaut. An der Antenne war ein Schnurzug angebracht, und über einige Rollen konnte mit einer Kurbel, die im Fensterrahmen angebracht war, die Antenne in die gewünschte Richtung gebracht werden. Das taten wir dann, wenn es Abend geworden war. Im Sommer war es natürlich schlecht, weil es so spät dunkel wurde. Wenn es dann mal an der Tür klingelte, versuchten wir Zeit zu gewinnen, einer ging zur Tür, der Andere drehte die Antenne zurück. Wir schauten dann aus dem Fenster, wer kam.

Oft wurde aber gerufen:" Alles in Ordnung, es ist die Großmutter! " Dann ließ man einen Schlüssel an einer Schnur runter. Es gab noch keine automatischen Türöffner. Nicht vergessen durfte man, nach der letzten Sendung die Antenne für den nächsten Morgen zurückzudrehen. Meistens sahen wir das Westfernsehen, nur die Kinder wollten ab und zu das ostdeutsche "Sandmännchen" schauen. Das westdeutsche Fernsehprogramm war natürlich nicht in der Gothaer Zeitung "Das Volk" abgedruckt. So wurde dann am Sonntagmorgen die Programmvorschau eingeschaltet und die Sendungen auf Papier notiert. Da es nur ein Programm gab, war das nicht besonders schwierig. Unsere Lieblingssendungen damals waren neben den Spielfilmen, die ersten Fernsehshows mit Peter Frankenfeld, der bei seinen Auftritten ein Sakko mit unmöglich großen Karos trug. Mein Sohn und mein Mann liebten die Expeditionsberichte von dem Taucher Hans Hass.

Die Tagesschau war "Pflicht" und so waren wir über das Geschehen in der Welt ungefärbt informiert.
Ein Fernsehereignis war vor allem die Fußballweltmeisterschaft 1954. Zum Endspiel waren sämtliche Arbeiter der Fabrik, mein Mann und natürlich mein fußballbegeisterter Vater in unserem Wohnzimmer versammelt. Ich war die einzige Frau, und servierte belegte Brötchen und Bier. Alle saßen vorübergebeugt auf ihren Stühlen in Halbkreis und starrten auf die winzige Mattscheibe! ….

Auch andere Erzählungen unserer Kunden finden Sie auf unserem Blog http://goo.gl/lfP5JE

7 Kommentare

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Quintessenz Manufaktur für Chroniken
Ein Hallo in die Runde!

Ich freue mich sehr über die anregende Diskussion, möchte aber doch ein paar Randinformationen an die Hand geben.

An Herrn Schirmer: Der Mann unserer Kundin war Sudetendeutscher, der nach dem Krieg mit seiner Familie über die nahe grüne Grenze nach Gotha, Teile der Fabrik (Fabrik nicht wie im heutigen Sinne) im Rucksack brachte und dann mit einem Kompanion einer der wenigen freien Unternehmer in der DDR war. Ja und wirklich Sie haben Recht, unsere Kundin erzählte auch, dass sie alle sehr wohl wussten, wie priviligiert sie waren. Im Text steht ja bereits - wenigen Besitzer eines Fernsehers. Und es ist durchaus möglich, dass es eine Kaserne der Vopo war. 1957 hat die Familie 'rübergemacht' weil abzusehen war, dass der Betrieb ohne staatliche Führung nicht mehr zu halten war.
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Na und wenn schon gegenüber ne Kaserne war dann bestimmt nicht von der Volksarmee sondern ,eher wahrscheinlich, von der damaligen kasernierten Volkspolizei
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also wer 1954 in der DDR schon nen Fernseher hatte der muss schon seeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeehr gute Beziehungen gehabt haben.Otto Normalverbraucher war da nicht der primäre Besitzer.
Komme selber aus der DDR und ich glaub ich weiss wo von ich Rede.
Dann das Ding mit dem Zeit gewinnen.
Ist schon nen bissgen komisch.
Oder glaubt irgendwer das alle Stasispitzel oder ABVs damals komplett verblödet waren
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Ein Fernseher im privaten Haushalt - 1954 -! Das war im Westen (Bayern) eine Seltenheit.
Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag.
So etwas gibt es leider viel zu oft. Das gejammere, wir hatten ja in der DDR keine Handys, kleine GZSZ-Schauspielerinnen, zur Wendezeit geboren, berichten über ihre Erfahrungen mit der Stasi, u.s.w.
Ich werte diesen Beitrag und ähnliche keinesfalls als "Gejammere". Vielmehr berichtet die Zeitzeugin aus dem DDR-Alltag und trägt mit ihrem Bericht zur Verständigung Ost/West bei.
Der Text ist nicht nur unterhaltsam sondern auch identitätsstiftend.
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Zum Fernsehen zu DDR- Zeiten : Wir haben bis 1984 in Merseburg gewohnt. Unsere Antenne war immer so ausgerichtet, dass wir über den Sender Torfhaus im Westharz das Westfernsehen empfangen konnten. Da die Stasi mich ohnehin als Feind des "Staates" eingestuft hatte, spielte das keine Rolle mehr.
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