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Vortrag Elisabeth Selbert beim DEF Kaufbeuren

Elisabeth Selbert und der Art 3 Absatz 2 GG - eine moderne Geschichte?

Von Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern -

Was kann uns die Geschichte sagen, wie die Gleichberechtigung für uns Frauen in das Grundgesetz hineinkam? Zunächst einmal scheint das doch alles ziemlich lang her und weit hergeholt zu sein: Elisabeth Selbert war Jahrgang 1896. Das Grundgesetz, für dessen Entstehung sie mit prägend war, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg 1948/49 beraten. Alles ziemlich lange her. Und die Gleichberechtigung, bzw. die tatsächliche Gleichstellung? Haben wir die?

Bildung


Elisabeth Selbert stammte aus Kassel. Ihr Vater war Justizvollzugsbeamter. Man glaubte durchaus an den Wert von Bildung und einer guten Ausbildung, Elisabeth konnte die Realschule besuchen. Anschließend konnte sie Sprachkurse absolvieren und sich zur Fremdsprachenkorrespondentin ausbilden lassen. Ihre Arbeit verlor sie allerdings wieder mit dem Ersten Weltkrieg 1914-18. In der Revolutionszeit bei Kriegsende lernte sie ihren Mann Adam Selbert kennen, der sie, selbst Kommunalpolitiker, in die Sozialdemokratie und in die Politik brachte. Der Gedanke, etwas aus sich zu machen durch Bildung, leitete auch ihn. Elisabeth Selbert konnte, inzwischen Mutter zweier Söhne, das Abitur als Externe abholen und Jura studieren. Das nationalsozialistische Regime war der Berufstätigkeit von Frauen vor allem in höheren Positionen abgeneigt, das NS-Frauenideal sah ab der Eheschließung ein sehr traditionelles Familienleben vor, indem Frauen keiner Berufstätigkeit nachgingen. Dennoch konnte Elisabeth Selbert noch 1934, also nach der nationalsozialistischen Machtergreifung noch gerade ihre Zulassung als Anwältin erreichen. Das war auch für die Famiile Selbert ein Glücksfall, da Adam Selbert als Sozialdemokrat verfolgt und seiner Ämter enthoben wurde. Elisabeth Selbert brachte mit ihrer auf Familienrecht spezialsierten Kanzlei die Familie durch die NS- und Kriegszeit.

Mit Schwierigkeiten in den Parlamentarischen Rat


Nach dem Krieg konnte sie, in jeder Weise unterstützt durch ihren Ehemann, am Aufbau unseres Staates mitwirken. Einerseits mit einem kommunalpolitischen Mandat, andererseits als Fachfrau in der Gremienarbeit. Sie ist Mitverfasserin nicht nur des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, sondern auch der Hessischen Verfassung.

Als Juristin geschätzt, als Kollegin weniger - ihr Einzug in die verfassunggebende Nationalversammlung, den Parlamentarischen Rat, war kein Selbstläufer. Da ihre eigenen hessischen Genossen sie nicht aufstellten, konnte sie nur über Beziehungen zum Parteivorstand und einen für sie bereiteten Platz auf der Liste des Landes Niedersachsen in den Parlamentarischen Rat einziehen.

Dort sorgte sie mit ihrem weitgehend einsamen und nur allmählich unterstützten Kampf für die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern für Furore. Hieß es bisher in der Weimarer Reichsverfassung immerhin, doch nur: "Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten" sorgte Selbert für den Art. 3 Absatz 2 "Männer und Frauen sind gleichberechtigt."

Dieser Satz, der in seiner Einfachheit und Klarheit nichts zu wünschen übrig ließ, bedeutete die Aufnahme der Gleichberechtigung der Frauen in den Grundrechteteil - also als ein einklagbares Recht und staatliches Entwicklungsgebot. Da sie auch sah, dass die Durchführung nicht einfach sein würde, wurde dem GG sogar noch eine Bestimmung eingeschrieben, dass die entgegenstehenden Gesetze bis 1953 dem angepasst sein sollten!

Modernste Methoden


Dieses Ziel konnte Selbert nur durch hohen persönlichen Einsatz und die Verwendung der modernsten Methoden erlangen. Aufgrund der starken Ablehnung ihrer Arbeit und ihres Anliegens erlitt Selbert einen Zusammenbruch. Aber sie stand wieder auf. Nicht nur reiste sie im Winter 1948/49 unermüdlich durch die Lande und besuchte Frauenverbände und -vereine sowie Gewerkschaftsversammlungen, sondern sie nutzte auch das neueste und damals schnellste Medium: den Rundfunk. In Radiosendungen warb Elisabeth Selbert um die Anerkennung der Frauen, die im Krieg und der Nachkriegszeit so viel geleistet hatten, um ihre Gleichstellung als vollwertige Bürgerinnen des neuen Staates.

Und sie hatte Erfolg: Waschkörbeweise, und in diesem Fall wirklich körbeweise, gingen die Postkarten und Briefe von Frauen beim Parlamentarischen Rat ein, sie wollten die Gleichberechtigung in der Verfassung stehen haben.

Abgesägt


Elisabeth Selbert konnte zwar Landtagsabgeordnete in Hessen sein, aber es war ihr nicht vergönnt, in den Deutschen Bundestag als Abgeordnete einzuziehen. Es fehlte ihr auch an der Unterstützung ihrer eigenen Partei, als es um die Berufung an das Bundessozialgericht oder - ein beruflicher Traum - an das Bundesverfassungsgericht ging. Aber Elisabeth Selbert war mit Leib und Seele Juristin und Anwältin. Sie betrieb ihre Kanzlei in Kassel bis ins hohe Alter.

Zwischenzeitlich war sie halb vergessen, sehr zu Unrecht. Jedoch wurde sie im Alter noch vielfach geehrt, nachdem die Zweite Deutsche Frauenbewegung sie wiederentdeckt hatte.
In den Neunziger Jahren versahen die Abgeordneten des Deutschen Bundestags nach einer parteiübergreifenden Fraueninitiative den Art. 3 Absatz 2 noch mit dem Zusatz, dass der Staat besonders für die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern und die Beseitigung bestehender Nachteile hinarbeiten muss.

Und heute? Führungspositionen und Parité!


Leben wir nun also im Gleichstellungsparadies? Hat die Frauenbewegung alles erreicht und ist daher überflüssig? Mitnichten.
Eine so versierte Juristin wie Selbert wusste das übrigens von Anfang an. Sie sagte, keine Feminstin zu sein, hat sich aber zeitlebens als Anwältin und Politikerin für Frauen eingesetzt und viel für sie erreicht. Als alte Frau konstatierte sie „Die mangelnde Heranziehung von Frauen zu öffent­lichen Ämtern und ihre geringe Beteiligung in den Parla­menten ist schlicht Verfassungsbruch in Permanenz.“

Frauen von heute berufen sich daher zu Recht auch auf Elisabeth Selbert, wenn sie die Quote für Führungspositionen in börsenorientierten Unternehmensgremien (Vorstände und Aufsichtsräte) fordern. Oder die paritätische Listenaufstellung, damit mehr Frauen in die Parlamente einziehen können. Sie haben eine mutige und tatkräftige Vorgängerin gehabt. So eine chancenreiche Zukunft für die Frauen hat Elisabeth Selbert gewollt und den Weg dahin geebnet.

Gedanken eines Vortrags von Dr. Bettina Marquis beim Deutschen Evangelischen Frauenbund in Kaufbeuren, Oktober 2015

Wenn Sie mehr über das Parité-Projekt wissen und sich vielleicht anschließen wollen:
www.frauenverbaende.de, www.fraueninteressen.de

3 Kommentare

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Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern
merci
gerne
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