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Charles Aznavour

Charles Aznavour – Sein Leben ein Chanson

Von wize.life-Nutzer -

Zwei Kulturen, wie Milchkaffee vermischt und untrennbar vereint und dazu das Talent in die Wiege gelegt, bringen den wohl bekanntesten französischen Chansonnier hervor.

Charles Aznavour

Schahnur Waghinak Aznavourian*, ein armenisches Migrantenkind, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, aber nicht im Elend. Die Familie muss hart arbeiten um sich durchzubringen. Als Kind besuchte er in Paris die Theaterschule „École des Enfants des Spectacles“ und bekam schon nach 3 Tagen einen Vertrag für seine erste Nebenrolle im Theater. Das war übrigens ein deutsches Stück namens „Emil und die Detektive“. Er trägt so auch schon zum Familienunterhalt bei.

Mit 14 Jahren hört er die Musik von Maurice Chevalier , mit dem er später auch einmal zusammenarbeitet, und beschließt Sänger zu werden.
Gefördert durch seine Mentorin Edith Piaf die ihn einen kleinen, genialen Trottel nannte und er ihre Beziehung als „Amitié amoureuse“ (mehr als Freundschaft, aber weniger als Liebe). Zehn Jahre lang lebte er in ihrem Haus, reiste mit ihr durch die Welt, war für sie Chauffeur, Kofferträger und Komponist und hatte ein leichtes Leben, wie er selbst sagt. Von ihr lernte er die Liebe zum Publikum und die Ehrlichkeit auf der Bühne, sah sie Nacht für Nacht singen. Sie sind sich sehr ähnlich, beide als Migrantenkinder auf den Straßen von Paris groß geworden, anders als die französischen Kinder, die unter strengerer Aufsicht ihrer Eltern aufwuchsen.
Auch Gilbert Becaud half ihm als Songwriter bekannter zu werden.

Ein langer harter Weg zur erfolgreichen Karriere.

Als er aus dem Schatten von Edith Piaf heraustritt will man ihn in Frankreich nicht als Sänger akzeptieren. Als Komponist und Autor konnte er von Anfang an für die großen Stars schreiben: Maurice Chevalier, Edith Piaf, Eddie Constantine, Juliette Gréco, Gilbert Becaud oder Johnny Hallyday. Man riss sich sogar um den Komponisten Aznavour. Aber den Sänger Aznavour hat man nicht ernst genommen.

Er wurde gnadenlos ausgepfiffen, eckte an, wurde abgelehnt, sei eine Zumutung. Zu klein, zu schmächtig, keine Stimme, keine Ausstrahlung, kein Charisma, das Gesicht eines Clowns, die Stimme rauh und missklingend. Sogar sein Gesangslehrer meinte, er solle nicht singen. Also, was für eine irrsinnige Idee, auf einer Bühne stehen zu wollen! Die ersten Jahre auf der Bühne waren „mit Blessuren, Tritten in den Hintern und geplatzten Träumen“ verbunden. Seine Lieder wurden nicht im Radio gespielt und Auftritte gab es nur in Kinos und Restaurants.
Aber das alles war Ansporn, um es denen zu beweisen, dass sie sich irrten. Und wie sie sich irrten!

Weltstar und Großmeister des Chansons


Weltweit 180 Millionen verkaufte Tonträger. Über 1200 Lieder, die er geschrieben, komponiert und gesungen hat, in nicht weniger als acht Sprachen. Seine Stimme wird jetzt als eindringlich, fesselnd, rührend und sentimental-rauchig empfunden. Ein Weltstar, gecovert von den ganz Großen, wie z.B. Liza Minnelli, Johnny Hallyday und Ray Charles
Als er es endlich geschafft hat bedankt er sich öffentlich bei Edith Piaf: „Jedes Bravo, jedes Viva verdanke ich dir. Meinen Erfolg widme ich dir, dir ganz allein.“

Charles Aznavour sagt selbst, es wäre schon erstaunlich, was aus ihm geworden sei. Er war nie auf einen Gymnasium oder einer Universität.. Seine Bildung hat er sich auf der Straße und aus Büchern angeeignet. Jetzt hätte er den Status einer heiligen Kuh.

Nebenher Karriere als Schauspieler
Wie schon weiter oben geschrieben, steht Charles Aznavour schon als 10jähriger auf verschiedenen Pariser Vorstadtbühnen, wo er Maurice Chevalier und Charlie Chaplin imitiert. Er nimmt dann Schauspielunterricht und nahm alle Rollen an, die er ergattern konnte - Operetten, Revuen etc, weil er Geld verdienen musste.

Später steht steht Aznavour für zahlreiche Filme vor der Kamera und hat in über 80 Filmen mitgewirkt, unter Regisseuren wie Atom Egoyan in “Ararat“, François Truffaut in "Schießen Sie auf den Pianisten", Claude Chabrol in "Die verrückten Reichen" und "Die Fantome des Hutmachers" und Volker Schlöndorff. Er war der Spielwarenhändler Sigismund Markus, bei dem Oskar Matzerath seine "Blechtrommel" kaufte.

Geschäftsmann, Produzent, Musikverleger.
Er kauft den Verlag Breton und gilt als der Oligarch des französischen Chansons, weil er die Rechte an den Gesamtwerken vieler verstorbener Kollegen, wie zum Beispiel Edith Piaf, Charles Trenet, Gilbert Becaud und Yves Montand besitzt.


Soziales Engagement als Mäzen und Botschafter


Seit Jahren engagiert sich Charles Aznavour aktiv für das Land seiner Eltern. 1989 gründet er die Hilfsstiftung "Aznavour für Armenien" zur Unterstützung der Katastrophenopfer nach dem verheerenden Erdbeben. Er sagt selbst, dass er zwar Franzose sei, da er aber seine Eltern verehrt und Armenien und die Armenier in seinem Herzen und in seinem Blut sind, wäre es undenkbar gewesen, untätig zu sein, angesichts dieses Unglücks.
Viele seiner Einnahmen fließen seitdem in diese Stiftung. Er baute 50 Schulen und ein Altersheim in Armenien, wo auch ein Platz nach ihm benannt ist. Es gibt sogar eine Statue von ihm. Er finanzierte Krankenhäuser und eine Prothesenfabrik. Er ist armenischer Botschafter in der Schweiz, armenischer Vertreter für die Vereinten Nationen in Genf und ständiger Vertreter von Armenien bei der Unesco. Er hat in Armenien den Titel Nationalheld und wird dort verehrt wie ein Nationalheiliger.

Der Benetton des Chansons: United Colors of Aznavour.

In 2 Kulturen aufgewachsen, weder die französische, noch die armenische ist ihm fremder als die andere. Er sagt von sich selbst: „Ich bin eine Art menschlicher Milchkaffee - einmal zusammen geschüttet, lässt sich die Milch nicht mehr vom Kaffee trennen.“ Er ist in der französischen Sprache zu Hause, es ist seine Heimat. „Ich nuschle französisch, ich schimpfe französisch und ich habe ein französisches Mundwerk“, spricht aber auch armenisch (kann es aber nicht lesen, schreiben oder singen) und singt in 8 Sprachen.
Er ist der bekannteste Armenier weltweit und gilt im Ausland urfranzösisch. Der Vorzeigefranzose des Chansons
Der Vater ein Armenier aus Georgien und die Mutter eine türkische Armenierin. Seine Enkelkinder haben deutsches, französisches, armenisches, schwedisches, amerikanisches und jüdisches Blut in den Adern.

Seine unvergleichliche Musik

Er sagt selbst:
"Ein Chanson ist nicht ein Wort zu einem Ton. Auch nicht ein Ton zu einem Wort. Es ist eine Idee, ein Gefühl, ein Nachdenken, eine Geschichte, ein Spiel mit Worten."
und
„Das französische Chanson ist ein typisch französisches Produkt, weil es die Liebe zur französischen Sprache ist, die diese Autoren erst hervorgebracht hat. Von der französischen Sprache geht eine Magie aus, die niemand bestreiten kann.“


Aznavours wohl bekanntester Song heißt La Bohème und handelt auch von eben dieser: Ein Künstler erinnert sich an seine brotlosen und doch glücklichen Tage in Montmartre.


Alle blau unterlegten Wörter sind Links und somit anklickbar.
Viele Welthits stammen von ihm, zum Beispiel:
Tu te laisse aller
Je hais le dimanche
Et moi dans mon coin
Non, je n'ai rien oublié
Sur ma vie
La Mamma
Sein Chanson Apres l'amour stand sogar mal auf dem Index der katholischen Kirche.

Aznavour hat sich in vielen seiner Lieder mit ernsten gesellschaftlichen Fragen befasst, oft von ungewöhnlicher Härte und Direktheit. Er ergreift Partei für gesellschaftliche Außenseiter wie Homosexuelle, Transvestiten, Behinderte und Flüchtlinge. Und mit flammendem Appell an die Toleranz wie z.B. in seinem Lied Comme ils disent über das Leben eines Homosexuellen. Es geht ihm um Integration und Ökologie. Es gibt keine Tabus für ihn.

Und, weil „ein guter Ruhestand ist, nicht in den Ruhestand zu gehen“ hat er, letztes Jahr, mit 91 Jahren noch ein Album herausgebracht Encores (Zugaben)

Daraus: T'aimer


Das Lied She und Notting Hill

Das Lied „She“ wurde 1974 als Titelmelodie für die britische TV-Serie „Seven Faces of Woman“ geschrieben. Text von Herbert Kretzmer, Melodie von Charles Aznavour. Aznavour sang es selbst außer in englisch, in französisch, deutsch, italienisch und spanisch und es wurde ein Riesenerfolg. Unter anderem Nummer 1 in den britischen Charts.

She von Charles Aznavour

25 Jahre später nahm Elvis Costello She für den Soundtrack des Films "Notting Hill" mit Julia Roberts und Hugh Grant auf. Und wieder wurde es ein Erfolg. Costellos erste Platzierung unter den Top 20 in 16 Jahren.

Ich sah diesen Film dann, als er im Fernsehen lief. Es ist ja ein ausgesprochener Frauenfilm, eigentlich wollte ich ja nicht, aber ich „musste“ dann irgendwie doch. Alle Männer, die das jetzt lesen, wissen was ich meine (Ich sag nur: Titanic, Ghost - Nachricht an Sam und Bodygard)
Als „She“ gespielt wurde, erkannte ich sofort die Melodie und in mir stiegen Bilder meiner Jugend hoch. Mein Vater und sein Faible für die französischen Chansons, die ich doch auch so gerne hörte. Auch dieses Lied kannte ich, natürlich auf französisch. Ich grub die alten Platten aus, den Plattenspieler gab es auch noch und hörte wieder Charles Aznavour und seine Chansons.

Die Legende des Chansons


Für Charles Aznavour werden viele Superlative genutzt und man überbietet sich darin. Großmeister des Chansons, Napoleon des Chansons Legende des französischen Chansons, der letzte Gigant der französischen Chansons.
Er wird mit Preisen und Ehrungen überhäuft: 1997 ein Ehren-"Cesar" für sein Lebenswerk als Schauspieler und den Preis "Victoires de la Musique" als bester französischer Interpret, sowie den Orden der Ehrenlegion. Zum "Entertainer des Jahrhunderts" wurde er 1999 gewählt, vor Frank Sinatra und Elvis. Von der European Film Academy ESRA wurde ihm 2009 die Ehrendoktor-Würde verliehen. Die Webseite Hollywoodreporter meint, er verdiene den Titel „The Sexiest Nonagenarian Alive“

Charles Aznavour wird dieses Jahr 92 und er möchte gerne 150 werden, wie sich „das gehört für jemand der vom Kaukasus stammt“.
Er sagt selbst, das Schönste am Älterwerden ist am Leben zu sein.


Zum Schluss noch meine Lieblingsversion von „She“, in der französischen Version: „Chante Tous les visages de l'amour“. Anklicken, Augen schließen, genießen!


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*alle Schreibweisen: Schahnur, Shanour, Shahnourh, Šahnowr , Waghinak, Varenagh, Vałinak, Asnavourian, Asnawurjanour, Asnawurjan, Asawurjan, Aznavurijan, Aznavourian, Aznavowryan

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Meine weiteren Beiträge zu französischen Chansonsängern
Gilbert Becaud – Der große Chansonnier

Edith Piaf – Der Spatz von Paris

Nino Ferrer – Leben im Gegensatz und Widerspruch

Michel Sardou – der erfolgreiche und unbequeme Chansonnier


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Quellen und Webseiten zum Weiterlesen
Offizielle Webseite von Charles Aznavour (in englisch und französisch)

Inhaltsangabe des TV-Porträt über Charles Aznavour in Arte

Charles Aznavour wird 90 – Der große sture Optimist (Süddeutsche)

Charles Aznavour – Ich werde ja erst 91 (Süddeutsche)

Konzert von Charles Aznavour – schlurfender-Geburtstagstanz (Süddeutsche)

90. Geburtstag live in Berlin: Der unschlagbare Monsieur Aznavour (Spiegel online)

Wenn ich nicht mehr auftrete sterbe ich – Charles Aznavour(Welt.de)

Charles Aznavour zum 90. Geburtstag: „Ich rede hier von Liebe, von tiefer Liebe“ (Weltspiegel)

Glückwunsch - Charles Aznavour Zum 90. Geburtstag vom WDR

Charles Aznavour – Ja ich bins noch (Zeit.de)

Warum Charles Aznavour seinen 90 Geburtstag in Berlin feiert (Morgenpost)

Mit 80 Jahren geht Charles Aznavour noch immer staunend durch die Welt (Berliner Zeitung)

Noch immer ist die Stimme des Chansonniers rauh und brüchig (Berliner Zeitung)

Der 90. Geburtstag ist ein normaler Arbeitstag (Welt.de)

Monsieur macht's nochmal (Welt.de)

Charles Aznavour im Gespräch – Am dringensten braucht man Freunde (Frankfurter Allgemeine)

Charles Aznavour bei Who's Who

Charles Aznavour – Multitalent und Revolutionär des Chansons (Deutschlandradio)

53 Kommentare

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Gedenkfeier mit Macron
Frankreich: Abschied von Charles Aznavour

In Frankreich wird mit einer großen Geste dem verstobenen Chanson-Sänger Aznavour gedacht.

Mit einer nationalen Gedenkfeier hat Frankreich Abschied von seinem großen Chanson-Star Charles Aznavour genommen. Seine Lieder seien für Millionen Menschen "ein Balsam, eine Medizin, ein Trost" gewesen, sagte Staatspräsident Emmanuel Macron. Aznavour sei "eins der Gesichter Frankreichs geworden".

Der Sänger, Liedtexter und Schauspieler war am Montag im Alter von 94 Jahren gestorben. Nach der Gedenkfeier trug die Republikanische Garde Aznavours Sarg, der mit der französischen Fahne bedeckt war

https://www.zdf.de/nachrichten/heute...ur-100.html
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Ein ganz großer hat die Bühne für immer verlassen ... gut das er ein gesegnetes Alter hatte
Friede seiner Seele
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Ein toller Sänger
Seine Lieder mit viel Gefühl,unvergesslich
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... u. wieder hat uns ein großer Künstler verlassen
Traurig habe ich es heute vernommen.
Vor wenigen Jahren habe ich ihn live gesehen, für mich ein musikalisches Erlebnis.
Nun, die Endlichkeit macht vor niemandem halt, seine Lieder bleiben uns erhalten
Reste en paix, cher Charles!
Il a beaucoup fait ...
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Stefan, sehr sehr schön geschrieben! Ich hörte ihn auch sehr gerne! Nun heißt es: R.I.P.
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Eine treffende Hommage ... danke dafür, wize.life-Nutzer

Für mich hätte er gerne 150 werden dürfen ... R.I.P. Charles
Für mich auch Sus Anne...
Er bleibt für mich unvergessen..
Ja ... seine Musik ist unvergänglich !
Eins meiner Lieblingslieder, soweit man das überhaupt wählen kann.
Oder dieses noch, bewusst auf deutsch eingestellt, damit jeder den Text verstehen kann.
Es ist so eindringlich und gilt für so viele, die ausgegrenzt werden.

Er hat so viele tolle Lieder produziert,auch oft mit der politischen zeitnahen Lage.
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Danke Stefan für diesen sehr schönen Beitrag.Charles höre ich seit ich eine Schallplatte von ihm geschenkt bekommen habe.
Danke schön Karin.
Bei mir war es der Vater der sie ständig hörte, einfach unvergessen die Zeit.
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Stefan !!!! Super gut !!!
Danke schön Ute
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klasse,wunderschön geschrieben
Danke schön Carmen.
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