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Mein Wort zum Sonntag: Wie ist der "Islamische Staat" entstanden?

News Team
Von News Team

Der "Islamische Staat" (IS) verbreitet Angst und Schrecken mit seinen Videos von öffentlichen Köpfungen, und wir verstehen nicht, was ihn so faszinierend macht für junge Leute. Aber wie ist diese Organisation entstanden? Und können wir daraus etwas lernen?
Es war einmal ... So beginnt ein Frühlingsmärchen in Deutschland im Jahre 1945. Die Alliierten hatten soeben Deutschland besetzt und der Führer, immer bekümmert um sein Volk, jetzt aber eher um sich, hatte sich jeglicher Verantwortung entzogen. Die Amerikaner wollten Gerechtigkeit, stellten einige Großkopferte aus der Nazizeit vor Gericht und hängten ein paar. Die meisten aktiven Nazis entzogen sich durch Flucht (mit aktiver Hilfe des Vatikan und später der Amerikaner), und die paar, die im Lauf der Auschwitzprozesse verurteilt wurden, kamen bald wieder frei. Kein Wunder: Richter, Juristen, Geheimdienstler, Politiker und Beamte blieben, was sie in der Nazizeit gewesen waren, und einer dieser Blutrichter schaffte es sogar bis zum Ministerpräsidenten. Die deutsche Politik, besonders unter Adenauer, ließ sie alle in Amt und Würden.

Die alten Kader sind immer noch an der Macht

Ein besonders krasses Beispiel für die daraus resultierende Ungerechtigkeit: Ein als "psychisch krank" deklarierter Mann wurde durch einen Medizinfunktionär in der Nazizeit in ein Vernichtungslager geschickt. Er überlebte und versuchte in der Nachkriegszeit, seine berechtigten Ansprüche an den Staat zu erwirken. Vergeblich: Er wurde für unzurechnungsfähig erklärt und in eine psychiatrische Anstalt verbannt - von demselben Funktionär, der ihn ein paar Jahre zuvor in den Tod geschickt hatte!
Der Demokratie allerdings hat das nicht geschadet, sie ist heute eine der stabilsten in der ganzen Welt. Und die Südafrikaner machten es ähnlich beim Übergang zur Demokratie: Die Täter, Folterknechte und brutale Polizisten, blieben ungestraft. Dafür durften die Opfer mit ihnen sprechen, was denen sicher reichlich zynisch vorkam. Doch auch hier funktioniert die Demokratie, vielleicht mehr schlecht als recht, aber immerhin.

Wie man Radikale erschafft

Im Jahre 2003 beseitigten die Amerikaner eine weitere Diktatur, nämlich diejenige des Saddam Hussein im Irak. Und diesmal agierten sie gründlich: Sie entließen alle ehemaligen Mitarbeiter, Soldaten und Beamten des Regimes. Das war ebenso gerecht wie politisch fatal. Denn diese Entlassenen waren frustriert und ohne Arbeit. Sie gaben, natürlich, den Amerikanern und dem Westen die Schuld und formierten sich neu. Aus diesem Potenzial entstand die Keimzelle des IS, deren Erfolg alle kalt erwischt hat.
Was uns das angeht? Der IS ist weit geht und kümmert uns wenig. Doch die Methode der Amerikaner im Irakkrieg - gerecht, aber fatal - wandten auch die Westdeutschen bei der Beseitigung einer weiteren Diktatur an. Als die DDR abgewickelt wurde, da entzogen sich ihre Führer durch Flucht, und der Rest wurde sauber eingeteilt, in Täter und Opfer. Das Kriterium war simpel: Wer als Informant registriert (nicht etwa: tätig!) erschien, war Täter, wer überwacht wurde, Opfer. Die Täter wurden öffentlich angeprangert, während man sich wenig um die Opfer kümmerte. Das war gerecht, aber der Integration hat es wenig gedient. Ergebnis: Weit vom Zentrum erstarkten Parteien, die manchen immer noch suspekt sind. Die PDS, später "Die Linke", fasste den Trotz der DDR-Bürger zusammen. Die NPD hatte nur deshalb keinen durchschlagenden Erfolg, weil sie sich selbst demolierte.
Was man daraus lernen kann? Gerechtigkeit ist ein hohes Gut, doch im Bereich der Politik scheinen andere Werte gelegentlich wichtiger.

8 Kommentare

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Jedes System benötigt fähige Köpfe, die es lenken und leiten können.
Wenn diese Köpfe abgeschlagen werden und kein Ersatz vorhanden ist, kann auch kein neues System aufgebaut werden.

Wer hätte die Bundesrepublik Deutschland denn aufbauen sollen, wenn alle, die vorher Heil Hitler gerufen hatten ausgeschlossen worden wären?

Beim Niedergang der DDR war es anders, es waren genug andere Köpfe da. Aber hier ist das Problem, dass selbst nach 25 Jahren den ehemaligen "Genossen" immer noch ihre Vergangenheit vorgeworfen wird.

Im Irak und in Syrien wurden viele Köpfe abgeschlagen und aus ihren Verantwortungsbereichen verbannt. Die haben sich ein neues, ein eigenes Betätigungsfeld gesucht und propagieren für die Dummen, sie seien die Verfechter des wahren Glaubens.
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Habe ich irgendwas nicht mitgekriegt? Den Islamischen Staat gibt es nicht. Noch nicht und wird es hoffentlich nie geben. Man würde ja gerne, wenn man könnte. Es wird hier und da der IS ausgerufen, es gibt eine Organisation, die evtl. staatlich anmuten könnte, steht aber auf wackeligen Beinen. Der Widerstand scheint ja in den eigenen Reihen der muslimischen Gesellschaften relativ groß zu sein, vermutlich aber auch erst dann, wenn man selbst vom Auftauchen der Überrollkommandos betroffen ist.
Ob nun wirklich die Keimzelle des IS aus Frust über Rausschmiss und mangelnde Arbeit entstand, scheint mir auch eher nur eine Vermutung zu sein. Ich habe viel eher den Eindruck, dass Menschen, die aus unerfindlichen Gründen radikal werden, a) einen wahnsinnigen Mangel an menschlicher Zuneigung entbehren und b) das Leben nicht kapieren.

Parallelen von ehemaligem amerikanischen Eingreifen im Irak zum Ende des 2. Weltkrieges, zum Ende der DDR und zur Demokratisierung Südafrikas zu schlagen, scheint mir ziemlich gewagt. Dass Hilter und seine Vasallen immer ums Volk 'bekümmert' waren, nehme ich mal als ironisch gemeint. Wir wissen alle, dass sowohl massenhaft Nazi- als auch Stasimit- und zuarbeiter ungeschoren davonkamen und heute wieder und immer noch teilweise in der Öffentlichkeit stehen. Jede üble Tat vor Gericht zu bringen, hätte wohl auch nicht funktioniert. All diese Übeltäter müssen mit sich und ihrem Gewissen leben. Auch wenn jetzt noch bei vielen der Verdrängungsmechanismus funktioniert, so dürfen sie doch sicher sein, dass er eines Tages versagt.
Andere mögen sich ihrer Schuld bewusst sein und sind umgekehrt, ihnen möge man verzeihen. Das ist, was in Südarfrika den Ausschlag gab. Das Verzeihen. Der damalige Präsident schickte nach Mandela, als dieser noch im Gefängnis saß und fragte ihn um Rat. Mandelas Anwort war 'Verzeihen'.
Vielleicht ist es so, wie Du sagst. Ich glaube, er hatte eine Botschaft, die stärker ist als Missbrauch. Auch wenn es anders scheint.
Die Wirtschaftsmächtigen arbeiten zu bestimmt 99% rücksichtslos. Das sehe ich als echte Gefahr. Aber es wird neue 'Mandelas' geben!
Ich hatte ein Interview mit Mandela gesehen. Da erzählte er o.g. 'Geschichte'. War sehr beeindruckend, absolut authentisch!
Wenn dem so wäre, wie Du sagst, dann frage ich mich, warum die Mehrheit der Menschen eben nicht radikal ist und wird. Die Gründe, die Du auffrührst, sind für mich keine.
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Der Aufsatz stellt Nachkriegszeit, wie Nachwendezeit so dar, wie ich sie nicht wahrgenommen habe, wie ich sie nicht nachvollziehen kann!

IS:
Dass die "alten Eliten" wieder erstarkten ist eine logische Folge ihrer zuvor gesponnen Netzwerke.

Vielleicht haben die Amis ja aus unserer Nachkriegszeit gelernt, und die "alten Eliten" im Irak nicht wieder eingesetzt.
Mit dem Ergebnis: ISIS und IS.

Wie hätten sie´s denn machen sollen?
Dafür sorgen, dass beide Religionsgruppen des Islam gleichberechtigt eine Regierung bilden und das Land gemeinsam aufbauen. Gerade die einseitig aufgebaute "Zentralregierung" des Irak hat völlig versagt und zu einem politischen Vakuum geführt, welches nun durch ISIS / IS ausgefüllt wurde.
Mehr Eigenständigkeiten unter dieser "Zentralregierung" für die einzelnen Volksgruppen und Religionsgruppen hätten dem Irak weniger geschadet.
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