Ärzte schlagen Alarm: In Krankenhäusern zählt Profit oft mehr als der Patient

Je höher der Aufwand, desto mehr Geld: Das Abrechnungssystem liefere Anreize ...
Je höher der Aufwand, desto mehr Geld: Das Abrechnungssystem liefere Anreize für aufwendige Operationen, kritisieren MedizinerFoto-Quelle: Pixabay
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Von News Team

Eine schwere Erkrankung ist für den betroffenen Menschen eine existenzielle Krise, ein Kampf um das eigene Leben. Für das behandelnde Krankenhaus ist es - rein finanziell betrachtet - ein Volltreffer.

Zugegeben: Das klingt hart und ist stark zugespitzt. Doch so lässt sich ein Aspekt des deutschen Gesundheitssystems auf den Punkt bringen, gegen den jetzt Hunderte Ärzte protestieren.

Protest gegen Abrechnungssystem

"Rettet die Medizin!" - mit diesem Appell machen sich 215 Mediziner und Medizin-Organisationen im "Stern" stark: "Gegen das Diktat der Ökonomie in unseren Krankenhäusern", wie es in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift heißt. Weitere Mediziner sind aufgerufen, sich dem Protest anzuschließen.

Der Vorwurf: Um Profit zu machen, werden Patienten in deutschen Kliniken häufig nicht angemessen behandelt, kritisieren die Ärzte.

Konkret geht es um das Abrechnungssystem, das 2003 an Krankenhäusern eingeführt wurde: die so genannten "Fallpauschalen".

Je mehr Aufwand, desto mehr Geld

Das bedeutet: Patienten werden in "Fallgruppen" zusammengefasst, die pauschal vergütet werden. Dabei gilt die Faustregel: Je mehr Aufwand, desto mehr Geld von den Krankenkassen für das Krankenhaus.

Das bedeutet aber auch: "Patienten rechnen sich - egal, wie krank sie sind - in diesem System vor allem, wenn an ihnen viele "Prozeduren", also medizinische Eingriffe jeglicher Art, durchgeführt werden", heißt es im "stern".

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Unter dem hohen ökonomischen Druck, unter dem viele Kliniken heute stehen, ist demnach der Anreiz groß für lukrative Eingriffe oder einen längeren Aufenthalt im Krankenhaus.

Wirtschaftlich uninteressant ist es für Klinikbetreiber dagegen, wenn sich Ärzte im Krankenhaus Zeit nehmen für Patienten, um deren Leiden bestmöglich zu lindern.

Im Video:

Studie: Bessere Versorgung durch weniger Krankenhäuser


Wenn sie mit den Patienten sprechen, über die Diagnose nachdenken, mit Kollegen beraten oder Fachliteratur hinzuziehen.

Also eigentlich genau das tun, worauf jeder Mensch hofft, wenn er zum Arzt geht. Doch: Zu zeitaufwendig, zu teuer.

Der Arzt lernt, Patienten schon bei der Notaufnahme nicht nur nach dem medizinischen Bedarf zu klassifizieren, sondern ob sie Gewinn versprechen

zitiert das Magazin den Medizinethiker Giovanni Maio.

So gesehen tragen Patienten demnach ein unsichtbares Preisschild auf der Stirn. Magengeschwür? Besser als Kopfweh. Schlechter allerdings als ein Herzinfarkt.

"Das große Los für die Klinik ist finanziell gesehen ein Krebspatient", schreibt Autor Bernhard Albrecht, der für seine Recherche mit über 100 Medizinern aus ganz Deutschland gesprochen hat.


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Diesen Missstand wollen Ärzte nun nicht mehr hinnehmen. Marktwirtschaftliche Interessen wie diese können das Wohl von Patienten gefährden, argumentieren sie in ihrem Appell. Durch Über- und durch Unterversorgung.

Jetzt sei der Staat gefordert. Er dürfe Kliniken nicht seit Jahren Finanzmittel vorenthalten.

Es ist fahrlässig, Krankenhäuser und damit das Schicksal von Patientinnen und Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Niemand würde fordern, dass die Polizei oder Feuerwehr schwarze Nullen oder Profite erwirtschaften müssen. Warum also Krankenhäuser?

heißt es in dem Appell.

Die Forderungen der Ärzte und Organisationen - darunter neben einzelnen Landesärztekammern die "Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V." und die "Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH):

  • das Fallpauschalensystem soll ersetzt oder grundlegend reformiert werden
  • eine gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müsse gestoppt werden
  • der Staat müsse Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig seien

"Das Diktat der Ökonomie hat zu einer Enthumanisierung der Medizin an unseren Krankenhäusern wesentlich beigetragen", schreiben die Ärzte. Gute Medizin? Sei so nicht zu verwirklichen.

Auf Kosten der Patienten

"Das Pauschalensystem ist auf gegenseitigem Misstrauen aller Beteiligten aufgebaut", so die Diagnose von Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin. "Der wirtschaftliche Druck unterhöhlt die Ethik der Medizin."

Verlierer seien gerade die besonders Schutzbedürftigen: Kinder, alte und chronisch kranke Patienten.

3 Kommentare

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Das stimmt. Die Ärzte stecken zwischen Tür und Tor und manche Behandlungen werden nur gemacht um des lieben Geldes willen. Aber nicht grundsätzlich und auch nicht alle. Es gibt tausend und abertausende von Erzen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern die alles menschenmögliche tun um den Menschen zu helfen.
Das stimmt natürlich. Aber am Ende ist ein Krankenhaus auch nur ein Wirtschaftsunternehmen, welches am Umsatz und damit vor allen an der Anzahl an Operationen gemessen wird. Würde man den Patienten z. B. sagen, dass eine rein pflanzliche und ölarme Ernährung innerhalb von wenigen Wochen bis Monaten Arteriosklerose rückgängig macht und dass Diabetes Typ 2 nicht vom Zucker, sondern vom Fett (alle Tierprodukte und Pflanzenöle) kommt, dann würden die Patienten ja nicht wieder kommen. Aber der Patient ist auch selbst Schuld. Er möchte natürlich angelogen werden, um sein ungesundes Leben entsprechend fortführen zu können. Ärzte sind hierbei ja oft sehr gute Vorbilder. Veganismus ist bei Ärzten ja praktisch unbekannt.

Es gibt aber auch Ausnahmen.

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Ich versuche durch eine rein pflanzliche Ernährung einigen Zivilisationskrankheiten aus den Weg zu gehen. Mal abwarten ob das funktioniert. Aber solange in Krankenhäuser vor allen tierreiche und fettreiche Mahlzeiten gereicht werden, wird sich wohl nichts ändern

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