Die zunehmende Ausbreitung resistenter Keime erfordert die Entwicklung neuer ...

Resistente Keime: Großer Antibiotika-Bedarf - doch Pharmafirmen stoppen Entwicklung neuer Wirkstoffe

News Team
Von News Team

Die Ausbreitung resistenter Keime gilt aktuell - neben dem Klimawandel - als eine der größten globalen Gefahren. Weltweit sterben jedes Jahr Hunderttausende Menschen an Infektionen, gegen die Antibiotika nichts ausrichten können.

Die Zahl der Todesopfer könnte in den kommenden Jahren in die Millionen gehen, warnen die Vereinten Nationen - wenn nicht sofort gehandelt werde.

Im Video:

Gefährliche Superkeime: 33.000 Todesfälle in Europa - Antibiotika wirken nicht

Das Problem: Immer häufiger wirken die vorhandenen Antibiotika nicht mehr, weil Bakterien Abwehreigenschaften gegen sie entwickeln. Das sind die so genannten Resistenzen.

Antibiotika: Rückzug großer Pharmafirmen

Es müssten neue Antibiotika entwickelt werden, um weiterhin gegen Krankheitserreger gewappnet zu sein. Doch genau das geschieht so gut wie nicht mehr, haben Recherchen des NDR ergeben.

Fast alle großen Pharmafirmen haben demnach die Antibiotika-Forschung gestoppt.

Auch interessant:

Massenhafter Antibiotika-Einsatz: Forscher warnen vor Millionen Toten

Nachdem sich 2018 die Pharma-Riesen Novartis und Sanofi sowie AstraZeneca Ende 2016 aus der Antibiotikaforschung verabschiedet haben, bestätigte nun mit Johnson & Johnson der größte Gesundheitskonzern der Welt dem NDR, dass sich derzeit bei ihnen "keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung" befänden.

Dabei hatten 2016 rund 100 Unternehmen eine "Industrie-Allianz" ("AMR Industry Alliance") zum Kampf gegen Resistenzen unterzeichnet, die vom Internationalen Pharmaverband (IFPMA) auf den Weg gebracht worden war.

Lesen Sie auch:

Immer mehr Antibiotika wirkungslos - Das plant jetzt die WHO gegen resistente Erreger


Mit dabei auch Johnson & Johnson, Novartis, Sanofi und AstraZeneca, die darin ebenfalls die Zusage gaben, in die Erforschung neuer Antibiotika-Wirkstoffe zu investieren.

Doch inzwischen, kaum drei Jahre später, ist nach Recherchen des Fernsehsenders kaum mehr die Hälfte der Unterzeichner-Firmen in dem Bereich aktiv. Viele kleinere Unternehmen haben die Forschung aufgegeben, sind mittlerweile insolvent oder haben laut NDR damit zu kämpfen, dass sich Investoren zurückziehen.

Entwicklung kostet Hunderte Millionen Euro

Denn Geld spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe. Es kostet in der Regel bis zu 15 Jahre und mehrere Hundert Millionen Euro, ein neues Antibiotikum zu entwickeln. Erhält es eine Zulassung, kommen Kosten für Herstellung und Vermarktung dazu.

Für kleine Pharma-Unternehmen ist das häufig nicht zu stemmen. Umso fataler ist es aus Sicht von Experten, dass sich die Branchen-Riesen zurückziehen. So gehen Insider davon aus, dass auch die Großkonzerne Pfizer und Allergan sich aus der Antibiotika-Forschung zurückgezogen haben.

Dahinter stecken offenbar wirtschaftliche Gründe: Mit Antibiotika lässt sich weitaus weniger Geld verdienen als mit teuren Krebsmedikamenten oder Arzneimitteln gegen chronische Erkrankungen.


Ausstieg ist "nicht verantwortungsvoll"

Der Ausstieg der Pharmaunternehmen aus der Antibiotika-Entwicklung sei "nicht verantwortungsvoll", sagt die Expertin Ursula Theuretzbacher, die auch die WHO berät, im Interview mit der NDR-Sendung "Panorama".

"Für mich ist absolut klar, dass die Pharmaindustrie eine Verantwortung für die Gesellschaft hat", sagt Theuretzbacher. Letztlich würden große Teile ihrer Profite darauf beruhen, dass es Antibiotika gebe.

Auch interessant:

Knapp 1 Mio Infizierte pro Jahr - So schützen Sie sich vor Krankenhaus-Keimen


Verständnis für die Zurückhaltung der Pharmafirmen hat dagegen Thomas Cueni, Generaldirektor des IFPMA und Vorsitzender der "AMR Industry Alliance".

Zur Zeit gebe es einfach keinen Markt für Antibiotika. Er kenne keine Firma, die gegenüber ihren Eignern verantworten könne, in Bereiche mit hohem Risiko und geringer Rendite zu investieren, sagt Cueni.

Nur 4 Unternehmen arbeiten an neuen Wirkstoffen

Noch vor 25 Jahren hatte fast jedes der großen Pharmaunternehmen Antibiotika im Angebot. Das hat sich drastisch geändert: Derzeit arbeiten nach Recherchen des NDR nur 4 der 25 größten Pharmaunternehmen der Welt an der Entwicklung neuer Antibiotika.

Dabei gibt es dringend Bedarf an neuen Wirkstoffen. Auch die Vereinten Nationen (UN) rufen dazu auf, in die Forschung zu investieren. Sonst würden "zukünftige Generationen mit den katastrophalen Folgen einer unkontrollierten Antibiotikaresistenz konfrontiert sein".

Die Befürchtung der UN ist, dass bis 2050 jedes Jahr zehn Millionen Menschen durch resistente Keime sterben. Sollte sich das bewahrheiten, wären das mehr Menschen als heute an Krebs sterben.

"Panorama" im Ersten", Donnerstag, 12. September, 21.45 Uhr, ARD. Die Dokumentation "Das Ende der Antibiotika" ist ab 12.9., 17 Uhr auf der NDR-Webseite zu sehen.

1 Kommentar

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich denke nicht, dass sich irgendwas ändern kann. Großteile der Antibiotika werden in der Tierzucht verwendet. In Deutschland gibt es nur 80 Millionen Menschen aber 800 Millionen Landtiere in Massentierhaltung (98%). Nach aktuellen Statistiken stagniert der Fleischkonsum in Deutschland. Weltweit wird es geschätzt bis 2050 noch zunehmen. Da Deutschland immer mehr Tierprodukte ins Ausland exportiert, heizen wir nicht nur unser Klima an, sondern gefähren die Versorgung mit Antibiotika für die Menschen in Deutschland. Es wird Zeit nicht mehr über E-Autos, sondern über unsere absurde Landwirtschaft zu reden. Es müssen Subventionen abgebaut werden, damit wir und die gesamte EU nicht weiter den Weltmarkt mit billigen Tierprodukten überschwemmen.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren