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Herr Johannes

Herr Johannes

Johannes Swoboda antwortet mit: „Pensionist“, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. In dem Wiener Stadtteil, den er mit „mein Bezirk“ bezeichnet, ist er den meisten Anwohnern als „Herr Johannes“ bekannt. Herr Johannes ist der letzte seiner Art, ein Relikt aus vergangen Zeiten. Obwohl er schon seit Jahren nicht mehr seiner Arbeit im Finanzamt nachgeht, trägt er immer noch seine „Dienstkleidung“, wenn er das Haus verlässt.
So betritt er auch an diesem Morgen, mit dunklem Anzug, weißem Hemd, bunter Fliege, gemusterter Weste und Baskenmütze bekleidet den Friseursalon von Anneliese Unterhofer. „Guten Morgen Herr Johannes“ begrüßt ihn die stets adrett gekleidete Friseurmeisterin, wie an jedem Morgen freundlich.
“Küss die Hand gnädige Frau“, erwidert Herr Johannes und beugt sich galant zum Handkuss über ihren Handrücken, ohne diesen mit den Lippen zu berühren. Als er sich aufrichtet, suchen seine leuchtenden Augen den Blick der attraktiven Mittvierzigerin. „Sie schaun heuer wieder umwerfend aus, wie immer wenn ich zu ihnen komme“, macht er ihr ein Kompliment, das ungekünstelt und ehrlich klingt. Das Lächeln mit dem die Friseurin seine Freundlichkeit erwidert, lässt nicht nur im Herzen von Herrn Johannes die Sonne aufgehen. Auch die Reihe wartender Kunden können das Besondere im Verhältnis dieses Kunden zu Frau Anneliese erkennen.
„Guten Morgen Herr Johannes“, begrüßt ihn nun auch Jasmine, die auf ihn zukommt und ihm freundlich lächelnd Mütze und Jacke abnimmt, um sie an der Garderobe zu deponieren. „Guten Morgen Fräulein Jasmine“ erwidert Johannes den Gruß, während er seine Fliege zurecht zupft und sich nach einem freien Sitzplatz umschaut. Jasmine ist die Nichte von Frau Anneliese und auf ihre Art eine ebenso schöne Frau, wie ihre Tante.
Das Aussehen beider Frauen könnte man mit den berühmten beiden Handbewegungen beschreiben, die von oben nach unten Kurven in die Luft zeichnen. Für solche Ungezogenheiten ist Herr Johannes zu gut erzogen und außerdem sind seine Empfindungen für die beiden Damen von wesentlich zarterer Art.
Vordergründig besucht Herr Johannes den Friseursalon an jedem Morgen, um sich dort von einer der Damen rasieren zu lassen. Aber ohne jemals darüber zu reden, hegt er etwas mehr als Verehrung für die beiden Friseurinnen. Während er geduldig in der Reihe der Wartenden sitzt, beobachtet er mit Genuss das geschäftige Treiben der beiden Damen.
Dort wo bei Frau Anneliese der enge Rock ihre üppigen Rundungen umspannt und die strammen Waden vom Knie an nicht mehr bedeckt weren, zeichnen sich bei Jasmine die schlanken Schenkel durch eine hautenge Leggins ab, bis hinauf in zu der Stelle an der sich die Rundung ihrer Oberschenkel in die Polster des „unteren Rückens“ verliert. Mit einem derberen Ausdruck würde Herr Johannes das sportliche Hinterteil von Fräulein Jasmine niemals bezeichnen, auch nicht in seinen Gedanken.
Sicherlich präsentiert Jasmine ihre schöne Rückseite auch den mit ihm wartenden Herren, aber Herr Johannes übersieht diesen Makel höflich. Für ihn ist das eine ganz besondere Art wie Jasmine ihm ihre Zuneigung zeigt, die er freudig erregt und aus vollem Herzen erwidert. Obwohl beide Damen trotz der weißen Kittel über der privaten Kleidung ihr sehenswertes Dekollete gleichermaßen geschickt dem geneigten Publikum präsentieren, empfindet Herr Johannes für Frau Annemarie eine noch größere Sympathie als für ihre Nichte.
Bei ihr spürt er deutlich, dass sie nicht nur mit ihm flirtet, weil es eben zum Geschäft einer erfolgreichen Friseurin gehört. Wenn Frau Anneliese sich beim Rasieren über ihn beugt und mit der Andeutung eines Lächelns und glänzenden Augen darauf reagiert, dass sich sein Blick in der Falte zwischen ihren Brüsten verirrt, dann spürt Herr Johannes ganz genau die unausgesprochene Verbundenheit zwischen ihnen.
Sein Atem stockt jedes Mal, wenn Frau Anneliese ihm eine Hand auf die Schulter legt, um vor der Rasur das heiße Tuch besser über seinem Gesicht ausbreiten zu können. Seine Augenlieder zittern vor Erregung, wenn sie dieses Tuch mit zarten Fingern wieder entfernt. Ganz besonders glücklich fühlt sich Herr Johannes, wenn Frau Anneliese dieses Tuch nicht einfach weg nimmt, sondern es, an der Stirn beginnend, langsam bis zu seinen Lippen zusammenrollt. Bis es wie ein Krautwickel auf seinem Kinn liegt und dort vorsichtig abgehoben wird.
Mit roten Ohren und klopfendem Herzen genießt Herr Johannes dann das Gleiten des Rasiermessers durch seine Barthaare. Von den Berührungen ihrer Finger, die seine Haut vor dem Messer stramm ziehen, bekommt Herr Johannes einen trockenen Mund und hektische Flecken im Gesicht. Voller Vertrauen in die Kunst seiner Angebeteten schließt Herr Johannes ergeben die Augen, wenn das scharfe Messer an seinem Hals hinunter und über den Adamsapfel gleitet. Trotzdem klammern sich seine Hände jedes Mal um die Lehnen des Frisierstuhls, was gnädiger Weise von dem weiten Umhang verdeckt und so vor Frau Anneliese verborgen wird. Sie könnte es möglicher Weise als Furcht oder Misstrauen verstehen und das wäre für Johannes eine Katastrophe.
Doch der Höhepunkt der allmorgendlichen Rasur beginnt, wenn Frau Anneliese mit Daumen und Zeigefinger sein Kinn fasst und seinen Kopf hin und her wendet. Angeblich will sie so ihr Werk genauer betrachten, aber Herr Johannes ist davon überzeugt, dass Frau Anneliese damit unauffällig ihre Gefühle für ihn ausdrücken will. Den Gipfel der zärtlichen Berührungen zelebriert Frau Anneliese sofort danach. Sie schüttet sich etwas Rasierwasser in ihre zarten Hände, trägt es mit weichen Bewegungen auf seine Wangen auf und massiert es mit klopfenden Fingern in seine Haut ein.
In dem großen Spiegel an der Wand treffen sich ihre Blicke in stillem Einvernehmen dabei. Einmal, als er zum Geburtstag von Frau Anneliese Blumen mitgebracht hatte, war es ihm, als wenn sie beim Öffnen des Frisierumhangs seinen Hinterkopf mit ihrem Busen berührt hätte. Noch heute wird ihm schwindelig, wenn er daran zurück denkt. Jedes Mal, wenn sie die Bänder des Umhangs öffnet und den Papierkragen entfernt, regt sich in seinem Herzen die Hoffnung, dieser überglückliche Moment könne sich wiederholen.
Aber auch an normalen Tagen, wenn Fräulein Jasmine ihm an der Kassa seine Jacke und die Baskenmütze gereicht hat und Frau Anneliese ihm durch das Schaufenster zum Abschied nachwinkt, beginnt ein fröhlicher Tag für Herrn Johannes und das ist Grund genug für ihn, allen Menschen freundlich entgegen zu lachen und ihnen einen „Guten Tag“ zu wünschen.

18 Kommentare

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Hallo Ernst,
ein sehr schöner Beitrag, der die gute, alte Lebensart vermittelt.
Doch leider gehört er nicht in die Schreibwerkstatt!
Wir haben alle 4 Wochen ein Thema, zu dem geschrieben wird.
Du kannst aber andere Beiträge unter "Geschichten, die das Leben schreibt" oder einfach so unter "Kultur und Unterhaltung" einstellen.
Nur die Schreibwerkstatt hat immer ein bestimmtes Thema.
Einen schönen Abend und herzliche Grüße, Inga
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eine wunderschöne Geschichte! Ja, so stelle ich mir den typischen Wiener vor
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Ernst, wunderbar der Schmee! Ich hatte vor vielen Jahren einen Kollegen, der auch so gern zu seiner Friseurin ging.....
Ah, gähn´s Frau Eva, anen Schmäh koan ma net schreim. Dös muss ma im Herzn lehm, gell?
Lach mich schräg, Ernst. Du kannst das so toll. Schreib doch einmal etwas im Dialekt. Habe gerade letztens mit Anna E. korrespondiert, dass bei SB eine Dialektecke fehlt.
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Ich liebe Wien und die Wiener G`schichten....habe auch schon zwei Artikel darüber geschrieben. Danke für`s Lesen!
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Lieber Ernst, ich habe mich köstlich amüsiert! Danke!
Dieser wunderbare "altmodische" Schreibstil ... man wird förmlich zum Herrn Johannes. Diese "Rasur" ist ein echter Leckerbissen! ♥
Es ist mir eine Freude, sie erheitert zu haben, liebe Frau Sigrid und werde mich bemühen Sie mit weiteren Essays aus meiner Feder zu erfreuen.
Au jaaa, Ernst, da freue ich mich heute schon drauf!
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Eine sehr schöne Geschichte über eine stille Verehrung , die durch zu viele Worte von ihrem Charme verlieren würde . Ein freundliches Lächeln , ein lieber Blick , eine zarte Berührung erwärmt das Herz und macht den begonnenen Tag zu einem guten Tag .
Oft frage ich mich: Gibt es diese "stillen Verehrer" noch?
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Klassse, ich habe viel Spaß gehabt bei deiner Geschichte.
Dazu habe ich sie erdacht, danke für die Rückmeldung.
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Ich habe schon lange nicht mehr sowas herzerfrischendes gelesen ,zumal ich mir den Friseursalon in Wien gut vorstellen kann ,denn ich bin aus Wien .Mach weiter so ,deine Geschichte macht Lust auf mehr .Die anderen Geschichten lese ich heute abend ,den jetzt ruft die Pflicht .Das habe ich heute gebraucht . Danke
Die Anerkennung einer "Fachfrau" freut mich ganz besonders!!
Hallo Ernst ,ich bin überhaupt keine Schreiberin in diesem Sinne aber ich würde gerne manchesmal meinen Gedanken freien Lauf lassen ,denn ich habe schon sehr viel erlebt Gutes und Schlechtes und manches würde trösten ,weil das Schicksal nicht immer fair ist
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nette Geschichte vom Herrn Johannes. Ist doch klar, dass er als waschechter Wiener der alten Schule, den Handkuss nur andeutet und auch ansonsten ein Kavalier ist, von dem Scheitel bis zur Sohle. Doch lachen muss ich noch immer über den Vergleich mit dem Krautwickel-nee, dann schon eher eine Schaumrolle
An einem Männerkinn hatte ich einen deftigen Vergleich gesucht. Schaumrollen erscheinen mir doch sehr süß und klebrig im Gesicht eines "Pensionisten"
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