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Jessis Schweigen

Jessis Schweigen

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 20.12.2015 - 09:04 Uhr

Neulich fiel mir wieder der folgende Text in die Hände, der glaube ich gut zum Monatsthema „blackout“ der Schreibwerkstatt passt.
Nur ein Gedankenspiel. Man kann hier aber getrost von einem „gesellschaftlichen Blackout größeren Ausmaßes“ reden. Wie auch immer - mit der Geschichte habe ich einen Traum aufgeschrieben, den ich vor ca. drei Jahren hatte:

Ich schlendere an einem milden Sommernachmittag durch die Fußgängerzone einer kleinen Stadt. Die Häuser, die Strassen, die Plätze wirken sehr sauber und adrett, wie in einer frisch angemalten Puppenstube.
So, wie die Menschen an mir vorüber gehen, die Strassengeräusche, alles vollzieht sich fast lautlos. Als hätte jemand den Ton herunter gedreht. Die Automotoren surren ganz leise, die Menschen sprechen sehr gedämpft miteinander, eigentlich ist es eher ein Lallen.
Ich fasse ganz instinktiv an meine Ohren. Da scheint aber alles in Ordnung zu sein. Die Leute lächeln mich zwar an, grinsen. Aber der Blickkontakt geht jedes Mal ins Leere, ein irgendwie irritierendes, beklemmendes Gefühl. Ich komme mir fast so vor wie in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

Plötzlich springt von der Seite ein kleines Mädchen zu mir her. Sie macht einen ganz fröhlichen Eindruck, gestikuliert lebhaft mit den Armen umher. Ihre ganz natürliche Art hilft mir ein wenig, meine Beklemmung los zu werden. Zuerst denke ich: mit ihren Bewegungen, die sie in die Luft hinein wedelt, macht sie Faxen. Sie hat sich jetzt direkt vor mir aufgebaut, sodass ich stehen bleiben muss.

Aber dann beginne ich zu verstehen: das ist Gehörlosensprache. In ihrer übermütigen Art übertreibt sie nur ein wenig. Ich kenne diese Sprache.

„Ich bin Jessi“, sagt sie.

„Und ich bin Rolf“, sage ich.

„Wenn du mir eine Schachtel bahlbanos kaufst, kann ich dich ein bisschen durch unsere Stadt führen.“ Nachdem ich herausbekommen habe, was bahlbanos sind: Schokokekse – stimme ich zu.

Und schon prescht sie vor, springt von der einen zur anderen Seite. Ihre leuchtenden dunklen Augen verraten, dass sie sich einfach nur freut. Sie hat einen Job.

„Soll ich dir etwas erzählen von unserer Stadt?“ „Ja, gleich. Aber erzähl´ mir bitte zuerst von eurem Land, ich bin ganz fremd hier“.

„Also gut. Wir werden seit zehn Jahren von DIBO Ava regiert. Und …“

„Wer ist bitteschön DIBO Ava?“

„Eigentlich heißt er DIBO Avatar. Aber alle nennen ihn nur DIBO Ava. Ich weiß nicht viel von ihm. Früher war er einmal Schauspieler oder Sänger oder so was ähnliches“.

„Und wie ist er an die Regierung gekommen?“

„Wir haben jetzt das Jahr 2035. Bei uns gibt es schon seit ganz vielen Jahren keine Parteien mehr. Keiner hat ihnen mehr getraut. Und kaum jemand ging noch zur Wahl. Da haben dann die Fernsehsender gesagt: jetzt stellt jeder Sender einen Kandidaten auf. Und dann machen wir einen Wettbewerb. Und wer die höchste Einschaltquote bekommt, der wird der Chef im ganzen Land. Ja, und dann haben DIBO Ava und sein Sender gewonnen.

„Ja, und dann?“. „Ja, dann hat DIBO Ava zu den Menschen gesprochen und gesagt: alles ist in Ordnung. Ihr müsst nur mehr lächeln. So bekommt ihr das Glück ins Haus. Und je perfekter ihr lächelt, umso weniger Steuern müsst ihr zahlen. Die meisten Verwachsenen – so nennt Jessi die Erwachsenen – ließen sich dann operieren. Viele liefen zuerst mit dicken Pflastern an den Wangen herum …“

„Und dann …“ - weiter kommt sie aber nicht. Gerade gehen wir an einem kleinen Straßen-Cafe vorbei und Jessi schnappt sich ganz unvermittelt einen der leeren Stühle.

Sie zerrt ihn vor einen der Spiegel, die überall in Gesichtshöhe der Verwachsenen an der Außenwand des Cafés hängen. Solche Spiegel hatte ich schon auf meinem Weg in die Stadt an Hauswänden, Fußgänger-Ampeln und an eigens dafür aufgestellten Säulen in einem Park gesehen.

Jessi springt auf den Stuhl und schneidet wilde Grimassen in ihren Spiegel hinein. Zu meinem Erstaunen fängt der gleich an zu piepsen, was Jessi jedoch nur noch mehr reizt. Das Piepsen hört aber deswegen nicht auf, im Gegenteil, es wird noch lauter und geht in einen ganz unangenehm heulenden Dauerton über.

Die Cafe-Gäste beginnen, sich in Richtung Jessi umzuwenden und sich zu beschweren. Da räumt Jessi mit einem Sprung von ihrem Stuhl das Feld.
Mir fällt auf: die Gäste sprechen in dieser einer sonderbaren Sprache, die ich nicht verstehe.

„Was sollte das denn gerade eben?!“ frage ich etwas gereizt, ungehalten darüber, doch irgendwie in eine unangenehme Situation hineingezogen worden zu sein.
Jessi schaut mich ganz verschmitzt an, wackelt unbekümmert mit dem Kopf hin und her und zieht mit beiden Zeigefingern ihre Mundwinkel ganz weit nach hinten. Und sie bedeutet mir: „Das war doch erst der dritte Spiegel heute Nachmittag. Sonst sind es um diese Zeit schon sechs oder sieben!“

„Also ist das jetzt auch Gebärdensprache, was du da vor den Spiegeln vollführst?! Ich verstehe das aber nicht, das sollst du schon wissen!“.

„Nein, das ist nämlich so …“, macht Jessi mit beschwichtigenden Bewegungen.

„Ich übe schon für später. Smilie-smilie machen, das muss man schließlich richtig gut können. Und deswegen müssen die operierten Verwachsenen jede Woche einmal zur Kontrolle. Sonst müssen sie ja doch wieder genauso viel Steuern zahlen wie die Nichtoperierten. Die Spiegel – das hast du gesehen - die hängen ja überall.“.

„Und wie, ich meine, woher weiß denn der Spiegel …“

“Also“, unterbricht mich Jessi. „Jeder kriegt bei der Operation eine Nummer auf die Schneidezähne geritzt - Identnummer nennen die Verwachsenen das - und den Rest, den macht die Software. Wegen dem mit den Schneidezähnen “, und da fängt sie an, still vergnügt in sich hinein zu kichern, „deswegen heißt DIBO Ava bei vielen nur noch der `Häschenkönig´ “.

Und dann wird ihr Ausdruck noch lebhafter. „Und wenn du ganz genau wissen willst, wie man das richtig geht mit dem Smilie-smilie machen“ und dabei stemmt sie ihre Fäuste in die Hüften, „dann musst du dich einfach nur an unsere `weißen Flotten´ halten“. Und mit einer heimlich tuenden Gebärde deutet sie auf zwei Männer, die zusammen an einem der Tische vor dem Café sitzen.

Die beiden, ca. 35 Jahre alt, sind ganz in weiß gekleidet, dressman Figur.
„Von denen hier haben wir“, Jessi zieht mich an der Hand ein Stück weiter, um sich dann ein paar Meter weiter und außer Sichtweite der Männer gleich wieder vor mir aufzubauen, „von denen haben wir ganz ganz viele im Land, es sollen über 100.000 sein“.

„Ja, und was machen die?“.
„Nichts“, so Jessis prompte Antwort. „Sie gehören einfach zu DIBO Avas Leuten. Offiziell heißen sie „Garde Guys“, wir nennen sie „DIN-A-DIBOs“.
„Sie haben ein Casting gemacht im Fernsehen. Und jetzt sind sie einfach da und überall dabei. Wenn jemand Geburtstag hat, wenn ein Geschäft ein Jubiläum feiert, wenn eine Hochzeit ist, natürlich alles gegen viel Geld. Aber man muss sie einladen, verstehst du? Sonst geht gar nichts.“

„Ja, aber wozu sind die denn überhaupt da?“ „Also, das habe ich meinen Großvater auch gefragt“ – und dabei huscht plötzlich ein Leuchten über Jessis Gesicht. Der hat mir das dann so erklärt: „Das sind `Hingucker´ für die Menschen, so hat er das genannt, so eine Art Vorbild oder Leitbild. Sie sollen den Menschen zeigen, wo es lang geht. Niemand wusste ja mehr, wo es langgeht.

Und die dürfen auch alles. Und dann wird natürlich sehr viel über sie geredet und im Fernsehen laufen Sendungen über sie. Die vielen Castings, oder wenn sie wieder mal was angestellt haben, obwohl sie niemals verurteilt werden dürfen.

So kriegen die Sender es irgendwie hin, dass wir uns immer mit ihnen beschäftigen.“ Jessi kommt jetzt richtig in Fahrt. Bei ihren letzten Bewegungen bemerke ich aber erschrocken und betroffen, wie sich Wut und Verzweiflung in ihre Belustigung mischt.

Ich schüttele nur den Kopf, beginne langsam zu verstehen. Mir fällt wieder die Szene vor dem Café ein. „Und was war das soeben für eine Sprache, in der die Gäste da im Café gesprochen haben?“

„Hast du schon mal von `Schescheli´ gehört?“, Jessi scheint sich wieder gefangen zu haben. Und sie scheint meine Irritation bemerkt zu haben. Sie macht ganz langsame und konzentrierte Bewegungen, so als wollte sie versuchen, damit meine Aufmerksamkeit wieder einzufangen.

„Nein“, antworte ich.

„So heißt die neue Spache. Also, das ist so …“ Wieder hat sie sich direkt vor mir aufgebaut.

„Durch die Operationen können die Menschen viele Buchstaben nicht mehr richtig sprechen, z.B. „T“, „Z“, „K“, „G“, und so weiter“, malt Jessi umständlich.
„Ja, und deswegen gibt es jetzt eine Sprache, in der diese Buchstaben nicht mehr vorkommen. Zum Beispiel Schwollo, das hieß früher: Konto, Schwollowollo: der Bakkredit. Oder Audoschlofo, die Garage. Schoscho, für Kino. Schlabbabono, für einen Kuss. Ein Schowiloni ist ein Nicht-Grinser. Wollowollowollowollo eine Kettensäge“. Aber es gibt nur ganz wenige Worte in dieser Sprache. Es sollen nur noch ungefähr 700 sein. Vielen Menschen scheint das aber schon zu reichen.

Mir ist auf einmal ganz merkwürdig zumute. Bei jeder Beschreibung, die Jessi gegeben hat, habe ich lautlos versucht, das Wort nachzubilden. Und dabei bemerke ich, dass sich der ganze lebendige Ausdruck der Stimmbildung nur noch im vorderen Gaumenbereich abspielt.

Und jetzt verstehe ich auch, was Jessi mit „Schlabberles“ meint: das sind diese großen klobigen Gläser, aus denen die Menschen überall in den Cafés trinken bzw. mit diesen riesigen kreischend bunten Strohhalmen schlürfen. Nach der Kieferoperation haben sie offenbar große Schwierigkeiten, noch richtig zu kauen. und ernähren sie sich wohl hauptsächlich von dieser Flüssignahrung.

Zwei andere Kinder stehen plötzlich neben uns. Jessi kennt sie. Aber was für ein Schock für mich: die beiden können auch nicht sprechen. Jessi unterhält sich mit ihnen kurz in der Gebärdensprache.

Was hat das zu bedeuten? Es dauert nicht lange und die beiden sind wieder verschwunden.

„Jessi, jetzt sag´ mir mal, ich habe dich ja eigentlich nicht fragen wollen. Aber ich hatte eigentlich vermutet, dass du wegen einer Krankheit nicht sprechen kannst. Jetzt sehe ich, dass es noch andere Kinder gibt, die auch nicht sprechen können. Was ist da los?“

„Weißt du, das ist so…“ beginnt sie mit festen und entschlossenen Bewegungen. “Lena, Michael und ich, und noch viele andere Kinder können nicht sprechen.“

Dann macht sie eine Pause. So als müsste sie sich selbst erst noch einmal vergewissern, was sie da gerade gemalt hat. Und ich merke, wie eine Spur von Traurigkeit auf ihrem Gesicht erscheint.

„Was ist da passiert?“ hake ich noch einmal nach. Und ich bemühe mich dabei, meine Erregung herunter zu spielen.

Jessi bekommt plötzlich beinahe etwas Feierliches. Sie reckt und streckt ihren kleinen Körper in den Himmel und macht ihn ganz weit. So als wollte sie sagen: das, was ich dir jetzt zu sagen habe, das ist alles, wirklich alles, was ich selbst ermessen und fassen kann.

„Opa hat das so gesagt“, beginnt sie, „Opa Dampf nennen wir Kinder ihn, warum wirst du gleich erfahren. `Die meisten Menschen leiden unter dem Fassaden-Syndrom, viele wissen es selbst gar nicht. Durch smilie-smilie machen kann man sich zwar mit anderen auf eine bestimmte Art verbunden fühlen. Zu sich selbst haben aber viele Menschen trotzdem jeden Kontakt verloren. Sie sind nur noch damit beschäftigt, sich selbst zu vermeiden, sich selbst nicht mehr fühlen zu müssen. Sie sind völlig abgeschnitten von sich selbst.“

„So geht es den meisten Menschen“, fährt Jessi fort. „Und das hat sich über viele, viele Jahre hinweg so entwickelt. Irgendwann haben die Menschen dann aber gesehen, dass das nicht mehr so geht. Allen war plötzlich klar und ganz nah vor ihrer Seele: wir – und zwar nicht nur Einzelne, die ganze Gesellschaft, – sind irgendwo in einer Sackgasse stecken geblieben.

Viele Menschen sind an diesem Punkt einfach verstummt. Etwas ist plötzlich umgeschlagen. Es ist einfach passiert, bei ganz Vielen fast zur selben Zeit. Da hatten sich zu viele Lügen angesammelt. Und die ersten, die dazu gehört haben zu den Verstummten, das waren mein Papa und meine Mama“.

Für DIBO Ava und seine Leute sind die Verstummten natürlich ein großes Ärgernis und eine „Zumutung für das ganze Land“ hat DIBO Ava neulich gesagt.

Ich bin fassungslos, kann es nicht glauben, will es nicht glauben.

„Und dann hat Opa Dampf aber noch gesagt“, und da rollen plötzlich dicke Freudentränen über Jessis Gesicht, „ich habe irgendwann entdeckt, dass es etwas gibt, was mir sehr viel Freude macht: alte Dampflokomotiven reparieren. Auch wenn die längst aus der Mode gekommen sind.

Dasselbe rate ich dir mit dem Fühlen. Die Vorsehung hat dich mit einer ganz gefühlvollen Wesensart beschenkt. Um des Himmels willen: bewahre dir das. Auch wenn andere es nicht tun und es für altmodisch halten. Tue dich einfach zusammen mit Menschen, die das auch mögen. Die Dampflokomotiven kann ich auch nicht alleine reparieren.

Lass´ dir bei allem, was du tust – beruflich oder privat - etwas Zeit. Niemand wird es dir übel nehmen. So kannst du das Fühlen pflegen und es wird deine Seele stärken.
Das Fühlen wird dir so viel Freude und Erfüllung geben und dir deine Würde erhalten, die schon deinen Eltern so viel bedeutet hat“.

Diese Worte hatten eine so starke Wirkung auf mich, dass ich an dieser Stelle aus dem Traum aufgewacht bin.

Jessi habe ich leider nie wieder getroffen, ich habe nie wieder von ihr geträumt. Auch wenn die Geschichte einige Fragen aufwerfen mag - eines weiß ich mit einiger Sicherheit: um Jessi muss ich mir keine Sorgen machen.

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