Entsetzlicher Unfall mit Tram - Wie ich Erste Hilfe leisten sollte und zögerte

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Christian Böhm wurde gestern Zeuge eines Unfalls - und leistete vergeblich Erste HilfeFoto-Quelle: MVV (Symbolfoto) / wize.life
News Team
Von News Team

Eine Frau läuft vor die Straßenbahn, der Fahrer steigt voll in die Eisen. Doch allen ist sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert ist. Die Frau liegt da. Notrufe werden abgesetzt. Und jeder stellt sich die bange Frage: Soll ich helfen? Kann ich überhaupt helfen?

Als Journalist habe ich dutzendmal über Unfälle berichtet, am Schreibtisch ist das keine große Sache. Was ist wann, wo, wie passiert. Routine! Doch gestern war ich selbst Teil davon, saß in der Tram. Und zögerte zunächst.

Dienstagmorgen, kurz nach acht. Wie jeden Arbeitstag nehme ich die Tram der Linie 25 zum Rosenheimer Platz in die Münchner Innenstadt. Ich schaue unterwegs aufs Handy, lausche über Ohrstöpsel einem Hörbuch. Plötzlich bremst der Straßenbahnfahrer zwischen zwei Haltestellen stark ab. Die Tram steht.

Normalerweise folgt jetzt ein lautes Schimpfen des Fahrers, begleitet von genervtem Kopfschütteln der Mitreisenden. Meist, weil mal wieder jemand über die Gleise gelaufen ist, wo er nicht sollte. Doch diesmal ist alles anders.

Es herrscht Ruhe! Einen Moment wenigstens. Dann immer lauter werdendes Gemurmel. Ich sitze in der Mitte der Straßenbahn, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, drehe mich um, blicke aus dem Fenster und sehe eine ältere Frau auf den Gleisen - und verstehe sofort, dass sie dringend Hilfe braucht.

Ist ein Arzt anwesend?

Trotzdem zögere ich. Ich war noch nie in einer solchen Situation, musste noch nie Erste Hilfe leisten. Was tun? Um ehrlich zu sein, hoffe ich, dass schon schnell andere helfen werden, dass sich eine Traube um die Frau bildet, dass ein Arzt anwesend ist. Doch Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen, passiert nichts, außer dass eine Frau in der Tram tatsächlich fragt, ob ein Arzt anwesend sei.

Ich schnappe meine Tasche, hänge sie mir über die Schultern und laufe durch eine mittlerweile geöffnete Straßenbahntüre. Um es gleich vorweg zu sagen, ich bin nicht der Held in der Geschichte, nur Mithelfer. In der Zeitung wird stehen: "Passanten rufen Rettungskräfte und eilen zur Hilfe."

Erste Hilfe von Amateuren

Wir sind zu viert bei der Frau. Ein junger Mann hält ihr den Kopf. Sie blutet. Er hält ihr eine Kompresse aus dem Notfallset eines Abschleppwagens, der auf der Straße nebenan angehalten hat, an die Wunde. Er behält die Ruhe, er hat das Kommando, er versucht mit der Frau in Kontakt zu treten, spricht sie an. Später erzählt er mir, er sei Physiotherapeut und wenn auch kein Notfallsanitäter, so eben doch näher an der Materie.

Immerhin: Sie atmet, hat Puls. Wir tragen sie von den Gleisen über die Straße zu einem kleinen Grünstreifen, legen sie ins Gras, decken sie zu. Endlich kommt der Sanka. Die Profis übernehmen. Der junge Mann geht sich an einer Tankstelle die blutigen Hände waschen, ich parke seinen Wagen. Dann bedanke ich mich bei ihm. Für seinen Einsatz, aber auch für seine Ansagen mir gegenüber. Ich hatte die ganze Zeit Angst, etwas falsch zu machen.

Kriseninterventionsteam kümmert sich

Ich weiß nicht, was ich noch tun soll, gehe zurück zur Tram, frage den Fahrer, wie es ihm geht, ob Hilfe auch für ihn unterwegs ist. Er sagt: "Schlecht." Und wirkt ziemlich mitgenommen. Ein Kriseninterventionsteam wird sich um ihn kümmern.

Ich gehe weiter, rufe meine Frau an, erzähle, was passiert ist. Meine Stimme gerät immer wieder ins Stocken, ich bin den Tränen nahe, wische mir mit einem Taschentuch Blut von der Hand, bin ratlos. Hätte ich mehr tun können, mehr tun müssen?

Später am Tage lese ich: Trotz schneller Hilfe auch von Passanten - Frau kommt nach Unfall mit Tram ums Leben.

Mein Gedanken sind bei der 82-jährigen Frau, die den Zusammenstoß nicht überlebt hat, und ihren Angehörigen. Mein herzliches Beileid. Es tut mir so leid.

Anruf bei Professor Dr. med. Matthias Klein

Ich google "Erste Hilfe". Mein Gott, wie lange liegt der Kurs zurück? Bestimmt 20 Jahre, zuletzt bei der Bundeswehr. Das Gefühl, irgendwie nicht alles richtig gemacht zu haben, lässt mich nicht los. Und warum bin ich nicht sofort los, sondern habe noch überlegt, ob und wie ich helfen kann?

"So eine Situation ist immer Stress für alle", erklärt mir Professor Dr. Matthias Klein, Chef der Nothilfe am Uniklinikum Großhadern, am darauffolgenden Tag am Telefon. Ich will wissen, was als Erstes zu tun ist, wenn man zu einem Unfall kommt. "Das Wichtigste ist der Selbstschutz", antwortet der Mediziner. "Ist die Situation sicher für mich? Kann ich da jetzt einfach hinlaufen?"

Jeder potenzielle Ersthelfer müsse sich das zunächst selbst fragen, insbesondere wenn Autos unterwegs sind oder eben Straßenbahnen. Wenn für einen selbst keine Gefahr besteht, gilt es Klein zufolge, sich zunächst einen Überblick zu verschaffen. "Was ist überhaupt passiert?"

Das sollte unbedingt beachtet werden:

  • unbedingt einen Notruf absetzen, bzw. von anderen absetzen lassen - manchmal wird das vor lauter Stress vergessen
  • selbst Ruhe bewahren - keinem Patienten bringt es etwas, wenn man in Panik gerät
  • sich dem Patienten nähern
  • überprüfen, ob er kontaktfähig ist, ob er Puls hat und atmet
  • mit dem Patienten reden - das beruhigt auch einen selbst, und das Unfallopfer spürt, da ist jemand, der mir helfen will
  • Patienten aus dem Gefahrenbereich bringen
  • falls nötig Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen

"Einen Menschen nicht zu reanimieren, aus Angst, etwas zu verschlimmern, ist das Worst-Case-Szenario", sagt Klein. Wiederbelebungsmaßnahmen sind entscheidend. Denn: "Der Körper hat nur wenige Reserven, dann drohen irreparable Hirnschäden." Ohnedies gelte: "Viel kaputt machen kann man als Ersthelfer in der Regel gar nicht."

Der Arzt nimmt auch mir etwas Last von den Schultern. "Als Helfer ist man nicht schuld. Wenn Sie nicht hingegangen wären, wäre die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass es schlecht ausgeht."

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"Viele Ersthelfer machen sich Gedanken"

Klein weiß: "Viele Ersthelfer machen sich Gedanken." Er rät, mit Familie und Freunden darüber zu sprechen. Das helfe oft schon. "Kann man jedoch über einen längeren Zeitraum deswegen nicht schlafen und bekommt die Bilder nicht aus dem Kopf, rate ich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen."

Auch er ist außerhalb des Krankenhauses schon zu Unfällen dazugekommen, einmal im Urlaub am Pool, ein anderes Mal auf der Skipiste. "Privat ist das schon ein anderes Setting", betont Klein. Auch für ihn. "Das hat mich mehrere Tage danach noch beschäftigt."

Mich beschäftigt es ebenfalls. Worüber ich mir aber jetzt schon im Klaren bin: Ich werde mich so bald wie möglich bei einem Erste-Hilfe-Auffrischungskurs anmelden. Und hoffen, dass ich ihn nie brauchen werde.

Dieser Beitrag wurde verfasst von wize.life-Chefredakteur Christian Böhm.

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27 Kommentare

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Für mich persönlich ein wirklich guter Artikel. Und aus dem Leben gegriffen/geschrieben des Autors auch.
Unterhält man sich mal im realen Leben mit Bekannten, Freunden, Kollegen usw. darüber kommt ja oft dann: Ich habe bzw. hätte Angst Fehler zu machen. Unsicherheit auch ist dabei halt dann in einem medizinischen Notfall oder in einer Notsituation.

Und es ist doch oft wirklich so: Viele in Deutschland durchlaufen doch so eine Erste-Hilfe-Kurs-Schulung zur Führerscheinprüfung - danach nie wieder.
Obwohl es ja wirklich z.B. beim Deutschen-Roten-Kreuz solche Auffrischungskurse gibt. Ich persönlich habe schon an drei wieder innerhalb der letzten 20 Jahre teilgenommen.
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es ist nicht wichtig ob man die erste Hilfe perfekt kann, wichtig ist überhaupt etwas zu tun, nicht weg schauen oder abhauen und die 112 kann jeder anrufen
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Irgendwie verstehe ich es gerade nicht. Ist es nicht normal, dass, wenn ein Unfall passiert, man zuerst einen Notruf wählt und dann schaut, was man helfen kann? Und wenn man nicht helfen kann, dann zumindest für den Verletzten da sein und ihm ein wenig von der Angst und dem Alleinsein nimmt? Aber ich bin Medizinerin und sehe das wahrscheinlich zu nüchtern.
In letzter Zeit fotografieren viele Anwesende lieber und behindern die Helfer.
@ S V K
Logo wäre das für mich auch das Erste was ich dann tun würde:
Die 112 anrufen in Deutschland.
Und ob Medizinerin oder nicht? Ich bin keine.
Auf jeden Fall sich trauen zu helfen.
Genau
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Es ist wichtig, sofort zu handeln. Ich bin in einem häuslichen Notrufsystem integriert
und konnte schon öfters erste Hilfe leisten. Von Vorteil wäre es, wenn man seine
"Erste Hilfe Kenntnisse" ab und zu auffrischen würde.
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Nicht abwarten einfach TUN. Nachdem der Notruf abgesetzt wurde sofort aktiv werden. Kontrollieren ob der Verletzte noch atmet. Wenn nicht gleich Herzdruckmassage bis der Notarzt eintrifft. Zuvor nach sehen ob die Atemwege frei sind. So schwer wie man denkt ist Hilfe gar nicht und wenn man am Ort ist und sowieso Adrenalin im Blut hat - sofort Hilfsmaßnahmen einleiten und auch die Gaffer in die Verantwortung nehmen! Nach solch einem Geschehen, kommen für den Ersthelfer oft Zweifel, ob er auch richtig gehandelt hat. Aber Nichtstun macht alles nur noch schlimmer!
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Bei einer Busfahrt verlor eine Mitfahrerin direkt vor mir das Bewusstsein. Von hinten habe ich Druckmassage gemacht und natürlich laut nach vorn gerufen sofort einen Notarzt rufen.
Nach wenigen Minuten atmete die Frau wieder selbständig. Als der Notarzt kam, verstand sie gar. nicht, warum sie ins KH sollte.
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Ich war Zeuge wie ein nach links abbiegender PKW einem geradeaus fahrenden Motorrad die Vorfahrt nahm. Der Motorradfahrer war sehr schnell untewegs und fuhr dem Auto voll rein. Er wurde bewusstlos auf die Strasse geschleudert.
Ich hatte kurz zuvor eine Woche für den Betrieb einen Erste Hilfe Kurs absolviert und konnte deshalb etwas helfen, bis aus der nebenan liegenden Praxis ein Arzt die weiteren Massnahmen ergriff.
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Mein Dilemma ist auch meine Behinderung , Wirbelsäule bei einem Sturz im Bus zertrümmert., Herzbeschwerden. Brauche selber öfter den Notarzt. Meine Schwester, 87 hat einen Notfallknopf, damit sie Hilfe holen kann, wenn sie stürzt und nicht mehr aufstehen kann. Ich bin als Kontaktperson angegeben und werde dann vom Notdienst angerufen nachzusehen was los ist. Gehe dann so schnell wie möglich hin, und komme mit meinem Schlüssel in die Wohnung. Dann benachrichtige ich den Notdienst, was los ist.Helfen in dem Sinne kann ich nicht viel, zureden, Sachen zusammensuchen, und dem Notdienst die Tür öffnen. Manchmal möchte sie dass ich hier auch medizinische Hilfe leiste , was ich aber mich auch nicht traue. Natürlich fühlt man sich besser, wenn man helfen kann, daher kann ich die Bedenken von Christian verstehen.
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In unserer Firma werden ein bis zwei Mal im Jahr ganztägige Erste-Hilfe-Kurse organisiert. Jeder Mitarbeiter muss alle zwei Jahre daran teilnehmen..

Ich war gerade vor zwei Monaten wieder und mit jeder Wiederholung bekommt man mehr Sicherheit.
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