Ikigai - und was wir von den Bewohnern der Insel der Hundertjährigen lernen können

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Den Ruhestand gibt es nicht auf der "Insel der Hundertjährigen". Das Wort fehlt im Vokabular der Bewohner von Okinawa, einer japanischen Inselgruppe im Ostchinesischen Meer.

Aus gutem Grund: Sich zur Ruhe zu setzen, im Alter ein paar Gänge runter zu schalten, auf so eine Idee kommen die agilen Senioren überhaupt nicht.

Stattdessen brettern sie noch mit 90 oder 100 Jahren mit dem Motorrad über die Insel. Tanzen, machen Karate, werkeln im Gemüsegarten. Und doch gibt es keinen anderen Ort auf der Welt, an dem es so viele Hundertjährige gibt wie auf Okinawa.

Ikigai - zentrale Säule für ein langes Leben

Das Geheimnis ihres erfüllten Lebens und der inneren Zufriedenheit? Einige Forscher vermuten, dass es daran liegt, dass diese Senioren über viel "Ikigai" verfügen.

Studien aus Japan legen die Vermutung nahe, dass Ikigai eine zentrale Säule für ein langes Leben ist. Dass sie also etwas haben, wofür es sich zu leben lohnt, einen Sinn im Leben sehen.

So findet jeder sein persönliches Ikigai

Das klingt abstrakt, nach Gedankenspielen. Die Autorin Bettina Lemke zeigt in ihrem Praxisbuch "Entdecke dein Ikigai", wie jeder Schritt für Schritt sein ganz persönliches Ikigai finden kann.
"Jeder von uns hat dieses Ikigai", davon ist sie überzeugt.

Im Interview mit Wize.life erklärt Bettina Lemke, was Ikigai bedeutet, wie das Prinzip unser Leben bereichern kann - und was wir von der Insel der Hundertjährigen lernen können.

Wize.life: Können Sie kurz beschreiben, was man unter Ikigai versteht?

Bettina Lemke: Der Begriff Ikigai stammt aus dem Japanischen. Iki bedeutet in etwa „Leben“ und gai bedeutet etwas vereinfacht übersetzt „Grund, Sinn, Wert, sich lohnen“. Ikigai steht somit für das Gefühl, einen Sinn im Leben zu sehen. Etwas zu haben, wofür es sich zu leben lohnt und damit auch für Selbstverwirklichung und Lebensmotivation sowie für das, was unserem Leben Freude und Erfüllung schenkt.

Wize.life: Wie kann Ikigai unser Leben bereichern?

Bettina Lemke: Wer weiß, wofür er morgens aufsteht und sich diese Frage mit einer inneren Sicherheit, quasi aus ganzem Herzen beantworten kann, hat sein eigenes Ikigai oder zumindest einen wichtigen Teil davon wahrscheinlich bereits gefunden. Und wer sich seines persönlichen Ikigais bewusst ist, richtet sich im Leben nach Möglichkeit auf die Dinge aus, die für ihn wirklich lohnend und wertvoll sind.

Wize.life: Das klingt einleuchtend - doch die Suche nach dem Lebenssinn ist für einige Menschen nicht so einfach...

Bettina Lemke: In unserer westlichen Welt entsteht bei zahlreichen Menschen oft ein Gefühl der Anspannung, wenn sie von anderen nach ihrem persönlichen Lebenssinn gefragt werden, oder wenn sie sich selbst die Frage danach stellen. Viele meinen, es müsse sich dabei um etwas Großes oder Bedeutsames handeln, und haben den Eindruck, dass es nur schwer greifbar ist. Das hat wahrscheinlich etwas mit unserer abendländischen Kultur zu tun, in der sich traditionell die großen Philosophen und andere Denker mit der Frage nach dem Sinn beschäftigt haben, die sehr komplex und schwer zu beantworten scheint

Bettina Lemke: "Entdecke dein Ikigai"
PrivatBettina Lemke: "Entdecke dein Ikigai"

Wize.life: Tun sich andere Kulturen da leichter?

Bettina Lemke: In Japan gehen die Menschen dagegen sehr entspannt mit dem Begriff Ikigai um. Und dieses Prinzip lässt sich auf überaus unkomplizierte Weise in den konkreten Alltag der Menschen integrieren. Diesen unverkrampften, charmanten Umgang mit Ikigai können wir von den Japanern lernen.

"Jeder kann sich mithilfe von einfachen Fragen auf die Suche nach dem eigenen Lebenssinn machen und persönlich enorm davon profitieren."


Wize.life: Was für Fragen sind das?

Bettina Lemke: Wer sein Ikigai entdecken möchte, kann sich daher zum Beispiel fragen: Was macht mir Spaß? Was kann ich gut, wo liegen meine Stärken und Talente? Wofür werde ich bezahlt beziehungsweise wofür könnte ich eine Gegenleistung erhalten? Und inwiefern ist mein Tun auf etwas Größeres ausgerichtet? Tue ich etwas, das der Welt zugutekommt?

Wize.life: Inwiefern kann Ikigai dazu beitragen, ein gesünderes Leben zu führen, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Bettina Lemke: Menschen, die ihr Ikigai erkannt haben, empfinden Lebensfreude und innere Zufriedenheit. Sie sind optimistisch und fühlen sich lebendig. Überdies sind sie begeisterungsfähig, motiviert und verfügen über innere Stärke sowie ein großes Maß an Resilienz. Offenbar ist Ikigai eine Lebenskraft, die sich positiv auf die psychische und physische Gesundheit auswirkt, das belegen auch aktuelle Studien.

Wize.life: Was bedeutet das konkret?

Bettina Lemke: Demnach führen Menschen mit viel Ikigai ein erfülltes Leben und haben sogar eine signifikant höhere Lebenserwartung als Menschen mit wenig Ikigai. Wer keinen Sinn im eigenen Dasein sieht und nicht weiß, wofür er lebt, hat logischerweise weniger Energie und Lebenslust als jemand, der seinen Alltag mit sinnstiftenden Dingen ausfüllt, die ihm Glück und Zufriedenheit schenken.

"Es lohnt sich also auch in Bezug auf unsere Gesundheit und ein langes Leben, unser Ikigai, das ein wahrer Lebensmotor ist, zu fördern."


Wize.life: Apropos längeres Leben. In ihrem Buch spielt auch die "Insel der 100-Jährigen" eine Rolle...

Bettina Lemke: Auf der japanischen Insel Okinawa und vor allem in dem kleinen Ort Ogimi erreichen die Menschen ein sehr hohes Alter und bleiben dabei extrem lange gesund, agil und aktiv. Dort ist das Prinzip des Ikigai mit einem großen Gemeinschaftsgefühl verknüpft. Die Menschen gehören einer über viele Jahrzehnte gewachsenen Gruppe an, auf die sie sich stets verlassen können und deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen. Das führt zu einem starken Gefühl der Zugehörigkeit, das extrem sinnstiftend ist. Das eigene Tun steht häufig in einem Zusammenhang mit anderen. Der Fokus liegt also nicht nur darauf, etwas aus reinem Selbstzweck zu machen, sondern einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Lesen Sie auch: Lebenserwartung erhöhen: Regelmäßiges Spazierengehen senkt Sterberisiko

Wize.life: Was können wir von den Bewohnern Okinawas lernen?

Bettina Lemke: Eine auf die Gemeinschaft ausgerichtete Haltung führt uns weg davon, uns ständig nur auf uns selbst zu konzentrieren. Sie fördert sinnstiftendes Handeln und damit das eigene Ikigai. In unserer westlichen Welt leben wir in der Regel zwar nicht mehr in einem so engen Gemeinschaftsverband wie die Bewohner von Ogimi.

Aber wir können von ihnen lernen, enge Beziehungen zu Freunden und der eigenen Familie zu pflegen und nach Möglichkeit Gemeinschaften zu bilden. Sei es über gemeinsame Projekte, regelmäßige Aktivitäten mit einer Gruppe oder etwa über alternative Wohnformen wie zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser.

Wize.life: Sie schreiben, Ikigai sei ein innerer Schatz, der in jedem von uns stecke und nur geborgen werden müsse...

Bettina Lemke: Tatsächlich hat jeder von uns Ikigai. Doch nicht jeder hat diesen inneren Schatz bereits für sich entdeckt, und die Suche danach kann schwierig erscheinen. Mit ein paar einfachen Tricks können wir unserem persönlichen Ikigai jedoch auf die Spur kommen.

Wize.life: Wie fängt man damit an?

Bettina Lemke: Generell setzt Ikigai sich aus vier Bereichen zusammen: Erstens aus den Dingen, die wir sehr gerne tun oder für die wir uns begeistern. Zweitens aus unseren Stärken oder dem, was wir gut können. Drittens aus den Dingen, für die wir bezahlt werden oder für die wir eine Gegenleistung von anderen erhalten können. Und viertens aus den Dingen, die die Welt braucht.

Letztlich geben diese vier Bereiche Hinweise auf unsere Passionen, auf mögliche berufliche Tätigkeitsfelder, unsere Berufung sowie auf unsere Mission im Leben. Unser Ikigai setzt sich aus der gemeinsamen Schnittmenge dieser Bereiche zusammen.

Zudem können wir mithilfe folgender Fragen prüfen, ob etwas unserem persönlichen Ikigai entspricht: „Verleiht es mir Energie? Macht es mich wacher und lebendiger? Fördert es meine Motivation? Ist es ein Grund, warum ich morgens gerne aufstehe? Fühlt es sich innerlich richtig an? Wird mein Leben dadurch bunter, erfüllter und lohnender? Hat es eine positive Wirkung auf andere Menschen/mein Umfeld? Kann ich anderen begeistert davon erzählen und sie mit meiner Begeisterung anstecken?“ Wenn wir Fragen wie diese beantworten, erhalten wir wertvolle Hinweise zu unserem Ikigai.

Wize.life: Wie hat Ikigai Ihr Leben verändert?

Bettina Lemke: Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal auf das Prinzip des Ikigai stieß, war ich sofort begeistert. Zum einen konnte ich mein persönliches Ikigai klarer erkennen und zum anderen hat meine Begeisterung für dieses Thema letztlich dazu geführt, dass ich das Buch "Entdecke dein Ikigai. Mit japanischer Weisheit den Sinn des Lebens finden" geschrieben habe, um auch andere Menschen zu inspirieren, sich mithilfe praktischer Übungen auf die Suche nach ihrem Ikigai zu machen. Mittlerweile wurde das Buch bereits in viele andere Sprachen übersetzt und erreicht Leser verschiedener Kulturen. Das freut mich sehr und schenkt mir gleichzeitig viel Ikigai.

"Entdecke dein Ikigai - Mit japanischer Weisheit den Sinn des Lebens finden", Bettina Lemke, dtv, 9.99 Euro.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Bettina Ullrich

8 Kommentare

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Gehen wir nach Italien, ein kleines Fischerdorf
https://www.swisslife.de/blog/dorf-1...hrigen.html
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Klappt vielleicht auf dieser einen Insel, aber global ist Karoshi – Tod durch Überarbeitung -- ehr ein Fakt in Japan als Ikigai. Sollte man mal realistisch sehen.
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Zweifellos lebt man gesünder und wohl auch länger, wenn man zufrieden ist.

Und Zufriedenheit hängt nicht allein von materiellen Dingen ab.

Aber - wie schon andere SchreiberInnen erwähnen - hier leben wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Und das beginnt - oft - wenn die Entscheidung ansteht, in welche Schule ein ca. 10jähriges Kind nach der Grundschule gehen soll: Hauptschule (sofern es diese überhaupt noch gibt als wahre Alternative), Realschule oder Gymnasium. Viele Eltern (nicht alle) wollen ihr Kind mit aller Macht ins Gymnasium schicken. Die Kinder werden nicht wirklich gefragt.

Es geht weiter mit der Berufswahl: Viele Firmen bilden entweder gar nicht aus oder schicken die Azubi nach bestandener Abschlussprüfung weg. Oft genug sind das dann dieselben Firmen, die über Fachkräftemangel jammern.

Dazu kommt, dass es - trotz "Fachkräftemangel" bei weitem nicht genug Arbeit für alle gibt. Schon gar keine, von der man leben kann, nicht nur existieren.

Wenig Chancen also, eine Arbeit zu machen, die man wirklich gern macht. Die mehr als reiner Broterwerb ist. Diejenigen, die Arbeit haben, sind oft bis zum Burnout überlastet, andere wollen arbeiten und werden doch nicht eingestellt. Und wenn, oft über Zeitarbeitsunternehmen. Diese schreiben sich natürlich auf die Fahnen, auch langfristige Einsätze zu haben, haben sie auch. Aber meist ist es eben doch ein "Nomadendasein, ein paar Wochen hier, ein paar Tage dort. Ständig wechselnde Arbeitszeit und überall und jederzeit sofort funktionieren.

Lebensläufe wie früher - Schule - Ausbildung/Studium und dann Jahrzehnte im gleichen Beruf - werden immer seltener, werden immer öfter Ausnahme sein als Regel. Mit 40 gilt man im Berufsleben oft schon als "alt", für das Alter "50plus" gibts mittlerweile eine regelrechte "Industrie" von Maßnahmeträgern, die an eben diesen 50plus-Jährigen verdienen um sie letzten Endes doch wieder in "Hauptsache Arbeit" zu drängen, ja gar zu nötigen.

Und wenn man dann ins Rentenalter kommt, reicht die Rente oft nicht vorne und hinten. man muss arbeiten (wenn man denn noch kann)


(Sorry für den langen Text aber es gibt ja die Scrollfunktion )
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Kann man nicht vergleichen. In Deutschland geht es nur mit Ellenbogen. Jeder ist sich selbst der "Nächste!" Herzenswärme fast Null!" Nachbarschaft fast Null!" Jeder ist auf sich selbst gestellt. Und die Deviese heißt "haste was, biste was!" Eigentlich schrecklich, aber die Uhr
läßt sich nicht zurück setzen. Also, müssen wor früher sterben und viele Ältere Leute werden
mit Tabletten gefüttert und wegetieren die letzten Jahre ihres Lebens so dahin.Gruselig!"
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Um eine solche Lebensart zu leben darf man nicht erst anfangen wenn das Erwerbsleben so ca mit 64. Jahren normal beendet wird. Mit dieser Art zu leben fangen diese Leute schon mit der Geburt an. Alles geht langsam und in geregelten Bahnen. Man lebt gesund in einer gesunden Umgebung und Umwelt in geregelten Verhätnissen. Man isst leichtes Essen ,viel Fisch und Gemüse aber keineswegs nur vegan. Man arbeitet durchaus normal aber immer mit Pausen und Ruhezeiten.
Würde jeder, der es möglich machen könnte hier so leben , hätte er beste Möglichkeiten lnge ein glückliches und ausgefülltes Lebensalter zu erreichen !
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Um mal gegen den gequirlten Quark hier einige Fakten zu setzen --- auch wenn's weh tut beim Ikigai:
https://www.faz.net/aktuell/wirtscha...007050.html

Und das auch noch:
https://www.zeit.de/2014/11/japan-pe...lettansicht
Ist eigentlich nix Neues - und gibts schon ziemlich ewig. Nennt sich altmodisch "Lebenszufriedenheit". Soll Menschen geben, die nicht mit Erreichen eines Stichtages plötzlich aufhören, das zu tun, was sie vielleicht gern tun - und was ihnen auch einen Lebenssinn vermittelt. Muss man kein Japaner für sein - sondern einfach das Glück haben, das zu tun, was man gerne tut - dann wird man eben Zeit seines Lebens nicht mehr "arbeiten". Mit erzwungenen Nebenjobs, um die Rente aufzustocken, hat das nicht das Geringste zu tun. Das ist nackte Lebensnotwendigkeit - und auch keine "sinnstiftende Berufstätigkeit" - sondern eben "Arbeit" - was man tut, um "Geld zu verdienen" - ohne es zu "lieben".
Yepp!
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