Margot (64) fährt mit dem Moped allein um die halbe Welt - Jetzt ist sie ein Kino-Star

Als ungeübte Motorradfahrerin schrubbte Margot Flügel-Anhalt über 18.000 Kil ...
Als ungeübte Motorradfahrerin schrubbte Margot Flügel-Anhalt über 18.000 KilometerFoto-Quelle: streetsfilm
News Team
Von News Team

Als Margot Flügel-Anhalt das erste Mal in ihrem Leben auf ein Motorrad steigt, ist sie 64. Und so schnell steigt sie anschließend auch nicht wieder runter von ihrer Maschine, einer 125er Enduro.

Fährt in ihrem Dorf in der Nähe von Kassel los und 117 Tage lang durch insgesamt 18 Länder und 4 Zeitzonen, bringt es so auf über 18.000 Kilometer. Allein. Nur mit Motorrad und Zelt.

Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Thurnhosbach

Ihr Ziel: Der wilde Osten. Über Polen, Ukraine, Russland, Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan bis in den Iran, dann über die Türkei und Südosteuropa wieder zurück ins heimatliche Thurnhosbach.

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Begleitet wird sie auf ihrer kühnen Motorradreise - nicht durchgängig, aber immer wieder - von einem Filmteam. Daraus haben die Regisseure Johannes Meier und Paul Hartmann den dokumentarischen Roadmovie „Über Grenzen“ gemacht, der ab Donnerstag (12. September 2019) im Kino zu sehen ist.

Der Zuschauer folgt Margot Flügel-Anhalt auf dieser intensiven Reise durch Osteuropa und Zentralasien, kommt ihrem Erleben ganz nah - auch dank der Aufnahmen aus ihrer Helmkamera.

Doch zunächst heißt es Abschiednehmen von ihrem idyllischen Fachwerk-Dörfchen in der nordhessischen Provinz.

Als sie zwei etwa gleich alten Nachbarinnen beim Fegen der Straße erzählt, was sie vorhat, dass es unterwegs auf 4500 Meter Höhe sicher kalt werden wird und sie mangels Alternativen vermutlich im Zelt schlafen muss - da lächeln die beiden freundlich.

Was sie denken, ist an ihren Gesichtern abzulesen, auch ohne dass sie sich an die Stirn tippen.

„Ich glaube, du weißt noch nicht so richtig, was auf dich zukommt“, sagt die eine.

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Margot Flügel-Anhalt, die früher als Sozialpädagogin gearbeitet hat, ist keine Draufgängerin, und schon gar keine Vollblut-Bikerin.

Anfangs ist es ihr sogar etwas bange, mit dem Motorrad die Zufahrt zu ihrem Haus runterzufahren, weil die so steil ist.

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Und Zeit, vor ihrer großen Tour noch einen Motorradführerschein zu machen, hat sie nicht. Als sich die zweifache Mutter und Großmutter für die Tour begeistert, will sie möglichst schnell los.

Dafür reicht ihr alter Autoführerschein, mit dem grauen Lappen aus den 70ern darf sie ein kleines Motorrad fahren.

Margot Flügel-Anhalt und ihr Filmteam im Pamir-Gebirge in Tadschikistan.
streetsfilmMargot Flügel-Anhalt und ihr Filmteam im Pamir-Gebirge in Tadschikistan.

Den Osten hat sie ausgewählt, weil sie seit einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn von einer sehr langen, sehr weiten Strecke träumt.

So stieß sie auf den Pamir Highway, die „wundervolle Bergwelt Zentralasiens“ wollte sie unbedingt mit eigenen Augen sehen.

Als ungeübte Motorradfahrerin schrubbte Margot Flügel-Anhalt über 18.000 Kilometer
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„Das zuerst dafür geplante Muli wollte ich aber nicht über stark befahrene Straßen zerren“, sagt sie. Also fällt die Wahl auf das Motorrad.

„Ich fahr jetzt los“, sagt sie schließlich zu ihrem Sohn Philip, fährt die steile Abfahrt vor der Garage runter - und zunächst fast schnurgerade gen Osten.

Motorradtour durch die Extreme

Die Fahrt ist eine Reise durch Extreme in Motorradklamotten. Da sind einerseits die gewaltigen, schneebedeckten Gipfel des Pamir-Gebirges, rau, kalt und einsam. Da ist andererseits die Wüste im glühend heißen Iran, wo sie unter dem Motorradhelm ein Kopftuch trägt.

Margot Flügel-Anhalt im Iran: Hier herrscht keine Helm- aber Kopftuchpflicht
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Als größte Herausforderung der Tour nennt sie später "die schwierigen Pistenverhältnisse bei Regen, Schlamm und Schneematsch“ in der dünnen Luft auf mehr als 4000 Meter Höhe über den Kyzyl-Art-Pass von Kirgistan nach Tadschikistan.

Keine Schönwetter-Tour: Auf dem Pamir-Highway musste die 64-Jährige Schnee und Matsch bewältigen
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Manchmal, etwa an der Grenze zu Afghanistan, landet sie mitten in der politischen Wirklichkeit. Der Terror von Taliban und IS ist hier nicht weit, auf ihrer Maschine mit Eschweger-Kennzeichen kreuzt sie die Route von Drogenschmugglern.

Hinzu kommen technische Probleme und Stürze, die Rentnerin ist trotz allem eine ungeübte Motorradfahrerin. Einmal fällt sie so unglücklich, dass ihr eine Eisenkante des Motorrads beinahe den Fußknöchel spaltet.

„Danach war es unglaublich schwer, wieder auf das Motorrad zu steigen“, erzählt sie.

Begegnung auf über 3300 Meter Höhe
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Doch sie schafft es immer wieder. Was sie trotz widrigster Umstände angetrieben hat, beschreibt Margot Flügel-Anhalt so:

Die Welt gehört nicht den Kriegstreibern! Ich wollte erfahren, wie die Menschen dort im Osten leben und überleben. Daher war weiterfahren oder nicht weiterfahren nie die Frage. Ich hatte mich entschieden, aufzubrechen. Davon kann mich nicht viel abhalten.

Am Ende ist Zeit für eine Bilanz. Bei ihrer Tour hat die 64-Jährige über 540 Liter Benzin verbraucht, benötigte 6 Ölwechsel, 5 Bremshebel, 1 Tube Voltaren und 2 Packungen Aspirin.

Oder, romantischer betrachtet: Sie hat drei Meere und vier Vollmonde gesehen, hat Gebirge durchfahren und die Wolga überquert.

Zuhause in Nordhessen wartet bereits das nächste Projekt auf die weitgereiste Rentnerin: Ein paar Monate später macht sie dann doch noch den Motorradführerschein.

Und besteht.

„Über Grenzen - Der Film einer langen Reise“, ab 12. September 2019 im Kino. Bei einigen Vorstellungen gibt es Gespräche mit Margot Flügel-Anhalt. Informationen zur Kinotour gibt es hier. Das Buch „Über Grenzen: Freiheit kennt kein Alter“ zu Film und Motorradtour ist gerade bei Dumont erschienen (14.95 €).

Im Video:

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9 Kommentare

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Solche mutige Frauen gibt es nicht viel vor allem bei diesem Alter.Herzlichen Glückwunsch
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Alle Achtung, sehr mutig, abenteuerlustig, rießen Respekt. Ich finde das sehr beeindruckend
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Ich habe "per Zufall" oder auch nicht, weil ich das als mal öfters schaue, bei hallo hessen im hr-Fernsehen was dazu gesehen die Tage.
Da war sie Studiogast und berichtete da auch über ihre Erlebnisse usw..
Eine sehr beeindruckende Frau kam für mich rüber. Erzählte total begeistert darüber auch in der Sendung. Stand voll dahinter.
Ich fands super.
Habe jetzt mal gegooglet und werde mir nächste Woche in Frankfurt/Main/Sachsenhausen in einem Kino den Dokumentarfilm dort ansehen.
Überall läuft der Film nicht bzw. in nicht allen Städten und Kinos ist er nicht zu sehen.
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Solche Frauen, kann man nur bewundern..und die Erlebnisse, auf ihrer Reise, wird sie niemals vergessen..und davon zehren.
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Wenn ich das lese denke ich donnerwetter was für ein Mensch. Da komme ich mir mit meinen Plänen Frankreich fahren und solche Geschichten nun ja was soll's ich kann ihr nur Glück wünschen und viel Freude und gute heimfahrt
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Komm wieder gesund nach Hause Margot Flügel - Anhalt
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Einfach nur cool 😎 die Frau. Ich würde gerne das gleiche mit meinem 🐺 Wolfsrudel, zu Fuß ,durch Wälder machen . Ich hasse hohes Verkehrsaufkommen-und Lärm
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Eine sehr mutige Frau
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