Ich bin noch lang nicht durch mit dir, Marie Kondo!

Alles in Ordnung: Marie Kondo
Alles in Ordnung: Marie KondoFoto-Quelle: Konmari
Hermann Weiß
Aktualisiert:

Die "Aufräumqueen" aus Japan mit Millionen Followern auf der ganzen Welt ist ins Gerede gekommen, weil sie plötzlich online schöne Dinge verkauft. Unser Autor braucht keinen Shiatsu-Stift. Trotzdem ist er der Meinung, dass wir viel von Marie Kondo lernen können.

Neulich hat eine Zeitung ihrem Chef eine komplette Seite spendiert: Nur, damit der sich von Büchern verabschieden konnte, für die er in seiner neuen Wohnung keinen Platz mehr hat - und als ob das Namedropping von Autoren und das Kokettieren mit der eigenen Belesenheit die Sache irgendwie erleichtern würden.

Heul’ doch, dachte ich mir.

In meiner Vorstellung sah ich den Mann auf die Knie gehen und die Bücher um Verzeihung bitten, die er reihenweise, hintereinander im Regal hatte darben lassen, wie er schrieb.

Ich fragte mich, ob er die in der zweiten Reihe überhaupt je gelesen hatte. Oder ob die in der ersten Reihe einfach nur mehr Glanz abstrahlten und auf diese Weise ihren Besitzer in noch hellerem Licht erscheinen ließen.

Am liebsten aber hätte ich den Mann sofort auf Exerzitien zu Marie Kondo geschickt.

Gut gefaltet
KonmariGut gefaltet

Dass mir überhaupt so etwas in den Sinn kommt wie dass man vor Büchern auch auf die Knie gehen kann statt ständig nur möglichst kultiviert darüber zu reden, habe ich nicht von ihr. Aber ich sag’ mal so: Es könnte von ihr sein.

Maria Kondo sagt "Danke"

Marie Kondo bedankt sich nämlich, im Fall der Fälle, auch schon mal bei ihren Socken, bevor sie sie entsorgt - dafür, dass sie tagein, tagaus ihren Dienst getan haben.

Die 35-jährige, aus Tokio stammende Bestsellerautorin ("Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert") ist eine interessante Frau, mit einer schillernden Persönlichkeit.

Es gibt sie als Lifestyle-Phänomen mit Millionen Followern auf der ganzen Welt. Als Hauptdarstellerin ihrer eigenen Netflix-Serie. Dass fränkische Hausfrauen im Zusammenhang mit ihrem "KonMari"-Ritual von "Ausmisten" reden, halte ich für ein grobes, typisch deutsches Missverständnis.

Ich für meine Person glaube, dass es Kondo mehr darum geht, eine Haltung zu den Dingen zu entwickeln, mit denen wir uns umgeben. Da bin ich ganz bei ihr - und ich sag’ auch gleich dazu, dass es mir komplett egal ist, dass sie jetzt online Dinge verkauft, die "Freude machen" sollen.

Ich brauch’ keinen Shiatsu-Stick und keinen Unterteller für glimmendes Holz. Auch nicht von ihr. Aber ihre Philosophie als solche wird mir immer sympathischer.

Ich denke oft an Marie Kondo.

Zum Beispiel, wenn ich meinen Freund J. besuche und das Parkett im Wohnzimmer ist wieder mal komplett mit ausrangierten Handys ausgelegt, so dass ich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen kann. Früher wäre ich in so einer Situation wieder gegangen.Vielleicht hätte ich J. auch für einen Messie gehalten.

Marie Kondo - Königin der Ordnung
KonmariMarie Kondo - Königin der Ordnung

Heute weiß ich: Er hat diesen Deal mit den Jungs vom Recyclinghof. Ab und zu nimmt er was mit, was noch funktioniert, seinem Besitzer aber nicht mehr fashionable genug war. Danach speist er es über ebay und Co. wieder in den Konsumkreislauf ein. Schöne Idee! Kapitalismuskritik pur. Auf spielerische Art. Aber auch voller Respekt vor den Dingen - vielleicht ist das der Grund, warum sich das Wohnzimmer meines Freundes für mich oft anfühlt wie das Innere einer Kathedrale.

Wenn Sie auch ein bisschen kondo sind, wissen Sie, was ich meine.

Aber möglicherweise finden Sie den Kondo-Hype ja auch nur total plem plem.

Falls nicht: Bleiben Sie dran! Ich ziehe nämlich gerade um und die neuen Verhältnisse sind so, dass ich meine uralte Lieblingsidee vom Leben im White Cube wieder hervorgekramt habe, mit möglichst wenig drin.

Mein Gefühl war schon lang, dass man in der Welt der Dinge, so schön sie sind, auch verloren gehen oder sich selbst abhanden kommen kann. Deshalb buddele ich mich jetzt wieder raus. Und mit Marie Kondo bin ich noch lang nicht durch!


Hermann Weiß ist freier Autor. Er hat (u.a.) für die "Abendzeitung" geschrieben, war Kulturredakteur im Münchner "Welt"-Büro. In "Mittlere Reife", seiner wöchentlichen Kolumne auf wize.life, nimmt er sich Alltags- und Zeitgeistphänomene vor und macht sich darauf seinen ganz persönlichen Reim.

7 Kommentare

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"Wir müssen das Loslassen lernen. Es ist die große Lektion des Lebens." Julie Schlosser . Diesen Spruch kenne ich schon sehr lange....
Ich möchte auch nicht in einer "Schaufensterwohnung" leben. Fest steht jedoch, je größer die Wohnung, um so mehr befindet sich darin.
Meine Wohnung wurde durch viele Umzüge immer kleiner. Dadurch sortiert man automatisch den Ballast aus. Ich kann auch nicht verstehen, dass manche Menschen noch an die 200 Bücher um sich haben. Ich kenne einige Menschen, die so leben.... mein Ding ist es nicht.
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In einer Wohnung, die aussieht wie das Schaufenster eines Möbelhauses,könnte
ich nicht wohnen. Bei mir sieht es halt bewohnt aus, eben gemütlich !
In meiner Küche sieht es aus wie in einer Schusterwerkstatt, alles immer sofort griffbereit.
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Ich hasse Ordnung, folglich liebe ich das Chaos.
wer die Ordnung liebt, ist zu faul zum suchen
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Kondo ohne m!
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Guten Morgen und einen schönen Sonntag zusammen.
Ich habe vor einen Monaten von Marie Kondo gelesen und mir ihre Videos angesehen. Ich war 40 Jahre meines Lebens eine Kleiderschrankchaotin... Ich habe im Frühling zwei große Säcke voll Klamotten aussortiert und die anderen nach ihrer Methode wieder eingeräumt. Seitdem halte ich das erste mal in meinem Leben die Ordnung, ohne dass ich immer alles durchwühlen muss um dann festzustellen, dass ich doch nichts finde. Klappt auch super bei Socken und Unterwäsche.
Von einer anderen Dame habe ich gelernt, mich bei den Dingen, die ich aussortiere, zu bedanken dass sie bei mir waren und mich zu verabschieden. Das liest sich zwar bekloppt, hat mir aber ungemein geholfen mich endlich von ihnen trennen zu können.
Ich mache weiter so, es spart nicht nur Frust, sondern auch viel Zeit.
Einen schönen ersten Advent wüscht euch allen
Petra B.
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