Narziss und Psyche (Standbild aus dem gleichnamigen Film von Gábor Bódy)

Eitle Liebe – verliebt in einen Narzissten…

Christine Kammerer
Aktualisiert:

Manche Dinge hören nie auf. Die Liebe ist eines davon. Verliebt sein geht in jedem Alter – mit allem, was dazu gehört: Schmetterlingen im Bauch, Sehnsucht, Tagträumereien und schlaflosen Nächten. Verliebt sein ist ein bisschen wie betrunken sein – wir sind nicht mehr ganz zurechnungsfähig und verlieren den Blick für die Realitäten. Die Welt erstrahlt in leuchtendem Rosarot, selbst das Wetter ist herrlich, auch wenn es wie aus Kübeln regnet.

Eitel Sonnenschein
Mindestens vier Stunden täglich kreisen unsere Gedanken um den Angebeteten, wenn wir verliebt sind. Steckt man Verliebte in einen Kernspintomografen und konfrontiert sie dabei mit einem Bild des Liebsten, stellt man fest, dass nur noch jene Areale im Gehirn feuern, die für Lust und Belohnung zuständig sind. Wir befinden uns in einer Art Drogenrausch: Adrenalin- und Dopamin-Spiegel sind stark erhöht. Dafür stellen andere Bereiche im Gehirn ihre Aktivitäten praktisch ein, zum Beispiel jene, die für die kritische Beurteilung zuständig sind. Alles ist wunderbar, irgendwie magisch und auf jeden Fall überirdisch. Eine Überdosis Dopamin kann tatsächlich dazu führen, dass wir die Bedeutung von Situationen falsch einschätzen und sogar halluzinieren. Unsere Objektivität kommt uns abhanden und es dauert eine ganze Weile, bis wir wieder zurechnungsfähig sind.

Böses Erwachen
Das Ende des Rauschzustands ist manchmal ziemlich ernüchternd. Das Feuerwerk der Synapsen wird jäh beendet, wenn der Alltag wieder einkehrt. In unseren Gehirnwindungen hat sich längst ein Bild vom anderen eingebrannt. Mit der Realität hat dieses allerdings mitunter wenig zu tun. Nicht Liebe macht blind, sondern Verliebtheit. Und unsere Erwartungen an das Objekt der Begierde. Deswegen endet so manche Liebesgeschichte, die als Märchen begonnen hat, in einem Alptraum. Waren im ersten Liebestaumel noch bühnenreife Gefühle und totale Verschmelzung angesagt, herrscht bald nur noch Frustration und Enttäuschung.

Unerfüllter Liebeshunger
Er hat sie auf Händen getragen und ihr die Welt auf einem fliegenden Teppich zu Füßen gelegt. Für ihr alltägliches Leben konnte er sich allerdings bislang nicht wirklich erwärmen. Für ihre Menschen, ihre Interessen, ihre Sorgen und Nöte. Und sie hielt sich tunlichst bedeckt. Schließlich möchte man sich ja auch von seiner Zuckerseite zeigen. Sie verwöhnt ihn nach Kräften, schenkt ihm ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit. Und dennoch scheint das Feuer mit jedem Tag ein wenig zu schwinden. Bis es eines Tages ganz verloschen ist und er sich wieder seinem eigenen Leben zuwendet. Und anderen Frauen.

Der einsame Wolf…
Der Alltag ist eingekehrt, der Lack abgeblättert. Die Bühne erstrahlt nicht mehr im Scheinwerferlicht. Der Himmel hat sich verdüstert und Regen ist wieder Regen. Der einsame Wolf langweilt sich. Schließlich sucht er nicht nach einer treuen, liebenden Partnerin. Er sucht nach sich selbst. Sein Leben ist ohnehin ein ewiges Sehnen und Suchen. Ein einziger verzweifelter Versuch, das große, dunkle Loch in seinem Innersten endlich mit Leben zu füllen. Doch die Leere ist bodenlos.

Rache und Vergeltung
Der fliegende Teppich ist abgestürzt - jäh auf dem knallharten Betonboden der Realität aufgeschlagen, die schmählich Entliebte bitter enttäuscht. Der böse Wolf hat sie nur benützt und weggeworfen. Ist es da nicht nur allzu gerecht, ihn zu schlachten und in einem tiefen Brunnen zu versenken? Die anfängliche Euphorie schlägt um in Wut und Rachegelüste. Der Prinz – eben noch angehimmelt und vergöttert - wird von Sockel gestoßen und nach allen Regeln der Kunst demontiert.

Des Pudels Kern

Nichts ist so aufregend wie die Liebelei mit einem Narzissten. Doch er ist eben nicht der, der er zu sein vorgibt. Er ist weder selbstbewusst, noch souverän, nicht stark und auch nicht unabhängig. Er ist kein stolzer Wolf, sondern nur ein begossener Pudel. Im Grunde sehr bedauernswert. Aber auch sein Partner beherrscht die Kunst der Camouflage und ist dabei nicht selten ein Wolf im Schafspelz. Auch ihm fehlt es an Selbstliebe, an Selbstbewusstsein und echter Autonomie. Ihre Beziehung ist kaum mehr als ein Deal. Liebe ist dabei selten im Spiel. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, das durchaus funktionieren kann, wenn Geben und Nehmen sich die Waage halten. Wenn allerdings einer von beiden die Regeln bricht, zum Beispiel indem er dem anderen nicht mehr gibt, was der so dringend benötigt wie Zuwendung, Aufmerksamkeit, Bewunderung – einfach das, was viele leichthin für Liebe halten, bricht das fragile Konstrukt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Literaturtipp: Bärbel Wardetzki: Eitle Liebe

15 Kommentare

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tja........aber schön wars doch.
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Es ist tragisch an einen solchen Menschen zu geraten denn er kann ein ganzes Leben zerstören.....
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Unglaublich gut auf den Punkt gebracht, von der ersten bis zur letzten Zeile. Mich elektrisierte der Satz: Nicht die Liebe macht blind, sondern die Verliebtheit.
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Und hab' ich der vernünftigen Gedanken
auch noch so viele,
die sanft mich leiten,
mir zeigen meine Ziele,
die zu erreichen noch so weit entfernt ich bin,
das Herz kennt keine dieser Schranken,
lässt sich nicht zähmen
mit Worten, Gründen
und Ideen lähmen.
Es weint, es lacht, es schmerzt und schmilzt dahin.

(Renate Massari)

Es gibt also auch kritisches und analytisches Denken währnd des Verliebtseins, nur nützt es meist nichts.
Danke Gert!
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Wieder einmal gut!
Was die Verliebtheit angeht, so 'darf' ich das gerade realtiv nah beabachten. Ich kann nur hoffen, dass es entweder ein jähes Ende mit Schrecken gib oder ich mich ganz sehr irre.

Was den Narzisten angeht, da fallen mir auf Anhieb einge ein. Welche, die ich persönlich kenne und solche, die in der Öffentlichkeit stehen und standen. Der Wolf im Schafspelz, das trifft es! Denn der Narzist kann auch ganz schön gefährlich werden und es wird schwer, ihn zu stoppen.
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Faktisch richtig gut!
Trotzdem denke ich abhängig davon was
Mann oder Frau sucht...
Das Verliebt sein in solche Menschen
ist wie ein Rausch... den nachfolgenden Kater
sollte man allerdings einkalkulieren
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Klasse!
Absolut gut geschrieben & auf den Punkt gebracht!!!
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Liest sich klasse und ist vermutlich sehr zutreffend....hab' mal überlegt, ob ich einen Narzissten kenne....? Nee.....fällt mir erst mal keiner ein, werde mal drauf achten....
Ich kenne Mehrere
Micha.......hab' den ganzen Nachmittag nachgedacht. Mir fällt aber gar keiner ein, den ich "persönlich" kenne.....nur einen kleinen Verdacht, den hätte ich schon!
Moni willkommen im Club

Reni ich denke es gibt niemanden der keinen kennt...
mehr oder weniger gut
viele haben meinen weg gekreuzt.

es gibt hochburgen der narzissten zb. bestimmte städte, oder auch berufe, da trifft man sie zuhauf.

und......sie können sehr anziehend sein, doch mit der zeit lernt man der glänzenden fassade zu mißtrauen.
war mit einem verheiratet.......nicht wirklich toll!!!!!!
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Bärenstark, dieser Text, Christine.
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