Kunst verstehen: Das Sex-and-Crime-Motiv „Susanna im Bade“ gemalt von Jacopo Tintoretto

Jacopo Tintoretto, Susanna im Bade, um 1555
Jacopo Tintoretto, Susanna im Bade, um 1555Foto-Quelle: Kunsthistorisches Museum Wien, gemeinfrei

Aber nicht nur der manieristische Maler Jacopo Robusti, genannt Tintoretto, auch viele andere Alte Meister haben sich mit dem Sex-and-Crime-Thema „Susanna im Bade“ eingehend beschäftigt. Ausgangspunkt ist eine „biblische“ Erzählung aus dem Buch des Propheten Daniel 13,1-64, das zu den apokryphischen Schriften (Texte, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden) des Alten Testamentes gehört. Selbst der Reformator Martin Luther beurteilte diese Story als lesenswert.

Der Maler Jacopo Tintoretto (1518-1594) schuf eines der beeindruckensten Motive zu diesem Themenkreis, unter dem Titel „Susanna im Bade“ oder auch „Susanna und die (beiden) Ältesten“. Mit diesem Gemälde möchte ich mich in diesem Beitrag eingehender beschäftigen, zumal dieses Werk zu Tintorettos Meisterwerken gehört. Er malte es um 1555/56 in Öl auf Leinwand, in einem Format von 146 mal 193,6 Zentimeter und befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum, Gemäldegalerie, Wien.

Jetzt die „biblische“ Geschichte:

Ab der Zerstörung Jerusalems um 597 v. Chr. durch Nebukadnezar II. befand sich ein Teil der jüdischen Oberschicht im babylonischen Exil, aber nicht nur in Knechtschaft, sondern auch in komfortablen Lebensumständen (dieses ist aber nicht so bekannt!). In Babylon lebte so auch der reiche und sehr geschätzte Jude Jojakim mit seiner überaus attraktiven Frau Susanna in einem komfortablen Anwesen mit einem üppigen Garten bzw. Park. Auch gingen hier „die zwei Ältesten (Richter)“ ein und aus und berieten über regelmäßige Rechtsangelegenheiten. Jojakims Ehefrau Susanna nutzte des öfteren die Gelegenheit durch diesen Garten entspannt zu schlendern, dabei wurde sie von den „zwei Älteren“ heimlich, lüsternd und gierig, beäugt.

An einem sehr „heißen“ Tag waren die beiden Voyeure mal wieder in Aktion: Susanna kam in Begleitung von zwei Mägden und ließ das Gartentor verschließen. Sie wollte baden und schickte ihr Personal einen Spiegel, Kämme, Öle und Salben zu holen. In diesem Augenblick traten die Alten aus ihrem Versteck hervor und forderten Susanna zum Beischlaf mit ihnen auf und drohten: „Sieh, das Gartentor ist verschlossen, niemand sieht uns. - Wenn du dich aber weigerst, bezeugen wir, dass ein junger Mann bei dir gelegen hat.“

Susanna schrie laut um Hilfe und verweigerte sich energisch - auch die beiden Alten schrien herum, es herrschte Chaos. Am folgenden Tag erklärten dann die beiden Ältesten vor Führern des Volkes „Susanna kam mit zwei Mägden, ließ das Tor verriegeln und schickte die Mägde weg. Ein junger Mann, der sich im Garten verborgen gehalten hatte, legte sich zu ihr. Da liefen wir hin, konnten aber den jungen Mann nicht fassen, denn er war stärker.“

Den „zwei Älteren“ wurde geglaubt und Susanna sogar zum Tode (Ehebruch) verurteilt. Ihr herzergreifendes Wehklagen wurde von Daniel (Autor dieser Story) erhört und dieser erhob energisch seine Stimme gegen dieses Schnellurteil. Er forderte die Führer des Volkes auf, ihre Anklage genauer zu prüfen. Der Prophet Daniel trennte dann als erstes die beiden Zeugen und verhörte sie einzeln. Er stellte die einfache Frage „Unter welchem Baum sind die Liebenden denn entdeckt worden?“ Einer antwortete „unter der Zeder!“ und der andere „unter der Eiche!“ Diese unterschiedlichen Aussagen bewiesen somit Susannas Unschuld und stempelten die beiden Alten zu Lügnern, die daraufhin zum Tode urteilt wurden.

Und nun zu Tintorettos Meisterwerk

Frauen spielten in Tintorettos Werk eine ganz besondere Rolle, er malte sie mit Einfühlungsvermögen und Intensität - für seine Zeit einzigartig. Er „porträtierte“ Verführerinnen und Sexopfer, zeigte Mütter und Töchter, Heldinnen und Musen, aber auch Heilige und Huren. Susanna ist ein klassisches Beispiel für eine verfolgte Unschuld.

In Tintorettos Gemälde „Susanna im Bade“ existieren einige erwähnenswerte Details, so befinden sich in Tintorettos Gemälden oft virtuos gemalte Stillleben, ob von Waffen, Folterwerkzeugen oder Küchengeräten. Sie sind eine Art „Anmerkung“ zum jeweiligen Bildgeschehen.

Vor dem Spiegel hat der Maler ein „Stillleben der Eitelkeiten“ ausgebreitet: Unterwäsche mit geköppeltem Saum, ein kostbar mit Edelsteinen besetztes Samtkleid, ein Kamm, eine Haarnadel, zwei goldene Ringe und eine Perlenkette. Das sind Utensilien für ein verwöhntes Luxusgeschöpf, das seinen Körper - vielleicht auch professionell - besonders aufwendig pflegt und schminkt. Übrigens der Spiegel, ein Exportschlager der venezianischen Luxusindustrie, ist ein klassisches Symbol der Wollust und ein Attribut der Prostitution. Die prächtig herausgeputzten venezianischen Damen, die ihre Haare mit Sonne und Salzwasser blondierten, waren für Venedig-Besucher eine Hauptattraktion. Das gläserne, wohl aus Murano (bei Venedig) stammende Salbgefäß, erinnert nicht nur an die „Vergänglichkeit des menschlichen Körpers“ sondern auch an die neutestamentarische „Sünderin“ Maria Magdalena.

Kann Tintoretto bei der schmucktragenden Susanna nicht auch an eine Kurtisane gedacht haben? Denkbar ist ein exklusiver Malauftrag von einem Verehrer einer jungen Dame mit zweifelhaftem Ruf.

Der Auftraggeber kann aber auch der flämische und in Venedig ansässige Kaufmann Daniel d‘Anna gewesen sein, der aus einer bekannten kunstliebenden Familie stammte und als Vorbild Daniel, den „Ehrenretter Susannas“ verehrte.

Die nackte Susanna ist in ihr eigenes Spiegelbild „verliebt“ und bemerkte dabei keineswegs die „zwei Spanner“. Von Tintoretto wird aber auch die Nackte so geschickt ins Bild gesetzt, dass der Gemäldebetrachter zum Voyeur wird. Um die „Moral der biblischen Geschichte“ zu verdeutlichen, benutzt Tintoretto aber ausgiebig die Symbolik.

Auf einem Ast über Susanna sitzt markant eine Elster - der symbolischer Hinweis auf die bevorstehende Verleumdung, List und Tücke. So bedeuten die Enten eben „Treue“ und der Hirsch steht für Beharrlichkeit, Fruchtbarkeit und Wollust. Mit seinem Geweih steht er sogar für christliche Werte wie der „Kampf des Guten gegen das Böse“. Die Rosen weisen auf die "Lust" hin und die weißen Blüten zeugen von "Reinheit und Unschuld". Am linken Bildrand hinter dem Hirschen und den Baumstämmen ist Venedig (Tintorettos Heimat) andeutungsweise zu erkennen.

Weitere interessante „Susanna im Bade“-Motive:

Um 1622/23 entstand Antonis van Dycks Bild „Susanna im Bade“, dass ihr ganzes Erschrecken in wenigen Gebärden und Blicken verdichtet. Weiter wird die Geilheit „der Ältesten“, die sie bedrängen, die Berührung durch die „spinnenartige“ Hand, die Susanna erschaudern lässt, eindringlich dokumentiert. Zu studieren ist dieses in der Alten Pinakothek, München.

Auch der berühmte Rembrandt van Rijn malte eine „Susanna im Bade“ von 1647 bis 1659 (!). Der englische Künstler und Sammler Sir Joshua Reynolds war ab 1769 Besitzer dieses Rembrandt Gemäldes. Was aber hatte den Gründer der Londoner Royal Academy of Arts dazu bewogen dieses Rembrandt Meisterwerk so total umzugestalten? In einer Ausstellung 2015 enthüllte die Gemäldegalerie Berlin dieses unfassbare Geschehen.

Beim Betrachten von Artemisia Gentileschis „Susanna im Bade“ fällt die sehr kompakte Komposition auf. Nicht nur Susanna auch andere Frauengestalten der Künstlerin zeigen eben Mut, Entschlossenheit, Tatkraft und drücken sehr stark Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Bedrängnis aus. Das Gemälde befindet sich in der Schönbornschen Kunstsammlung in Pommersfelden.

Der impressionistische deutsche Maler Lovis Corinth griff 1890 das biblische Altthema „Susanna im Bade“ auf, denn die Aktmalerei spielte in seinem Werk eine besondere Rolle. Das Gemälde hängt heute im Folkwang Museum, Essen.

Links:

(Tintoretto - Biografie)
http://de.wikipedia.org/wiki/Jacopo_Tintoretto

(Susanna - Bibel)
https://www.bibelwissenschaft.de/wib...5d4b3281ff/

(Buch Daniel)
http://de.wikipedia.org/wiki/Buch_Daniel

(Manierismus)
http://www.wissen-digital.de/Manierismus

(Venedigs Stadtgeschichte)
http://www.venediglive.de/stadtgeschichte_venedig/

Map-Data:

Kunsthistorisches Museum, Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien

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