Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn 2015 - Teil 3: Mongolei

Dschingis everywhere
Dschingis everywhere
Thomas Bily

Nach den ersten 12 Tagen in Russland waren wir einigermaßen bedient mit ex-sozialistischen Städten und freuten uns auf ex-sozialistische Natur. Davon sollte in der Mongolei genügend vorrätig sein trotz der vielen Yaks und Pferde. Bei 1,9 Einwohner pro Quadratkilometer würden wir uns schon irgendwo reinzwängen.

Stutenmilch und Hammelfleisch

Nach einer zähen Zugfahrt von Irkutsk, die uns wegen der aufgeblähten Kontrollstopps in Erinnerung bleiben wird, trudelten wir um 7 Uhr morgens in Ulan Bator ein. Bleiben wollten wir dort nicht: Wenn schon Reiseführer nur eine bedingte Sehenswürdigkeit aussprechen, dann sollte man schnellstens das Weite suchen. Unser Guide stand pünktlich bereit und schleppte uns zum Frühstück in das Café der Reiseagentur. Das befindet sich in einem Neubaugebiet und sieht aus wie der Showroom eines Möbelhauses mit einer Musterauslage der Speisen, wobei der Muster-Burger schon angebissen war. Wir waren froh, in dieser ultramodernen Café-Klinik zu landen. Hier würde es auf keinen Fall Hammelfleisch oder Stutenmilch-Produkte geben. Stutenmilch hatte sich zu unserem mongolischen Trauma entwickelt. Spätestens seit uns zwei türkische Vegetarierinnen am Baikalsee von ihrem Stutenmilch-Desaster berichteten. Für mich galten Türkinnen, zumal aus Ankara, immer als diejenigen, die alles verdrücken und vertragen. Aber bei Stutenmilch stießen die Anatolierinnen an ihre Grenzen.
Hammelfleisch blieb für mich im Rennen. Wenn ich einen Tod sterben müsste in der Mongolei, dann den Tod durch Magendurchbruch nach gedünstetem Hammelfleisch. Arno zeigte sich weniger weltoffen und setzte beides, Stute und Hammel, auf seine mongolische No-Go-Liste. Für den Fall, dass wir in irgendeiner Jurte einen der beiden Stoffe eingeflößt oder als Mongolisches Brotzeitteller untergejubelt bekämen, hatte er uns mit Vodka eingedeckt. Nach jeder Mahlzeit ein Schluck sollte Stuten- und Hammelkeime abtöten.
In unserer Café-Klinik gab es Spiegelei, Butter und Marmelade. Es war Sonntag und um kurz vor 9 brachen wir zur Messe auf ins Gandan Kloster. Wie im Mutterland Russland wurde auch hier der religiöse Betrieb erst nach der Perestroika wieder aufgenommen. Davor hatten es die Mönche und Tempel eher schwer. Auch das Kloster ist etwas mitgenommen. So soll das mongolische Zentrum des Gebets außerhalb der Stadt auf neue Beine gestellt werden - mit einem monströsen Buddha und einem Versailles-artigen Tempelpark. Kosten und Planung laut Bautafel zeigen ziemliche Übereinstimmung mit dem Projektverlauf am neuen Berliner Flughafen.

Jung Lamas
Jung Lamas

Wir besuchten die Messe der Profi-Lamas und die Ausbildungsmesse der Jung-Lamas. Aufgefallen ist uns die etwas angenagte Autorität der Lama Aufseher. Sie bellen zwar jeden Besucher an mit den Worten „No Photos“, aber jeder Zweite geht weiter und: fotografiert. Der Kontroll-Lama war wohl grad nicht da. Also wurde fotografiert, dass die Goldstatuen und Gebetsmühlen nur so blitzten.

Terelj Naturpark

Nach dem Gandan Kloster ging es in den Terelj Naturpark, den uns unsere Reiseagentur TSA vorgeschlagen hatte und den wir unkritisch angenommen hatten. Was soll schon schief gehen bei einem Naturpark im Naturparadies Mongolei? Zum Beispiel der Einkauf auf dem Weg dahin: Wir wollten unsere Anti-Hammel-Salamivorräte aufstocken, fanden aber nur Hammelwurst im Kühlfach. Keine Spur von Trockensalami. So blieben uns nur Konserven zur Rückversicherung, dazu Kekse und Wasser. Die Grundversorgung eines soliden Nomadenhaushalts. Nach 1 1/2 Stunden Fahrt für 70 km kamen wir im Terelj Park an. Unser Fahrer unterbrach für ein paar landestypische Fotomotive wie Yaks, Schamanensteinhaufen, doppelhöckerige Kamele oder Souvenirläden an Felsformationen.

Schildkrötenfelsen
Schildkrötenfelsen

Warum haben die Mongolen kein Brot?
Warum haben die Mongolen kein Brot?

Direkt vor unserer Jurten-Siedlung war, so ein Zufall, eine Nomadenfamilie angesiedelt, die wir besuchen wollten. In Reiseführern schwärmt man von der herzlichen Atmosphäre und der tollen Gelegenheit, hausgemachte Stutenmilch zu probieren. Zum Glück hat die Familie den Hammelbetrieb eingestellt. Ich hatte auf der Fahrt nochmal angekündigt, dass ich gar keine Milch (unabhängig von der Euterform) trinke – was auch stimmt. Arno hat sich gleich angeschlossen mit den Worten: „Me too“. Die Männer der Familie waren gerade beim Melken, was sie alle zwei Stunden machen. Wenn es bei Stuten mal läuft, dann läuft es. Ich bückte mich in die Jurte. Ich saß noch nicht richtig auf dem Bett, da schöpfte unsere Begleiterin! schon eine Schale Stutenmilch aus dem 200 Liter Fass. Ich erinnerte sie galant an mein Verhältnis zur Milch. Darauf schickte mir die Nomaden-Frau ein Körbchen mit Keksen rüber. Ich nahm einen und merkte beim ersten vorsichtigen - man weiß ja nie - Knabbern, dass ich einem Stück Stutenmilchkäse aufgesessen war. Sah erst aus wie Keks, durch die Käsebrille aus betrachtet wie alter Parmesan und schmeckte wie in Essig eingelegter Fensterkitt. Die Damen auf dem Bett gegenüber waren in eine Diskussion vertieft, wahrscheinlich über den Gärfortschritt von Fass 1. Dies nutzt ich, um den Brocken Käse in meiner Hosentasche verschwinden zu lassen. Ich hätte ihn auch in den Kessel werfen können, wo die Familie Stutenrahmbutter angesetzt hatte. Aber das hätte vielleicht auffällig gespritzt und ich war mir auch nicht sicher, ob der Käse untergegangen wäre. Die toten Fliegen zumindest gingen nicht unter, sondern schwammen auf der Rahmbutter. Auch wenn Fliegen lästig sind, ist dies kein gutes Zeichen für die Verträglichkeit des Stoffs.

Nomanden Pony Express
Nomanden Pony Express

Arno wagte sich kurz in die Hütte, sah die toten Fliegen in der Butter und war wieder draußen. Er positioniert sich als Nomaden-Fotograf und Pferdekenner, während meine Klamotten in der Jurte langsam rochen wie die eines niederbayerischen Stutenmelkers. Ich stellte dem Familienoberhaupt Fragen, aber nicht solche, die mich wirklich interessierten wie: was seine Söhne für einen Mobilfunkvertrag haben, ob sein Digitalreceiver auch deutsches Fernsehen in die Jurte bringen könnte, ob die Waschmaschine ganzjährig vor der Jurte steht und warum er seine drei Autos nicht am Parkplatz abstellt, wo er doch extra einen gebaut hat. Nein, ich wahrte die folkloristische Linie aus Respekt vor der uralten Tradition des Nomadentums. Dafür waren wir schneller durch und konnten gehen.
Unser Jurten-Camp liegt malerisch am Berg. Wir bekamen Jurte Nr. 1 feierlich mit einer Kerze zugewiesen. Als erstes packten wir unseren Proviant aus und hingen die Restsalami unters Dach zum Schutz vor Mäusen. Die sollten sich Hammelreste in der Küche suchen. Neben zwei Betten und einem Regal, einem Zwergentisch mit zwei Zwergenstühlen fand sich noch ein kleiner Ofen in der Jurte. Für die kalten Juli-Nächte. Es begann zu regnen und es stellte sich wirklich die Fragen: Was machen wir denn hier eigentlich? Vielleicht Lesen, Filme schauen und Fotos ordnen. Aber Strom gab es nur im Restaurant und im Sanitärbereich, wo wir alle Steckdosen zum Aufladen unseres Fuhrparks in Beschlag nahmen.

In der Wirtshaus Jurte
In der Wirtshaus Jurte

Als zweiten Gang gab es Suppe, in der irgendetwas schwamm. Über SchniSchnaSchnu zockten wir den Vorkoster aus nach mongolischen Regeln = "ohne Brunnen". Ich gewann und Arno nahm einen kleinen Löffel etwas. Es war würzige Suppe vom zähen Huhn. Ähnliches galt für den Hauptgang: Rindfleisch mit Reis. Auch abends war das Essen einwand- und damit frei von Hammel- und Stutenprodukten. Man soll ja auch in der Mongolei den Tag nicht vor dem Abend loben, aber wenn es so weiter geht, dürfte unsere Salami die chinesische Mauer sehen.
Angekündigt ist eine Gruppe aus der Schweiz. Im Normalfall mindestens 80% Frauen und Vegetarier, die Hammel im Reisevertrag ausgeschlossen haben und Stutenmilchverkostung, wenn überhaupt, als Fortbildungsprogramm gebucht haben. Ich schätze, dass sie wegen des Kurses im Kehlkopf-Gesang anreisen und Ahornsirup im Gepäck haben würden.
Unsere Bedienung hatte wohl die Schriftzeichen verwechselt. Aus dem Bus stieg jedenfalls eine Gruppe Hessen und damit der Gegenentwurf zur Schweiz. Bis auf ein paar wenige übrig gebliebene Singles lauter Pärchen vorwiegend in Jack Wolfskin. Angesichts ihrer Leidenschaft für Handkäs und Äppelwoi stieg das Hammelrisiko gewaltig. Anders als feingliedrig intellektuelle Schweizer Frauengruppen kann man sich 20 Hessen sehr gut vorstellen, wie sie toten Hammel bei einer Flasche Ostdeutschem Riesling auf ihrem Teller beklatschen. Dafür dürfte die Stutenmilch endgültig vom Tisch sein, zumal Hessen keine große Pferdetradition vorzuweisen hat.
Zu klären bleibt die Rindfleischfrage. Zweimal gab es Geschnetzeltes, das für meinen Geschmack etwas zu säuerlich streng war, als dass es von einer regulären Kuh käme. Meine Vermutung geht Richtung Yak. Daher frage ich die Bedienung auf Denglisch: „Is that Yak-Fleisch“. Das arme Dinge stammelt nur: „No, cow“. Worauf Arno einwendet, dass uns das auch nicht weiterbringt, denn: „Für die ist doch Yak und Cow das Gleiche.“ Ein Gewitter war im Anzug und der LTE-Empfang im Abzug. So konnte ich die Frage nicht per Google klären. In Ungewissheit und mit 20 Hessen in der Nachbarschaft glitten wir in den Nachmittag.

Vor der Wirtshaus Jurte
Vor der Wirtshaus Jurte

Wandern in der Mongolei

Wir warteten, bis die Gewitterwolken direkt über uns waren. Dann gingen wir los, um auf den Berg hinter der Jurte zu kraxeln. Auf dem Weg zum Einstieg fragte uns einer aus der Hessen-Gruppe, der wohl ein Auge hat dafür, ob sich jemand für Biologie interessiert: „Entschuldigung, kennen Sie sich mit Adlern aus?“ Weil einer unserer Fotostopps auf der Hinfahrt bei einer Vogelschau war, mussten wir das Gespräch nicht sofort abbrechen, sondern konnten Halbwissen anbieten: „Also, Geier sind auf alle Fälle häufiger in der Gegend.“ Am Ende blieb die Adlerfrage ungelöst und wir stiegen in die Rinne zum Gipfel. In der Mitte fing es, wie erwartet, an zu regnen. Wir waren nur bedingt vorbereitet auf einen Wetterwechsel. Arno hatte eine Regenjacke dabei und beide hatten wir schwere Wasserflaschen zuhause gelassen. So kamen wir nach einer kleinen Schleife über die von uns benannte "Stutenwiese" patschnass nach Hause.
Gegen Abend kam die Sonne raus, was eine klare Nacht ankündigte. Deswegen heizten wir unseren kleinen Kanonenofen an. Arno fand SZ-Reste aus München im Rucksack zum Anfeuern. Ob Print lebt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall brennt´s. Das Holz war nicht direkt trocken und brauchte seine Zeit, bis es Feuer fing. In der Zwischenzeit war unsere Jurte leicht Kohlenmonoxid-lastig. Aber nach 4 Stunden hatte sich die Luft gefangen und wir konnten einschlafen ohne Angst vor Ersticken in der Jurte. Bei den Todesursachen in der Mongolei an Nummer 3 nach Hammelinfektion und Stutenmilchdehydrierung. Was bisher unterging: Stutenmilch drückt akut auf den Darm. Der Reiseführer sagt dazu: „Man sollte sich als Gast auf den Effekt einstellen und schon vor dem Trinken der ersten Schale sondieren, wohin man sich in der flachen Steppe zurückziehen kann.“ Das würden wir gerne umformulieren in: „Vermeiden Sie den Genuss von Stutenmilch, außer Sie freuen sich über anhaltenden Stuhlgang-Drang. Stutenmilch ist für Nomaden wie Labskaus für Hamburger oder Saures Lüngerl für Bayern. Das sollte man fremden Mägen nicht zumuten es sei denn, man ist komplett irre.“
Nach einem Tag Eingewöhnung wollten wir die vielen Freizeitaktivitäten testen. Marketingtechnisch ist das Camp weit vorne mit Broschüren, Bio-Siegeln und Kursangeboten. Wie Wahrheit allerdings ist sozialistisch wie die Speisekarte in der Transsib: Es steht vieles drauf, aber nicht alles ist verfügbar. Die Camp Managerin musste gestern unsere Mountainbiking-Anfrage abbiegen mit der Begründung, dass die Räder gerade in Ulan Bator seien. Alles klar. Wenn jemand Verständnis hat für die Notwendigkeit von Mountainbikes in Großstädten, dann zwei Münchner. Beim Abendessen hörten wir mit, dass der Nachbartisch nach dem angepriesenen Kochkurs fragte. Auch das wäre grad schlecht, weil das englischsprachige Rezeptbuch in den Kanister mit Stutenmilch gefallen sei. Es blieben Kehlkopf-Singen und Fotoshootings in Mongolischer Tracht, was wir nach längerer Debatte zurückstellen und uns anstatt dessen Reiten und Bogenschießen vornahmen.

Dschingis Khan traf besser
Dschingis Khan traf besser

Also Punkt 10.00 Uhr an der Bogenschieß-Anlage des Camps: 1 Bogen, 5 Pfeile, bergauf mit drei kleinen Säcken als Ziel. Mehr braucht kein Reiterkrieger. Nach 10 Durchgängen verzeichneten wir einen Treffer. Das war zu leicht. Also fingen wir an, die Säcke zu pendeln. Und schon lief es besser. Nicht mal Fliegen am Kopf oder Disteln im Zeh konnten unseren Ehrgeiz bremsen. Schließlich stand die abendliche Bierration auf dem Spiel. Wer zuerst 5 Treffer hat, gewinnt. Arno ging immer wieder in Führung und wechselte die Technik von Nowitzki-Bogenlampe bis Japanischer Blindschuss. Am Ende machte ich mit einem Doppelschlag zum 5-4 das Bier klar. Etwas glücklich, aber nicht unverdient.
Nach dem Mittagessen wagten wir uns auf einen neuen Spaziergang. Das Wetter schien heute stabil. Diesmal trieb es uns Richtung Westen. Wir hatten da einen Country Club ausgemacht, quasi die Vereinsgaststätte des Dschingis Khan Golf Clubs. Der Plan war, dass wir nach einer kleinen Wanderung dort einkehren würden auf eine kleine Erfrischung. So ein 18 Loch Kurs fällt bei der Fläche der Mongolei würde gar nicht auffallen, wenn nicht dazwischen die Greens aus Kunstrasen lägen. Die Hole-in-1 Liste lässt vermuten, dass der Platz ziemlich in koreanischer Hand liegt.
Wir drehten direkt auf 19. Loch zu. Wenigstens die Atmosphäre im Clubhaus war konsequent sozialistisch mit einem Spiegelschrank aus der Stalinzeit und einer Players Lounge mit kubanischen Ledersesseln. Da saßen wir nun bei Tonic Water und Cola, neben uns auf dem Green ein paar Erdhörnchen und in der Lounge 3 Koreaner, die hoffentlich zuhause etwas fröhlicher sind. Das Golfgelände sollte wohl mal ein großer Wurf werden mit Beauty Lounge und Foot Massage. Wenn man die drei Koreaner mal außer vor lässt, waren die Yaks am Eingang das einzige Lebenszeichen auf dem Gelände. Und natürlich das eifrige Personal, das den Nervenkrieg gewann und uns schließlich in den Selbstbedienungsmodus zwang. Als ich nach dem Toilettengang die Nebenräume inspizierte, fand ich tatsächlich weiteres Leben im Haus. Eine Mongolin strich einem sichtlich schlecht gelaunten Koreaner mit einem Kamm Gel ins Haar. Als der mich grantig anschaute, bewegte ich Arno zum Aufbruch. Vielleicht ist das ja nur ein koreanischer Gulag.
Der letzte Abend im Buuveit Camp. Wieder kein Hammel. Aber dafür eine Gruppe Berliner im Pavillon. Ich nenne ihn den Monopteros von Terelj. Die älteren Herrschaften waren zu sechst unterwegs. Ein paar Ex-Politiker, die gemütlich beim Bier saßen und über mongolischen Vodka erzählten. Ihr Expertenurteil aus 40 Jahren Diplomatischem Dienst: schwarzer oder goldener Dschingis Khan. Kann man auch in Dosen kaufen und einfach ins Gepäck werfen. Teil der Gruppe war auch eine drahtige Frau, die sie Chef-Geologin nannten, weil sie die Höhe jeder Wanderdüne kannte. Ein Typ Frau, der alles im Griff hat und auf alles vorbereitet ist und wehe, wenn mal was nicht so ist, wie im Programm besprochen. Wie zum Beispiel der Besuch der Oper von Ulan Bator. Sie verließ den Monopteros bald, weil wir die Ernsthaftigkeit ihrer Anliegen nicht würdigen konnten. Damit hatten alle gewonnen. Vor allem die Berliner Herren konnten nun in Ruhe ihr Biers schlürfen und Episoden aus der Epoche von Hans-Jochen Vogel ungeahndet zum Besten geben. Unser Fazit zum Terelj Buuveit Camp: Schön gelegen und bringt alle Voraussetzungen mit für ein paar entspannende Tage. Aber in der Umsetzung bleibt das etwas mau. Nicht dass man Club-Animationen erwarten würde, aber ein bisschen mehr Feuer unterm Hintern würde dem Camp gut tun. In der aktuellen Verfassung reicht ein ganzer Tag voll und ganz.

Ulan Bator in einem halben Tag

Wir waren in einer Normal-Jurte untergebracht ohne Strom, aber mit direktem Kontakt zum Holzbett. Mit durchgelegenem Kreuz aber nigelnagelneuen Stoßdämpfern im Kia geht es mittags nach Ulan Bator. Unser Reiseanbieter hat ein Appartment für uns bereit gestellt. Wir wohnen wieder mal mitten im Zentrum, wobei das in Ulan Bator ein zweifelhafter Vorteil ist. Die Stadt ist stickig und wir arbeiten uns durch die Hauptverkehrsadern vorbei an den paar Sehenswürdigkeiten wie den Dschingis Kahn Platz. Nach Museen steht uns der Sinn gerade nicht. Trotzdem stolpern wir aus Versehen in den Regierungspalast, wo hauptsächlich über das ehemalige Weltreich der Mongolen zu lesen ist. Allerdings nur auf Mongolisch und da müssen wir in den Nebensätzen klein bei geben.
Zum Mittagessen kehren wir in unserer Verzweiflung ins Khan Bräu ein und bestellen in unserem europäischen Gesundheitswahn einen Salat. Das ist überhaupt einer der kardinalsten Fehler, die man machen kann. Aber wir haben ums Verrecken kein mongolisches Wirtshaus gefunden. Zum Ausgleich für den faden Salat mit der zähen Entenbrust gönnen wir uns die Blue Sky Lounge im gleichnamigen Hotel. Wie es der Zufall will, entdeckt Arno den gestern groß angekündigten Dschingis Vodka auf der Karte, sogar in Gold. Unterm Glasdach bei 40 Grad stellt er sich als Tester zur Verfügung und hat anschließend einen kleinen mongolischen Schwips. Einziger Nutzen: Wir wissen nun, dass der Vodka keine Investition wert ist.

Ulan Bator aus der Sky Lounge
Ulan Bator aus der Sky Lounge

Wie zwei Nomaden streifen wir durch Ulan Bator und finden nichts, was der Rede wert wäre. Ein halber Tag reicht für die Hauptstadt. Im größten Kaufhaus vor Ort decken wir uns ein für die morgige Zugfahrt und finden sogar ein paar Souvenirs. Wir hätten den Tag fast abgehakt und wären fast in der falschen Kneipe gelandet. Das Schicksal wendete uns in letzte Sekunde in den UB Jazz Club in der Seoul Street. An einem regulären Mittwochabend lässt der Mongole hier die Kuh fliegen. Das nomadische Element an den Frauen ist, dass sie von Bar zu Bar ziehen, bis sie einen fruchtbaren Platz gefunden haben. Das Spiel läuft so, dass Frauen und Männer getrennt in Grüppchen ankommen. Bei Interesse sendet Mann Drinks samt Visitenkarte an den Frauentisch. Bei Gegeninteresse stehen Lauben zur Verfügung. Ansonsten ist das ein völlig normales Restaurant mit armenischem Essen und Kaltenberger Bier. All das zusammen in angemessener Dosis macht uns zum ersten Mal seit Tagen richtig satt. Ein Vodka namens Evok wird unser mongolischer Absacker. Wir hätten noch lange sitzen bleiben können im UB. Aber morgen um 6 Uhr geht der Wecker für den Zug nach Peking.

Vor der Abreise hatte ich keine Vorstellung von der Mongolei. In den paar Tagen haben wir zwar nur einen Ausschnitt gesehen mit immerhin der Hälfte der Bevölkerung. Wir fahren am letzten Tag mit den Zug von Nord nach Süd. Die Landschaft ist karg. Die Weite schindet Eindruck. Nebenan verläuft zeitweise eine gute geteerte Straße. Immer wieder tauchen Tankstellen auf und in den kleineren Orten sieht man vom Zug aus Supermarkt, Bank und Apotheke. Alles da, was man braucht. Im Grunde kann man die Mongolei bereisen wie Spanien. Flug, Mietauto, rumfahren, einquartieren, weiterfahren. Von der Wüste bis zum Jazz Club ist alles geboten. Vielleicht schau ich nochmals vorbei in der Mongolei.

Teil 1: Wissenswertes zur Zugreise
Teil 2: Russland
Teil 4: China/Peking

5 Kommentare

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Hallo Thomas, lach - ich kann nicht genug kriegen von Deinen Reiseberichten und wie in Essig eingelegter Fensterkitt schmeckt, weiß ich nicht, aber wie er riecht, daran erinnere ich mich noch allzu gut.
Stutenmilch und Hammelfleisch usw. - das erinnert mich an das Buch "Der Besessene" von Garry Jennings. Hammelschwanz so schwer und fett, dass dem Tier ein Leiterwägelchen gebaut wurde und die waren auch noch stolz und freuten sich auf den Verzehr Marco Polo weniger und die Yakbutter - ranzig ohne Ende iiiiiiiiiiiiiiiii
Dankeschön und ich freu mich auf die Fortsetzung. Jetzt weiß ich, warum dem Mann meiner Freundin, der zu DDR Zeiten zu Schulungszwecken der einheimischen Wollweberei der Mongolei, das Land nur bedingt gefallen hat ....
Eins weiß ich sicher - eine Reise mit der TSB ist gestrichen von der Wunschliste zu meinem Sechsger - einen bayrischen Magen darf man nicht "vergewaltätigen" gar nie nicht, niemals
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*LachTränenausdenAugenwischen*

Beim Lesen stand man sozusagen daneben und hatte fast das Gefühl die Stutenmilch und das Hammelfleisch riechen zu können (wenn ich wüsste wie das riecht ) und hab die Fliegen neben dem Stutenmilchkäsestückchen in der Stutenmilchbutter bildlich gesehen

Also, Respekt, denn ich weiß nicht, wie in Essig eingelegter Fensterkitt schmeckt, möchte es auch nicht wissen

Die 3 häufigsten Todearten in der Mongolei sind auch nicht ohne:
Hammelinfektion, Stutenmilchdehydrierung, Kohlenmonoxidvergiftung. Aber Magendurchbruch nach gedünstetem Hammelfleisch gehört wohl auch dazu.

Du schreibst, vor der Abreise hattest du keine Vorstellung von der Mongolei. Nun, ich habe durch deinen Bericht eine sehr anschauliche, bildhafte Vorstellung. Danke schön. Es ist wirklich eine Reise wert.

Jetzt freue ich mich auf den Bericht aus Peking
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E steht fest. Wir machen die Reise, denn ich bin sicher, wenn wir die Mongolei hinter uns haben, bin ich um einige Kilos leichter. Ich verweigere jede Nahrungsaufnahme.
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Klasse.Wie die ersten beiden Berichte sehr informativ und sehr gut geschrieben. Bitte mehr davon
Wir sind 2009 mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren .Bis Wladiwostok. Ein super Erlebnis.
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