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Der Geschmack des Paradieses

Bachs Höfe, Leipzigs Paradies

Wenn draußen in der Welt die Autokraten, die Populisten und verzweifelt Zornigen das Sagen haben, dann wünscht man sich eine Flucht in die Gefühle, ins Empfindsame, Empathische, kurz eine Rückkehr ins Paradies. Yadegar Asisi macht dies in Leipzig möglich, der 360°– Zauberer aus Sachsen lässt in seinem 32 Meter hohen Panorama „Carolas Garten – Eine Rückkehr ins Paradies“ den Besucher im Rundbild auf die Größe eines Blütenpollens schrumpfen und die faszinierende Szenerie innerhalb eines heimischen Gartens in einer nie dagewesenen Vergrößerung entdecken. Und alles in einem ehemaligen Gasometer.

Die Stadt wird zum Panorama

Während des diesjährigen Bachfestes, das unter dem Motto „Hof-Compositeur Bach“ steht, wird vom 14.–23. Juni 2019 die ganze Stadt zu einem 360°-Panorama, aus genau diesem sehnsüchtigen Gefühl heraus, wenigstens für eine kurze Zeit umfangen zu sein von der genialischen Klangwelt Bachs und seiner Epigonen. 10 Tage im Juni an seinem Hof, denn Johann Sebastian Bach war nicht nur der Leipziger Thomaskantor, der zur Ehre Gottes und der Stadt immer wieder unsterbliche Werke schuf. Er war 15 Jahre seines Berufslebens hauptberuflich an Höfen tätig: zunächst als Organist und Konzertmeister in Weimar, sodann als Kapellmeister in Köthen, außerordentlicher Kapellmeister des Weißenfelser Herzogs und ab 1736 „Königlich Polnischer und Kurfürstlich Sächsischer Hof-Compositeur“. Und Forscher in seiner Biographie vermuten, dass sein Gastspiel in Potsdam darauf abzielte, Ehrenkapellmeister Friedrichs des Großen zu werden.

Fünf magische Reihen

Die Stiftung Bach-Archiv und ihrem Präsidenten Sir John Eliot Gardiner und die Intendanz unter Dr. Michael Maul haben dazu vier Reihen gestaltet, die sich Bachs Schaffen für Weimar, Köthen, Dresden und Berlin widmen. In einer fünften Reihe, „Bach & Friends“ werden die Werke seiner höfischen Musikerfreunde vorgestellt. Im Bach-Paradies erleben wir den Weimarer Hoforganisten Bach, wie er Vivaldis Violinkonzerte „inhaliert“ und mit seinen kühnen Choralbegleitungen „confundiret“. Sämtliche Weimarer Kantaten stehen auf dem Programm. „In Köthen“ schlüpft Nuria Rial in die Rolle der Sängerin Anna Magdalena Wilcke, verheiratete Bach, und es werden die Geburtstags- und Trauermusiken für Bachs Lieblingsregenten Fürst Leopold erklingen. Jordi Savall wird uns in der Nikolaikirche in die Welt des „Musikalischen Opfers“ und damit nach Berlin entführen. Einige der Huldigungskantaten des sächsischen Hof-Compositeurs Bach werden am Originalschauplatz, dem Leipziger Markt, aufgeführt. Die h-Moll-Messe setzt den traditionellen Schlusspunkt im Festivalreigen, diesmal mit dem Tölzer Knabenchor unter David Stern. Die Johannes-Passion kehrt in die Nikolaikirche zurück. Die Matthäus-Passion wird die Peterskirche in den Hügel Golgatha verwandeln. Gottfried Heinrich Stölzels Passionsoratorium „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ führte Bach 1734 in der Thomaskirche auf. Der geschätzte Gothaer Kollegen kommt erstmals an den Originalschauplatz zurück
So ist der Festivalkalender paradiesisch voll, das Herz ist wie in den vergangenen Jahren der Markt, von dem der Klang durch die Straßen zu den unterschiedlichen Aufführungsorten trägt, und an den man stets zurückkehrt, um Luft zu holen.
Und dann sind da noch seine Leipziger „Anwälte“, Felix Mendelssohn Bartholdy, Clara und Robert Schumann, die zu ihren Spiel- und Wohnstätten einladen. Im Paradies verschwimmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer Einheit. Und viele, die Leipzig besuchen, lassen sich die Stadt erklären. Hier hatte die jüngste Geschichte Deutschlands ihre ergreifendsten, ihre schönsten und im Wortsinne edelsten Momente. Politisch und kulturell ist sie noch heute. „Leipzig liest“ während der Buchmesse, Leipzig lauscht während des Bachfestivals. Und dann gibt es noch Richard Wagner, Edvard Grieg, Gustav Mahler, Hanns Eisler. Diese Stadt ist so reich an Namen und ihrem Erbe, dass man in Demut niederknien möchte. Zu Recht wurden neun Leipziger Musikstätten – darunter das Bach-Archiv Leipzig –am 13. Juni 2018 mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet. Aber dieses Siegel klingt museal, wie das Versiegeln einer Truhe, aber das ist es nicht. Die vielen Besucher, die wieder nach Leipzig kommen werden, erleben kein Museum, sie erleben sich selbst, ihre Sehnsüchte und Empfindungen und die friedfertige Ruhe der Kultur. Und solange sie kommen, lebt diese Welt, ist sie keine Illusion. Erst wenn Yadegar Asisi sie in seinem Gasometer komprimiert, um sie der Nachwelt zu erhalten, dann dürfte die Wut der Banalen gesiegt haben.

Information:
Bachfest Leipzig 2019
Thomaskirchhof 15/16, 04109 Leipzig
Tel. +49 341 9137-300
Fax +49 341 9137-305
E-Mail bachfest@bach-leipzig.de

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