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Fräulein Ammer und ihr Hund Schnick in "Die Strafe der Faulheit"

Mut zur Faulheit – warum wir nicht immer aktiv sein müssen

Von Christine Kammerer - Dienstag, 22.10.2013 - 11:49 Uhr

Müßiggang ist aller Laster Anfang. So oder so ähnlich lauten die Sinnsprüche, die uns in der Kindheit eingetrichtert wurden. Auch in den alten Märchen werden die Fleißigen belohnt und die Faulen bestraft. Und weil diese überlieferten Gebote in unserem Köpfen heute noch so wirkungsvoll sind, fühlt sich der, der einfach mal eine Zeitlang müßig ist, bald unnütz und wird auch von der Gesellschaft schnell als „Versager“ abgestempelt.

Deswegen arbeiten wir unglaublich hart daran, der Faulheit zu entrinnen. Und wenn es oft nur der reine Aktionismus ist, der uns auf Trab hält.

Muße – die Schwester der Freiheit
Irgendetwas Tun ist schließlich besser als Nichtstun. Wir gönnen uns die Muße nicht. Die alten Philosophen wussten es besser: Dem Sokrates galt die Muße als die „Schwester der Freiheit“. Diogenes, der Philosoph in der Tonne, war demnach ein Musterexemplar an Tugend: er lebte und liebte den Müßiggang – und seine Freiheit.

Als Alexander der Große im Krieg gegen die Perser zum Oberfeldherren ernannt wurde, machten ihm alle Männer von Rang ihre Aufwartung. Nur Diogenes blieb fern. Also suchte Alexander den Philosophen auf und der lag wie fast immer müßig in der Sonne. Alexander befragte Diogenes nach seinen Wünschen und der entgegnete schlicht: „Geh mir nur ein wenig aus der Sonne!“ Der griechische Feldherr soll daraufhin so beeindruckt von der Geisteshaltung des Diogenes gewesen sein, dass er spontan ausrief: „Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein!“

Beschleunigung bis zum Burnout
Muße und Müßiggang – das sind in unseren Ohren nur noch herrlich altmodische Worte. Ihre eigentliche Bedeutung ist heute schon beinahe abhandengekommen. Dabei haben sie die Geschichte der Menschheit weit stärker geprägt als die protestantische Arbeitsmoral, die erst mit der Neuzeit in Mode kam. Aber spätestens seit der Industrialisierung galt es, immer schneller wie ein Hamster im Laufrad zu strampeln. Denn der Fleiß war die Quelle des Wohlstandes und des Fortschrittes und es dauerte nicht lange, bis daraus Stress wurde. Eine Zeitlang galt es als schick und ehrenwert, gestresst zu sein, doch dann wuchs sich die ständige Dauerbelastung zu einem bis dahin völlig unbekannten Phänomen mit verheerender Breitenwirkung aus: dem Burnout.

Dabei wurden doch so viele wunderbare Dinge nur zu dem einen Zweck erfunden, nämlich uns zu entlasten und Zeit zu sparen. Und Zeit zu gewinnen - Freizeit. Doch das Gegenteil war der Fall: jede Erfindung, die zu einer Arbeitserleichterung führte, beschleunigte das Tempo der Gesellschaft nur immer weiter: der Buchdruck, das Automobil, die arbeitsteilige Fabrik und schließlich der Computer und das Internet.

Ja, nicht einmal mehr in unserer Freizeit dürfen wir guten Gewissens faul sein. Ein Event jagt das andere und selbst im Urlaub ist Faulenzen verpönt. Man segelt und surft, spielt Golf oder Tennis, verausgabt sich beim Triathlon oder beim Bogenschießen und klappert nebenbei noch im Zeitraffertempo alle Sehenswürdigkeiten vor Ort ab. Und wenn wir dann schon einmal chillen, sollte auch das am besten noch irgendwie aktiv oder wenigstens kreativ sein.

Ein Loblied auf Langeweile und Langsamkeit!
Wenn uns die Langeweile übermannt, sind wir ihr manchmal quälend ausgeliefert. Wenn wir jedoch beschließen, sie absichtsvoll mit Lust zu genießen und uns gar nicht erst vornehmen, irgendetwas zuwege zu bringen, wird sie plötzlich zum kostbaren Gut. Einfach mal abhängen, Däumchen drehen und die Seele baumeln lassen. Die Arbeit ganz bewusst liegen lassen. Nur in der Sonne liegen, den blauen Himmel betrachten und die Wölkchen am Horizont vorüberziehen lassen. Nichtstun tut gut. Und es macht uns kreativer. Denn wir brauchen den Ausgleich zur Reizüberflutung, um zu regenerieren. In der Ruhe liegt die Kraft.

Unsere Gesellschaft ist so auf das neue, aufregende, sensationelle fixiert, dass unser Gehirn mit ständig neuen Reizen stimuliert und dabei häufig überflutet wird. Die sinnvolle Verarbeitung der zahlreichen Informationen, die auf uns einströmen, ihre Bewertung und die emotionale Reifung, die damit einhergehen sollte, bleiben dabei auf der Strecke.

Den seinen gibt’s der Herr im Schlafe…
Aus der Hirnforschung wissen wir heute, dass auf Phasen der Aktivität und der Aufnahme von Reizen und Informationen Phasen der Ruhe und Passivität folgen müssen, damit wir die Eindrücke angemessen verarbeiten und speichern können. Es ist also tatsächlich wahr: den seinen gibt’s der Herr im Schlafe. Und nicht nur das Gedächtnis profitiert von der Muße, sondern auch die Persönlichkeit insgesamt: Das Gehirn von „Nichtstuern“ verzeichnet besonders in jenen Bereichen starke Aktivitäten, die für die Entwicklung der Persönlichkeit und die allgemeine Orientierung im Leben zuständig sind. Nur mit Muße reift eine kluge und kreative Persönlichkeit heran, die sich in ihrer Umwelt gut zurechtfindet und weiß, was sie will. Wir sollten daher wohl alle ein bisschen mehr wie Diogenes sein.

Loriots Feierabend

Literatur:

Ulrich Schnabel: Muße: Vom Glück des Nichtstuns

Heinrich Mehrmann: Mut zur Faulheit. Attacken gegen zuviel Fleiß, geritten von berühmten Faulen

Manfred Koch: Faulheit. Eine schwierige Disziplin.

8 Kommentare

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M.E. vermengen die meisten Kommentatoren zwei Sachverhalte miteinander:
(A ) ich arbeite hart u will deshalb abends u im Urlaub meine Ruhe haben
(B) das Grundrecht auf Faulheit.
Das ist nicht dasselbe!

Wer sich über (B) informieren möchte, dem sei »The Big Lebowski“ empfohlen. In diesem genialen Film der Coen-Brüder wird anschaulich gezeigt, wie „richtiger“ Müßiggang funktioniert. Der taugt natürlich ausschließlich für die Menschen, die bereit sind, vom Hamsterrad des Erwerbslebens abzuspringen u Einkommenseinbußen in Kauf zu nehmen.

(A) hingegen steht für Entspannung, Relaxen u Wellness. Auch ganz nett. Hat aber mit der Lebensführung des Diogenes überhaupt nichts zu tun.
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Das kostbarste Gut was wir haben ist die Zeit. Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Job in dem ich weniger arbeiten muss, für das gleiche Geld. Es lohnt sich nicht mehr sich für die Firma fertig zu machen. Beim Eintritt ins Rentenalter ist man arm und krank.
Viel arbeiten bringt viel Lohn?
An so manchens Hamsterrad könnte ein Dynamo angeschlossen werden, auf das dem Betreiber ein Licht auf gehe.
Manche Zeitgenossen merken einfach nicht, wie sie sich vor anderer Leute Wagen spannen lassen.
Da ist aber unsere Erziehung zum Teil Schuld. Oft wird am Arbeitsplatz durch Aktionismuß Fleiß vorgetäuscht.
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Durch die dauernde Reizüberflutung ist der moderne Mensche schon ziemlich gestresst. Dazu kommen die immer höheren Anforderungen im Beruf.

Sich mal eine Auszeit nehmen und einfach für niemanden erreichbar sein - das ist der Luxus unserer Tage!
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Das tolle ist ja noch, hast du dich erst mal krumm, buckelig und krank gearbeitet, kriegst du noch 'nen Tritt in den Allerwertesten. Dann kann man sich ein Schild unhängen 'Ich bin selber schuld'.
Eile mit Weile und dann wieder Seele baumeln lassen. Gute Idee. Das tolle an der Arbeit ist ja, dass sie nicht wegläuft. Außerdem ist sie kostbar, deshalb sollten wir uns was für den nächsten Tag davon aufheben.
Hart erarbeitet, glaube mir!
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Den Himmel .. äh ... gähn ... beobachten, die Schäfchen ... dingens Gähnwolken, wie sich sich ... äh ... langsam verändern, mitohne Flieger drüber, Kondensstreifen in ihrer super langsamen Auflösung, wer ... gähn ... bitteschön, außer mir vielleicht, schaut ... äh ... den Kondensstreifen beim Auflösen zu, klar, nur bei schönem Wetter kann ... gähn ... die Beobachtung sich ... äh ... langsam auflösender Kondensstreifen ... wie gesagt, umso lohnender, weil ... äh ... äußerst beruhigend, nix tun, nur zuschauen, während ... gähn ... der Hektiker allenfalls dem Flieger nachschaut, der ja ... äh ... für eine ordentliche ... gähn ... Betrachtung schon wieder viel zu schnell, bei ... äh ... absoluter Windstille, die Kondensstreifenauflösungsbeobachtung ... gähn ... die aller beruhigenste ... äh ... ist ... gähn ... hektische Welt, hektische ... gähn ... zzzzzz ....
Genau so!!!
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