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Was uns heilig ist: Fronten und Bruchlinien

"Wir machen es wir die Israelis", diese russische Erklärung war heute in den Nachrichten zu lesen, "wir sprengen die Häuser der Angehörigen der Terroristen." Eine militante Islamistengruppe namens "Kaukasus-Kalifat" hatte sich vergangene Woche in der tschetschenischen Hauptstadt Gefechte mit der Polizei geliefert. Diese Bezugnahme auf Israel ist bemerkenswert, weil Putin vor wenigen Tagen verkündete, die Krim sei Russland "so heilig wie der Tempelberg den Israelis."
Stehen Russland und Israel plötzlich auf einer Seite der Front, die derzeit die Welt in viele kleine Kriege zerreißt? Nein. Es gibt zwar an die zwei Millionen russischstämmige Juden im Land, und man kann davon ausgehen, dass es eine intensive Kommunikation gibt, aber politisch sind beide Länder weit auseinander. Sie haben nur einen Feind gemeinsam: den radikalen Islam.

Tschetschenien kehrt in die Schlagzeilen zurück

Von einem Kaukasus-Kalifat hatten bislang nur Eingeweihte gehört. Mit dem Ende des zweiten Tschetschenien-Kriegs, den Putin 2004 gewonnen zu haben vorgab, schien Ruhe in dem Land am Nordrand des Kaukasus eingekehrt zu sein. Ramsan Achmatowitsch Kadyrow ist seit 2. September 2010 Oberhaupt dieser Teilrepublik und Chef der Sicherheitstruppe Kadyrowzy, der verschiedene Verbrechen gegen Zivilisten zur Last gelegt werden. Tschetschenische Einheiten kämpfen zum Dank in der Ostukraine, und so sah es so aus, als hätte Moskau die unruhige Jugend des Landes so gut beschäftigt. So wie manche im Westen der Meinung sind, man solle die Salafisten ruhig ziehen lassen, je weniger wieder kommen, desto besser.

Dass Tschetschenien wieder in die Schlagzeilen rückt, ist so verwunderbar nicht. Denn deines Gegners Feind ist dein Freund. Und da bekanntlich die Hauptkampflinie zwischen dem Westen und Russland durch die östliche Ukraine läuft, empfiehlt sich den westlichen Strategen, dort anzusetzen, wo es Putin richtig wehtut: Und das ist in Grosny und bei den Tschetschenen die zu tausenden in der russischen Diaspora leben.

Dass diese Empfehlung umgesetzt wird, mag eine Spekulation sein, aber logisch wäre es, und zum anderen scheint jetzt tatsächlich so etwas wie Waffenruhe in Donezk zu herrschen. Ein Zufall? Wohl eher nicht, eher das Ergebnis. Und wohl eher hat der russische Präsident jetzt seinen Fehler erkannt, der dachte, das Tschetschenien-Problem mit Hilfe seines Satrapen Kadyrow im Griff und Luft für neue geographische Abenteuer zu haben.

Bringt das den IS, der sich Kalifat nennende Mörderstaat, der Köpfe abschneidet, plötzlich auf die antirussische Seite? Im Kaukasus sieht es so aus.

Welche Front verläuft denn um den IS?

Welche Front verläuft denn um den IS? Die Türken unterstützen ihn, weil er Assad in Syrien Ärger macht und weil er die Kurden beschäftigt. Doch die Türkei ist in der NATO. Und die USA, die auch in der NATO sind, kämpfen in einem Bündnis, in dem Saudi-Arabien offen und der Iran heimlich dabei ist, gegen den IS. Die Saudis, weil Sunniten, und die Iraner, weil Schiiten, hassen sich wie die Pest. Der IS scheint schlimmer zu sein als diese Seuche. Doch die Fronten sind Bruchlinien, die nicht logisch sind. Sie sind auch nicht nur geographisch zu verstehen, sie sind religiös, ethisch oder pathologisch. Das ist verwirrend und macht es schwer verständlich. Und Komplexität ist dem Menschen generell unheimlich. Der Westen versucht so verzweifelt, die Atom-Probleme mit dem Iran auszuräumen, um hier eine Front-Begradigung vorzunehmen. Doch der Iran spielt da nicht mit, weil er sich nur über den Besitz von Atomwaffen sicher weiß. Das ist logisch.

Wenn die Ukraine nicht feierlich ihre Atomwaffen den Russen ausgehändigt hätte, stünden heute vermutlich keine russischen Truppen auf der Krim.

Die Bartträger von Teheran sind informiert und nicht blöd. Daher sind sie gegen den Westen, der ihnen die Bombe nehmen will, und gegen den radikal-sunnitischen IS auch. Sie haben den General Soleimani in den Irak geschickt, er ist Spezialist für geheime Auslandseinsätze und führt die Kuds-Einheiten an. Seine Mission: Schulungen im Kampf gegen die IS-Milizen. Aber die Regel, wir sind Freunde, weil wir den gleichen Gegner haben, gilt für ihn nicht.

Pathologisiertes Amerika

Und die Amerikaner? Für Obama zählt in den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit nur noch die Innenpolitik. Er schickt Drohnen und Flugzeuge, aber keine Soldaten mehr. Damit wäscht er seinen Freunden bestenfalls den Pelz, aber er macht sich nicht nass. Jeder Stratege weiß, dass Kriege nur mit Bodentruppen zu gewinnen sind. Sein Vorgänger schickte noch Panzer und Soldaten, aber Bush hatte noch echte Interessen: das Öl.

Heute fracken die Amerikaner und sind selbst Ölmacht. Ihr Interesse am Golf ist gering geworden. Es hat ihnen eh kaum einer die vielen Toten und die vergeudeten Milliarden gedankt. Und der Krieg gegen den Terror nach dem 11. September findet nicht mehr in der arabischen Wüste statt. Die Front des war on terror läuft mitten durch eine traumatisierte amerikanische Gesellschaft, die Verdächtige foltert, jeden Fremden ausspioniert, egal ob Freund oder Feind, sich an ihre Gewehre im Schrank klammert und stand your ground praktiziert. Wer einer kranken, paranoiden Gesellschaft Angst macht, wird erschossen. Weil er schwarz ist oder eine private Garage betritt. Ein schwarzer Präsident, der angetreten ist, die Gesellschaft zum Positiven zu verändern, kann es nicht gut aushalten, mit dieser Pathologisierung der USA in Verbindung gebracht zu werden.

Und unsere Frontlinien?

Und unsere Frontlinien? Die Europäische Union verspricht und realisiert ihren Mitgliedern das, wonach sich jeder Mensch auf dieser Welt sehnt, oder sehnen sollte: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Wohlstand. Natürlich schafft sie nicht das Paradies, wer auf dieses angebliche Versprechen pocht ist ein Idiot.
Aber sie gibt den Staaten Sicherheit und jedem einzelnen eine Chance zum Erfolg. Wer das kleinredet ist dumm oder böswillig.

Ihre Fronten verlaufen dort, wo andere Staaten genau das für sich haben wollen: Europäische Hilfe zur Selbsthilfe, den Zugang. Und nicht nur für Staaten, auch für Einzelpersonen. Das ist der Grund für die Flüchtlingsproblematik. Diese Front verläuft an den Außengrenzen, aber auch innerhalb der EU gegenüber denen, die Asylantenheime abfackeln, und denen, die das gut finden.

Auch die Front in der Ukraine ist dadurch entstanden, dass die Menschen nach Europa wollten. Wer meint, die EU wolle Russland einkreisen, hat übersehen, dass die EU keine Zwangsmitgliedschaft und daher auch keine Annektion kennt.

Dann haben wir eine Front um unsere Werte herum, um den Respekt vor den Menschenrechten. Wir haben im Innern Gerichte, die das durchsetzen, und außen werden deswegen die Kurden militärisch unterstützt. Aber deswegen haben wir zugleich ein Problem mit den USA, ein Land, das sich den gleichen Werten verpflichtet hat, dieser Verpflichtung aber aufgrund seiner Pathologie nicht mehr unbedingt nachkommt. Wir brauchen aber die militärische Stärke der USA an anderen Fronten.

Wir sollten Amerika und Russland helfen

Und entweder wir machen die USA machtpolitisch entbehrlich, was nicht geht, oder helfen ihr zurück ins wirkliche Leben. Und ebenso müssen wir Russland helfen, die sowjetzaristische Verblendung eines Präsidenten Putin zu überwinden und wieder zurück auf unsere Seite der Front zu kommen. Und das geht nur, indem wir nichts so machen wie andere, sondern alles genau so, wie wir es gut und richtig finden. Oder wie es uns heilig ist.

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