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Demo für die Demokratie

Der 9. November - ein schrecklicher und auch ein guter Tag der Demokratie

Von Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern - Montag, 09.11.2015 - 16:06 Uhr

Nein, denen geben wir unsere Stadt nicht. Weil heute der 9. November ist.

Deutschlands Synagogen brennen


Der 9. November ist ein schlimmer Tag, aber auch ein schöner Tag. Es ist schlimm gewesen, aber dann doch gut geworden. Viele Daten der deutschen Geschichte verbinden sich mit dem 9. November. Eines hat sich eingebrannt mit besonders schrecklichen und scheußlichen Bildern - die Pogromnacht von 1938. Mordbanden ziehen grölend vor jüdischen Geschäften auf, werfen die Scheiben entzwei, schlagen alles kurz und klein, tun den Inhabern Gewalt an oder bringen sie sogar um. Vor allem brennen überall in Deutschland die Synagogen,und niemand tut etwas. Feuerwehr und Polizei rücken nicht aus. Die Synagogen werden niedergebrannt, inmitten der Städte. Menschen halten andere ab, gehen weg. Es ist klar; alle haben es gesehen.

Die Ausrufung der ersten deutschen Republik November 1918


Der 9. November verbindet sich auch mit der gleichfalls sehr gefährlichen Revolution in Berlin und anderen deutschen Städten. Das Ende des Ersten Weltkriegs. Der Kaiser dankt ab und fährt mit seinem Porzellan nach Holland. Nirgendwo anders wollten die gekrönten Häupter diesen Verwandten haben. Er hat sein unrühmliches Leben dann noch über zwanzig Jahre im Haus Doorn in den Niederlanden fortgesetzt. In Berlin wurde aber an diesem 9. November 1918 die Republik ausgerufen, vom Balkon des Berliner Stadtschlosses herunter, also Wilhelms II. Palast, die Räterepublik durch Karl LIebknecht Aber vom Balkon des Reichstags, des Hauses des Volkes, aus rief sie der Politiker Philipp Scheidemann aus, und da unsere Republik in dieser da ausgerufenen Weimarer Republik ihren Vorläufer sieht, haben wir diesen Augenblick im Gedächtnis bewahrt. Scheidemanns Rede ist von ihm selbst nachgesprochen worden und er ließ sich dann auch am Balkon des Reichstags fotografieren. Liebknecht jedoch wurde wie die geniale Rosa Luxemburg als Kommunist ermordet. Ihr Kult wurde in der DDR hochgehalten, bei uns wurden sie vielleicht gerade darum nie richtig in ihren Leistungen für Deutschland und die Welt gewürdigt. Wir kennen das Deutschland kaum, das beide konkurrierend ausgerufen haben. Es ist wohl in keinem Fall so geworden, wie sie es damals im November gewollt hatten.

Am gleichen 9. November 1918 wurde auch Kurt Eisner Ministerpräsident des am Vortag ausgerufenen Freistaats Bayern. Bayern war also kein Königreich mehr, sondern eine Republik. Das nämlich besagt das an sich ehrenvolle „Freistaat“, und übrigens gibt es in der deutschen Geschichte noch mehr Freistaaten, Sachsen und Thüringen etwa. Kurt Eisners Leben währte nur noch wenig mehr als ein Vierteljahr. Im Februar 1919 wurde er von einem Reaktionär auf dem Weg zum Landtag erschossen.

Der Marsch auf die Feldherrnhalle

Der 9. November ist auch der Tag des Hitlerputsches. 1923 hielt Adolf Hitler seine Rede im Bürgerbräukeller am Gasteig und führte nach dem Muster des italienischen Faschistenkollegen Mussolini einen Marsch nicht nach Rom, auch noch nicht nach Berlin, aber doch schon mal den Gasteig hinunter durch die Stadt zur Feldherrenhalle am Odeonsplatz an. Dort verteidigte immerhin die bayerische Bereitschaftspolizei die Republik, es wurde geschossen und es gab auch Tote. Herr Hitler kam auf relativ kurze Zeit ins Gefängnis nach Landsberg am Lech und konnte dort in einigermaßen privilegierter Haft seinem Mitputschisten und diensteifrigen Sekretär Heß sein weltanschauliches Werk „Mein Kampf“ diktieren. Die Nazis ehrten „Blutfahne“ und ihre „Alten Kämpfer“ des Putsches mit einer Ehrenwache, die von allen Passanten gegrüßt werden musste. Jedes Jahr verbanden sich mit diesem Datum Gedenkfeiern und Spektakel. So ist es kein Zufall, dass vor dem Novemberpogrom von 1938 ein Kameradschaftsabend zum Gedenken an den Hitlerputsch im Alten Rathaus der Stadt München voranging. Gleich nach dem Mahl ergingen die Anordnungen zur Zerstörung jüdischer Geschäfte, Gefangennahme Tausender Juden und zum Niederbrennen der Synagogen. Wegen der Revolution 1919 und nachfolgenden Depression, wegen des Hitlerputsches und der Reichsprogromnacht ist der 9. November ein eher dunkler Tag der deutschen Geschichte. Er verbindet sich vielfach mit Hass und Hetze, mit Zerstörung, mit Gewalt.

Was für ein Glück: Der Mauerfall!


Wie anders und welcher Zufall der Geschichte, dass der 9. November auch der Tag des Mauerfalls geworden ist, nachdem nach einem langen Sommer der Ausreise und der Abstimmung mit den Füßen und einem Herbst der friedlichen Demonstrationen in den Städten der ehemaligen DDR die Bevölkerung die Mauer, das System zum Einsturz brachte. Es ist der eigentliche Tag der Deutschen Einheit geworden, auch wenn man den Nationalen Feiertag mit Rücksicht auf die Nazi-Taten vom selben Datum nicht auf diesen Tag, sondern lieber auf den 3. Oktober gelegt hat.

Kein Platz für Hass und Hetze mehr in Deutschland


Der Mauerfall und der Zerfall des ganzen Ostblocks sind Weltgeschichte. Hitlerputsch und Reichspogromnacht sind es auch. Sie haben, da die Geschichte des Landes unteilbar ist und man sie nur als Ganzes haben kann, miteinander zu tun. Es ist möglich, sich über die Deutsche Einheit und die Befreiung von 1989 zu freuen und den Neubeginn in der Freiheit für ganz Europa, und gleichzeitig mit 1938 zu denken, welches Unrecht und welcher Ungeist die Ursache für den Zweiten Weltkrieg, für Vernichtung und Gewalt, war.

Deswegen verteidigen wir die Demokratie und die Freiheit und kämpfen gegen den Ungeist. Hass und Hetze haben im heutigen Deutschland keinen Platz mehr. Kein Nationalismus, keine Gewalt. Kein finsteres Gehabe. Stattdessen überall im Land ein Willkommen für die vielen Flüchtlinge, die die Internationale Politik produziert hat, derzeit vor allem aus Syrien. Wir sind Zehntausende und waren seit letztem Winter die Pegida in Dresden mit ihren Umzügen anfing schon oft im Einsatz. Wir werden die Straßen und Plätze nicht fremdenfeindlichen und nationalistischen Marschierern überlassen, schon gar nicht am 9. November. Das ist unser Land, und wir sind frei, friedlich und manchmal sogar freundlich.

3 Kommentare

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Über diesen Zusammenhang habe ich noch nie nachgedacht. Danke für die Zusammenstellung.
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Ein wunderbarer Artikel
Der 9. November in der Tat ein besonderer Tag immer wieder in der deutschen Geschichte:

Das unterschreibe ich gerne
" Hass und Hetze haben im heutigen Deutschland keinen Platz mehr. Kein Nationalismus, keine Gewalt. Kein finsteres Gehabe. Stattdessen überall im Land ein Willkommen für die vielen Flüchtlinge, "
...ich auch gleich mit...
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