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Händler vor der Stazione Termini

Bed and Breakfast in Rom: Preiswert am Rande

Von wize.life-Nutzer -

"Warum haben Sie den Wagen nicht in einer Garage abgestellt?" Der Polizist im für den Stadtteil Monti zuständigen Revier hatte nicht nur eine tadellos sitzende Uniform, er war auch von perfekter Freundlichkeit. Ja warum? Weil wir erst abends in Rom angekommen waren? Weil wir dachten, der öffentliche Raum in Italiens Hauptstadt wäre sicher? Wir waren froh, den Standort unseres "Hotels Bed and Breakfast" gefunden zu haben. Denn leicht war das nicht. Das Hotel hatte keine Leuchtreklame, die Anreisenden signalisiert, hier bin ich, Ziel erreicht. Es hatte nur ein Nummernschild an einer großen Holztür dieses altehrwürdigen Hauses. Das Hotel lag im dritten Stock, bestand aus ein paar Zimmern, die über einen Flur verbunden und durch mehrere Türen mit komplizierten Schlössern gesichert waren. Eine Garage hatte es - natürlich - nicht. Wie hätten wir eine Garage kurz vor Mitternacht finden sollen? Wir waren ja schon glücklich, einen Zeitpunkt zur Übergabe der zahlreichen Schlüssel ausmachen zu können. Denn eine Rezeption, die gar die ganze Nacht geöffnet wäre, haben Bed and Breakfast - Hotels nicht.

Selbsternannte Auto-Aufpasser

"Wir haben heute schon die 23 Meldungen so wie Ihre", sagt der Vorzeige-Polizist. Unsere Meldung war, dass man uns die Frontscheibe des Autos eingeschlagen hatte. Nachdem wir den Schlüssel des Zimmers (nebst Zugang) ausgehändigt bekommen hatten, gingen wir zurück zum Auto, um das Gepäck hochzubringen, als uns ein Mann ansprach, ob er nicht auf das Auto aufpassen sollte, für 5 Euro die ganze Nacht. Nein, das sollte er nicht, denn auf Roms Straßen darf man parken, wenn es keine anderslautenden Hinweise gibt. Das tun die Römer auch, und nur weil ich ein Münchner Nummernschild hätte, würde ich nicht zahlen. Denn dass er nicht schützen sondern abkassieren wollte, war mir klar. Aber sollte ich solchen mafiösen Strukturen Vorschub leisten? Nein, ich empfehle ja auch den Gastwirten nicht, den "Pizzo", das obligate Schutzgeld zu zahlen. Wer da mitmacht, wird zu einem Teil des Systems. Oder aber er bekommt die Scheibe eingeschlagen. Weil der Polizist so freundlich war und bereitwillig erzählte, dass wir nicht die einzigen waren, denen man die Scheiben eingeschlagen hatte, fragte ich ihn, ob es nicht sinnvoll wäre, in den Straßen des Monti Streife zu fahren. "Ja, bestimmt", lautete die formvollendete Antwort, aber man habe nur zwei Fahrzeuge, und die wären im Einsatz. Die beiden Fahrzeuge standen vor der Wache. Im Einsatz waren sie nicht, vielleicht hatten sie keinen Sprit.
Jedenfalls hatte ich den Ärger mit der Ersatzscheibe. Natürlich drängte sich mir die Frage auf, ob vielleicht auch mein Bed and Breakfast - Hotel Teils dieses Systems wäre. Wie kann es angehen, dass einfache Wohnungen plötzlich als Hotels auf den Markt kommen? Jeder, der im Internet nach einem Hotel in Rom sucht, wird mit Angeboten praktisch zugeworfen. Kostenpunkt pro Zimmer zwischen 50 und 120 Euro, je nach Lage. In den eigentlichen Hotels, denen mit Portier, fängt es bei 100 Euro an und geht unbegrenzt nach oben, je nach Lange.

Ich habe auf den letzten vier Reisen Bed and Breakfast - Angebote angenommen, das preiswerteste war "Sweet Home Cynthia" in der Nähe der Piazza Vittorio Veneto für 55 Euro, das "Blue Hostel" ín der Nähe der St. Maria Maggiore kostete 100 Euro, das "Paradiso" am Pantheon 90 Euro. Gemeinsam ist ihnen, dass man die Schlüsselübergabe telefonisch vereinbaren muss. Frühstück gab es nur im Paradiso, im Sweet Home gab es einen Gutschein für ein nahes Café, im Blue Hostel gab es nicht einmal das, nur den Hinweise, wo man auf eigene Rechnung hingehen könne, und auch im B&B hier im Stadtteil Monti gab es kein Frühstück. Bed and Breakfast ohne Breakfast, das ist eben Rom. Bed and Breakfast sei eben keine Gastronomie, sondern ein "business immobiliare", schreibt die Repubblica vom 23. November. In der Gegend rund um den Petersdom treibe B&B die Preise nach oben, schreibt Repubblica, und in den beliebtesten Gegenden machten B&B-Immobilien schon 15 Prozent der gesamten Umsätze aus.

Ich brauche keinen Portier

Da für mich Aufenthalte in Rom zu meinen Lebenselexieren gehöre und ich keinen Portier brauche, der mich mit Trinkgeld gierig geöffneten Händen umschwärmt, finde ich B&B gut, zumal ich noch keines antraf, das hygienisch nicht mit einem "normalen" Hotel mithalten konnte. Und da ich kein Frühstücksbuffet brauche, schon gar nicht in Italien, die nicht wissen, was das ist, fühle ich mich in der Bar mit einem Espresso, einer Zeitung und einem Schwätzchen pudelwohl.
Allerdings war ich mir in den letzten Tagen nicht mehr so sicher, ob das kriminelle Milieu nicht auch die B&B-Unterkünfte für sich entdeckt hat. Jedenfalls sagten das Hoteliers, die ich neugierig geworden darauf ansprach. "Ja, sehen Sie denn nicht", sagte etwa der Chef des "Mecenate", "was sich hier abspielt? Kommen Sie mal mit." Und er zeigte mir, wie sich gegenüber vom Hotel mitten auf dem Zebrastreifen und direkt neben der Bushaltestelle ein Stand breitgemacht hatte, an dem Inder von Schuhen bis Selfie-Stäben den Schund verkaufen, der in Italiens Süden hergestellt wird, wo derartige Zustände herrschen, dass man auf den Import aus China oder Bangladesh verzichten kann. Und die Inder und Bengalen hätten inzwischen im Hotelgewerbe Fuß gefasst, aber keiner täte etwas.
Ich kann Bengalen nicht von Indern unterscheiden. Früher drängten die Inder einem in den Restaurants die Rosen auf, wenn´s regnet sind sie mit ihren Schirmen da, heute bohren sie dir ungefragt ihre Selfiestangen in den Bauch. Aber wer hält die kleinen Läden abends auf? Die Inder, und selbst italienische Restaurants werden von Indern oder Chinesen geführt, die abends voll mit Einheimischen sind. Es macht auch für Römer einen Unterschied, ob sie für einen Espresso 5 Euro oder 1,50 Euro zahlen. Und "mein" Inder in der Nähe der Stazione Termini schneidet für 10 Euro die Haare, und das perfekt. Das ist ein Viertel von dem, was ich in München zahle.

Die inder zahlen keine Steuer - Italiener auch nicht

"Die Inder zahlen keine Steuern", schimpft der Mecenate-Chef. Darum seien sie so billig. Man müsse die ganzen Illegalen zurück schicken, oder weiter nach Deutschland. Dabei lacht er nicht einmal. Die italienische Regierung hat einfach kein Rezept gegen die Immigranten. Die Ärmsten betteln, schlafen nachts im Freien, denen es etwas besser geht, kaufen vom Zwischenhändler irgendwelchen Schund, den sie an die Leute bringen wollen. An jeder Ampel werden einem Wasserflaschen und Taschentücher aufgedrängt, oder mit einem kleinen Wischer für die Frontscheide gefuchtelt. Gelegentlich werden auch Steine in der Hand gezeigt.

Wer seinen Weg gemacht hat, der hat einen Stand, zur Not auf dem Zebrastreifen, einen kleinen Laden - oder eben ein Bed and Breakfast - Hotel. Auch wenn der Hotelier meint, es seien alles Flüchtlinge, die über das Meer gekommen seien , so ist es nicht. In der Region Latium, zu der Rom gehört, arbeiten inzwischen mehr als 20 000 Inder, überwiegend Sikh, in der Landwirtschaft. Sie kriegen dort Hungerlöhne, wollen aber trotzdem dort bleiben oder in der Stadt ihr Glück versuchen.

Ihre Illegalität lässt sich durch Abschieben nicht lösen, nur durch Integration. Wenn das nicht funktioniert, werden sie dort ihre Geld verdienen, wo man sie lässt, auf der Straße und auch in der Gastronomie. Und schwarz arbeiten bevorzugt längst auch die Einheimischen. In den Gaststätten bekommt man nur selten eine Rechnung, die durch eine Kasse gelaufen ist, die der Steuer zur Verfügung steht. In der letzten Woche passierte mir das ein einziges Mal. Auf den Zetteln mit dem zu zahlenden Betrag steht, man solle sich an die Kasse wenden, wenn man einen ordentlichen Beleg haben will. Wer das nicht tut, so wie ich, unterstützt die Steuerhinterziehung. Genauso wie derjenige, der sein B&B - Hotel ohne Rechnung bezahlt oder wie derjenige, der die Straßenkriminalität dadurch fördert, dass er 5 Euro pro Nacht zahlt, dass ihm seine Frontscheibe nicht eingeschlagen wird. Ich habe gezahlt, weil ich keine Lust habe, jeden Tag meine Zeit beim Autohändler zu verbringen. Und wenn es um mein Lebenselixier geht, soll mich die Politik in Ruhe lassen.

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