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Kathedrale Saint-Joan

Lichterfest in Lyon: Der Triumph der friedlichen Menschen

Von wize.life-Nutzer -

„Le triomphe des Lumières“ heißt das neue Buch des am Harvard College tätigen kanadischen Wissenschaftlers Steven Pinker auf Französisch (zu Deutsch: Aufklärung jetzt), das ein engagierter Widerspruch zu dem allgemeinen Gefühl ist, dass die Moderne dem Untergang geweiht sei. Aber einen wahren Triumph des Lichtes erlebten wir auf dem viertägigen F ête des Lumières in Lyon, das vergangenen Sonntag zuende gegangen ist. Gewarnt vor angekündigten Zusammenrottungen unter dem Banner der Gilets jaunes, der Gelbwesten, in der Stadt, hatten wir das Augenmerk auf alle gerichtet, die uns mit Westen entgegenkamen. Da kamen einige, die Müllabfuhr trug orange, die mit der Information und Steuerung der Besucherströme betrauten Mitarbeiter des F ête des Lumières pinkrote, dunkelgelbe die der Metro. Zu regeln gab es einiges, denn der Besucherandrang, die Offiziellen sprechen von mehr als 4 Millionen, schien die Straßen der Stadt an Rhône und Saône sprengen zu wollen. Licht-Künstler verwandelten historische Gebäude, Monumente und Brücken, sie schufen mythische, strahlende Objekte. Hinzu kamen Konzerte, Straßentheater und Darbietungen in den Innenhöfen der Museen. Ursprung und Anlass des Festes liegen in der tiefen Geschichte:1643 versprach die Stadt, der Jungfrau Maria eine Statue zu errichten, wenn sie Lyon von der Pest verschonen würde. Die Stadt hatte Glück und 1852 den listigen Einfall, zur regnerischen Dezemberzeit die Touristen in die ehemalige Hauptstadt der Gallier, Lugdunum, zu locken. Die Kirche schickt Gläubige – in weißen Kitteln - auf die Straßen, um unter dem Slogan „Merci Marie“ für die Seligsprechung von Pauline Jaricot zu werben, eine Wohltätige aus Lyon.
Alle Bewohner machen bei der Metamorphose der Stadt mit. Und der Hügel Fourvière, wo die Basilika Notre Dame erleuchtet ist, verbindet sich mit dem benachbarten Croix Rousse zu einem Horizont bunten Lichts. Zu mehr als vierzig gewaltigen, Häuserfronten umfassenden Lichtanimationen strömen die Besucher, wenn sie die qualvolle Enge der Metro-Ausgänge überwunden haben, wo sie dankbar bereits die nächste rote Ampel als Illumination zur Kenntnis nehmen. Das Gedränge zur Kathedrale Saint-Jean lohnt alle klaustrophobischen Herausforderungen. Ocubo, eine Künstlergruppe aus Portugal um Carole und Nuno, führte mit „Pigments de Lumière“ ein Spiel vor, das die Kirche mal in ihre mittelalterliche, beängstigende Vergangenheit zurückführt, sie mal wie ein gefrorenes Blatt zerbrechen lässt. Ein buntes Kaleidoskop und psychedelische Blumen, zumeist Rosen, nehmen den Zuschauer gefangen, dabei bleibt die Fassade zum Glück real, so dass man glaubt, sich in dieser spektakulären Lasershow wenigstens daran festhalten zu können, und deswegen zwischen Fiktion und Realität nicht zur Ruhe kommt.
Den schönsten Beitrag aber liefern die Gäste, Touristen und Einwohner, selbst. Trotz des Gedränges ist die Stimmung friedlich und fröhlich, überall gibt es Glühwein von improvisierten Ständen, andere bieten Raclette, Crêpes oder Kebab an. Das Licht ist eine Illusion, aber das Licht schafft Leben, so ist auch das Leben eine Illusion, in dieser Erkenntnis finden die Menschen zusammen. Keine Weste und keine Angst vor Ausschreitungen hält sie ab, sie kommen sogar mit ihren Kindern. Einigen „Bouchons“ (deutsch: Korken), so heißen hier die angesagten Restaurants, ist der Trubel nicht ganz geheuer, zumal in der Gegend um den Place Raspail und la Guillotière. Hier hört man Schreie mit und ohne Migrationshintergrund, hier sammelten sich mittags die Gilets jaunes und in ihrem Schatten die Plünderer, les casseurs. Als es zu arg wurde, sperrte die Metro sogar die Station Bellecour. Restaurants, wie das Atelier Côte Rhone, zogen sich in sich selbst und ihre französische Eleganz zurück, hängten das Schild „complet“ an die Tür, weil man unter sich bleiben wollte, uns ließ man freundlich herein, „complet“ hieße doch lediglich, dass das „boeuf“ ausgegangen wäre, das lebensnotwendige Rindfleisch. Ein Augenzwinkern, das viel besagt, auch dass wir ihnen näher sind als die eigenen Landsleute, die in Paris der Marianne das Gesicht eingeschlagen haben.
Bis weit nach Mitternacht ist es in Lyon eng wie im Barrio Alto Lissabons in einer Sommernacht. Wie anders als in München, wo nicht die ganze Stadt an der Feier des Bieres teilnimmt, dort gibt es nur das Hin zur Wiesn, dann das deprimierte und betrunken Zurück. Das war`s, Mission completed. Dagegen in Lyon, hier geht man schließlich nach einem langen Abend auseinander, die Frauen und Mädchen mit einem Lichterkranz auf dem Kopf, friedlich und fröhlich, Arm in Arm oder Hand in Hand, mit Kind und Kegel, ohne Angst, obwohl mittags noch die Gelbwesten zentrale Plätze besetzten und Plünderer marodierten.
Die Besuchersteuerung mit Barrieren und Pink-Westen war nicht immer verständlich, wurde aber klaglos akzeptiert. Die Frage, was im Falle eines Chaos‘ passiert wäre, hat sich vermutlich niemand gestellt. Die Express-Verbindung vom und zum Flughafen, die Bahn, die man betreten durfte, wenn man Glück hatte und die Schlange es zuließ, lieferte einen Vorgeschmack.
Steven Pinker meint, die Aufklärung bringe das Licht, Alain Finkielkraut, der französische Philosoph, widerspricht ihm und dem technische Ansatz, den er ihm unterstellt. Der Mensch in seinem Elend sehe die Errungenschaften der Wissenschaft nicht. Die Debatte ist abstrakt und philosophisch, die Gilets jaunes stehen für die Menschen in der Misere. Aber auch für sie müsste es um die Poesie, die Schönheit, den Frieden und das Licht gehen, die vier Tage lang in Lyon triumphierten und uns die Botschaft mit auf die Rückfahrt gaben: Kein Ziel, aucune argument, rechtfertigt die Aufgabe der Zivilisation und den Tausch der Demokratie gegen das Chaos.
Am Montag mussten sich fünf Plünderer vor dem Richter in Lyon verantworten. Und wir waren froh, dass die gelben Westen, die wir nach der Rückkehr in der Münchner S-Bahn sahen, Angehörige des Sicherheitsdienstes schmückten.

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