Briefe schreiben – eine vergessene Kunst?

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Christine Kammerer
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Auf meinem Dachboden lagert ein Schatz. In einem angestaubten, großen Umzugs-Karton. Meine Freunde weigern sich inzwischen, die schon ziemlich mitgenommene Kiste in die nächste Wohnung zu tragen, denn sie enthält nur Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Sie finden mich wahlweise sentimental, hoffnungslos altmodisch oder beides. Dann trage ich sie eben selbst. Oder soll ich etwa die Geschichte(n) meines Lebens entsorgen?

Banalität und Drama

Manche Briefe erzählen von sehr banalen Dingen, manche von großen Gefühlen. Oder zumindest von dem, was ich damals für große Gefühle gehalten habe. Von Romantik und Sehnsucht, Schmerz und Abschied. Auch ohne einen Blick in die Kiste zu werfen erinnere ich mich an einige ganz besondere Briefe. Zum Beispiel an die eines (männlichen) Absenders, der seine Briefe mit vielen Schnörkeln und bunten Aufklebern verschönerte und sie dann auch noch duftig machte. Briefe wie aus dem Poesie-Album, die ich damals schrecklich kitschig fand. Oder den eines Brieffreunds aus der DDR, der mir von einem Schulfreund vermittelt wurde. Er schrieb: „Mir geht es gut. Wie geht es dir? Kannst du mir bitte eine Jeans Größe soundso schicken..."

Noch bis vor kurzem war es geradezu selbstverständlich, sich in ausführlichen Briefen gegenseitig aus dem Leben zu erzählen oder einfach seinen Gedanken und Stimmungen nachzuhängen. Ja, es gehörte regelrecht zum guten Ton, sich handschriftlich nach dem Befinden einiger wichtiger Mitmenschen zu erkundigen und ihnen zu bestimmten Anlässen einen verbindlichen papierenen Gruß zukommen zu lassen.

Sie haben Post!

Auch ich war lange leidenschaftliche Briefeschreiberin. Bis schließlich irgendwann die Antworten allmählich ausblieben. Und der Briefwechsel lebt nun einmal vom gegenseitigen Austausch und nicht vom einseitigen Monologisieren. Selbst die obligatorischen Weihnachts- und Urlaubsgrüße mit jenen einfallslosen Standard-Texten, die man je nach Absender schon auswendig mitsprechen konnte, werden immer weniger.

Dafür landen immer mehr von Smileys wimmelnde und spektakulär animierte E-Postkarten in meinem E-Mail-Postfach. Die Sorte E-Mails, die schon mal gerne aus Versehen im Spam-Ordner landen. Wie eben all jene Nachrichten, deren Urheber uns persönlich vollkommen unbekannt sind, die wir auch nie kennen lernen möchten, die sich aber selbst und vor allem ihre unsäglich nichtssagenden Botschaft für derart wichtig halten, dass sie alle Welt damit beglücken. Und aus meinem Blech-Postkasten quellen Werbeprospekte, Wurfsendungen und Rechnungen. Dabei liebt es doch jeder, ganz persönliche Post zu bekommen.

Ein Loblied auf die Schreibkultur

In einem Brief steckt so viel schöpferische Muße und Liebe zum Detail. Ein Brief ist eine Investition in die Verbindlichkeit. Der Verfasser wählt die Worte mit Bedacht. Er gibt sich Mühe. Im Inhalt und im Stil der Formulierung. Das von der Hand geschriebene Schriftstück ist ein Spiegel der Persönlichkeit des Schreibers. Die Zeilen sind mit Tinte und mit Herzblut aufs Papier gebracht. Er nimmt sich Zeit, an den anderen zu denken und seine Botschaften liebevoll auszuformulieren. Er kritzelt vielleicht manchmal zwischen die Zeilen oder an den Rand. Bringt nachträglich kleine Korrekturen unter, fügt hier und da noch eine Anmerkung oder eine erläuternde Skizze an. Was auch immer ihm später spontan noch in den Sinn kommt. Er lässt den Brief vielleicht über Nacht liegen. Liest ihn am nächsten Tag noch einmal, damit er nicht aus einem sehr emotionalen Augenblick heraus zu dramatisch gerät. Wählt eine originelle Briefmarke – auch die natürlich absichtsvoll. Weil diese noch eine besondere Botschaft für den anderen beinhaltet. Und läuft zum Briefkasten. Genießt währenddessen schon die Vorfreude auf die Freude des Empfängers. All das macht Briefe einzigartig. Es ist noch immer die persönlichste Art, sich jemand mitzuteilen.

Manche Dinge sind immer en Vogue

Für den Empfänger ist der Brief ein sinnliches Erlebnis. Seine Augen saugen begierig den Text auf, er hält ein persönliches Schriftstück in Händen, sein Geist beginnt zu wandern. Er liest es, legt es weg und nimmt es wieder in die Hand. Um den Brief dann schließlich in einer besonderen Kiste aufzubewahren. Ein Brief ist nicht flüchtig und vergänglich wie eine schnell dahin gehuschelte E-Mail. Kann es altmodisch sein, Gefühle und Gedanken aufs Papier zu bringen? Nein. Denn das Verfassen eines Briefes ist ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber dem anderen und Wertschätzung kommt nie aus der Mode.

Bild: Wikimedia Commons

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10 Kommentare

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Habe auch ,als ich noch jung war,sehr gerne Briefe geschrieben und solche die ich bekam,habe ich öfter gelesen.Im letzten Jahr habe ich mein ganzes Leben aufgeschrieben,da ich noch ein Kriegskind bin und garkeine schöne Kindheit hatte,hatte ich sehr viel zu erzählen.Davon bekommen meine Kinder mal,jeder ein Exemplar,damit sie einmal wissen,was die Mama alles erlebt hat und nicht so behütet aufgewachsen ist, wie sie selbst.Ich könnte Jedem empfehlen,dieses zu tun.
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Ich schreibe meinen Kindern immer selbstgedichtete Geburtstagsgedichte,meine Kinder heben jede Karte auf.Sie sagen immer,ich soll mal ein Buch,nur mit Gedichten schreiben,aber das trau ich mich doch nicht.Für die Familie sind das aber schöne Erinnerungen,wenn ich mal nicht mehr da bin.
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Ich schreibe gerne, täglich, alles was so geschieht, manches ist so lustig oder abstrakt, dann kommt es in ein Büchlein - mit den passenden Zeichnungen.
das wäre dann noch einen Beitrag wert - das Tagebuch! Ich glaube, das werde ich mir demnächst mal als Thema vornehmen!
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Im wirklichen Leben kann ich mir die Zusammensetzung der Gruppen meist aussuchen und entsprechend steuern. Ich sehe auch die Reaktionen und sei es durch die Körpersprache. In den Netzwerken im Internet sehe ich nur die "verbalen" Reaktionen und damit fehlt ein wesentliches Merkmal: Ich weiß nie, ob das Thema nur nicht interessant genug ist, wenn keine Antwort erfolgt, oder ob nur keiner etwas dazu zu sagen hat.
Und wenn Du nie (oder doch nur selten) eine Antwort erhältst, verlierst Du auch die Lust.
Als Schriftsteller magst Du es an den Verkaufszahlen Deiner Bücher feststellen; hier hast Du nur die Reaktionen.
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Briefe zu schreiben scheint wirklich eine aussterbende Kunst zu sein, abgelöst durch die flüchtigen Bestandteile die sich auf Festplatten und USB-Sticks wiederfinden lassen; vorausgesetzt, die haben nicht bereits den Geist aufgegeben und ihren Inhalt im Datenhimmel beerdigt.

Und jetzt befürchte ich, dass auch die Flüchtigkeit in den sozialen Netzwerken zunimmt. Immer häufiger macht sich eine gewisse Müdigkeit breit, sich aufzuraffen und Beiträge zu kommentieren oder gar vernünftig zu diskutieren (Trolle bleiben mal außen vor). Man hat etwas kommentiert und das war's dann aber auch: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!

Schade eigentlich... (aber jeder mag nur noch sich selber reden hören)
Ich sehe das eigentlich trotzdem immer noch recht positiv - man kann dem Gegenüber zumindest ziemlich unmittelbar seine Meinung mitteilen, immerhin - im Gegensatz zu Printmedien. Für mich ist das bereichernd, denn das Dasein als Schreiberling ist ja mitunter eine recht einsame, einseitige Angelegenheit- wenn man zu denen gehört, die sich nicht nur selbst gerne reden hören - mir ist das Feedback wichtig. Und diskutieren bringt ja oft auch im "wirklichen Leben" nicht so viel...
Der gute Wille ist ja da - in der Regel zumindest am Anfang - und ich sehe es auch positiv. Trotzdem stelle ich fest, dass in den Foren, sozialen Netzwerken, Gruppen usw. die meisten nur Zuschauer sind und die wenigen Aktiven irgendwann die Lust verlieren.
Wenn ich mich hier umsehe, kann ich den gleichen Trend feststellen.
Das ist doch aber in allen Gruppen so - auch im "wirklichen Leben", Themen haben ein Verfallsdatum, man wendet sich wieder Neuem zu, konzentriert sich auf die Menschen, die einem am meisten zusagen, wir sind ja alle ohnehin überlastet mit Information, aber hier hat man viel mehr Möglichkeiten, es selbst wenigstens ein Stück weit zu steuern.
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Sehr schön formuliert. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal was Handschriftliches verfasst habe. Mit einer Klaue wie der meinen, sind die elektronischen Helferlein wohl ein Segen für den Empfänger. Auch wenn es freilich schade ist ...
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