Justitia

Was ist schon gerecht? Anspruch und Wirklichkeit der Selbstgerechten

Christine Kammerer
Aktualisiert:

Hand aufs Herz: Wie oft im Leben sind wir über alle Zweifel erhaben? Auch wenn uns selbst ein gutes Bauchgefühl leitet - können wir je wirklich wissen, was für andere gut und richtig ist? Dürfen wir darüber befinden und über die Köpfe anderer hinweg entscheiden? Sie bevormunden, ihnen sagen, wo es lang geht?

Die kleinen Diktatoren in den Internet-Foren

Dennoch haben einige - so scheint es zumindest - die Weisheit mit Löffeln gefressen. Sie nehmen sich das Recht heraus, ihre Standpunkte über die der anderen zu stellen. Ein Phänomen, auf das man sehr häufig im Internet trifft - auch hier auf Seniorbook. Was steckt dahinter?

Wenn sich das subjektive Empfinden für Gerechtigkeit verselbständigt hat das meist mit übertriebener Selbstbezogenheit zu tun. Der Selbstgerechte macht sein eigenes Gefühl zum Maßstab aller Dinge. Er hat nicht die Fähigkeit, die Dinge aus der Sicht anderer zu betrachten. Er kann seinen eigenen Standpunkt nicht relativieren, sondern setzt ihn absolut. Er erhebt sich über andere und sonnt sich im trügerischen Gefühl, mehr Autorität zu besitzen als diese. Er glaubt, den anderen intellektuell und vor allem moralisch überlegen zu sein.

Recht und Selbstgerechtigkeit

Der Selbstgerechte will sich nicht hinterfragen lassen und entzieht sich jeder Kritik. Wird er angefeindet, so fordert er Respekt ein - den er selbst seiner Umwelt allerdings hartnäckig verweigert. Er ist rechtschaffen, er steht über dem Recht. Das der anderen tritt er dagegen gerne mit Füßen. Er allein weiß, was richtig oder falsch - ja, viel schlimmer noch: was gut und was böse ist. Nur er allein darf (ver)urteilen und richten.

Erleuchtet oder verblendet?

Der Selbstgerechte will Macht über andere gewinnen und verdeckt sein eigentliches Ansinnen oft nur dürftig mit dem Mäntelchen des Altruismus. Er zitiert gerne namhafte Autoritäten, beruft sich auf das "richtige" und "wahre" Empfinden oder - wie viele Esoteriker - auf angeblich uraltes Erfahrungswissen.

Doch letztendlich verstecken sich dahinter häufig nur unhaltbare Ideologien oder reine Glaubensfragen. Denn auch der Selbstgerechte kennt die "absolute Wahrheit" oder gar die Antworten auf die letzten Fragen ebenso wenig, wie ein Mensch sie eben kennen kann...

Ergänzung am 12.01.2015:
SB-Mitglied Jürgen Fritz hat hierzu noch einen sehr lesens- und bemerkenswerten Beitrag verfasst - philosophisch fundiert und mehr in die Tiefe gehend, als ich es für gewöhnlich in meinen Beiträgen hier vermag: Warum der Selbstgerechte ein Gefangener seiner selbst ist

11 Kommentare

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Mich hat dieser Artikel sehr beindruckt! So reflektiert er doch präzise das aktuelle Geschehen hier in Seniorbook.
Natürlich ist der Mensch geneigt,[k] seine[/k] Denkweise primär im Vordergrund zu sehen. Bis zu einem gewissen Grad ist dies legitim; schließlich sollte man sich seine Authentizität bewahren.
Selbstreflexionen sind unerlässlich für unsere Persönlichkeit, unseres 'Seins' und 'Werdens'. Nur wenn wir uns selbst hinterfragen, können wir reifen und zu einer inneren Stärke, einer Grundstruktur des Verstehen -wollens, gelangen. Nun gibt es Menschen, deren Eigenwahrnehmung nur sekundär vorhanden, sie sind derart gefangen in ihren teilweise manifestierten Denkstrukturen, ihrer schon narrzistisch anmutenden Meinungsbildung., die sie anderen aufoktroyieren wollen. In kontroversen Diskussionen wird somit nach gewissen Schemata agiert:
Der Versuch einer sachlichen Argumentation ist gegeben, ist dieser nicht von Erfolg gekrönt, wandelt sich sofort die angestrebte Diskussionskultur in eine im untersten Niveau befindliche.Die Facetten gehen von subtilen bis offensichtlichen Drohungen bis zum Abdriften in Fäkalsprache, Degradierungen des Konversations'gegners'. Nun erreicht dieser 'Gegner' den Status eines Feindbildes, den es zu besiegen gilt, egal wie.
Solche selbstgerechten Persönlichkeiten haben natürlich in der virtuellen Anonymität eine wunderbare Plattform. Hinzukommend scharen sie zumeist noch weitere Sympathisanten um sich, um effizienter angreifen zu können. Ein weiteres Phänomen beinhaltet, dass natürlich bei der Meinungsdurchsetzung oftmals ( wie im Artikel beschrieben) alles ' unter dem Deckmäntelchen des Altruismus geschehen soll. Insofern erfolgt eine indirekte Beeinflussung der 'Freunde', sollten Zweifel an der Verhaltensweise auftreten, vielleicht sogar Gewissensbisse, mit ebensolchen Methoden agiert zu haben. Aber dann hat der Selbstgerechte eine, 'seine allgemeingültige', sich und die anderen beruhigende Erklärung: 'Schaut her, wir machen alles richtig (s.Altruismus), der/ die/ anderen sind die Bösen; folgt mir und ihr gehört auch zu jenen, mit der absoluten, 'richtigen' Meinung!
Bleiben wir bei Deinen Termini des Krieges um viele Diskussionen hier zu beschreiben.
Wenn eine hochmoderne Fernlenkwaffe, in einer präzisen Operation, ein Krankenhaus (wie z.B. in Bagdad) zerstört, hinterlässt es in uns ein anderes Gefühl als wenn wir hören das Terroristen mit Molotov-Cocktails die Patienten eines Krankenhauses verbrannt haben. Warum?
Irgendwie scheinen die meisten Menschen das Gefühl zu haben, das Eine sei „sauber“ und das Andere „schmutzig“. Sicher eine unbewusste Reaktion.
Wenn ich jemanden mit rhetorischen Tricks, mit subtiler Hinterhältigkeit in eine Falle locke. Wenn ich unangenehmen Fragen ausweichen kann, in dem ich geschickt das Thema wechsele. Wenn ich Angriffe auf Andere immer so verpacke, das sie ja nicht wörtlich so dastehen, ich also meine abwertende Botschaft klug zwischen den Zeilen verstecken kann, dann mache ich auf menschlicher Ebene auch nichts anderes als wenn ich gleich schreibe „Du blöde Sau“.
Die „blöde Sau“ ist rhetorisch natürlich sehr ungeschickt. Denn jetzt kann der Andere in eine große Entrüstung ausbrechen. Vermittele ich die gleiche Information mit den oben beschriebenen Tricks, fehlen dem Anderen in der Regel die Worte um sich gegen so einen Angriff zu verteidigen.
Dieses Spiel kann man hier täglich verfolgen. Aber wer ist jetzt der Gute und wer der Böse in so einer Diskussion?
Der Mensch ist nicht nur geneigt (wie Du schreibst), seine Denkweise im Vordergrund zu sehen. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, er hat nämlich nur diese Eine. Jeder!
Und natürlich kann niemand herumlaufen und glauben seine Denkweise wäre falsch. Dann wäre er wirklich ein pathologischer Fall. Also wird er sich das auch von niemand einreden lassen.
In Diskussionen verteidigt jeder seine Denkweise. Und jeder tut das mit den Waffen die ihm zur Verfügung stehen. Wenn ich diese Waffen in „saubere“ und „schmutzige“ einteile, dann ist es eben auch wieder nur eine Verteidigung meiner Denkweise.
Monika,deine Einlassungen überzeugen mich!Ich kenne das zur Genüge,dass Menschen im Freundes und Bekanntenkreis,die man schon lange kennt,eigentlich immer wieder dasselbe sagen zu bestimmten Themen,kennt man einmal deren Argumentationskette,dann weiss man auf Ewigkeit Bescheid,wie sie denken!
Michael,natürlich erkenne ich an,dass jemand eine eigene Meinung hat und die auch dezidiert vertritt,aber was
ich bei vielen Gesprächs- und Diskussionspartner vermisse,ist die Offenheit für neue Argumente und Sichtweisen,viele suchen in der Diskussion nur eine
Bestätigung für die eigene Anschauung,sie führen keinen echten Dialog mit dem Anderen,sondern eher einen verkappten Monolog,wo der Andere nur zustimmen kann und darf,ansonsten wird er mit unfältigen Bemerkungen
und persönlichen Angriffen niedergemacht,wenn er
zu widersprechen versucht!Ideologen und Heilsverkünder sind mir deshalb zuwider,ich mag Menschen,die an einem
echten,fairen Dialog interssiert sind auch die es beglückend empfinden,wenn sie durch Argumente und
Meinungsäusserungen des Anderen überzeugt wurden und in der Sache weitergekommen sind!
Leider sind auch hier bei MS die Menschen rar gesät,die
für offene Dialoge sind und Meinungen von anderen
respektieren,auch wenn sie nicht mit der eigenen Meinung übereinstimmen!
Hallo lieber Dieter,
ja, das ist richtig was Du schreibst.
Wir sind hier aber im Forum für Philosophie und darum darf man diese Probleme schon tiefer packen.
Ich gehe völlig konform mit deinen Ausführungen, Dieter!
Monika,das freut mich!Michael,dass darf man nicht nur,das sollte man auch!Da bin ich ganz bei Dir!
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Besonders perfide ist es, wenn solche Menschen ihre Eloquenz einsetzen, um anderen auf die ganz feine Art richtig fertig zu machen. Und im Internet, kann man jemanden besonders treffen, indem nämlich der Autor eines Artikels missliebige Kommentare löscht.
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Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn ich selbst oder - schlimmer noch - jemand anderer meine geäußerten Gedanken auch nur ansatzweise in Frage stellen würde.

Nein, das wäre weder vorstellbar noch auszuhalten ...
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Wir können keine endgültige Gewissheit über Richtig und Falsch, oder Gut und Böse haben. Nirgends. Wir brauchen aber ein „Selbstbild“, eine Definition von uns selbst, denn nur diese Definition schafft unser Ego.
Nur mit diesem Ego können wir uns abgrenzen, können wir uns als etwas Eigenständiges wahrnehmen.
Also suchen wir uns Werte, definieren uns was gut oder böse ist (bzw. lassen es uns vermitteln). Damit wir sagen können: „Das bin ich“. Und natürlich sind diese Werte „richtig“, denn wer wollte falsch sein, oder gar böse.
Wenn dann jemand kommt und sagt: „Deine Definitionen sind falsch“, dann stellt er mein Ego, meine Existenzberechtigung in Frage. Dagegen wehre ich mich, verständlicher Weise.
Niemand ist davon frei! Egal für wie tolerant er sich hält, egal wie sehr er bereit ist auf andere einzugehen. Selbst wenn wir es ganz genau reflektieren, wann dieser Verteidigungsmechanismus einsetzt, er tut es trotzdem.
Diskussionen sind ein Spiel der Abgrenzung voneinander. Einer Abgrenzung die wir brauchen für unser Gefühl der eigenständigen Existenz. Darum werden wir in Diskussionen nur das annehmen, was diese unsre Eigenständigkeit nicht gefährdet. Und darum verändern Diskussion die Menschen in der Regel nicht. Auch wenn wir den Anderen noch gerne ändern wollen (zur Bestätigung unseres eigenen „Richtig-seins“).
Wer seine Selbstdefinition aufgegeben hat (wenn das überhaupt vollständig möglich ist) der kann auch kein Richtig und Falsch, kein Gut und Böse unterscheiden. Und so würde er auch gar nicht mehr diskutieren können.
Selbstgerechtigkeit ist also etwas, dass wir brauchen. Es ist nicht verkehrt. Wenn allerdings Menschen in ihrer Selbstdefinition nicht sicher sind, dann werden sie zu unerbittlichen Kämpfern in jeder Diskussion, mit all den unangenehmen Erscheinungen.
WOW! Bin schon wieder schwer beeindruckt, was mir hier noch einmal an ausgereiften und wirklich nachdenkenswerten Gedanken begegnet!
Liebe Clauda,das finde ich etwas zu pessimistisch gedacht!Wenn Diskussionen andere überhaupt nicht verändern und nur ein reiner Gedankenaustausch sein soll,wenn das wirklich so wäre,dass würde mir echt traurig ums Herz!Ich lasse mich gerne von anderen "berühren" und auch beeinflussen,sie bereichern mich,weil ich dort vielleicht Dinge und Ansichten erfahre,die ich so nicht kannteGerade
Senioren haben doch oft einen Erfahrungsschatz,wo andere sehr wohl von profitieren können!
Fazit:Ich denke deshalb schon,dass es Sinn macht,andre von der eigenen Meinung zu überzeugen!
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