Wintertango

Mein Wort zum Sonntag: Tango macht süchtig

News Team
Aktualisiert:
Von News Team

Als langjähriger und ganz bestimmt inzwischen süchtiger Tangotänzer gebe ich hier einen Einblick in diesen ebenso gefährlichen wie erhebenden Tanz.
Tangotanzen ist eine Sucht, oder kann zumindest zu einer werden. Nicht unbedingt zu einer mit körperlichen Entzugserscheinungen wie der Genuss einer schweren Droge wie beispielsweise Nikotin. Aber eine "Verhaltensabhängigkeit" kann entstehen, ähnlich der Spielsucht oder der Internetsucht, eine schwere psychische Erkrankung in China, der man in Umerziehungslagern Herr zu werden versucht.
Jedenfalls stellten die Forscher Remi Targhetta, Bertrand Nalpas und Pascal Perney vom "Service d'Addictologie" in Nimes (Frankreich) selbiges im "Journal of Behavioral Addictions" (June 2013) fest. Entzugserscheinungen beim Nichtgenuss von Tango sind unter anderem: Traurigkeit, sich unbehaglich fühlen, Kribbeln in den Beinen.

Tango ist Therapie

Der unbedarfte Leser könnte gleich zu Beginn einwenden: Wenn's nicht mehr ist! Schließlich dient Tango als Therapie bei Parkinson, Depression, Nachwirkungen eines Hirnschlags, da können solche Kinkerlitzchen ja wohl erträglich bleiben. Zumal Tangotanzen die Fähigkeit erhöht, sein Gleichgewicht zu halten, was die Gefahr des Stolperns im Alter erheblich mildert - und Stolpern ist eine der häufigsten Todesursachen! Denn von einem Oberschenkelbruch erholen sich die wenigsten Senioren.
Aber es geht noch weiter: In dem Fragebogen, der den an der Untersuchung Beteiligten zugeteilt wurde, stehen unter anderem solche Aussagen zur Bewertung: "Ich möchte mehr tanzen", "Mein Selbstbewusstsein ist gestiegen", "Das Tanzen bringt mir Vorteile in meinem Leben". Sieht so eine Sucht aus? Oder wurden die Autoren von den Verfassern des amerikanischen "Handbuchs psychiatrischer Erkrankungen" engagiert, eine neue Krankheit zu erfinden? Beispiel: Die Autoren stellen fest: "75% der Tangosüchtigen verbringen drei oder mehr Stunden auf einer Tango-Tanzveranstaltung (Milonga)." Drei Stunden? Das ist die normale Dauer, wobei innerhalb dieser Zeit keineswegs dauernd getanzt wird.

Tangotänzer sind immun gegenüber Drogen

Immerhin kommen die Verfasser der Studie zu der Erkenntnis: Bei allen Tangotänzern war der Genuss (oder Gebrauch) von Alkohol, Tabak, Haschisch oder von Psychostimulantien (Kaffee?) geringer als in der Durchschnittsbevölkerung. Daraus kann man schließen, dass TangotänzerInnen andere Genussmittel nicht brauchen; oder dass sie infolge eines vernünftigen Lebensstils immun sind gegenüber abhängig machenden Genussmitteln.
Die Autoren meinen: Tangotanzen erfüllt einige Kriterien einer Sucht, wie z.B. eine gewisse Spannung, ein erhebendes Gefühl, ein Verlangen nach der Betätigung. Ja, Mann, wozu geh ich denn sonst zu einer Milonga! Natürlich bin ich gespannt, von wem ich diesmal einen Korb kriege; erhoben, wenn ich meine Traumpartnerin erwische; und ich spüre ein Verlangen, für meinen Eintritt auch tanzen zu dürfen!
So bleibt auch den gestrengen Herren Wissenschaftlern am Ende nur das Fazit: Die positiven Effekte der "Tangosucht" übertreffen bei weitem die negativen. Also weiter auf's Parkett!

Tango ist Poesie

Und dennoch: Der Tango ist eine echte Sucht mit allen Wohltaten und Übeln einer Sucht. Da gibt es Abende, wo keine mit dir tanzen will, und die paar Damen, die sich doch dazu hergeben, können nichts, laufen davon, grüßen während des Tanzens ihre Bekannten oder sagen, sie hätten schon bessere Partner gehabt. Und alle Männer tanzen besser als du, das ist klar zu sehen.
Am nächsten Abend geschieht dann das genaue Gegenteil. Die Stimmung ist aus irgendeinem Grund anders, und schon die zweite Dame findet einen Schritt toll, den du machst. Sie möchte ihn lernen, ihr übt, erst verwickeln sich die Beine ineinander, dann die Körper. Irgendwie kommt ihr wieder auseinander, und da merkt ihr, wie die Musik von Astor Piazzolla den Saal mit wunderbar melancholischen Klängen übergießt. Der Zauber, den nur der Tango kennt, beginnt zu wirken, die roten und blauen Lichter verschmelzen mit den Klängen des Bandoneons, der Rhythmus fließt wie von selbst in die Beine, die Stimmung der Verlorenheit berührt die Seelen. Vergessen sind Schritte und Figuren, Mühen und Plagen. Zwei Körper gestalten gemeinsam ein Kunstwerk, zwei Seelen verschmelzen wortlos mit der Musik, zwei Herzen pulsieren synchron, und die Umwelt existiert nicht mehr ...
Am nächsten Abend siehst du sie wieder, die Dame, mit der du einen so wundervollen Tango-Abend erlebt hast, und möchtest mit ihr tanzen, ein wenig von dem Zauber des gestrigen Abends entzünden. Doch sie liegt, glückselig lächelnd, in den Armen ihres Liebsten und sieht dich nicht ... Das ist Tango!

Dieses Video könnte Sie auch interessieren:

9 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
MORGENS FANGO,
ABENDS TANGO!
So hieß es früher mal in den Kurorten. Allerdings war damit nicht direkt der Tango Argentino, sondern der Europäische Tango gemeint.
Aber inzwischen gibt es ja auch in vielen Kurorten aufgrund steigender Kosten und Auflagen sowie GEMA-Gebühren und schrumpfendem Publikum keine Tanzveranstaltungen mehr.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Wer Tangoveranstaltungen sucht, findet jede Menge unter
www.tangodanza.de
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Hier finden Tangointeressierte jede Menge Tangofiguren, kostenlose Videos:
http://tangofuego.de/service/klaudenschritt.html
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Inzwischen gibt es auch eine sb-Gruppe 'Tanzen', vielleicht sollten Sie Ihren Beitrag auch dort präsentieren.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Hugo Diasz ist in Argentinien neben den Tangokomponisten wie Francisco Canaro, Rosita Melo ein großer Star, weil er den Tango sehr gefühlvoll interpretieren kann, hier eine Hommage:

http://www.tango-gotan.de/hugudiaz.php
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
ich liebe es schon immer zu tanzen , man vergisst alles um sich rum auch Schmerzen
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Also, bis jetzt wusste ich nicht was Tango ist
Es war bisher nur ein Tanz
Danke für diese schöne Erklärung
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren