Können Nachrichtendienste "Alexa" als Abhörvorrichtung nutzen? Bundesregierung verweigert Auskunft

Lauschangriff daheim? Wer nutzt Amazon "Echo" noch?
Lauschangriff daheim? Wer nutzt Amazon "Echo" noch?Foto-Quelle: Pixabay
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Wer einen smarten Echo-Lautsprecher von Amazon im Wohnzimmer hat, wird möglicherweise belauscht. Denn der Onlineversandhändler beschäftigt Tausende Mitarbeiter in aller Welt, die sich jeden Tag aufgezeichnete Sprachbefehle anhören und das Gehörte transkribieren, also aufschreiben. Doch hören auch Nachrichtendienste heimlich mit?

Weil sie das Staatswohl gefährdet sieht, verweigert die Bundesregierung die Mitteilung, ob deutsche Nachrichtendienste Amazons digitalen Sprachassistenten "Alexa" und die dazugehörigen Geräte als Abhörvorrichtung benutzen können, berichtet das ARD-Politikmagazin "Kontraste.

In einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Martina Renner hatte die Bundesregierung erklärt, die Information können auch nicht eingestuft, also als Verschlusssache, herausgegeben werden, denn sollten sie bekannt werden, würden die Dienste diese Fähigkeit verlieren und es wäre dann ZITAT "kein Ersatz durch andere Instrumente möglich."

Lauschangriff daheim

Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhard Baum sagte "Kontraste" dazu: "Mit Alexa holen Sie sich den Lauschangriff sozusagen in die Wohnung. Das müssen die Leute sich mal vor Augen führen. Sie tauschen ihre Menschenwürde ein gegen ihre Bequemlichkeit."

Auch "Kontraste" hatte die Nachrichtendienste gefragt, ob sie in der Lage sind, Amazons "Echo" Lautsprecher zu infiltrieren und als Abhöreinrichtung zu nutzen. Der BND wollte sich nicht äußern und das Bundesamt für Verfassungsschutz verwies darauf, dass es laut Gesetz das Recht zur Wohnraumüberwachung habe.

Wollen Agenten mithören?

In einem unlängst öffentlich gewordenen Entwurf des Innenministeriums zur Reform des BND und Verfassungsschutz - Gesetzes sollen Hersteller wie Amazon verpflichtet werden, den Nachrichtendiensten automatisierte, technische Zugänge zu ihren Geräten einzurichten.

Thorsten Wetzling, Leiter der Abteilung "Digitale Grundrechte, Überwachung und Transparenz" der Denkfabrik Stiftung Neue Verantwortung:

"Wenn das Gesetz kommt, dann kann das heißen, dass man das Mikrofon oder die Kamera eines jeden dem Internet verbundenen Geräts so manipuliert, dass man die Aufnahmen mithören und mitschneiden kann. Das könnten dann Bundesnachrichtendienst, Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst machen."

Zusammenhang mit Münchner Amoklauf

"Kontraste" konnte außerdem zeigen, dass deutsche Strafverfolgungsbehörden erstmals versucht haben, an Tonaufnahmen von Amazons Sprachassistenten "Alexa" zu gelangen. Betroffen war Alexander U., über dessen Forum im sogenannten Darknet Waffen verkauft wurden - unter anderem an David S., der damit im Juli 2016 in München neun Menschen und sich selbst erschoss.

Da Alexander U. in seiner Wohnung ein "Amazon Echo"-Gerät benutzt hatte, konnten die Ermittler einen Durchsuchungsbeschluss gegen Amazon erwirken. Der Beschluss wurde jedoch nicht vollstreckt. Alexander U. konnte auch ohne die Sprachdateien von Amazon zu sechs Jahren Haft verurteilt werden.

Amazon-Mitarbeiter hören auch bei privaten Gesprächen von Nutzern der Echo-Lautsprecher mit

Amazon rechtfertigt das Vorgehen mit einer stetigen Fortentwicklung des Produkts, von der Kunden profitierten: Auf diese Weise will Amazon die Spracherkennung seiner digitalen Assistentin Alexa verbessern, die in den Lautsprechern Befehle der Nutzer entgegennimmt, berichtet "Bloomberg".

Nutzer werden nicht informiert

Durch die Audio-Analyse solle Alexa stetig geschult werden in der Erkennung der menschlichen Sprache, um so immer besser auf Befehle reagieren zu können.

Was aber auch bedeutet: Die Mitarbeiter hören zwangsläufig nicht nur die Sprachbefehle, sondern auch private Gespräche mit. Darüber werden die Nutzer der Lautsprecher nicht informiert.
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Aus Amazons Nutzungsbedingungen gehe nicht eindeutig hervor, dass die Kommunikation mit Alexa nachträglich von Mitarbeitern angehört und schriftlich festgehalten werden kann, berichtet der "Spiegel".

Allerdings können Nutzer demnach in den Einstellungen der Verwendung ihrer Aufnahmen zur Weiterentwicklung des Dienstes widersprechen.

Im Video:

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Zwar seien die Amazon-Mitarbeiter angewiesen, nicht weiter zuzuhören, wenn sie Ohrenzeuge allzu privater Gespräche werden. Doch mitunter würden die Mitarbeiter auch Dinge mithören, die nicht für Dritte bestimmt seien, haben Amazon-Angestellte Bloomberg berichtet. In internen Mitarbeiter-Chats würden auch mal amüsante Aufnahmen ausgetauscht.

Identifizierung des Kunden angeblich nicht möglich

Amazon hat das Vorgehen bestätigt: "Wir versehen nur eine sehr geringe Auswahl an Alexa-Sprachaufnahmen mit Kommentaren, um das Kundenerlebnis zu verbessern. Beschäftigte haben keinen direkten Zugang zu Informationen, durch die eine Person oder ein Account bei diesem Verfahren identifiziert werden können", zitiert der Spiegel einen Sprecher.

Mitarbeiter hören pro Tag 1000 Aufnahmen

Allerdings berichtet Bloomberg, dass Mitarbeitern bei der Transkription eines Audio-Clips die Amazon-Kundennummer, den Vornamen und die Seriennummer des benutzten Geräts zugänglich gewesen seien. Das Unternehmen erklärte, alle Informationen würden vertraulich behandelt und verschlüsselt.

Die Amazon-Mitarbeiter sitzen etwa in Boston, Costa Rica, Indien oder Rumänien. Jeder von ihnen bearbeitet pro Tag etwa 1000 Audio-Aufnahmen, schreibt der Branchendienst.

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