Der Citroen Cactus will die Nachfolge der legendären "Ente" antreten
Der Citroen Cactus will die Nachfolge der legendären "Ente" antretenFoto-Quelle: MARK LLOYD

Citroen Cactus kann es clever: Luftpolster gegen Blechrempler

Wolfgang Stegers
Beitrag von Wolfgang Stegers

Ein Auto wehrt sich: Gegen die mehr oder weniger unvermeidlichen Parkbeulen setzt der Cactus von Citroen Airbags an der Karosserie ein. Mit pfiffigen Ideen knüpft der Wagen an den legendären 2CV an.

Der Citroen Cactus sagt: Back to the roots. Immer wieder mal beschwört der französische Automobilhersteller Citroen den Döschvo (deux chevaux), jenen ulkigen wie cleveren 2 CV, auch Ente genannt, ein Minimalisten-Auto, das pur ausgestattet, eine Philosophie des mobilen Lebens verkörperte. In der schaukelnden Ente war der Weg das Ziel und das Ankommen bedeutete Vergnügen. Einfach, praktisch und mit dem Flair des Understatements versehen, muss man sich heute wundern, dass diese Fahrzeuge nicht mehr zu finden sind.

Das Design von Knautschzone, Windschlüpfigkeit und Fußgängerschutz

Sicher, die Gesetzgebung verlangt heute Karossen, in denen Insassen bei einem Crash hohe Überlebenschancen besitzen. Das Design wird von Fußgängerschutz, Knautschzonen und Windschlüpfigkeit bestimmt. In Zeiten gesättigter Märkte versuchen die Hersteller mit immer neuen elektronischen Assistenzsystemen und opulentem Unterhaltungsprogramm ihre Fahrzeuge aufzuwerten und Begehrlichkeiten zu wecken.

Aber warum nicht ein Automobil auf das Notwendigste zu beschränken und gleichzeitig ein pfiffiges Fahrzeug zum attraktiven Preis auf die Räder zu stellen? In dieser Spur des legendären 2CV bewegt der Citroen Cactus. Er will fünf Personen samt Gepäck Platz bieten, es an Fahrzeugsicherheit nicht fehlen lassen und die Freude am Fahren befördern.

Krückstock-Schaltung und Rolldach

Natürlich neigt der Blick zurück zur romantisierenden Verklärung. Aber im Sommer das Rolldach des 2CV zu öffnen, die Seitenscheiben hochzuklappen und die vorderen Frischluftlappe so weit zu öffnen, dass die Straße durchs Fliegengitter zu sehen war, das hatte schon etwas. Und dann die Krückstockschaltung. Eigentlich eine normale H-Schaltung, aber nur in der Mitte platziert und um 90 Grad gedreht. Elend lange Schaltwege waren zu durcheilen, das Zweizylinder-Motörchen am Laufen zu halten und der durchgepresste Gasfuß drohte die Bodenplatte zu durchstoßen, um auch ja das letzte Quäntchen Kraft dem 29 PS-Motor zu entlocken.

Das Fahren erinnerte an das Kutschieren in einer Sänfte. Die Hände immer fest das Zweispeichen-Lenkrad umklammernd. Man saß wie in einem Liegestuhl, mit dünner Auflage und Metallfedern unter der Sitzfläche und im Rücken, die an Jugendherbergsbetten erinnerten. Das Fahren war mehr ein Schaukeln in der Krinoline oder Stampfen auf hoher See. In Kurven neigte sich der gesamte Aufbau bedrohlich und erzielte Schräglagen, von denen Motorradfahrer träumten.

Freies Campen für vier Sardinen

Auch technisch gesehen war der 2CV ein Unikum. Der Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor sorgte für ruhigen Lauf wegen seiner beiden gegenläufigen Kolben, Nach der Präsentation des ersten 2 CV schrieb die satirische Wochenzeitung Le Canard enchaine: „Eine Konservendose, Modell freies Campen für vier Sardinen.“ Das war 1948. Vierzig Jahre später wurde die Ente eingestellt und hat mit dem Prinzip: „Einfach und preiswert“ Automobil- wie Gesellschaftsgeschichte geschrieben.

Ente, Velo-Solex und Baguette

An möglichen Nachfolgern für den 2CV wie dem „Pluriel“ hat es nicht gemangelt. Aber sie erlangten nie den Ruf der Ente. Die Ente war so typisch französisch wie die Velo-Solex oder die Baguette. Diesen Sprit will der Cactus jetzt wiederbeleben. Der ehedem avantgardistische Hersteller mit dem verzahnten Kegelrad als Firmenlogo, darf sich seiner Tradition besinnen. Der Cactus basiert auf dem C4. Seine luftgefüllten, seitlichen Airbumps prädestinieren ihn zum Stadtauto. In kaum einer anderen Stadt der Welt wird der Kampf um Parklücken so heftig und nonchalant ausgefochten wie an der Seine. Warum auf eine Videokamera schauen oder auf Ultraschallsensoren hören, wenn doch der kleine Schupser signalisiert, dass der Platz „optimal“ genutzt wird? Die „Beulenpest“ ist ein typisches Merkmal Pariser Autos, Blessuren diverser Parkmanöver.

Beifahrer-Airbag aus dem Dachhimmel

Daher die nachgiebigen Kotflügel, die solche Berührungen klaglos wegstecken. Weitere Eigenheiten des Cactus: Der Airbag des Beifahrers ist im Dachhimmel integriert, um mehr Platz für Ablagen zu haben. Die vordere Sitzbank offeriert drei Plätze und das Wischwasser für Die Frontscheibe wird direkt aus den Scheibenwischern gespritzt. Das mag zwar den Wasserverbrauch reduzieren und Schlieren vermeiden helfen, aber zu schnellerem Einfrieren führen.

Zwar kann der Cactus beim Anschaffungspreis (unter 15.000 Euro) mit dem 2CV nicht mithalten, aber beim Verbrauch. Hier erzielt der Dreizylinder-Benziner mit 85 den vorgegebenen Wert seines Urahns. Hatte doch Citroën-Direktor Pierre-Jules Boulanger schon 1934 den Auftrag erteilt, Zitat Wikipedia: Ein Auto für zwei Bauern mit rohen Eiern an Bord „Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 km verbraucht. Außerdem soll es selbst schlechteste Wegstrecken bewältigen können und so einfach zu bedienen sein, dass selbst eine ungeübte Fahrerin problemlos mit ihm zurechtkommt. Es muss ausgesprochen gut gefedert sein, sodass ein Korb voll mit Eiern eine Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht. Und schließlich muss das neue Auto wesentlich billiger sein als unser ‚Traction Avant’ (in Deutschland Gangsterauto genannt). Auf das Aussehen des Wagens kommt es dabei überhaupt nicht an.“