Der Erfinder des Dreipunktsicherheitsgurts, der schwedische Flugzeugingenieu ...
Der Erfinder des Dreipunktsicherheitsgurts, der schwedische Flugzeugingenieur Nils Ivar BohlinFoto-Quelle: Volvo/seniorbook

40 Jahre Sicherheitsgurt: Für Sie Pflicht oder sind Sie eher ein Gurtmuffel?

Wolfgang Stegers
Beitrag von Wolfgang Stegers

Neulich im Flugzeug nach der Landung. Kaum hatte die Maschine mit Tempo 250 aufgesetzt und schon klickten schon die ersten Schlösser der Sicherheitsgurte aus. Dabei rollte die Maschine noch mit Tempo 60 auf dem Taxiway zur Andockstation. Im Auto schnalle ich mich doch auch nicht ab, wenn ich mit Stadttempo auf den Straßen kurve.

Als vor vierzig Jahren das Anlegen des Sicherheitsgurt zur Pflicht wurde, glaubten auch einige Fahrer, bei niedrigen Geschwindigkeiten würde der Gurt mehr schaden als nützen. Erst auf der Landstraße und Autobahnen entfalte er seine Wirkung. Aber, wer je auf einem kleinen Beschleunigungsschlitten der Verkehrswacht gesessen ist und einen simulierten Unfall mit Tempo 25 erlebt hat, erschrickt im Nachhinein noch über die Wucht des Aufpralls.

Das Zehnfache des eigenen Gewichts

Bei Tempo von 50 km/h erreichen alle nicht festen Massen im Fahrzeug rund Zehnfache ihres Gewichts. Das heißt, der Gurt muss bei einem 80 Kilo schweren Erwachsenen 800 Kilo auffangen. Eine physikalische Gesetzmäßigkeit, die erklärt, warum es lebensgefährlich ist, nicht angeschnallt zu sein. Das gilt insbesondere auch für Kinder oder Tiere.

Über 20.000 Unfalltote im Straßenverkehr

Dass Anschnallen wurde am 1. Januar 1976 zur Pflicht und war anfangs noch nicht mit einem Bußgeld bei Nichtbefolgung geahndet. Es hat sehr viel mit den über 20.000 Toten zu tun, die alljährlich zu beklagen waren. Wenn im letzten Jahr 3.290 Menschen starben, ist das immer noch zu viel, zeigt aber auf dem Hintergrund der neunmal höheren Fahrleistungen auf den Straßen, wie effizient der Gurt ist. Denn hauptsächlich ihm schreiben Fachleute den Erfolg zu. Zusammen mit ABS und ESP sowie dem untersteuernden Fahrverhalten der Autos (bei dem es sich in die Kurve hineindreht und nicht, wie beim Übersteuern das Heck ausbricht), ergänzen sich passive wie aktive Sicherheit.

Vom Fünfpunkt- zum praktikablen Dreipunktgurt

Der Gurt als Rückhaltesystem ist eine alte Erfindung aus den Frühzeiten der Schnauferl. Louis Renault wird er 1903 zugeschrieben. Denn dass Passagiere wirksam geschützt werden, wenn sie auf ihren Sitzen fixiert sind, weiß jeder, wenn er sich beim Bremsen über herumfliegende Teile ärgert. An fünf Punkten war das Gurtsystem verbunden und äußerst unpraktisch ebenso wie der Zweipunktgurt zu wenig Sicherheit bot. Erst der Dreipunktgurt, so wie er heute noch verwendet wird, bietet den besten Kompromiss.

Volvo als Vorreiter

Der schwedische Luftfahrtingenieur Nils Ivar Bohlin erfand ihn in den 1950er-Jahren. Befestigt wird er an zwei Punkten der B-Säule und an einem am Kardantunnel – heute direkt am Sitz. Zuerst war das Rückhaltesystem des schwedischen Herstellers im Volvo PV 544 und der „Amazon“ die ersten Autos weltweit mit diesem System auf den Markt.

Das Deutsche Patentamt kürte den Drei-Punkt-Gurt zu einer der acht Erfindungen, die der Menschheit in den vergangenen 100 Jahren den größten Nutzen gebracht haben und nach Schätzungen drei Millionen Menschenleben rettete.