Er war einmal ein wunderschönes Auto

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das war er einmal. Ein wunderschöner roter Peugeot. Jetzt hing er an dem Kran eines riesigen Containerfahrzeuges mit Knautschfunktion. Er schaukelte, er wehrte sich mit letzter Kraft dagegen doch die Kraft reichte auch dafür nicht mehr aus. Man hatte die beiden Vordertüren geöffnet, und da hinein griffen die zwei stählernen Greifarme des Krans und drückten erbarmungslos zu.
Was war passiert? Auf der letzten Fahrt verließen ihn die Kräfte. Alt war er schon, das stimmt. Außerdem hatte erst kürzlich der Hund den Innenraum gefetzt und Frauchen hat ihn mühsam geklebt. Damals dachte er schon, sie fahren ihn zum Schrottplatz.
Jetzt war Winter - kurz vor Weihnachten- und vor vier Wochen erst war er durch den TÜV gekommen. „Noch 2 Jahre malochen“ dachte das alte Auto. Kleine Stadtfahrten ja, aber diese weiten Strecken, bergauf bergab, an den schrecklichen LKWs mit Vollgas vorbei, das ist für unsereinen nichts mehr.
Es muss wohl die Lunge gewesen sein, denn auf der letzten Fahrt über 350 km ging ihm die Puste aus und sein („Herrchen“) Besitzer war sein Leiden leid und brachte ihn, so herzlos wie er war, noch nicht einmal in die (Klinik) Werkstadt. Man hätte ihn abschleppen müssen.
Das Auto denkt nach:„Mein Herr muss doch gemerkt haben dass mir die Fahrt wirklich schwer fiel, ich immer wieder an Tempo verlor, hin und wieder auf der Autobahn im Haltestreifen anhalten musste. Doch kaum hatte ich mich etwas erholt trat er erneut auf das Gaspedal. So lange dauerte diese Fahrt noch nie. In guten Zeiten schaffte ich diese Strecke locker in 2/12 Stunden, diesmal waren es 2 Stunden mehr. Ein Teil löste sich vor Anstrengung an meinem Bauch, ich schleifte es mit, stöhnte und schnaufe, machte Höllenlärm so gut ich konnte um auf meine Misere aufmerksam zu machen, doch mein Herr kannte zornig nur noch eines, das Gaspedal. Ich war froh als wir von der Autobahn runter fuhren, denn manchmal war es sehr gefährlich, zwischen zwei LKWs dahin zu zockel. Manchmal hupten sie, dann machte ich einen Satz, gab mein Letztes her, denn zwischen ihnen zerknautscht wollte ich nicht enden. Die Häuser kannte ich, es konnte nicht mehr weit sein. Halte durch, sagte ich mir, der Hund da hinten im Auto zittert genauso wie sein Herrchen am Steuer, halte durch!!!
Und ich schaffte es. Das Tor ging auf, ich schleifte mich mit letzter Kraft hinein, hustete und pustete, meine Lichter gingen (mir) aus, er zog den Schlüssel raus, Pause. Endlich Pause.
Mein Herrchen sprach seit dieser Zeit nicht mehr mit mir. Hin und wieder räumte er etwas raus. Es roch nicht mehr nach ihm. Die kalte Januarluft nahm alle Gerüche fort, mich fror. Die Garage war 10 Meter hinter mir, aber man ließ mich herzlos draußen stehen.
Weihnachten feierten die Menschen, das Fest der Liebe. Ich merkte nichts davon. Dann feierten sie Silvester, knallten und böllerten fast so laut wie ich auf meiner letzten Fahrt.
Danach setzte sich mein Herrchen noch einmal hinter das Lenkrad, ich freute mich. Denn im Winter so lange an einem Platz stehen tut mir nicht gut, das sollte er wissen wegen der Batterie…
Zum Glück hatte die Batterie nicht allzu sehr gelitten. Mit Getöse sprang ich an, zitterte am ganzen Körper, wartete auf meinen Einsatz. Doch das Hoftor blieb geschlossen. Einige Tage später fuhr mein Herrchen mit einem anderen Auto vom Hof.
Ich ahnte nichts Gutes. Sechs Wochen stand ich nun schon da, bis eines Morgens ein Mann im blauen Overall vor mir stand. Ich kannte diese Männer und dachte: es wird auch Zeit das sich mal jemand um mich kümmert. Die Frau, welche viel durch den Hof geht auch schon oft in mir gesessen hat, und der Mechaniker sprachen miteinander. Sie zeigte ihm meine Papiere, nickte, dann unterschrieben beide einen Zettel, ging der Mann wieder weg. Ich kannte das schon, abschleppen nennen die Menschen das.
Doch dann lärmte ein riesiges Auto auf der Straße. Ich dachte mir: Solch ein Aufhebens für mich? Der Mechaniker kam und schob!!! mich an den Straßenrand. Da sah ich das lärmende Ungeheuer riesengroß mit einem Kran oben dran. Das soll für mich sein? Denke ich entsetzt, da hinauf komm ich nie und nimmer mehr. Die Haare stellten sich mir zu Berge. Mich beherrscht nur ein Gedanke: Streiken. Einfach nur streiken, das kannst du doch, das hast du schon oft geübt. Wenn der im blauen Overall kommt, nicht den Motor anlassen. Doch er macht nur meine beiden Vordertüren auf, dann geht es wieder. Merkwürdig dieses Gehabe.
Der riesen LKW blinkte was das Zeug her gab, er versperrte rücksichtslos die gesamte schmale Einbahnstraße. Mütter, welch um diese Zeit in den Kindergarten gegenüber ihren Nachwuchs bringen fluchen ob dieser Unverschämtheit, zu dieser Tageszeit hier zu halten, Wie soll ich jetzt mit dem Auto bis vor die Tür vom Kindergarten fahren??
Schulkinder, welche in die Grundschule um die Ecke gehen, begrüßen das unerwartete Abenteuer. Ein junges Mädchen, welches mit der Tastatur ihres Handys intensiv beschäftigt ist, geht unbekümmert vorüber und hätte es wohl kaum bemerkt, wenn der Kran auch sie geschnappt hätte.
Der Mann im blauen Overall sitzt nun oben im Anhänger und hantiert an verschiedenen Hebeln. Der Kran schwenkt gefährlich über dem Bürgersteig, als das Mädchen daher kommt.
Das Fräuleinchen achtete nicht darauf, aber ich verfolgte jetzt jeden Handgriff. Mir kam das Alles nicht geheuer vor.
Kaum war die Kleine weg bohrten sich die Greifer in die geöffneten Vordertüren, drückten zu und zerrten mich zack zack quer auf die Straße. Das hätte ich mir früher mal erlauben sollen.
Entsetzen packte mich, er griff erneut zu, hob mich hoch und ich schwebte hoch oben in der Luft. Noch nie sah ich die Welt von oben. Mir wird schwindelig. Jetzt kann ich das schwarze Loch von dem Anhänger blicken.
Liegt da unten ein Mercedes? – Platt? –
Nun schwebe ich schaukelnd über einem kleinen Garten. Nun bin ich so hoch, dass ich richtig in diesen LKW hinschauen kann – mir wird schlecht…
Da unten liegt schon etwas Blaues und etwas Gelbes drin. Platt gemacht sind sie. Ich mache die Augen zu. Da wird er mich dazu legen. Platzsparend, platt gemacht. Dann sind wir schon zu dritt…

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