Dandera - Deutschlands günstigstes Auto mit moderner Technik
Dandera - Deutschlands günstigstes Auto mit moderner TechnikFoto-Quelle: Renault/seniorbook

Zehn Jahre Dacia: Vom Dracula-Auto zum Bestseller-Schnäppchen

Wolfgang Stegers
Beitrag von Wolfgang Stegers

Mit dem Logan fing es an. Mittlerweile ist der Duster das meist verkaufte Auto der französischen Billigmarke Dacia unter den Fittichen von Renault. Was macht die Wagen so begehrenswert und was steckt dahinter. Eine Spurensuche.

Mit dem Blick aufs Preisschild hat sich der Kauf eines Neuwagens für immer mehr Menschen erledigt. Das könnte sich bald ändern: Die rumänische Renault-Tochter Dacia kündigt mit dem »Logan« ein Auto an, das sich hinter Golf und Astra nicht verstecken muss – aber nur 5000 Euro kostet. Wie ist ein solcher Preis überhaupt möglich? Und was bekommt man für sein Geld? So begann die Geschichte des Dacia.

Im rumänischen Pitesti begann die Kulturrevolution


Die neue Kulturrevolution im Automobilbau fand in Pitesti statt. Die verschlafene Kleinstadt am Rande der Karpaten, 96 Kilometer westlich von der rumänischen Hauptstadt Bukarest und einen Tagesmarsch vom östlich gelegenen Transsylvanien entfernt, war vom französischen Renault-Konzern ausgesucht worden, um das Auto neu zu erfinden.

In den Montagehallen des franko-rumänischen Unternehmens Dacia (Hauptanteilseigner mit über 80 Prozent ist Renault) entsteht ein fünfsitziger PKW mit vier Türen, dessen oberstes Entwicklungsziel lautet: So vollwertig wie nötig – und so billig wie möglich, höchstens 5000 Euro. Sein Name: Logan. Sein Auftrag: die Eroberung der Weltmärkte. Seine Waffe: der Preis.

Gebrauchter Golf als Antwort von VW


Allein die Ankündigung des »Dracula-Mobils«, wie der damalige Renault-Vorstandsvorsitzender Louis Schweitzer den Wagen bei der Pariser Weltpremiere im Sommer 2004 scherzhaft titulierte, hat bei den westeuropäischen Firmenbossen der Branche ein mittleres Erdbeben ausgelöst. Der niedersächsische Volkswagen-Konzern, dessen millionenfach produzierter Käfer in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Symbol für die Motorisierung der Massen wurde, beeilte sich, durch seine Sprecher verlautbaren zu lassen: »Unser 5000-Euro-Auto ist der gebrauchte Golf.« Mehr fiel Europas Marktführer zu der Dacia-Offensive nicht ein.

Der Einstiegspreis vor zehn Jahren: 7200 Euro


In Zeiten, da der Einstiegspreis für den günstigsten Opel Astra bei über 15000 Euro lag und ein voll ausgestatteter Golf die 40000er-Hürde leicht nahm, erschien ein Komplettpreis von 7200 Euro wie ein Aprilscherz – und das 5000-Euro-Versprechen für den europäischen Markt konnte nicht eingehalten werden. Dennoch sollte der Logan ein Weltauto westlicher Prägung werden.

Der mit allergrößter Geheimhaltung unter dem Kürzel X90 sechs Jahre lang konzipierte viertürige Fünfsitzer für die Familie hat alles, was ein modernes Automobil ausmacht. Karosserie und Fahrwerk sind für die angepeilten Märkte maßgeschneidert. Und weil er um fünf Zentimeter länger als der Golf ist, bietet der Wagen den Insassen viel Platz und dem Gepäck einen 510 Liter fassenden Kofferraum.

Der Logan als Baukastenauto


Der Logan ist heute noch eine konsequente Entwicklung aus dem großen Baukasten des weltumspannenden Renault-Nissan-Konzerns. Wie mit Legosteinen spielten die Ingenieure, um bereits vorhandene und bestens erprobte Bauteile zu einem neuen Automobil zusammenzuwürfeln. Der »Patchwork«-Logan steht auf der so genannten B-Plattform, einer Bodengruppe, die auch der Nissan Micra nutzte und die für den im nächsten Jahr kommenden Renault Clio vorgesehen war.

Um an den Entwicklungskosten zu sparen, fanden sich im Logan Bremsen, Bedienhebel, Schaltknauf, Lenkung und Anzeigeinstrumente aus den aktuellen Modellen wie Clio oder Espace wiederfinden. Die Werkzeugmaschinen, auf denen diese Teile produziert wurden, sind buchhalterisch längst abgeschrieben. Und das ist heute immer noch so.

Mach es einfach, mach es preiswert


Bei der Armaturentafel hatten sich die Konstrukteure bewusst für ein einfaches und großflächiges Design entschieden – komplizierte Formen würden aufwändige Werkzeuge erfordern. Die Außenspiegel so gestaltet, das der rechte mit dem linken baugleich ist: Auch das ersparte die Anschaffung einiger teurer Maschinen. Achsen, Antriebswellen sowie Federn sind von Haus aus mit dem »Schlechte-Straßen-Paket« ausgerüstet – ein Feature, für das verwöhnte Fahrer westlicher Li-mousinen extra löhnen müssen.

Auf manchen „Luxus“ wurde verzichtet


Auf manch lieb gewonnenen Luxus wie elektrische Scheibenheber oder Servolenkung musste der Logan-Pilot dagegen verzichten. Auch bei der Sicherheitsausstattung war nicht das Optimum möglich: Nur für den Fahrer war ein Airbag eingebaut; Beifahrer- und Seitenairbags wird es erst in einer künftigen Luxusvariante geben – gegen Aufpreis. Bei der elektronischen Stotterbremse – die ein Blockieren der Räder verhindert, damit der Wagen noch lenkbar bleibt – hatten die Renault-Ingenieure nicht die allerneueste Ausbaustufe gewählt, sondern auf eine ältere ABS-Version zurückgegriffen.

Fabriken rund um den Globus


In den nächsten Jahren entstand um die Logan-Limousine herum eine komplette Familie: Kombi, Van und Pick-up werden hinzukommen, und die Motorenpalette wurde weiter ausgebaut. Als Hauptabsatzgebiete für die Autos peilte Dacia die wachstumsstarken Schwellenländer an. Gebaut wurden die Wagen nicht in Rumänien allein. Fabriken Moskau, Tanger, Brasilien, Kolumbien und Indien unterstreichen den Anspruch ein Weltauto zu bauen und eine weltumspannende Firma zu sein.

Anfangs blieb der deutsche Markt ausgespart


Die Deutsche Renault in Brühl bei Köln plante anfangs nicht, den Logan auch bei uns anzubieten. Pressesprecher Thomas May-Englert verwies darauf, dass Dacia eine eigene Automarke sei, die auch andere Modelle fertige, welche ebenfalls nicht in Deutschland vertrieben würden. Aber da wurden sie von dem Erfolg überrollt. Ebenso wie die Prognosen der Marktstrategen und Experten völlig daneben lagen. Dacia ist längst auch im anspruchsvollen Autoland von Audi, Benz und BMW anerkannt.

Heute ist der billigste Dacia preiswerter als vor zehn Jahren


Heute beginnt der Einstieg in die Dacia-Welt bei unter 7000 Euro für den Sandero (6890 €), ein Preis, der knapp über dem für größere Motorroller liegt. Am Ende der Preisskala steht dann mit 10.490 Euro der Bestseller Duster. Er ist auch im Renaultkonzern das meistverkaufte Automobil mit weltweit einer Million Verkäufen in nur vier Jahren. Über 7000 Duster wurden in Deutschland verkauft, davon 47000 im letzten Jahr allein in Deutschland. Mit ein paar Extras können es dann schon zwölftausend sein, aber immer noch unschlagbar preiswert für einen SUV.

Der Dacia als Qualitätsauto


Der Dacia hat in der Autowelt seinen festen Platz. Anfangs als Aldi-Auto belächelt, hat er das geschafft, was Aldi heute auszeichnet. Value for money, preiswert bei guter Qualität, aber frei von Statusdünkel und Luxus-Ambiente. Alles etwas einfacher machen, bisweilen so einfach wie die Autos der Fünfziger Jahre waren, aber solide und haltbar. Über 300 000 in Deutschland verkaufte Dacias aus Draculas Reich können nicht irren. Ich glaube, da werden Daciafahrer nicht widersprechen.