Nicht ihn Stolz präsentiert Tobias Moers den gelben "Porschekiller", den AMG ...
Nicht ihn Stolz präsentiert Tobias Moers den gelben "Porschekiller", den AMG GTFoto-Quelle: AMG/seniorbook

Der Porschekiller rollt an: Mit dem AMG GT will Mercedes besser sein

Wolfgang Stegers
Beitrag von Wolfgang Stegers

Kann man ein Denkmal zum Wanken bringen, eine Ikone alt aussehen lassen? Der Mercedes AMG GT sucht das Duell mit dem Porsche 911. Wagemutig oder tollkühn? Mercedes hat beachtliche Pfeile im Köcher.

Wer einem Porsche begegnet, sieht ihn meist von hinten. Dann kann er sich an dem geschwungenen Heck mit den herauswölbenden Kotflügeln ergötzen – Formen, die die klassische Linie des Urmeters der Sportwagen definieren. An dieser harmonischen Linienführung haben sich die Designer von Mercedes orientiert, als sie den Auftrag bekamen, einen Nachfolger des SLS bekamen. Der wiederum hatte sich 58 Jahre nach dem legendären SL-Flügeltürer diesen zum Vorbild genommen. 11.500 mal verkauft, ist der SLS jetzt, am Abend der Weltpremiere des neuen AMG GT, Geschichte. Der Mercedes AMG GT ist die pure Kampfansage der Sindelfinger mit dem Stern im Grill an die Zuffenhausener mit dem Stuttgarter Stadtwappen auf der Haube.

Ein Auto – zwei Siege: auf der Rennstrecke und im Alltag


„Porschekiller“ sind schon viele auf die Straße gerollt. Bisher hatte es keiner der Herausforderer aus nah und fern, Fernost und jenseits des Atlantiks es geschafft, dem Elfer ernsthaft Paroli zu bieten. Keiner bewältigte den Spagat, auf der Rennstrecke Siege zu erringen und gleichzeitig sich als Sportwagen am nächsten Tag den Torturen der Rushhour auszusetzen – weder Ferrari noch Nissan, weder BMW noch Audi. Jetzt tritt der AMG GT und er scheint genügnd Potenzial zu haben, dies auch zu schaffen.

Klassisches Baukonzept mit V8-Motor mit Transaxle


Der in Affalterbach konstruierte Wagen hat das klassische Baukonzept großer Sportwagen, wie es nicht nur die US-Amerikaner lieben. Vorne ein voluminöser V8-Motor, eine lange Haube, ein knapp geschnittenes Cockpit mit breit in die Fahrgastzelle hineinragenden Kardantunnel. Hinten, im Heck, sind Kupplung, Getriebe und Differential sowie ein ansehnlicher Kofferraum untergebracht. Das nennen Techniker Transaxle-Bauweise. Sie hat den Vorteil, die Gewichte möglichst gleich zu verteilen. Auf der Vorderachse lasten 53 und auf der hinteren 47 Prozent. (Die Mittelmotorbauweise erreicht das Ideal mit 50:50).

Gebaut in der Wiege von AMG


Gebaut wird der GT wie schon sein Vorgänger der SLS in Affalterbach. Der verschlafene Ort ist die Wiege von AMG, dort wo Aufrecht und Melcher in den späten Sechziger Jahren ihre Motorenschmiede in einer alten Mühle eröffneten. AMG ist schon lange nicht mehr der Tuner mit guten Verbindungen zu Mercedes-Benz. Spätestens als die Stuttgarter das Unternehmen übernahmen, ist ein „mittelständisches Unternehmen entstanden“, wie Geschäftsführer Tobias Moers zu betonen nicht müde wird. Es wird eigenständig an der langen Leine aus Sindelfingen geführt. Über 30.000 Auto wurden im letzten Jahr gebaut. Im diesem sollen es gut 40.000 werden. Das sind so viele, wie Porsche vor zwanzig Jahren produzierte. Heute nähern sie sich der Marke 150 000.

Bestwert beim Leistungsgewicht: 3.08 kg/PS


Die jüngste Kreation des zweisitzigen Sportwagens basiert auf einer Aluminiumkarosserie, ist fahrfertig 1645 Kilo schwer und beherbergt den AMG Biturbo-V8-Motor mit 4 Liter Hubraum und 510 PS (375 kW) in der S-Version beziehungsweise 462 PS (340 kW). Die Fahrleistungen sind beeindruckend. 3,8 Sekunden auf Tempo 100 mit einer Spitzengeschwindigkeit von 310 km/h. Die Zehn-Sekunden-Marke im Sprint auf 200km/h knackt er nicht. Ein Bestwert ist schon erreicht. Mit einem Leistungsgewicht von 3,08 Kilo pro PS schlägt der GT seine Konkurrenz in der Klasse. Aber „das muss ja nicht das letzte Wort sein“, wie Tobias Moers anmerkt. Denn weitere Varianten wie ein GT3 für den Kundensport, ein Roadster für die Freiluft-Cruiser sind unabdingbar und fest eingeplant.

Die legendäre Markentreue der Porsche Kunden


Da folgt AMG der Spur von Porsche. Denn kein zweites Unternehmen hat es geschafft, mit einem Modell eine so weit aufgefächerte Variantenvielfalt zu kreieren wie die Zuffenhausener mit ihrem 911. Zwar ist Porsche, wie bei AMG betont wird, als Markführer in diesem Segment der Hauptkonkurrent – „und hier wird es schwer sein Kunden abzuwerben, denn Porschefahrer sind sehr markentreu“, sagt Ola Källenius, verantwortlich für den Vertriebs bei Mercedes -, aber Jaguar, Aston Martin und auch McLaren gelten als Mitbewerber. (Dabei scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die kleine wie feine britische Sportwagenmarke Aston Martin von Mercedes übernommen wird.)

Bionische Formen der Karosserie


Um wirklich konkurrenzfähig zu sein und waren neben dem attraktiven Preis von rund 100.000 Euro und dem bullenstarken Motor vor allem Karosserie und Fahrwerk die Hauptpunkte mit Nachholbedarf bei AMG. Die Linie des GT ist deutlich ruhiger und harmonischer als mancher Entwurf aus der Designabteilung mit ihrem Chef Gorden Wagener. Nahezu bionisch gestaltet sind die fließenden Linien. Sie ziehen sich von der Front mit einem „Diamantgrill“ bis ins runde Heck. Die glatten Flächen und weichen Formen werden nicht durch scharf geschnittene Linien, Kanten oder Auswölbungen gestört. Das Design ruht in sich selbst; ist frei von modischen Aufgeregtheiten und funktionslosen Retro-Zitaten.

Nachhilfe in Sachen Fahrwerk aus Weissach


Der zweite Punkt, den die AMG-Ingenieure abarbeiten mussten, betraf das Fahrwerk. Mit Markus Hofbauer haben sie den Fahrdynamik-Spezialisten aus dem Porsche-Entwicklungszentrum Weissach zurück nach Affalterbach geholt. Er hat das Fahrwerk so getrimmt, dass jetzt auch AMG-Fahrer sich nicht verspotten lassen müssen, nur vehement geradeaus fahren und allenfalls schwarze Streifen auf dem Asphalt einbrennen zu können. Dies zu verifizieren wird aber einer Testfahrt überlassen bleiben. Denn noch sind die GTs nicht im Verkauf. Aber mit leicht spöttischem Schmunzeln weiß Tobias Mörs bereits vom gesteigerten Interesse manchen Porschekunden zu berichten.