Das soll ein Passat sein? euere erinnert der erste Passat an einen alten Pol ...
Das soll ein Passat sein? euere erinnert der erste Passat an einen alten PoloFoto-Quelle: Seniorbook/Volkswagen

Tempi passati: Der neue VW Passat

Wolfgang Stegers
Beitrag von Wolfgang Stegers

Dröge war gestern. Lange hat es gedauert, geschlagene acht Generationen lang, bis der meistgebaute Volkswagen im bunten Markenreich von VW sein Dasein als Mauerblümchen von der Wolfsburger Heide abstreifen und sich in wahrer Schönheit zeigen durfte. Entrückt der Passat jetzt seinen Kunden?

Autos sagen auch viel über ihre Fahrer. In Zeiten von Hedonismus und nach außen getragener Ichbezogenheit, kann ein Automobil schnell zu einem Freudschen Steinbruch der eigenen Befindlichkeit werden. Schließlich hat man mit dem Kauf eines Fahrzeugs seinen teuersten Konsumartikel erstanden. Das bewegt die Sinne, egal ob Dacia oder Lamborghini, Volvo oder BMW. Oder auch VW.

Nüchterne Fahrzeuge als ingeniöse Werke


Zwar ist Europa größter Automobilhersteller dafür bekannt, berühmt und gescholten, eher nüchterne, ingenieursgetriebene Fahrzeuge von zurückhaltend reduziertem Design auf die Räder zu stellen. Aber der Passat übertraf diese „Tugenden“ bei weitem. Dabei sind Limousine und Kombi die meistgebauten Modelle im Konzern, weit vor dem klassenlosen Bestseller Golf. Aber der Biedermann im Blechgewand schlägt sie alle. Was fällt einem zum Passat ein? Äh... und dann lange nichts.

Ein Langweiler als Bestseller – wie geht das?


Ein Langweiler, der zwanghaftes Gähnen auslöst. Zu dem einem eigentlich nur einfällt, dass einem nichts einfällt. Also totlangweilig eben. Das fing schon an, als der Millionenseller – allein im letzten Jahr weltweit 1,2 Millionen mal verkauft -, vor 41 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Lange wurden die Entwürfe hin- und hergeschoben, schließlich galt es einen adäquaten Nachfolger für den alles beherrschenden Käfer zu finden. Noch vor dem Golf musste der Passat als „Probierhengst“ den Geschmack des Publikums erkunden, schließlich bedeuteten Wasserkühlung und Reihenmotor, Karosserie und Bauart eine Revolution in Wolfsburg.

Das Werkskürzel: B-Auto


So erhielt der erste Passat das werksinterne Kürzel B1. Sein Auftrag, den VW 1600 abzulösen. Jener Nasenbär mit dem flachen Boxermotor im Heck, der als 412 Variant durchaus beliebt war, aber weit entfernt war von den großen Stückzahlen eines dann immer mehr dahindümpelnden Käfers. Passat als Kombi, mit Fließheck und als Santana im traditionellen Three-Box-Design mit Stufenheck, das war die Produktpalette.

Der Passat als Vorläufer neuer, oft nicht erfolgreicher Technologien


So wanderte der Passat durch die Generationen und seine Zeit. Der B2 erhielt den Allradantrieb und den Fünfzylinder. Ungewöhnlich, weil ohne Karosseriegrill und mit löchrigem VW-Enblem als Lufteinlass, der B3 von 1988. Er bekam den G60-Lader und den VR 6 Motor. Beide Techniken sorgten für Schlagzeilen. Der Lader, neben Kompressor oder Abgasturbine eine VW-spezifische Art, dem Motor mehr Benzin und damit mehr PS einzuhauchen. Und der Sechszylinder, fast ein Mix aus Reihen- und V-Motor - wie ihn Lancia schon mal eingebaut, aber schnell verworfen hatte -, mit dem engen Zylinderwinkel des V-Motors und 176 PS. Der G-Lader scheiterte an dem aufwendigen Produktionsverfahren und internen Schwingungen des Schneckengehäuses. Der Sechszylinder entpuppte sich als gnadenloser Säufer.

Die Pumpe-Düse des Ferdinand Piech


Keine fünf Jahre später der Passat B4. Ferdinand Piech hatte das Ruder bei VW übernommen, den Entwicklungschef Ulrich Seiffert gefeuert und versuchte nun den Konzern neu zu ordnen. Im B4 kam ein direkteinspritzender Dieselmotor zum Einsatz. Er sorgte für Furore. Mehr aber noch dann der B5-Passat mit dem Pumpe-Düse-Prinzip. Auch hier wieder ein VW-Alleingang. Denn alle anderen Hersteller hatten die Erfindung von Alfa-Romeo übernommen, beziehungsweise Lizenzen für die Common-Rail-Technik zu zahlen. Pumpe-Düse, folgte ganz den technikverliebten Wolfsburger Ingenieuren mit Piech an der Spitze. Deutlich aufwendiger und teurer in der Konstruktion, hatte Pumpe-Düse aber den Vorteil, mit höheren Einspritzdrücken zu arbeiten. Die Folge effizientere Verbrennung, mehr PS und geringerer Verbrauch.

Der Schwenk zur Common-Rail


Aber dann holte auch den Passat die Wirklichkeit ein. Denn die deutlich preiswertere Common-Rail mit einer Kraftstoffpumpe für die Zylinder schafften auch die hohen Drücke und unterdrückte zudem das laute Nageln der Selbstzünder. Der VW-Konzern legte den Rückwärtsgang ein und verließ die technologische Sackgasse mit dem B6. Gleichzeitig starteten die effizienten, sparsamen direkteinspritzenden Benzinmotoren in den Wettstreit gegen die Diesel.

Frech kopiert: Der Passat CC als zaghafte Designwende


2008 dann überraschte der Passat B6 noch mit dem CC – ein viertüriges Coupé, dass zum ersten Mal den Anspruch von Formschönheit und Eleganz im Passat stellte. Zwar waren die Linien und das Design schamlos von Peter Pfeiffers Geniestreich Mercedes CLS abgekupfert, aber das Passat-Coupé ließ aufhorchen.

Die Variantenvielfalt beim B7 wurde mit dem Alltrack-Variant weiter aufgefächert. Damit folgte der B7 den Fußstapfen des Audi Allroad, dem deutlich höher gestellten und offroadig gestalteten Audi A6 oder Volvo Country.

Die achte Generation als Wendepunkt


Jetzt nun steht die achte Generation in den Startlöchern. Keine Frage, nach langem Anlauf ist aus dem Mauerblümchen oder Biedermann ein formschönes Automobil geworden. Besonders die Limousine tritt mit ihrer coupéhaften Silhouette und den gespannten Flächen elegant auf. Fremdschämen ist hier fehl am Platze. Das gehört der Vergangenheit an. Mehr als einen Hauch von Luxus umpfängt den Passagier, hat er im neuen Passat Platz genommen. Erlesene Ausstattung, edle Materialien, feines Leder, gute Verarbeitung und stimmiges Design bestimmen den Innenraum, das Interieur. Von Heidetristesse keine Spur. Ob wegen des opulent erscheinenden Innenraums der treue Passatkunde vielleicht einen Kulturschock erleidet?

Vorbei der Mief und das Einheitsgrau der Behördenausstattung. Tempora mutantur et mutamur in illis - die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen, sagt der Lateiner. Kurz und bündig der Italiener: Tempi passati.