Olivier Boulay, Leiter des Mercedes Advanced Design Studio mit dem SOC-showc ...
Olivier Boulay, Leiter des Mercedes Advanced Design Studio mit dem SOC-showcar G-CodeFoto-Quelle: Mercedes-Benz/seniorbook

Das neue Mercedes-Design: Vision G-Code aus Beijing

Wolfgang Stegers
Beitrag von Wolfgang Stegers

Gegen Ende des Abends driftet die fröhliche Premierenparty in Wehmut ab. Anfangs steht noch Fahrzeugstudie Vision G-Code von Mercedes anlässlich der Einweihung des chinesischen Forschungs- und Entwicklungszentrums des Autobauers in Beijing im Blitzgewichtgewitter der Fotografen. Die herbeigeflogenen Manager aus Stuttgart sonnen sich im Glanz dieses betörend schönen und innovativen Sportwagens, während in den hinteren Reihen Tränen fließen.

Es gilt Abschied zu nehmen. Sichtlich ergriffen nimmt der Leiter des Designzentrum in China, Olivier Boulay, Abschied von seinen Mitarbeitern. Während er Beijing Richtung Sindelfingen verlässt, ist mit seinem Nachfolger Hubert Lee der Generationenwechsel vollzogen. Boulay hinterlässt eine automobile Skulptur, die den Designwechsel des Stuttgarter Nobelkonzerns widerspiegelt.

Der lange Marsch bis zur Weltspitze


Bis zum Ende des Jahrzehnts will Mercedes, so die ehrgeizigen Pläne des wiedererstarkten Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche, die unbestrittene Nummer 1 im hochprofitablen Luxussegment sein. Neben einer gewaltigen Technologieoffensive in Richtung Elektrifizierung des Antriebs, dokumentiert die neue Designsprache diese ehrgeizige Ambition.

Spätestens mit der Vorstellung des neuen Sportwagens, dem Mercedes AMG GT in Affalterbach und auf dem internationalen Parkett des Pariser Auto Salons, wird deutlich, wie sehr Mercedes dafür brennt. Chefdesigner Gorden Wagener wird seit Wochen nicht müde zu betonen, dass die Zeit der Kanten und Falzen an der blechernen Karosserie vorbei ist. Weiche, harmonische Formen, die sich großflächig über das Fahrzeug spannen, sind das Kennzeichen der neuen Designsprache.

Im Mercedes-Museum warten Vorbilder auf Wiederentdeckung


Dabei müssen die Formenengeber das Mercedesdesign gar nicht neu erfinden. Es genügt der Gang ins hauseigene Museum, um jene automobilen Vertreter der Marke mit dem Stern auf dem Kühler zu finden, die Mercedes groß gemacht haben und den Anspruch von Luxus und Eleganz manifestieren. Der legendäre Bruno Sacco, 84, feinsinniger Italiener aus Udine und stilsicherer Ästhet, haucht den Kreationen hier seinen Spirit ein.

Olivier Boulay ist ein Sacco-Schüler. Ungefragt erklärt der schmächtige Kettenraucher, wie viel er dem verehrten Chefdesigner verdankt. Dabei fand er als Seiteneinsteiger zu seiner Berufung. Ursprünglich hatte der Franzose Architektur studiert, bevor er sich dem Automobildesigner widmete. Heute lehrt er nebenbei an den diversen Hochschulen. Sein Credo lautet, mit offenen Augen durch die Städte zu gehen, die Formen des Alltags zu entdecken, sich praktischen Gegenständen anregen zu lassen.

Advanced Studios als Seismographen kommender Moden


Als Leiter des Advanced Designs Studios in China, eines von fünf ähnlichen Mercedes-Einrichtungen, rund um den Globus verteilt, versuchen Boulay und sein junges chinesischen Team die Ausstrahlung und Kultur des Landes in ihren Entwürfen aufzugreifen. Als „Seismographen“ erwartet die Zentrale in Sindelfingen kreative Anregungen und Entwürfe. Als Studien dürfen sie weit in die Zukunft blicken, als Modelle finden sie sich in den neuen Serienautos wieder.

Nicht von ungefähr wurde das vormalige Designstudio in Japan aufgelöst und siedelte nach China um. Als weltweit größter Automobilmarkt ist seine Bedeutung immens. Und sie wird wachsen, doziert Boulay. Denn auf der einen Seite will der deutlich jüngere chinesische Kunde modernste Kommunikations- und Internettechnik in seinem Wagen, gleichzeitig schwört er auf europäischen Luxus und Eleganz. Das begeistert ihn.

Die meisten Kunden aus Fernost kennen die Historie der Automarken nicht


Dass die Kunden aus Fernost - anders als die meisten westlichen Käufer -, die Historie der Mercedeswagen und ihrer Formen kaum kennen, stört nicht. Denn der Geschmack bilde sich allein schon beim Vergleich der angebotenen Fahrzeugvielfalt. Mercedesfahrzeuge besitzen dabei einen legendären Ruf, weiß Boulay aus vielen Kundenbefragungen und Car-Clinics. Bei solchen Diskussionen an konkreten Modellen können potenzielle Käufer ihre Vorlieben und Erwartungen artikulieren.

Gorden Wagener spricht von „Modern Luxury“, wenn er die aktuellen wie zukünftigen Mercedesmodelle beschreibt. Sie zeichne ein Luxus aus, der die Brücke schlägt zwischen Digitalem und Analogem, zwischen Revolutionär-Neuem und Bewährt-Altem. Das gelte für die Technik wie auch für das Design; für das Äußere wie Innere der Fahrzeuge.

Mercedes SUC G-code: Umweltfreundlich fahren - höchsten Genuss erleben


Mit der Plug-in-Technologie gehen Benzin- und Elektromotor eine symbiotische Verbindung ein, zum Nutzen beider. Fahrer wie Passagiere erleben „Modern Luxury“ in der edlen Innenausstattung mit Highend Musikkomponenten, Massagesitzen und Wohlfühlambiete. Gleichzeitig sind die Verbindungen zur digitalen Welt da draußen via Internet, Navigations- und Kommunikationssysteme stärker denn je. Moderne Fahrzeugelektronik und die Flut moderner Assistenzsysteme bringen die Fahrzeuge einen gehörigen Schritt weiter auf dem Weg zum unfallfreien wie auch automatischen Fahren.

Die jetzt in Beijing vorgestellte Designstudie G-Code ist auch eine Hommage an Bruno Sacco. Gleichzeitig die Fortschreibung in eine neue Ära von Mercedes. Es die Weiterentwicklung des so erfolgreichen SUV in einer Mischung aus Coupé und Sport Utility Van für mobile Bedürfnisse in Ballungsgebieten. Dafür wurde der Name SUC aus der Taufe gehoben.

Mobilität in Massenstädten und Ballungsräumen


Kein Land der Welt ist für solche Automobile besser prädestiniert als China mit seinen Megastädten und Metropolen. Mögen die in den G-Code eingeflossenen Ideen wie mitgepackte Segways im Kofferraum noch sehr futuristische erscheinen, aber der Trend, die letzten Kilometer durch zukünftig für den Autoverkehr gesperrte Straßen und Areale zu rollern, ist bereits konstatierbar. Weniger fern aber ist das Design des Showcars.

Gorden Wagener stellt sich vor, dass die Front mit neu ausgeprägtem Grill und dem dominanten Stern, oder dass die Seitenpartie im Übergang zum Heck des Vision G-Code sich schon bald in dem ein oder anderen Modell wiederfinden wird. Der SOC ist mehr als Show. Die Vision wird in der Realität ankommen. Das chinesische Designteam um Olivier Boulay erfüllt dies mit Stolz.