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Mutter und Sohn
Mutter und SohnFoto-Quelle: Archiv Egon Biechl

Mutter-Sohn-Beziehung

Beitrag von wize.life-Nutzer

Episoden aus meinem Leben
125 Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jede Person, die künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at senden. Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.

1911 ist meine Mutter sechs Jahre alt und ein selbstbewusstes fesches Mädchen mit einer zeitgenössischen Kinder-Frisur. Mit zweiundzwanzig Jahren ist sie auch ohne besondere Haarpracht eine sehr attraktive junge Frau. Von Beruf ist sie Zimmermädchen in einem Hotel in Matrei am Brenner.

1932 ist sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren im Krankenhaus. Sie ist blind. Augenentzündungen wegen einer zu feuchten Wohnung haben dazu geführt. Zu ihrem Namenstag am 31. Juli 1932 erhält sie Glückwünsche von ihrem väterlichen Freund Rudolf Liensberger, der vorher auch blind gewesen war. In kurrenter Schrift formuliert er ihre Situation ihm gegenüber wie folgt: "Du hörst ihn wohl und siehst ihn nicht, kannst nicht schau'n sein Angesicht. Auch dein Freund, der heute sieht, der kennt den Tag als Nacht..." Einfühlsam macht er ihr Mut, begleitet sie unter anderem auch auf einer Pilgerwanderung nach Heiligwasser und bleibt mit ihr weiterhin in engem, vor allem brieflichen Kontakt. Er bringt sie sogar dazu, unter seiner Patenschaft am 7. Dezember 1933 vom evangelischen zum katholischen Bekenntnis zu konvertieren. Anfang 1938 verstirbt er, die offenbar einzige liebevolle Bezugsperson ihrer jungen Jahre, im 71. Lebensjahr.

Mittlerweile wird sie operiert; nicht einmal, nicht zweimal, nein viel öfter! Die Art dieser vielen chirurgischen Eingriffe beschreibt sie später mit den Worten: "Neunzehnmal wurde mir die Hornhaut wie ein 'Erdäpfel' abgeschabt!" Das zwanzigste Mal erlässt man ihr. Die Behandlung ist erfolgreich. Sie erlangt ausreichend Sehvermögen zurück, um selbständig Hausarbeiten erledigen zu können. Sogar lesen kann sie, wenn sie sich die Spezial-Brille aufsetzt, die man extra für sie konstruiert hat und bei der für das linke Auge ein Vergrößerungsglas hinzugefügt ist.


Im Jahr 1941 wird meine Mutter die Haushälterin meines Vaters und von ihm schwanger. Auf Wunsch meiner Tante heiße ich Egon, was mir immer sehr gefällt. Biechl heiße ich deshalb, weil meine Eltern noch heiraten, bevor ich geboren werde.

Das Hochzeitsfoto spiegelt den Ernst der Lage wider. Aber das gute Verhältnis zu meinem Bruder Heini, den mein Vater aus der ersten Ehe seiner ersten Frau adoptiert hat, ist eindeutig erkennbar. Zwischen den beiden fühle ich mich sichtlich wohl.

Meine Mutter opfert sich auf für mich, pflegt mich speziell in den beiden Schuljahren, die ich wegen meiner Kopfschmerzen nach den erlittenen Gehirnerschütterungen verliere. Ich gewinne an Selbstbewusstsein, weil sie mir jene Arbeiten anvertraut, die mein Vater erledigen hätte müssen, wäre er noch bei uns gewesen.

Ein Lichtblick für sie: von meinem Vater geschieden legt sie einem verheirateten Bauern aus dem Nachbarort öfters die Karten. Geschockt bin ich, als ich die zwei beim Küssen überrasche. Das Bild, das ich bis jetzt von meiner Mutter hatte, verändert sich gewaltig.

Obwohl sie mich als ihren Augapfel sieht, lässt sie mich ab meinem zwölften Lebensjahr insofern los, als ich fern von ihr eine Klosterschule besuchen darf. Sie nimmt - notgedrungen - auch in Kauf, dass ich bei ihren monatlichen Besuchen kaum mein Desinteresse an ihr verbergen kann. Sie hält mich nicht einmal davor zurück, ins Noviziat des Serviten-Ordens einzutreten. In dieser Zeit sind ihre Besuche unerwünscht.

Sie nimmt ihr Leben trotz aller gesundheitlichen Probleme in die eigene Hand, ohne mich zu belasten. Damit verschwindet sie komplett aus meinem Gesichtskreis.

Aber ganz kann ich sie nicht vergessen. Ich suche eine Aussprache mit ihr und nütze dazu einen Blitzbesuch. Ich bringe eine Flasche Wein mit. Obwohl sie fast nie trinkt, stößt sie mit mir an. In dieser Situation verschwinden meine sonst üblichen Hemmungen, die ich als Theologiestudent habe. Ich setze mein Vorhaben um, ihr all das vorzuwerfen, was ich jemals an ihr auszusetzen hatte. Ich beschwere mich, dass sie andauernd lautstark mit meinem Vater gestritten hat. Ich beanstande, dass sie mich dabei als ihr "Faustpfand" benützte. Ich beschuldige sie, dass sie mich immer von meinem Vater fern gehalten habe. Ich konfrontiere sie mit meiner Meinung, dass hauptsächlich sie an der Trennung und Scheidung von ihm Schuld getragen hätte. Ich behaupte, dass ich die Rolle meines Vaters übernehmen musste. Je mehr ich vom Wein trinke, umso aggressiver werde ich. Unbeirrt beklage ich mich, dass sie mir keine Freiheiten gelassen habe. Nur vereinzelt lasse ihre Gegenargumente gelten. Sie weint. Ich schäme mich zwar, aber meine Anschuldigungen nehme ich nicht zurück.

Bald darauf wird meine Mutter in das Krankenhaus eingeliefert und stirbt dort bereits mit 64 Jahren.

Da es seit dem geschilderten dramatischen Treffen und ihrem Tod keine Gelegenheit zu einer Aussöhnung zwischen uns gab, belastet mich die von mir gezeigte rücksichtslose Art sehr, wirklich sehr.

Heute, 50 Jahre später, sehe ich das viel entspannter. Zwischen meiner Tochter, die mir ähnliche Vorwürfe vermittelt hat, und mir ist es geglückt, wieder gegenseitiges Einvernehmen herzustellen. Wenn die Zeit gereicht hätte, so glaube ich, wäre das auch zwischen meiner Mutter und mir möglich gewesen.


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