Skrupellos war gestern: Wir wollen wieder Werte!

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Fairness – was ist das eigentlich? Wir verwenden das Wort so häufig, dass seine Bedeutung dabei schon fast in Vergessenheit geraten ist. Nicht selten wird es sogar als Kampfbegriff missbraucht, etwa in der Politik oder in der Wirtschaft. Zum Beispiel, wenn man die gegnerische Partei an den Pranger stellen möchte. Deswegen muss die Frage erlaubt sein: Fairness und Wirtschaft - geht das denn überhaupt zusammen?

Und wo bleibt die Moral?
Moral – das klingt heutzutage in unseren Ohren schon beinahe ein wenig altertümlich. Moral war damals. Damals, als noch nicht alles den Interessen global agierender Konzerne und der Profitmaximierung unterworfen war. Als zwischen Verbrauchern und Unternehmen und den Unternehmen untereinander noch ein gewisses Vertrauensverhältnis herrschte und bei Geschäften – zumindest überwiegend - noch die Regeln des Fair Play galten. Und heute? Marken gelten längst nicht mehr als Garanten für gute Produkte. Die Marken-Hersteller haben vielmehr ihrem zweifelhaften Ruf als Raubritter der Globalisierung alle Ehre gemacht. Mit der traurigen Konsequenz, dass Marken-Produkte ihren Wert verloren und die Unternehmen ihren einstigen Vertrauensvorteil gründlich verspielt haben.

Nachhaltig für dumm verkauft!
Aber was bedeutet Fairness in der Wirtschaft? Dazu ist eine Rückbesinnung auf Werte notwendig. Eine Diskussion, die derzeit erfreulicherweise in vollem Gange ist und der nach vielen schönen Worten hoffentlich nun auch konkrete Taten folgen werden. Denn das Vertrauen der Verbraucher ist inzwischen so schwer angeschlagen, dass es weit mehr als nur einiger Lippenbekenntnisse bedarf.

Fair Play – das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass einige sehr grundlegende Regeln von allen Seiten anerkannt und beachtet werden. Dabei geht es zum Beispiel um angemessene Mindestlöhne, ja, überhaupt um den fairen Umgang mit Mitarbeitern, mit Subunternehmern und Handelspartnern. Es geht um allgemein akzeptierte Umwelt- und Sozialstandards und um faire Partnerschaften zwischen Konsumenten und Herstellern. Wenn diese Grundsätze nicht eingehalten werden, sind übergestülpte Floskeln wie „Nachhaltigkeit“ nur Schall und Rauch und werden als leere Worthülsen vom Verbraucher in Zukunft auch nicht mehr einfach so hingenommen werden.

Fair ist das neue Grün
Die Wirtschaft ist grün wie nie zuvor. Doch vieles davon war einfach nur „Greenwashing“. Weil es eben gerade so schick war, sich eine grüne Weste anzuziehen und dank „guter“ PR wurde über Nacht auch aus einem Ausbeuter und notorischem Umweltverschmutzer ein „nachhaltiges“ und „verantwortungsvolles“ Unternehmen. Diese Unsitte ist inzwischen derart ausgeufert, dass es praktisch kein Produkt mehr gibt, das nicht von sich behauptet, natürlich, gesund, Öko oder sonst irgendwie grün zu sein. Die echten Perlen unter den vielen Trittbrettfahrern sind für den Verbraucher kaum noch zu erkennen.

Wir wollen Werte
Wir Verbraucher wollen Transparenz. Wir wollen wieder vertrauen können. Wir wollen wissen, was in den Produkten des täglichen Lebens drin ist, wo sie herkommen und wie sie produziert wurden. Wir wünschen uns Authentizität und wir sind pragmatisch. Wir wollen nicht nur unser Öko-Gewissen beruhigen und glauben nicht mehr an die Märchen der Werbetexter. Wir sind gut informiert, kritisch und wählerisch. Und wir achten auf den Preis. Der muss stimmen – in Relation zur Qualität. Wir haben nichts dagegen, wenn die Hersteller an guten Produkten gut verdienen. Aber wir strafen Unternehmen ab, die sich Ökologie und soziale Verantwortung nur auf die Fahnen schreiben und honorieren eine Ökonomie, die unsere Bedürfnisse fair, ehrlich und offen bedient und unsere Werte in die Tat umsetzt. Wenn die Wirtschaft Vertrauen zurück gewinnen will, dann wird ihr das nur auf diesem Weg gelingen.

Fair Play hat Konjunktur
Fair Trade – das war lange nur ein mitleiderregendes Etikett für eine seltsame kleine Produktmischung von Schokolade bis Hanfklamotten in der Kuschelecke des Bioladens. Heute – nicht zuletzt aufgrund vieler Skandale wie jenen in der Bekleidungsindustrie von Bangladesch – führt das Label nicht mehr nur ein Nischendasein. Über die Hälfte der Deutschen kauft Fair Trade.

Fair Play hat Konjunktur. Und das nicht etwa, weil Unternehmer nun plötzlich ihre Tugend wieder entdecken. Die neue Business-Moral punktet beim Konsumenten. Sie ist so ziemlich das einzige Kriterium, das ein Unternehmen wirklich von der Konkurrenz abhebt, mit dem es Aufmerksamkeit gewinnen und Kunden binden kann. Wer mit Fairness überzeugt, hat ein Alleinstellungsmerkmal erster Güte.

Gütesiegel auf dem Prüfstand
Aber auch die boomende Bio-Branche wird sich hier an die Nase fassen müssen, denn längst nicht alles, wo „Bio“ drauf steht, wurde auch tatsächlich fair produziert: Monsanto-Hybridsaat auf dem Öko-Acker, monströse Tierfabriken und geklonte Turbo-Hühner mit ein bisschen Dioxin im Futter – ist es etwa das, was wir uns unter „Bio“ vorstellen? Und für so genannte „Bio-Bekleidung“, Siegel hin oder her, fehlen derzeit jegliche Kontroll-Mechanismen. Die Vielzahl bunter Etiketten, deren Bedeutung den meisten Konsumenten sowieso nicht geläufig ist, überfordert den Verbraucher ohnehin. Will man zu mehr Transparenz gelangen, müssen auch die Gütesiegel selbst erneut auf den Prüfstand.

Zukunftsinstitut Wien: Studie FAIR – Von der Nische zum Mainstream