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Krankenschwester packt aus: Darum hat bei uns die Hälfte der Pflegekräfte ihren Job gekündigt

News Team
Beitrag von News Team

„Ich liebe meine Arbeit! Aber ja, ich wünsche mir mehr Geld!“ Isabel Wäß, 39, ist Kinderkrankenschwester in München. Zusammen mit ihrem 44-jährigen Mann sucht sie derzeit nach einer größeren Wohnung für ihre vierköpfige Familie. Was das Paar dabei feststellt: Für die durchschnittliche Miete verdienen sie einfach nicht genug.

„Für eine 4-Zimmer-Wohnung bezahlt man im Schnitt 1600 bis 1800 Euro warm“, schreibt Wäß in einem Gastbeitrag bei der „tz“. Nach 18 Jahren im Beruf und mit Bachelor-Abschluss in der Tasche hat die 39-Jährige ein Nettogehalt von rund 2200 Euro. Ihr Mann schließt derzeit seine Ausbildung zum Krankenpfleger ab - Anfangsgehalt: wenig mehr als 1800 Euro netto. „Da müssten wir beide Vollzeit arbeiten, um als Familie annähernd ‚zu leben‘.“

Während der Suche nach einer größeren Wohnung hat sich das Paar schon mehrmals die Frage gestellt: „Wollen wir München noch?“ Wäß fühlt sich von der Politik im Stich gelassen: Für ihre Qualifikation, ihr Engagement und die Verantwortung, die sie - genauso wie zig andere Pflegekräfte hierzulande - täglich übernehmen, ist das Gehalt schlichtweg zu niedrig.

„Eine Immobilie kaufen, um so eine Sicherheit für die Zukunft zu haben, ist utopisch“, schreibt Wäß. Neben dem regulären Lohn verdient sie rund 200 Euro Schichtzulage. Verglichen mit der Belastung, die der Wechseldienst mit sich bringt, ist der Betrag für sie „fast vernachlässigbar“. „Der Pflegeberuf muss endlich für diejenigen attraktiver werden, die ‚lebenslang lernen‘ möchten.“

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Krankenpfleger können sich das Leben in der Großstadt nicht mehr leisten

Einer der Gründe, warum es dermaßen an Fachkräften fehlt, sind die Lebenskosten. Jedes Jahr müssen mehrere Krankenpfleger ihren Job kündigen, weil sie ihren Lebensunterhalt in den Ballungszentren nicht mehr bestreiten können, so Wäß. „Das alles ist zwar kein München-spezifisches Problem, wirkt sich jedoch in attraktiven Großstädten am deutlichsten aus“, schreibt sie.

Auf ihrer Stammstation, der Kinderkardiologischen Intensivstation an der Ludwig-Maximilian-Universität, soll die Hälfte der Pflegekräfte ihren Job gekündigt haben, weil sie sich und für ihre Familie keine geeignete Wohnung mehr leisten konnten. „Viele meiner Kollegen verlassen die Stadt und fallen als qualifizierte Fachkräfte in den Kliniken weg“, so Wäß.

„Ausländische Kräfte zu holen ist keine ausreichende Lösung“

Für die 39-Jährige sollte der Pflegemangel nicht als isoliertes Problem angesehen werden. „Der Pflegenotstand unterscheidet nicht zwischen privat- und pflichtversichert“ schreibt sie. „Da Privatkliniken ihr Personal auch nicht besser bezahlen, fehlen auch dort die Leute. Es betrifft also letztendlich jeden, durch alle Schichten durch.“

Ausländische Fachkräfte zu holen sei auch keine ausreichende Lösung. „Das weiß jeder, der im System arbeitet.“ Der Pflegeprozess baue auf Kommunikation auf. Um als Gesundheits- und Krankenpfleger arbeiten zu können, brauche man mehr als nur gute Deutschkenntnisse. Die Anforderungen des Berufs können nur mit gutem Training und langjährigem Engagement gemeistert werden.

Trotz allem möchten Isabell Wäß und ihr Mann in München bleiben. Dafür versuchen sie etwas Neues: Für eine günstigere Miete wären sie bereit, beispielsweise den Vermieter selbst oder ein Familienmitglied bei alltäglichen Pflegeproblemen zu unterstützen. „Mann muss kreativ sein, da wäscht eine Hand die andere.“ Nachbarschaftlicher Austausch eben.

feb

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