wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Grill-Freaks sind ahnungslose Würstchen

Grill-Freaks sind ahnungslose Würstchen

07.05.2014, 10:17 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie haben auf dem Grill schon mal ein Kotelette gewendet und denken deshalb, Sie sind ein echter Kerl? Wenn Sie sich da mal nicht irren. Ich habe gelernt: Grillen ist komplizierter, als rechtzeitig "Wurst ist fertig" zu brüllen
(Mittwoch, 07. Mai 2014) Manche sagen ja, Grillen hat was von Neandertaler. Rohes Tier auf Feuer, uga-uga. Aber davon abgesehen ist die gesamte Grill-Prozedur sowas von 21. Jahrhundert.

Angeblich besinnt sich der Mensch beim Grillen auf seine Wurzeln als Jäger und Sammler. Was für ein Irrtum.

Okay, wer mitten im Wald mit selbst gesammeltem Reisig ein Feuerchen macht, den hat es zurück in die Natur gezogen. Aber wer seinen schicken Kugelgrill auf die überdachte Terrasse stellt und mit dem Fön anheizt, der ist ebenso naturverbunden wie der Nachbar, der in seiner Auffahrt das Auto aussaugt.

In der Provinz ist ein Grillabend die willkommene Gelegenheit, die LED-Beleuchtung für den neuen Weg zum Garten-Trampolin oder zum Schwimmteich vorzuführen. Und wer Platz hat, prahlt mit einem Bierkühlschrank direkt auf der Terrasse, ausgeliehen vom Fußballvereinsheim.

In der Großstadt feiert man stattdessen den Schritt auf den Balkon. Da darf das Cocktailkleid am Ende des Abends ruhig nach Lagerfeuer riechen. Ist doch Frühling. Das Gegrillte ist dort eh Nebensache.

Prestige bringen die selbst gemachte Mayonnaise mit Trüffel, der Salat mit rohem Spargel an Dattelvinaigrette, die geräucherten Wachteleier und das Sesam-Honig-Sahneeis aus der eigenen Maschine. Und was schon einmal beim "Perfekten Dinner" auf Vox lief, ist nicht mehr balkonfähig. Mein Haus, mein Auto, meine Soße. Das Fleisch läuft so selbstverständlich nebenher wie das Baguette.
Irrtum 2: Grillen ist auch was für Vegetarier
Wer kein Fleisch mag, der kann ja auf Fisch ausweichen. Aber vegetarisches Grillen ist Quatsch. Ich sage das als Betroffener. Und das gilt für Grillpartys auf dem Land ebenso wie in der Großstadt.

Wer als Vegetarier auf eine Grillparty auf dem Land eingeladen ist, der kann sich darauf einstellen, den ganzen Abend Kartoffelsalat und Brot zu mampfen. Vegetarier gelten in der Provinz nämlich noch als selber schuld.

In der Stadt hingegen ist es schick, kein Fleisch mehr zu essen. Stattdessen wird auf den Grill geknallt, was nicht auf den Grill gehört. Kartoffeln werden in Alufolie um die Kohlen herum drapiert, damit man sie nach rund 45 Minuten, halbseitig verbrannt, halbseitig roh, mit Cocktailsoße totschlagen und runterwürgen kann. So etwas würde man im Winter niemals tun.

Das gleiche gilt für Tomaten, die auf einem Alu-Teller gar gekocht werden. Denn direkt auf dem Rost, wo sie Grill-Aroma bekämen, platzen sie auf und laufen aus.

Paprika hingegen wird auf dem Rost knatschig und trocken. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, das Grillgemüse einfach mit Rosmarin, Thymian und Olivenöl in die Pfanne werfen zu dürfen. Aber es war ja leider Grill-Abend.

Und dann der Halloumi-Käse. Zugegeben: Der hat einen Vorteil. Er schmeckt nach nix. So kann man ihn sowohl mit Kräutern der Provence essen als auch mit Nutella. Halloumi schmeckt wie das Gewürz an ihm. Und sein Fett (rund 26 Prozent) pimpt als Geschmacksträger auf der Zunge alles auf. Ich persönlich trinke lieber ein Tässchen flüssige Butter. Die quietscht nicht so zwischen den Zähnen.
Irrtum 3: Grillen ist Männersache
Frauen gehören bekanntlich an den Herd. Ach, diese These würden Sie so nicht mittragen - zumindest nicht öffentlich? Warum ist Grillen dann aber Männersache?

Diese Behauptung ergibt nur Sinn, wenn man eben doch noch in der alten Welt lebt, in der Kochen Frauensache ist. Denn nur dann macht der Triumph Freude, wenigstens das Segment "Grillen" an den Mann abzudrücken. Damit er sich zumindest vier, fünf mal im Jahr ums Essen kümmert.

Aber es muss schon zischen, spritzen und rauchen. Darunter macht er es nicht. Dann werden büroblasse Manager zu Hulks mit Grillgabel in übergroßen Polo-Hemden. Da werden versenkte Härchen an den Fingern vorgezeigt wie Narben im Bein nach einem Hai-Angriff. Da wird jede Spiritus-Stichflamme gefeiert wie ein Silvesterfeuerwerk. Und jedes Nürnberger Würstchen, das durch den Rost plumpst, wird verflucht wie ein Schwertfisch, der sich beim Hochseefischen vom Angeldraht schüttelt.

Und die anderen schmalschultrigen Kollegen stehen mit der Bierflasche an die Hüfte gedrückt drum herum, grinsen und geben gute Tipps: "Hier, Dings, du musst den Grillanzünder-Klotz erst ausbrennen lassen, bis das Weiße ganz weg ist, sonst schmeckt das Steak gleich nach Benzin". Oder: "Habe ich doch gesagt, dass der Pfannenwender aus Plastik nicht feuerfest ist."

Ihr Frauen, werden Männer dadurch wirklich attraktiver? Bürohengst mit Raucharoma? Und ihr steht derweil gelangweilt am fertig gedeckten Tisch auf der Terrasse, pult mit einer Gabel die eingetrocknet verklebten Gewinde der Schaschliksoßen-Flasche vom vergangenen Sommer sauber und ruft rüber: "Für mich nicht so superknusprig, ne? Das gibt Krebs."

Ja, ihr Frauen, geht doch mal hin und grillt selber mal und habt Spaß wie kleine Mädchen.

Ich kannte eine Frau, die hat mal gegrillt, und war trotzdem sexuell begehrt - selbst noch bei den Männern, die ihr dabei zugesehen haben.
Irrtum 4: der Elektrogrill ist gut für den Grillspaß zwischendurch
Eigentlich hätte die EU die Bezeichnung "elektrischer Grill" längst verbieten müssen. Denn mit diesen Dingern kann man alles - außer Grillen. Ich würde die Geräte eher als elektrische Lebensmittel-Trockner bezeichnen.

Es ist faszinierend: Würstchen verdorren von innen, ohne außen knusprig zu werden. Sie verschrumpeln regelrecht. Lachs wird auf unappetitliche Weise grau und hart, so als stürbe der Fisch zum zweiten Mal. Pute wellt sich blass nach oben, als wolle das Tier einfach nur weg hier. Und wird das Grillgut doch mal braun, ist es längst furztrocken.

Dazu diese grillambientewidrige Prozedur, vor dem Einschalten Wasser in die Grillwanne zu füllen, damit der Grill durch abtropfendes Fett nicht so schmutzig wird. Ach Gottchen. Elektro-Grill-Nutzer wickeln Teller und Besteck wahrscheinlich auch in Frischhaltefolie, damit sie nach dem Essen nicht spülen müssen.

Fazit: Elektro-Grills machen frische Lebensmittel im Handumdrehen ungenießbar. Und gesünder als der Holzkohlengrill ist er auch nicht. Verbranntes Fett ist ungesund. Ob es auf Kohle oder einen Glühstab tropft, ist egal.
Irrtum 5: Bier macht das Fleisch besonders schmackhaft
Hier gilt folgende Faustformel: Falsch!
Wer hat diesen Blödsinn in die Welt gesetzt? Das Bier kühlt das Fleisch ab, spült Gewürze runter, läuft in die Kohle und sorgt dafür, dass krebserzeugende Asche nach oben an die Koteletts geschleudert wird. Und wie soll das Fleisch in einer Sekunde Biergeschmack annehmen, wenn selbst würzige Marinaden Stunden brauchen, um einzuziehen? Zumal beim Fleisch auf dem Grill die "Poren" schon geschlossen sind. Professionelle Köche trinken ihr Bier lieber und lachen Bierduscher heimlich aus. Ich sag es ja nur.

Ach, endlich wieder Grill-Saison. Einfach herrlich!


Jamie PurvianceTipps vom Profi für den perfekten Burger
Der amerikanische Grillexperte Jamie Purviance, Autor des Bestsellers "Weber's Grillbibel", gibt Tipps für den perfekten Burger vom Holzkohle-Grill.

FRAGE: Herr Purviance, was ist der größte Fehler, den man beim Grillen machen kann?

Purviance: Zu viel Hektik. Viele Männer meinen, sie müssen am Grill besonders geschäftig tun. Sie machen den Deckel auf und zu, wenden ständig das Fleisch oder stochern in der Glut. Das sollte man bleiben lassen. Das wichtigste ist Geduld.

Sie stellen gerade Ihr neues Buch "Weber's Burger" vor. Ist es schwierig einen guten Burger zu grillen?

Nein, Burger sind für Anfänger perfekt geeignet. Und wenn es doch schief geht, ist es nicht so schlimm wie bei einem richtig teuren Steak. Hackfleisch ist ja vergleichsweise preiswert.

Welche Art Hackfleisch sollte man nehmen?

Wichtig ist, dass der Fettanteil stimmt. Er sollte schon bei 15 bis 20 Prozent liegen. Beim Grillen verliert der Burger Feuchtigkeit. Ist das Fleisch zu mager, wird der Burger schnell trocken. Geben Sie in den Fleischteig etwas Worcester-Sauce, Senf oder Ketchup, etwas Zwiebeln oder anderes fein geschnittenes Gemüse, das macht die Masse saftig. Je mehr Flüssigkeit vor dem Grillen in der Masse ist, desto eher bleibt der Burger saftig.

Was sind die typischen Fehler bei der Zubereitung von Burgern?

Viele Leute bearbeiten die Fleischmasche zu stark. Man sollte sie so wenig wie möglich mischen und kneten, damit sie möglichst locker und luftig und in keinem Fall gummiartig wird. Dann ganz locker formen - und bitte portionieren Sie den Teig vorher in der Schüssel, damit nicht am Schluss ein zu kleiner Rest bleibt und sie wieder anfangen müssen von jedem fertig geformten Burger Masse zu klauen, um noch einen letzten gleichgroßen Burger zu bekommen. Dann locker in der Hand formen und einmal - nur einmal! - plattdrücken. Der Burger sollte etwa daumendick sein. Zum Schluss macht man noch eine kleine Kuhle in die Mitte des Burgers.

Wozu das?

Beim Grillen zieht sich das Fleisch zusammen, ohne die Kuhle wölbt sich der Burger in der Mitte nach oben, dann wird er rund und passt nicht mehr gut zwischen die Brötchenhälften.

Woher weiß ich, dass der Grill die richtige Temperatur hat?

Tatsächlich sollte der Grill bei Burgern lieber zu heiß sein als zu kalt. Sie können mit der Hand testen ob Sie die richtige Temperatur haben. Dazu halten Sie die Hand etwa in der Höhe einer Bierdose über den Grill und zählen bis vier. Ist es so heiß, dass sie sie vorher wegziehen müssen, ist er zu heiß, sonst zu kalt. Wenn die Burger aufliegen, warten sie etwa drei Minuten. Dann einmal wenden. Wenn Sie zu hektisch hin- und herwenden zerfällt der Burger und die leckeren knusprigen Stückchen der Fleischkruste bleiben am Rost kleben, statt zwischen den Brötchenhälften.

Muss ich mit der Stoppuhr neben dem Grill stehen oder sehe ich den Burgern an, wann ich sie wenden kann?

Wenn die Fleischmasse auf der Oberseite zu schwitzen beginnt, ist der richtige Zeitpunkt das Fleisch zu wenden. Man sollte beim Grillen seine Instinkte nutzen. Wenn Sie meinen, jetzt sieht das Fleisch gut aus, dann drehen Sie. Wenn es falsch war, wissen Sie es beim nächsten Mal besser. Gute Köche haben extrem trainierte Instinkte, das kommt nur, indem sie praktische Erfahrung am Grill sammeln.

Wie viele Grills haben Sie?

In meinem Garten stehen derzeit neun.

Und die benutzen Sie alle?

Ja, für unterschiedliche Gelegenheiten. Ich grille zweimal am Tag, mal kommen die Nachbarn, mal probiere ich neue Rezepte oder grille einfach Mittagessen für meine Familie.

Ihre Ehefrau ist zu beneiden.

(Lacht) Ich muss gestehen, in den USA können Männer für gewöhnlich gar nicht kochen, aber Grillen wird als etwas so simples angesehen, dass sogar Männer es hinkriegen.

Wissen Sie, dass deutsche Männer gerne Bier über ihr Grillgut schütten?

Ja, ich habe davon gehört. Es ist eine Schande. Ich bin dagegen.

Mehr zum Thema

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren