Lebensmittelkennzeichnung die unendliche Geschichte

Beitrag von wize.life-Nutzer

1,2 Millimeter für das kleine „x“ Fortschritt im Schneckentempo / Lebensmittelhersteller müssen bald neue EU-Regeln für ihre Verpackungen einführen

Dienstag, 23. September 2014 Das kleine „x“ kommt dank Brüssel bald groß raus: Die neue EU-Lebensmittelinformationsverordnung, die bis zum 13. Dezember umgesetzt sein muss, schreibt vor, dass dieser Buchstabe auf Lebensmittelverpackungen künftig mindestens 1,2 Millimeter groß sein muss. Die Verbraucher sollen ohne Lupe erkennen können, was in der Erdbeermarmelade alles drin ist.

Doch die x-Vorschrift ist nicht die einzige Vorgabe, an die sich die Branche dann halten muss. Allergene Zutaten wie Getreide oder Nüsse müssen künftig im Zutatenverzeichnis optisch hervorgehoben werden. Auch eine Nährwerttabelle, bezogen auf 100 Gramm, muss zu finden sein.

Die Reihenfolge: Brennwert, Fett, gesättigte Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß, Salz. Salz übrigens muss auch aufgeführt werden, wenn es strenggenommen gar nicht vorhanden ist: Natriumhydrogencarbonat etwa, das in Backpulver enthalten ist, muss in „Salz“ umgerechnet werden, weil der Verbraucher nach Meinung der EU Kommission nur Salz versteht.

Bei pflanzlichen Fetten und Ölen muss der Hersteller bald verraten, ob es sich um Soja- oder Rapsöl handelt. Und Lebensmittelimitate müssen als solche gekennzeichnet werden – in einer Schrift, die höchstens 25 Prozent kleiner sein darf als der Produktname.

„Das alles hat die Unternehmen sehr beschäftigt“, sagt Petra Unland, bei Nahrungsmittelhersteller Oetker fürs Lebensmittelrecht zuständig. Gut sei, dass in allen EU-Staaten jetzt die gleichen Regeln gälten. Dennoch sieht sich die Branche mit gewissen Schwierigkeiten konfrontiert.

„Was ist die Oberfläche eines Schokomarienkäfers?“, fragt Unland. „Und was bedeutet es, dass der Blick von den Pflichtangaben nicht abgelenkt werden darf?“ Für kritisch hält die Juristin vor allem, dass Piktogramme nur noch mit Begleittext erlaubt sind. Das Symbol, dass man die Folie von der Pizza entfernen soll, bevor sie im Ofen landet, muss also zusätzlich betextet werden – in allen Sprachen der Absatzländer. Die Folge für Oetker: Die Pizzapackung reicht nicht mehr für alle Länder; statt eines Kartons müssen nun mehrere produzieren werden für die unterschiedlichen Absatzregionen. Schon für ein einziges Produkt aus dem Oetker-Sortiment koste das 2 Millionen Euro im Jahr, sagt Unland.

Das Mitleid der Verbraucherschützer allerdings hält sich in Grenzen. Schon lange zanken sie mit der Branche darüber, dass auf Verpackungen stehen soll, was drin ist. Seit gut drei Jahren wird dieser Streit auch über die Internetseite Lebensmittelklarheit. de ausgetragen, wo Verbraucher melden können, wenn sie sich getäuscht fühlen – etwa weil im Erdbeerjoghurt keine Erdbeeren sind. Mehr als 580 000 Aufrufe der Seite und 8300 Produktmeldungen habe es seit Juli 2011 gegeben, meldeten die Verbraucherzentralen am Montag.

Ein Drittel der Produkte aus der Kategorie „getäuscht“ würden von den Herstellern verändert, um den mäkelnden Kunden entgegenzukommen. Eine aktuelle Studie rund um das Portal hat ergeben, dass den Verbrauchern die Abbildung des Produkts auf der Packung am wichtigsten ist, ebenso die Bezeichnung, die Füllmenge oder das Haltbarkeitsdatum. Siegel, Allergikerangaben oder auch Kalorien werden schon deutlich weniger beachtet.

Niemand in der Branche bezweifelt, dass die neuen EU-Etikettenregeln noch ausgeweitet und präzisiert werden. Sorgenvoll blicken die Unternehmen etwa auf drohende Pflichtangaben zur Herkunft von Zutaten, weil sie in der Regel mehrere Lieferanten haben und dann synchron zur Wurst, die in der Produktion gerade dran ist, die passende Verpackung drucken müssten. Für Verbraucherschützer aber ist die Herkunftsbezeichnung ein Lieblingsthema, vor allem wenn durch Flaggen oder Fotos eine Herkunft suggeriert ist, die mit dem Produkt nichts zu tun hat.

Die Begleitforschung zum Lebensmittelportal jedenfalls hat ergeben, dass der Verbraucher, ganz rätselhaftes Wesen, sich nicht unbedingt für die Herkunft der Hauptzutat interessiert. Der Zucker im Joghurt und das Mehl in der Pizza sind ihm ziemlich egal – die Kirschen und die Salami dagegen nicht.
Herkunftskennzeichnung leicht zu umgehen
So werden einerseits bisher nur für Rindfleisch vorgeschriebene Herkunftsgaben auch für Geflügel, Schweine-, Lamm- und Ziegenfleisch eingeführt. Das entspricht, wie Umfragen zeigen, dem Wunsch der meisten Verbraucher. Andererseits entfällt die Informationspflicht aber, sowie das Fleisch „verarbeitet“, also etwa gewürzt oder mariniert wurde. Da reicht schon eine Prise Salz aus, um durch „Verarbeitung“ die Herkunftskennzeichnung zum umgehen. Zudem werden die Angaben für Geflügel, Schwein und Co. nicht so umfangreich sein wie sie es wegen der BSE-Gefahr für Rindfleisch seit mehr als zehn Jahren sind. Die neuen Vorschriften betreffen nur Mast und Verarbeitung, nicht aber den Geburtsort der Tiere.

Auch verbindliche Herkunftsangaben für Fleischzutaten – etwa Schinken auf der Tiefkühlpizzas – sowie für Milch und Milchprodukte wird es vorerst nicht geben. Die EU-Kommission prüft lediglich, ob eine entsprechende Kennzeichnung - auch unter Kostengesichtspunkten – machbar wäre und im Interesse der Verbraucher läge.

Dabei ist letztere Frage so schwer nicht zu beantworten: In Umfragen der Uni Göttingen gaben mehr als die Hälfte der Menschen an, ihnen seien wahrheitsgemäße Herkunftsangaben sehr wichtig. Zugleich zeigen Tests der Göttinger Wissenschaftler, wie leicht man dabei hinters Licht geführt werden kann: Fast drei Viertel der Probanden hielten eine deutsche Pesto-Zubereitung mit italienischer Flagge und der Aufschrift „Pesto alla Genovese“ für ein italienisches Erzeugnis, obwohl dies ausdrücklich nirgends behauptet wurde. Solche Etiketten bleiben nach der neuen EU-Verordnung erlaubt.