„Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation“
„Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation“Foto-Quelle: Verlag Kunstmann

„Die Mahlzeit ist das Bollwerk gegen die Verwilderung“

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Interview mit dem Autor des Buches Michael Pollans „Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation“ ist gerade bei Kunstmann erschienen (524 Seiten, 29,95 Euro).

Michael Pollan, Guru der „Wie esse ich richtig“-Bewegung in Amerika, über Kochen und Zauberei, Feuer und Zivilisation – und den Versuch, seinem Sohn die McNuggets abzugewöhnen

Mr. Pollan, Sie haben dicke und schmale Bücher über gesunde und ethische Ernährung geschrieben, das Magazin „New York“ nennt Sie „eine Art Hohepriester des Essens“. Wenn die Leute Sie fragen, was soll ich essen, was antworten Sie? Gibt es da eine goldene, elementare Regel?

Ja, diese: Essen Sie echte Lebensmittel, nicht zu viel, vorwiegend Pflanzen. In diesen neun Worten konzentriert sich alles, was ich gelernt habe. Die Worte klingen ganz einfach, aber es ist sehr schwer, sich daran zu halten. Zum Beispiel: „Essen Sie Lebensmittel“ – alles sieht aus wie Lebensmittel, aber das täuscht. Denn es gibt da die echten Lebensmittel, und dann gibt es dieses andere Zeugs, Produkte der modernen Lebensmitteltechnik, die wir nicht mit diesem Wort ehren sollten; ich nenne sie essbare lebensmittelähnliche Substanzen.

Diese beiden Dinge voneinander zu unterscheiden ist die eine Schwierigkeit.

Und die andere?

Das „Essen Sie nicht zu viel“. Die Menschen haben Schwierigkeiten, ihren Appetit zu regulieren. Das liegt zum Teil an unserer Kultur – und am Marketing der Lebensmittelindustrie. Die verdient ihr Geld damit, dass wir mehr essen. Sie tut das zum einen, indem sie die Leute mit Hilfe der Lebensmitteltechnik manipuliert, durch den Einsatz von Salz, Fett, Zucker und dergleichen; zum anderen mit größeren Portionen.

Nachdem ich Ihr jüngstes Buch gelesen habe, hätte ich gedacht, Sie hätten eine noch einfachere, kürzere Regel für all die, die wissen wollen, wie sie gesund essen, nämlich: „Kochen Sie.“

Ja. Die entscheidende Erkenntnis lautet: „Essen Sie echte Lebensmittel, nicht zu viel, vorwiegend Pflanzen.“ Und was müssen Sie tun, um das zu erreichen? Kochen. Denn wenn das meiste dessen, was Sie essen, von einem Menschen gekocht wird, wird es in der Regel gesünder sein, und Sie werden es wahrscheinlich bei einer Mahlzeit im Kreis anderer Leute essen. Wenn Sie selbst kochen, essen Sie auch weniger Junkfood, weil Junkfood zu Hause schwer zu machen ist.

In dem Buch, einer Art Geschichte des Kochens, werden Sie beinahe philosophisch, wenn Sie davon sprechen. Wo liegt da der Reiz?

Ganz ähnlich wie beim Gärtnern: Beides sind Wege, sich mit der Natur auseinanderzusetzen. Wenn man kocht, wird man daran erinnert, dass Essen nicht aus einer Fabrik kommt, sondern aus der Natur. Kochen ist, wie Gärtnern auch, eine Kunst der Verwandlung. Die Vorstellung, Samen zu nehmen und daraus eine Tomate oder eine Melone zu machen – das ist Alchemie. Wir sind alle in der Küche wie Zauberer, auch wenn es so gewöhnlich aussieht.

Sind Sie auch deshalb vom Kochen so eingenommen, weil es uns erst menschlich macht, wie Sie schreiben?

Ja, die Erfindung des Kochens war der Wendepunkt. Vorher ist der Mensch vor allem für sich; er isst, was er gerade findet. Vielleicht bringt er der Gruppe etwas mit – vielleicht auch nicht. Sobald er aber mit Feuer kocht, muss jemand darauf aufpassen, jemand muss das Fleisch zerlegen, jemand muss den ganzen Vorgang beaufsichtigen. Es ist ein kooperativer Vorgang. Sobald man kocht, fängt man auch mit Mahlzeiten an; diese Institution wird am Feuer geboren. Die Mahlzeit zivilisiert uns; wir sind gezwungen zu teilen, zusammenzuarbeiten. Mit den Mahlzeiten gibt es auch Regeln, die Prototypen der Umgangsformen, weil sich sonst der Stärkste alles nimmt. Diese Regulierung des Essens geben wir heute allmählich wieder auf, weil wir wieder häufiger alleine essen, den Snack nebenher, unterwegs an der Tankstelle, am Arbeitsplatz.

Indem wir ständig essen, wann immer wir auf Essen stoßen – und anders als in der Welt unserer Vorfahren ist das Essen heute allgegenwärtig –, entwickeln wir uns in gewisser Weise zurück.

Ja, zu primitiven Formen, zu einer Art moderner Jäger und Sammler – vor allem Sammler. (lacht) Der gedankenlose Esser, der Vor-dem- Fernsehen-Esser ist ein primitiver Esser. Man muss verstehen: Die gemeinsame Mahlzeit dient nicht der Lebensmittelindustrie. Die würde ihre Produkte am liebsten jedem einzelnen Esser einzeln verkaufen. Dann kaufen und essen wir nämlich mehr. Wenn Sie im Laden schauen: Die Mikrowellengerichte sind nicht für vier oder sechs, sondern fast immer für nur eine Person. In Amerika gibt es gerade eine Werbekampagne von Taco Bell: die Einführung der vierten Mahlzeit am Tag. Drei sind nicht genug. Sie sollen um 11 Uhr nachts noch mal essen.

Das sagen die so offen?

Ja. Das richtet sich zum Beispiel an Studenten. Wenn die fertig sind mit ihren Hausaufgaben oder aus dem Kino kommen – essen Sie doch einen Taco. Wir sollen ständig essen. Das nächste Ziel ist vermutlich: der Schlaf. (lacht) Den müssen sie verhindern, weil er beim Essen stört. Die Mahlzeit ist
das Bollwerk gegen die Verwilderung
des Essens.

Für Ihr Buch haben Sie mit Ihrer Familie ja einen „Mikrowellen- Abend“ veranstaltet.

Eines Tages schlug mein Sohn Isaac vor, mal eine Pause zu machen mit dem Kochen und statt dessen Mikrowellengerichte zu probieren. Ich sagte: Okay, such dir aus, was du magst. Das fiel ihm gar nicht leicht, weil es so viele Sachen gibt und sie alle so toll aussehen: Lasagne und Curry und riesige Packungen mit asiatischem Stir-Fry. Die Annahme war, das wird ein einfacher Abend; wir müssen ja nicht kochen, sondern nur etwas in die Mikrowelle stellen.

Wie lief ’s?

Wie sich herausstellte, müssen die Gerichte natürlich separat in die Mikrowelle, sie brauchten 8, 10, 12 Minuten, manche musste man umrühren. Und die Mikrowelle ist ein individualistisches Gerät. Also standen wir davor und schauten dem Teller zu, wie er sich drehte. Als das Gericht meines Sohnes fertig war, wollte er anfangen zu essen, aber meine Frau und ich sagten: Nein, warte. Dann war unser Essen fertig – und er musste seines noch mal aufwärmen. Es war eine völlig zerstückelte Mahlzeit; wir kamen nie dazu, uns gemeinsam hinzusetzen. Ich glaube ja, dass etwas sehr Bedeutsames geschieht, wenn Menschen aus demselben Topf essen: Sie sind emotional auf derselben Wellenlänge, weil sie Dinge essen, die bestimmte Stimmungen in ihnen allen verursachen.

In Ihrem Buch berichten Sie sehr anschaulich davon, was historisch passierte, sobald zum Grillen über einem Feuer das Kochen in einem Topf kam. Ich hatte ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht, dass jemand den Topf erfinden musste. . .

Es ist eine weitreichende Veränderung, vor etwa 10 000 Jahren, etwa zur gleichen Zeit wie die Geburt der Landwirtschaft, und beides hat miteinander zu tun, weil sich mit Töpfen die Ernte der Landwirtschaft verarbeiten ließ. Töpfe erlauben Abwechslung, Töpfe erlauben es, verschiedene Lebensmittel zu kombinieren. Das Kochen im Topf ist zudem besonders ökonomisch, kaum etwas geht verloren.

Die Geschichte, die Sie in Ihrem Buch erzählen, hat auch einen Schurken: die Lebensmittelindustrie. Aber indem diese den Leuten das Kochen in Teilen oder ganz abnimmt, spart sie ihnen doch auch Zeit, oder?

Ja, aber womit verbringen wir einen Teil der gesparten Zeit? Mit Essen. Das ist das Seltsame: Wir kochen weniger, aber wir essen mehr. Die Zeit, die wir sparen, weil die Lebensmittelindustrie für uns kocht, verbrauchen wir durch verschiedene Tätigkeiten: teilweise, indem wir Überstunden machen, teilweise, indem wir länger im Auto sitzen, weil unsere Pendlerwege länger geworden sind – und also bringen wir unser Essen mit ins Auto.

Gehen Sie selbst in Fast-Food-Restaurants?

Nicht mehr. In einem meiner ersten Bücher, „Das Omnivoren-Dilemma“, ging ich der Frage nach, woher die Kartoffeln kommen, welche Chemikalien sie auf die Kartoffeln kippen, wie die Tiere lebten – und ich verlor meinen Appetit auf Fast Food. Dabei mochte ich es mal, als ich jünger war.

Und was sagen Sie, wenn Ihr Sohn zu McDonald’s gehen will?

Das haben wir schon gemacht, und ich habe versucht, ihn aufzuklären. Er sagte, er wolle eine Box Chicken McNuggets. Und ich weiß, Fast Food ist so konstruiert, dass der erste Bissen sehr gut ist; ich weiß aber auch, dass es ganz schnell nachlässt. Also dachte ich: Soll er sich richtig den Bauch vollschlagen, dann sehen wir, was passiert. Er kriegte die Box McNuggets. Und er fand sie phantastisch (lacht). Es hat nicht geklappt.

Dass Fast Food immer gleich schmeckt, ist beruhigend.

Ja, das ist das Geheimnis des Fast Food. Vor allem für Kinder natürlich; die wollen, dass Essen immer gleich schmeckt. Inzwischen ist mein Sohn aber ein gesunder Esser. Er hat gelernt zu kochen, das war wichtig. Während der Highschool hat er in einem sehr guten Restaurant gearbeitet, und die Speisen, die das Personal für sich selbst kochte, führten ihn an gutes Essen heran. Über das Fast Food ist er hinweg.

Michael Pollans „Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation“ ist gerade bei Kunstmann erschienen (524 Seiten, 29,95 Euro).