Sammelleidenschaft und Sammelwut- Was wir wie warum anhäufen

Marion Dr. Diwo M.A. -HP

Kürzlich wurde von einem Sammler berichtet, der 200.000 Streichholzbriefchen aus aller Herren Länder zusammengetragen hatte und nun in seinem Keller, wo er sie in Sichtschränken aufbewahrte, nicht mehr treten konnte. Die etwas „verschnupfte“ Ehefrau berichtete in demselben Beitrag, dass sie es aufgegeben hätte, das Thema anzusprechen und ihren Keller für eine anderweitige Nutzung abgeschrieben habe. Man fragt sich, was führt dazu, dass sich Menschen eines solchen Themas annehmen und sich diesem so ausliefern. Dass die Menschheit sich unterscheidet in Jäger und Sammler, weiß man (wobei die kulturell höhere Stufe der seßhafte Sammler war), aber dass Menschen sich so einschränken, um sich einem Thema zu widmen, erstaunt dann doch.

Der Ursprung
Das Sammeln - allerdings eher von Wertgegenständen und kostbaren Preziosen- und damit der Ursprung aller unserer Museen- waren die Schatzkammern der Fürsten. Hier wurde eingelagert, was Beutezüge bei den Feinden oder Geschenke befreundeter Völker hergaben, auch Skurriles oder Unbekanntes, was Staunen auslöste. Sammeln bedeutete immer den Luxus, Dinge zu erhalten, auf die auch andere ein Augenmerk richteten.

Werte anhäufen
Das Sammeln von singulären Dingen, von denen es nicht unbegrenzt verfügbare Ressourcen gibt, bedeutet letztlich Wertsteigerung. Bei Kunst ist das am ehesten klar: Wer von einem Künstler, der später en vogue ist, früh Werke an sich bindet, erhöht bei einer späteren Berühmtheit den materiellen Wert seiner eigenen Sammlung, denn der Künstler stellt nicht unbegrenzt Werke her. Bei industriellen Dingen ist das schon anders: Das Streichholzbriefchen, das Porzellan, das Möbelstück, ist prinzipiell immer verfügbar, es sei denn, das Design ändert sich, die Zeit, der Geschmack. Darauf kommt es an, und so sind Sammlungen egal von was, immer Ausdruck einer Epoche, eines Stils und einer Tendenz, wie mit Funktion und Form über einen Zeitraum hinweg (meist mehrere Generationen) umgegangen wurde.

Sammeln bedeutet: Zeit festhalten
Und so ist im Prinzip jede Sammlung wertvoll oder bemerkenswert-und zwar als Ausdruck einer
Zeit, die voranschreitet und deren Ausdrucksformen sich ändern. Historiker können hieraus schöpfen und große Entwicklungslinien von Gesellschaften nachziehen, die sie sonst mühsam zusammensuchen müssten. Zeit festhalten ist das Zauberwort, das jeden Sammler umtreibt. In der Zeit leben und ihren Entwicklungen aus anderen Zeiten nachspüren, den! Ausdruck einer ganz bestimmten Zeit finden.

Tauschgeschäfte
Letztendlich gehört zum Sammeln auch implizit das Tauschgeschäft, also eine Vereinbarung einer Gruppe über den Wert eines Sammlungsbereiches. Dann lässt sich das Tauschgeschäft beginnen, zunächst läuft das noch immateriell ab. Wir kennen das von Kindern die aus einer Serie, beispielsweise von Sammelbildern das tauschen, was der eine hat, der andere aber vermeintlich noch braucht. In elaborierter Form wird dann Geld eingesetzt, es ist damit nicht mehr nötig, selbst etwas zu beschaffen, was einen Anreiz für den Anderen darstellt, sondern das Geld füllt diesen Mangel aus. Und je dringender der Wunsch ist, das Eigentum des Anderen zu erhalten, desto wertvoller wird das Objekt der Begierde.

Sind wir alle Sammler?
Nun ja, vielleicht sammelt nicht jeder Streichholzbriefchen. Aber wer einmal genau überlegt, von was er mehr als drei ähnliche Dinge hat, der ist im Prinzip schon ein Sammler, denn er kann immer nur eines benutzen. Daher lässt sich fragen, ob wir nicht alle schon einmal einer Sammelleidenschaft nachgegangen sind. Es ist ein ganz besonderer Reiz, die eigenen Sammelobjekte zu betrachten, sich an ihnen zu erfreuen und sie für die Nachwelt -wie immer die aussehen mag - zu erhalten. Allerdings gibt es beim Sammeln noch einen anderen Begriff, der die Kehrseite der Leidenschaft aufzeigt: Die Sammelwut. Bei ihr ist der Sammler dem Sammeln ausgeliefert, nicht mehr Herr seiner Entscheidungen. Das führt dann häufig dazu, dass wahllos gesammelt wird und Einschränkungen der freien Auswahl zuvorkommen, die dann letztlich schädlich sind, weil sie eher einen Suchtcharakter besitzen als eine kulturelle Leistung definieren. Schliesslich kann die Sammelwut im psychologischen Sinne eine Übersprungshandlung sein, also Kompensationsausdruck für tiefer liegende Probleme. Der "Messie" ist hierfür ein Beispiel.

Was sammeln Sie? Wie unterscheiden Sie die Sammelleidenschaft von einer Sammelwut?