Der Frauenversteher
Der Frauenversteher

Der Frauenversteher

Beitrag von wize.life-Nutzer

Wenn die gute deutsche Frau früher träumte, war es stets der Traum von einem strahlenden Prinzen auf einem glänzenden Schimmel vor seinem wunderschönen Schloss. Hervorgerufen durch die gesellschaftliche Öffnung, gefördert durch Internet und Fernsehen und geprägt durch die Lektüre von Frauenzeitschriften hat sich dieses Bild – dieser Traum – erheblich verändert.
Die Frau von heute ist kritischer geworden. Der Schimmel entfällt in ihren Träumen ganz (sie kann sich nur schwer zwischen Boot und Auto entscheiden), das Schloss wurde zum Eigenheim im Grünen, und der Märchenprinz ist zum Frauenversteher mutiert. Wobei der Frauenversteher dieselbe Eigenart mit sich zu bringen scheint wie der Prinz: Im Traum einer jeden Frau sieht er anders aus.
Auch Männer träumen zuweilen schon mal vom Frauenversteher. Hier aber eher in einem Alp, weil sie hinter ihm ein Weichei vermuten. Doch bleiben wir bei den Frauenträumen. Ich persönlich – so filosofisch und völlig unromantisch gesehen – bin ja der Meinung, dieser Traum hätte seine Daseinsberechtigung in dem Moment verloren, in dem es den Frauen gelänge, die Männer zu verstehen. Sicher, eine Utopie, aber dennoch durchaus diskussionswürdig.
Jedenfalls … einen Mann, der die Frauen verstünde, hielt ich für gottgleich. Denn im Grunde findet dieses Verstehen auf mehreren Ebenen statt, die sich einem Manne einfach nicht erschließen können, weil er sie nicht kennt – wenn er „ja“ sagt, meint er ja. Punkt. Frau hingegen meint das nur mit starken Einschränkungen und variablen Bedeutungen. Das alles trennen zu können, erfordert mehr als nur einen wachen Geist.
Frau will verstanden werden in dem was sie sagt. Als Mann kann ich das noch verstehen und finde es auch durchaus legitim. Allerdings will Frau auch richtig verstanden werden in dem, was sie meint, und daran scheitern Männer gemeinhin schon. Besonders bös ist dann die fortgeschrittene Traumebene, auf der die Frauen das verstanden wissen wollen, was sie nicht sagen. Und das, was sie nicht sagen, enthält dann auch wieder die beiden Interpretationsebenen – die eine, die das beinhaltet, was sie (nicht) sagt und die andere das, was sie im Nichtsagen meint.
Hier muss der normalsterbliche Mann scheitern – selbst dann, wenn er über Intuition und Spiritualität verfügt.
Sensibilität allein reicht nicht aus.

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